Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K.5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr.. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *•***■#•»**»***•*** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexempl^re20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *•******-**•#■***•*■* Nr. 4. Wien, Freitag den 28. Jänner 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Der „Bezalel“ in Wien. Herrn Geheimrat Prof. Dr. Ludwig Geigers jüngstes Geisteskind. Von Bar-Ami. Budapester Brief. Prager Brief. Die Taufe. Von Oskar Löbl. Von der Woche. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. PALÄSTINA- AUSSTELLUNG Veranstaltet .von der jüd.-akad. Vereinigung: „Bar-Kochba“, Wien. Vom 28. Jänner bis 6. Februar: PALÄSTINA-AUSSTELLUNG in den Räumen des „Oesterreichischen Kunstvereines“,. I., Weihburggasse 22. Zur Ausstellung gelangen: Bezalelerzeugnisse, Spitzen, Bilder und Radierungen. Verkauft werden: die .Austeilungsgegenstände und Palästinaprodukte. . Montag den 7. Februar: PALÄSTINA-VERKAUFSMESSE mit anschließendem Tanzkränzchen im Kursalon (Stadtpark). Karten sind zu haben: in Gutmanns Musikalienhandlung und im Vereinslokale VIII., Langegasse 5—7 täglich von 6—8 Uhr abends, wo auch Auskünfte erteilt werden. 'MiMiSi® Der „Bezalel^ in Wien. | ln allen nationalen Bewegungen, die I groß und kulturfördernd geworden sind, gruppierten sich die ersten Anfänge wie um eine Standarte, um irgend einen kleinen unscheinbaren Zweig der betreffenden Bewegung, welcher nach der Lage der Dinge zum Symbol des großen Zieles geworden War. Man denke nur an die Bedeutung der Jahnschen Turnvereine für die großdeutsche Bewegung im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts. In ähnlicher Weise ist die Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem zum Zentrum für die jüdische Renaissancebewegung geworden, obzwar ihr nächster Zweck nur war, der armen jüdischen Jugend Jerusalems Erwerb zu geben. Daß es so kam, daß die ideelle Bedeutung der Schule noch weit über ihren großen praktischen Wert hinauswuchs, das hat sie dem Geiste ihres Schöpfers und Leiters zu danken, seiner eigenartigen Persönlichkeit, seinem mit unverwüstlicher Tatkraft gepaarten Idealismus. Ohne Lärm und ohne Zeitungsreklame vollzog sich die Gründung .der Bezalelschule. Boris Schatz, Direktor der bulgarischen Kunstgewerbeschule, ein begeisterter Anhänger des Zionismus, hatte Herzl seinen Plan vorgetragen, und dessen Billigung gefunden. Eines Tages erschien er in Jerusalem, sammelte eine kleine Schar von Schülern um sich, und begann in aller Stille die Arbeit. Und da er sah, daß jeder seiner Schüler eine andere Sprache redete, der Unterricht aber nur einsprachig sein konnte, lernte er in kurzer Zeit Hebräisch und unterrichtete fortab nur mehr in dieser Sprache. Von seinem Atelier strömte ein neuer Geist in die Ghettowinket von Jerusalem. Die Jugend begeisterte sich zuerst für seinen Plan, und obzwar er sie Kunst lehrte, was I bei den Orthodoxen;verpönt ist, verdarb er sich’s doch nicht mit den Alten. Nach! und nach zog er alles, was jugendfrisch war, modern, d. h. zionistisch fühlte, in seinen Kreis. Freitag abends gab es zwanglose Unterhaltungen mit Vorträgen, Diskussionen über jungjüdische Fragen. Wer nach Palästina kam, um das neue Judentum das dort ersteht, kennen zu lernen, der kam zuerst zu Schatz und freute sich dessen, was er nun im Aufblühen sah. Große jüdische Künstler, wie Lilien und Hirszenberg, kamen, um an der Schule zu wirken, sie gaben und empfingen dort mächtige Anregungen. Die wundervolle Landschaft Palästinas wurde für die Kunst neu entdeckt. Auf die Anweisung Schatz’ studierte man auch die Natur Palästinas, sammelte Pflanzen und Tiere, und so entstanden die Anfänge eines jüdischen Nationalmuseums das teils der Kunst, teils der Naturwissenschaft gewidmet ist und sich heute schon sehen lassen kann. Inzwischen wuchs die Schule, die Schatz mit wenig Beihilfe führte, immer mehr an, alle Räume wurden ihr zu enge, und heute ist sie in einem großen schönen Hause" untergebracht, das dem Nationalfonds gehört, indes