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Jüdische Zeitung · 1910-01-28 · 4 (28.1.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 4 eröffnet wurde, dann wird zweifellos die jüdische Bevölkerung Wiens ihr jenes große Interesse entgegenbringen, welche die Schule ihrer praktischen und ideellen Bedeutung, nach in so reichem Maße verdient. Die Ovationen, die ihrem Schöpfer Prof. Schatz bei seinem ersten Erscheinen hier dargebracht wurden, haben gezeigt, wie viel Begeisterungsfähigkeit im jüdischen Wien auszulösen ist, wenn nur der richtige Mann kommt, der auf die Herzen zu wirken imstande ist Wir wünschen der Wiener Bezalel- Ausstellung einen großen und nachhaltigen Erfolg. Herrn Geheimrat Professor Dr. Ludwig Geigers jüngstes Geisteskind. Von Bar-Ami. ln einer Portraitgalerie der Größen, welche sich heute das Recht nehmen, in jüdischen Angelegenheiten in Deutschland ein Wort öffentlich zu sagen, dürfte dem geistigen Bilde des Herrn Geheimrat Professor Dr. Ludwig Geiger entschieden ein hervorragender Platz eingeräumt werden. Nicht so sehr wegen der absoluten Bedeutung dieses weisen Nathans, als wegen der zweifellosen Originalität, mit der er in den Leitartikeln seines Blattes die schon etwas verwässerten Ideen seines Lessingschen Vorbildes behandelt. Herr Geiger ist bekanntlich seit wenigen Monaten Chefredakteur der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“, jenes Blattes, das von Ludwig Philippson (ohne „b“ nach neuester teutonischer Orthographie) begründet wurde und seinerzeit in der jüdischdeutschen Publizistik epochemachend wirkte. Auch in den letzten Jahren hat das Blatt eine nicht unbedeutende Rolle im geistigen Leben der deutschen Juden gespielt, indem es die Verpflichtung auf sich nahm, den Kämpfern für die Erhaltung überlieferten Judentums einen möglichst energischen Widerstand entgegenzusetzen und sich gemeinsam mit den „Liberalen“ gegen jedwede freiere jüdische Regung von .Fuh zu Fall wie gegen ein Elementarereignis zu verwahren. Immerhin war das ein Standpunkt, von dem aus man die jüdischen Angelegenheiten zwar nicht aus den Angeln heben, aber doch beleuchten konnte. Seitdem der leider allzu früh verstorbene Gustav Karpeles nicht mehr die „Allgemeine Zeitung des Judentums" leiten kann, hat das Blatt auch aufgehört, einen Standpunkt einzunehmen, der irgendwie charakterisiert werden könnte. Herr Rudolf Mosse, der Verleger der „Grünen Zeitung“, ist reich genug, um Herrn Professor Geigers Mäßigung mit jährlich 10.000 Mark bezahlen zu können. Dieses Verhältnis ist jedenfalls das wichtigste Band, das Herrn Geiger mit jüdischen Fragen verknüpft. Sonst sitzt er in stiller Welt- und Geistes- Was der arme Knabe für Qualen auszustehen hatte, welche Kämpfe sein Inneres durchtobten, wenn die ihm teuren Lehren und Gebote des Judentums vom Munde Sr. Hochwürden als Ketzerei und Häresie geschmäht wurden, wenn ihm dafür andere Dinge aufgetischt wurden, die sein klarer nüchterner Verstand nicht begreifen konnte. Es war ein Kampf auf Tod und Lebenzwischen dem Gefühl und der Ueberzeugung eines glaubenstreuen jüdischen Kindes und den beiden rücksichtslos voigehenden Männern. Lehnte sich der Knabe gegen die fremden Lehren und ihren Prediger auf, suchte er sich ihnen zu entziehen, so schlich sich aus dem Hintergrund der gutherzige Vater wie ein Höhlenbär zu ihm und kühlte mit ein paar wohlgezielten Hieben die Widerstandslust seines Kindes ab. Gleichzeitig wurden alle Lieblingspassionen und Bücher eingezogen und sogar, trotz des energischen Widerspruches der Mutter, die Speiserationen auf die Hälfte verkleinert Mit allen erdenklichen Mitteln wurde gearbeitet, alle Hebel und moralischen Schrauben angesetzt, bis der fast erschöpfte Knabe stillerund ruhiger wurde, auffallend ruhig. abgeschiedenheit in seiner Villa in der Schaperstraße und fabriziert in den Redaktionsstunden unbekümmert um die „Phrase des Antisemitismus“ . und das Gerede der. „Besserwisser in jüdischen Fragen“ seine abscheulichen Renegatenartikel. Und die „jüdische Welt“ nennt seine Frechheit „Sachlichkeit“ und läßt sich sie ruhig einblasen. Wie Geiger sich jeden Tag ein anderes Judentum zurechtlegt, beweist er fast in jeder Nummer seines Blattes. So wird das frauenrechtelnde Waschweib