Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438278--1679-2441289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'.“1 ■r Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige * ** * * * ** ******* Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Elnzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 5. Wien, Freitag den 4- Februar 1910. IV. Jahrgang. Der IX. Zionistenkongreß. (Eine Rundfrage.) Die „Jüdische Zeitung“ hat sich in Erfüllung ihrer publizistischen Pflicht mit einem Rundschreiben an die hervorragendsten Vertreter der zionistischen Idee gewendet, um ihre Ansichten über den jüngsten Zionistenkongreß zu erfahren und dadurch ein möglichst vollständiges Bild übpr den gegenwärtigen Stand unserer Bewegung zu schaffen. Es wurden insbesondere folgende Fragen zur Beantwortung gestellt: 1. Welche persönlichen Eindrücke empfingen Sie von den Kongreßverhandi^ngen? 2. Welche positiven Erfqlge hat der IX. Zionistenkongreß zu verzeichnen? 3. Was dünkt ihnen dje nächste und vorragendste zionistische Arbeit px sein? Wir beginnen nunmehr mit der Publizierung der eingelaufenen Antworten. I. Adolf Böhm, Mitglied des großen zionistischen Aktionskomitee. Geehrte Redaktion! Sie werden von mir nicht erwarten, daß ich im Rahmen meiner Antwort den ganzen Komplex von Fragen, der mit dem Kongreß verknüpft ist, aufrolle. Ich will nur einige Momente hervorheben, welche bisher nicht beachtet wurden, wobei ich mich nicht streng an die von Ihnen formulierten Fragen halten kann. Im übrigen begrüße ich Ihre Rundfrage schon deshalb aufs lebhafteste, weil sie all jenen, die aus zufälligen Gründen am Kongreß nicht zu Worte kamen, Gelegenheit gibt, sich auszusprechen, was um so wichtiger erscheint, als dies meist Delegierte waren, welche gleich mir, durch die Sitzungen des Permanenzausschusses, der Landsmannschaften, ferner durch Verhandlungen aller Art, dem Kongreßplenum fast gänzlich fernzubleiben, gezwungen waren. Jene Sitzungen etc. waren aber weitaus der wichtigere Teil des Kongresses, weshalb der offizielle Bericht an und für sich ein völlig unzureichendes Bild der Vorgänge gibt. Was mir auf diesem Kongreß am meisten aufgefallen ist und was ich als letzten Grund dafür ansehe, daß die Kongreßkämpfe nie zu einer Klärung führen, ist der völlige Mangel politischer Schulung, der am neunten Kongreß bei allen Gruppen und Parteien neuerlich zutage getreten ist. Dies gilt ausnahmslos von der Spitze bis zum letzten Mann. Dieser Mangel ist schuld daran, daß man aneinander vorbeiredet, weil die Verhandlungs- und Streitpunkte von keiner Seite klar präzisiert werden. Die Folge davon ist eine gänzliche Verwirrung. Als Beispiel dafür nehme ich die „Palästinaarbeit“,deren Vernachlässigung den wichtigsten Punkt in den Anklagen der Opposition bildete. Unser geehrter Präsident konnte mit vollem Recht erwidern, er sei nicht gegen Palästinaarbeit und damit war und ist die „Opposition“ vor aller Welt ins Unrecht gesetzt. Dies wäre nicht geschehen, hätte sie ihre Beschwerde richtig präzisiert. Es handelt sich nicht darum, ob man „für“ oder „gegen“ Palästinaarbeit ist, sondern, i.n welchem Sinne und mit welchem Nachdruck man in Palästina arbeiten will. Das -ist eine prinzipielle Frage, die schon am achten Kongreß zugunsten der Palästina-Evolutionisten entschieden wurde. Als aber die PLDC. gegründet wurde und mit ihr der Zionismus seine nach unserer Ansicht wichtigste Aufgabe: die Kolonisation Palästinas nach modernen Methoden zu betreiben, in Angriff nahm, da erwarteten wir mit Recht, daß alle Machtmittel der Bewegung für die PLDC. aufgeboten werden. Statt dessen mußte ein Kampf darum geführt werden, daß unser Zentralorgan überhaupt nur einen aufmunternden Artikel über sie bringe, und bis zum heutigen Tage war die Unterstützung der PLDC. seitens des zionistischen Zentralbureaus so lau, daß der geringe Zeichnungs- AUS DEM INHALTE: Eine Rundfrage. Eine erfreuliche Statistik. Die Palästina-Ausstellung in Wien. Ein Brief Tschlenows. An der Seele Klagemauern. Gedicht von Beda. An Aegypten vorüber. Von Ernst Müller. Volkswirtschaft. (Verkehrsbank. — Giro- und Kassenverein. — Südbahn.) Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Jüdischer National verein f. Oesterreich Wien IX/1, Liechtensteinstraße 11. Mittwoch den 9. Februar 1910 im HotBl Zentral, IL, Talorstr. 8 öffentliche TAGESORDNUNG : 1. Die politischen Aufgaben der österreichischen Juden. Referent; Dr. Nathan Birnbaum. 2. Diskussion. Beginn 8 Uhr abends. Regiebeitrag 50 h, reservierte Sitze K 1.—. Der Vorstand. - Jedermann hat Zutritt. An der Seele Klagemauern. Die bleichen Gedanken stehen und trauern An unserer Seele Klagemauern- Wo sind die dröhnend mächtigen Hallen, Die Mauern der Treueides Stolzes Säulen? Wehmütige Quadern in Trümmer zerfallen, Ein häßliches Nest der skeptischen Eulen. Des Willens Türme gesprengt und geborsten, Verblaßt der Schimmer des gläubigen Erzes; Und in den verwüsteten Höhlen horsten Die Geier der Gier, die Raben des Schmerzes! Die bleichen Gedanken stehen und trauern An unserer Seele Klagemauern- Doch tief im Dunkel, da leuchten Hände, Viel tausend junge, pulsende Leben, Und tragen Ziegel und bauen Wände Und Säulen, die wieder zur Sonne streben- Auf flattern die Raben, es krächzen die Geier Und höhnisch grinsen die widrigen Käuze, Doch treibt sie des Morgens aufloderndes Feuer Hinab auf die schutzgewährenden Kreuze! Die Bleichen an den Klagemauern Erbeben in seltsam-süßen Schauern- Beda. An Aegypten vorüber. Von Ernst Müller. I. Wie einer großen Zahl der Ueberfahrer nach dem Lande unserer Hoffnung, war es auch mir beschieden, zuerst noch im Fluge etwas in jenem Lande zu sehen, das noch geheimnisvoller mit sengenden Rätselaugen über der Urzeit des Menschengeschlechtes wacht, von wo zuerst Knitur und Sklaverei in die Menschheit kamen und wo unserem Volke die drückendste Knechtschaft widerfuhr und der Keim des höchsten Freiheitsgedankens geboren wurde. Eigentlich hatte ich — da das Reiseziel mein ganzes Interesse in Anspruch nahm — nur wenige Gedanken an Aegypten mitgebracht. Und doch war es ein seltsamer Augenblick, als um vier Uhr morgens alle Passagiere aufs Verdeck stiegen — denn in meilenweiter Ferne blitzten die ersten Lichter von Signalen und Leuchttürmen. Alle waren schon da, von dem russischen Arzt bis zum österreichischen Offizier, vom blonden Steirermädchen bis zu dem rheinländischen Pfarrer von Emmaus. Und neben mir sagt ein junger Handelsmann aus Galizien, der in Kairo sein Glück sucht; „Das ist das Land, wo unsere Väter einmal Steine geschleppt haben.“ Bald ging es zwischen den Lichtern der Baggerstationen hindurch, bald durch einen Wald von Schiffen, die in zahllosen Hafenteilen lagern — und schon sieht man durch das Halbdunkel mit gespenstischer Behendigkeit Gestalten aus „tausend und einer Nacht“ umherrudern. Schon ist auch die Sonne mit ungewohnt blendender Helligkeit über Kuppeln und flachen Dächern aufgestrahlt. . . . Mich umgibt das Gewoge Alexandriens. Mein arabischer Begleiter, der sich als Dragoman ausgibt, mit verstümmelten Spuren von zehn europäischen Sprachen auf mich einschwätzt und ohne ersichtliche Ursache noch außer dem Gepäckträger mit mir geht, führt mich geradewegs durch den tiefsten „Orient“, wo es den europäischen Nerven noch etwas schlimm ergeht. Zwei Fuß breite Gäßcben und auf dem Boden oder auf winzigen Schemeln sitzend bunte, fast zerlumpte Gestalten mit kleinen Kaffeetäßchchen in der Hand oder in unglaublicher Seelenruhe über dem Nargile hinträumend, dazwischen ein Gedränge von Eseln, das singende Geschrei der Händler, ein schmutziges Gewühl von Fleisch, Fischen und Früchten, ringsum ein Heer von Fliegen und Mücken. An manchen Ecken kauern Gestalten, das Gesicht mit großen schwarzen Tüchern umhüllt, die an goldgelben Na-