ein zweites daneben I bereitsteht, -trrrr bei der nächsten- Vergrößerung der Schule dieser zu dienen. Schatz beschäftigt bereits 150 Kunstgewerbler. Der Fonds der Schule beträgt heute schon über 40.000 Francs, und doch ist alles noch zu wenig, weil die Bestellungen sich fortwährend häufen, auf Grund der zahlreichen Ausstellungen, welche die Schule mit bestem Erfolge in allen Teilen der Welt veranstaltet. Wir Zionisten Wiens waren von Anbeginn treue Anhänger der Schule. Die erste Palästinareise des Wiener Zentralvereines hat dem „Bezalel“ sehr viele Freunde erworben und in jeder Hinsicht genützt. Wenn heute endlich, nach langem Harren, die erste Wiener Bezalelausstellung Die Taufe. Von Oskar Löbl (Wien). Im Hause des Herrn Ingenieurs Isaak Löwenstein gings recht lebhaft zu. Gebacken und gebraten wurde als gäbs einen großen jüdischen Festtag. : Ja, einen Festtag sollte es schon in einigenTagen, geben aber keinen jüdischen, denn jüdische Feiertage waren Herrn Isaak Löwenstein ein Gräuel und wurden von ihm nicht mehr gefeiert, seitdem er sich mit der ehemaligen Modistin Kathi Hellriegel, einer guten Katholikin, verheiratet hatte und wären Herrn Isaak nicht sein wenig christlicher Name und seine noch unchristlichere Judennase geblieben, hätte man nur wenige Erinnerungen an seine ihm lästige jüdische Vergangenheit bemerkt. Nur eine war noch vorhanden. Und das schmerzte ihn tief. Sein Paul, ein schöner und kluger Junge, war in seiner Kindheit aus Scheu von den damals noch lebenden Eltern des Herrn Ingenieurs als Jude erzogen worden und diese „Dummheit“, wie sich der inzwischen bereits längst getaufte. Herr Löwenstein ausdrückte, ging ihm sehr zu Herzen. So beschloß er denn,, sie mit Stumpf und . Stiel aus der Welt zu Schaffen. Bisher ging’s leider nicht, weil das Kind noch minderjährig war, aber jetzt kam ja der so heiß ersehnte 14. Geburtstag Pauls. Da sollte es geschehen. Er beriet sich mit seiner Gattin. Diese, eine gutherzige, einfache Frau, schüttelte unwillig den Kopf. „Geh’, lass’ es jetzt noch geh’n, bis er älter und vernünftiger wird!“ meinte sie, „dann wird er schon selber wissen, was er machen soll. Aber ihn mit Gewalt etwas aufzuzwingen, wie einem Zugochsen das Joch, gestern Jud’, morgen Christ, das kann man bei keinem Erwachsenen machen, viel weniger bei einem Kind, das noch eine so weiche Seele .hat.“ „Nein, ich lass’ kein’n Juden aus ihn werden und ihm seine Karriere abschneiden oder ihn von den Leuten hänseln und aushöhnen, wie sie’s mir gemacht haben. Und wenn du’s nicht willst, so werd’ ich’s auch ohne dein’n Willen durchsetzen!“ „So wart’ doch wenigstens noch paar Jahre damit, du versäumst ja nichts!“ bat Pauls Mutter. „Nächsten Monat wird er getauft und damit basta, erklärte der Gatte, und schlug auf den Tisch. „Was, wenn’s Paulchen aber nicht recht ist?“, warf sie schüchtern ein. „Er geht ja jetzt noch in die Judenschule und dort lemen’s doch grad’ das Gegenteil von dem, was man vor der Taufe wissen muß,“ „Er hat was zu sprechen? Ihn wird man fragen!“ rief der christliche Vater. „Ich hau’ ihm fünfundzwanzig herunter, daß es kracht, wenn er sich rührt!“ „Geh, wer wird denn gleich so roh sein!“ wies ihn seine Gattin zurecht. „Ich weiß nicht, du hast dich seit paar Jahren ganz verändert; wie ich dich kennen gelernt bab’, warst du so a ruhiger, feiner Mensch und jetzt bist du wie ein Wasserer, so ordinär . . . „Kathi!“ rief der Herr Ingenieur erregt und sprang vom Sessel auf. „ja, weil’s wahr ist!“ fuhr sie unerschrocken fort. „Du nimmst auf nichts Rücksicht. Glaubst du, du machst mir einen Gefallen damit, daß du Paul katholisch machst? Mir'ist’s viel lieber, er bleibt ein ehrlicher Jud’, als daß er ein Matriken-Christ wird, der kein Vaterunser mit Andacht oeten kann. Du machst mir schwere Sorgen damit; mehr kann ich dir nicht sagen!“ Damit verließ sie das Zimmer. Der kleine Paul machte ein höchst verblüfftes Gesicht, als er eines Tages den hohen Besuch eines leibhaftigen Jesuitenpaters empfing, der ihm als nunmehriger Religionslehrer vorgestellt wurde. Vom Pentateuch zum Evangelium.! Wahrlich, ein schöner Schritt!