Lina Morgenstern, die die Volksküchen in Berlin nicht entdeckt, sondern „begründet“ hat und ihr Lebtag eine biedere Deutsche gewesen, nach ihrem Tode zur „treuen Jüdin“. Und wenn man sich den Kopf über die Beziehungen Lina Morgensterns, der ein vier Spalten langer Nekrolog (fast soviel wie über den IX. Kongreß) gewidmet wird, zum Judentum den Kopf zerbricht, so kann man beim besten Willen nur herausfinden, daß sie von Abraham Geiger, Ludwigs Vater, konfirmiert wurde und infolge des Verkehrs in dessen Hause sich vom Judentume abkehrte. Aber noch Anderes vermag unser Held! Er bringt es fertig, in seiner „jüdischen“ Zeitung Schiller zum 150. Geburtstage „Masel tow“ zu sagen, das christliche Neujahr durch einen „Neujahrsgruß“ von K. E. Franzos willkommen zu heißen, anläßlich des Ausscheidens des Herrn Emil Mosse aus der Firma Rudolf Mosse in 16 Zeilen einen Anfall von aktueller Gerührtheit zu beweisen, der ihn als Börsenleitartikler eines liberalen Blattes qualifizieren könnte. Aber einen Dauererfolg, um den ihn so mancher Antisemit beneiden könnte, hat Geiger durch seinen in Nr. 1 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 7. Jänner 1910 abgedruckten Artikel „Schulfeiern“ errungen. Dieser Artikel Geigers ist nur durch eine seiner Taten übertroffen worden, nämlich durch die noch unvergessene Denunziation gegen den Zionismus, durch die Geiger die preußische Regierung aufforderte, den Zionisten die Staatsbürgerrechte zu entziehen, weil sie das jüdische Geld von Preußen nach Palästina bringen wollen. In dem besagten Artikel heißt es: „Im Magdalenäum zu Breslau, das ich besuchte, fand jeden JApntag morgens bei Schulbeginn und jeden Sonnabend mittags bei Schulschluß eine „Andacht“ in der Aula statt Sie bestand in einem kurzen Bittgebet (am Montag), einem Dankgebet (am Sonnabend) und dem Absingen eines von dem Direktor bestimmten Liedes. ... Die Schüler aller Klassen nahmen an diesen Andachten teil, die jüdischen höchstens dann nicht, wenn in der ersten oder letzten Wochenstunde christlicher Religionsunterricht erteilt wurde. Das Anhören eines Gebetes und Liedes, ja, das Mitsingen des letzteren, selbst wenn dieses wie oft genug vorkam, halb oder ganz christlichen Inhalts war, schädigte niemand, vielmehr wurde gerade durch solche Vereinigungen ein Gefühl der Gemeinsamkeit erregt und wachgehalten. Alle empfanden sich als Glieder eines Ganzen. Es war ein frohes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, daß beim Anfang und Schluß der Wochenarbeit in die jugendlichen Seelen gepflanzt wurde.“ „Da die übrigen christlichen Feiertage in die Ferien fielen“ — fährt Geigerfort — „so blieb nur ein religiöses Fest, das Reformationsfest am Paul wurde langsam braver gegen seinen guten Papa. Dafür bekam er auch die schönsten farbigen Heiligenbilder und einmal sogar ein prächtiges, echt silbernes Kruzifix von Pater Alexius zum Geschenke. Pater Alexius war brav, er verstand sein Amt großartig, und als der festliche Tag heranrückte, hatte sein Zögling bereits recht schöne Kenntnisse aus dem Katechismus und konnte alle Heiligen fehlerlos beim Namen heruntersagen. Die Herz-Jesukirche war vollgepfropft. Es war das gewöhnliche Publikum, das bei keiner Sonntagsmesse fehlen durfte: Oebstlerinnen, alternde Jungfrautn, Hausmeislerinnen, alte Männer mit dem Rosenkranz etc. Mit Spannung und besonderer Genugtuung sahen sie dem kommenden feierlichen Akte entgegen, der wohl nicht alle Tage zu sehen war. Der Hauptaltar war gar schön mit Blattpflanzen und blühenden Gewächsen dekoriert und Kerzenlichter brachen sich in den glitzernden Facetten der Kristallüster. „Es soll noch a ganz junger Mensch sein“ flüsterte die alte Grindler zu ihrer Nachbarin, der Kräutlerin aus der Markthalle. 31. Oktober (in Brandenburg am 1. oder 2. November). An diesem Tage wurde die Erinnerung an Luthers kühne Tat: Das Anschlägen der Thesen in Wittenburg, in Brandenburg die Einführung der Reformation in dem Kurfürstentum, festlich begangen. Die Feier war überaus schlicht, und ist es wohl auch geblieben: eine Rede mehr historisch als religiös. Gesänge am Anfang und am Schluß. In früheren Zeiten war die Teilnahme an solchen Tagen für sämtliche Schüler obligatorisch. Das warrecht und billig denn es war kein religiöses, sondern ein Schulfest. Solche Tage sind für alle da, nicht nur für einen bestimmten Teil eingerichtet. Das deutsche Kind jüdischer Eltern, das auf eine Staatsschule geschickt wird, die nun einmal, wie unsere Verhältnisse liegen, mit konfessionellem Charakter bekleidet ist, soll und darf nicht ausgeschlossen werden von Schulfesten, die den großen Ereignissen der deutschen Geschichte gewidmet sind. Denn der Reformationstag ist ein Fest der deutschen Geistesgeschichte, ein Tag der Verherrlichung der Freiheit, so daß die Teilnahme daran auch einem jüdischen Kinde Herzenserhebung bereitet. Jetzt wird den Kindern jüdischer Eltern die, - Teilnahme an diesem Tag freigestellt. Die Folge davon ist, daß sie den für sie völlig freien Tag zur Erholung benützen. Ich halte das für eine traurige Neuerung; das Gefühl der Zusammengehörigkeit wird dadurch zerstört, eine Spaltung begünstigt, die von der Schule eher verhindert als gefördert werden sollte. Neuerdings hat sich in Berliner Mädchenschulen, privaten und öffentlichen, auch die Sitte eines Weihnachtsfestes eingebürgert. Dabei findet entweder eine Bescherung armer Kinder statt, bei der Ansprachen gehalten und Gesänge angestimmt werden. Andere Weihnachtsfeierlichkeiten der Schule haben mit diesen Bescherungen nichts zu tun, sondern sind dazu bestimmt, in feierlicher Art das Weihnachtsfest und den Jahresschluß den kindlichen Gemütern anzupassen. Zu den Weihnachtssammlungen, die zwar freiwillig sind, aber, da sie von der Schule ausgehen, einen gewissen pflichtmäßigen Charakter an sich tragen, werden die jüdischen Kinder herangezogen und weigern sich durchaus der Beisteuer nicht. An dem Weihnachtsfeste selbst dagegen, ob es nun in einer Bescherung oder nur in einer Schulfeier besteht, dürfen jüdische Kinder nur teilnehmen auf Grund einer Eingabe der Eltern. Diese Bestimmung trägt, wie mir in einem Falle aufs bestimmte versichert wurde, keinerlei antisemitischen Charakter an sich, und doch erscheint sie mir in höchster Weise bedauerlich. Selbst zugegeben, daß Weihnachten (Tannenbaum und Bescherung) eine christliche Einrichtung ist — was sehr bestreitbar ist — die Schulfeier einer öffentlichen Lehranstalt ist für alle da. Die jüdischen Kinder, die zu einer Sammlung beigetragen haben, ob sie nun ihre Sparkasse entleert oder von den Eltern einen Betrag empfangen haben, sollen die Freude haben, die Wirkung ihrer Gabe zu bemerken. Sie sollen in die leuchtenden Augen der beschenkten Kinder blicken und an deren Freude sich erfreuen. Sie sollen aber, ob sie nun selbst zu Hause der Weihnachtsbaum erwartet oder nicht, das Recht, ja die Pflicht haben, an einer Weihnachtsschulfeier teilzünehmen. Glaubt man den wirklich, daß es einem kindlichen Gemüte schade, wenn es bei einer solchen Feier etwas vom Christkinde hört oder vom Weihnachtsengel? Sollte dies wirklich der Fall sein, dann sind Vater und Mutter dazu da, um ihre Anschauung jener fremden entgegenzusetzen. Aber ein jüdisches Kind, das eine öffentliche Schule besucht, wird zu einem Schüler zweiter Klasse degradiert, wenn es nur auf Grund einer besonderen Eingabe der Eltern die Berechtigung erhält, „Na, freilich, sonst möcht’s doch kein solches Aufsehen machen.“ „Nach und nach kommen die Juden doch zur Einsicht, was ihnen nottut“ meinte wieder die alte Frau und fuhr fort: „Sie werd’n halt vernünftiger. Ist doch besser, sie erziehen ihre Kinder rechtgläubig.“ Oben, aus der ersten Bank trat jetzt ein befrackter Herr, den Zylinder in der Hand, heraus und geleitete einen gleichfalls in einen schwarzen Anzug gekleideten Knaben die Estrade zum Hauptaltar empor. Er selbst ließ sich auf einem Betpult nieder. Nun nahm der höchste der anwesenden Geistlichen auf einem Stuhle Platz, ein großes kostbar gebundenes Buch wurde gereicht. Der Knabe kniete vor ihm nieder. Brausend fiel der Chor mit seinem Gesänge ein, begleitet von den mächtigen Klängen der Orgel. Der feierliche Akt begann.- Alles ging programmgemäß, ohne Stocken. Glückstrahlend kniete der Vater an seinem Betpult, die Hände in Kreuzform gefaltet und selig vor sich hinblickend. Ja, hier vor’m Hauptaltar war er auch damals gestanden, um das lästige Joch abzuschütteln, das

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