Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 darum zu tun gewesen wäre, jedem jüdischen Wähler der Bukowina zu ermöglichen, sich nach seiner Ueberzeugung die nationale Gemeinschaft auszusuchen, so war ihr Weg klar vorgezeichnet. In unzähligen Versammlungen haben die.Juden des Buchenländchens — und um diese, nicht um Wiener Kaijuden handelte es sich — nachdrücklichst bekundet, daß sie keiner anderen nationalen Gemeinschaft angehören, als der jüdischen und Tausende begeisterter Resolutionen kamen unserem mannhaften Gg- Abg. Dr. S trau eher zu. Wenn sie nun trotzdem dasselbe taten wie Benedikt und Kuranda, Gomperz und Löwenstein, so muß man diese Handlungsweise einer fürjüdisch-politischeZwecke gegründeten Organisation als einen hinterlistigen Verratbezeichnen, und wir können nicht daran glauben, daß die Mitglieder des Vereines diese perfide Tat ihres Vorstandes billigen! Hat der Vorstand der „Union“ in den herzerhebenden Tagen, da alle Nationen des Bukowinaer Landtages Rechte*) der jüdischen Mitbürger proklamierten, denen keinerlei Verpflichtungen gegenüberstanden, eine Versammlung einberufen und jene Ungezählten befragt, denen noch das Wort Judentum“ das Herz erwärmt? Hat er auch nur seine Mitglieder einberufen, um ihren Willen in dieser hochwichtigen Frage zu erfahren und ihren Auftrag entgegenzunehmen? Hinter verschlossenen Türen setzen sich die Herren Vorstände zusammen. Dann kriechen zwei dieser unierten Israeliten (Anninger und Dr. Ornstein) in das Ministerzimmer und deponieren eine lächerliche, dumme, widerspruchsvolle, volksfeindliche Resolution. Der Minister, etwas gerader und offener als die israelitischen Unionisten, plappert das eingetrichterte Sprüchlein her: „Die Juden sind keine Nation, sondern eine Konfession“. Die beiden Herren, die eine jüdisch-politische Organisation vertreten, welche keineswegs auf konfessioneller Basis fußt, lassen das Wort des Ministers unwidersprochen und entfernen sich, dankbar lächelnd, unter tiefen Bücklingen. Es war die traurigste Episode in dieser lehrreichen Kampagne und es gibt für die „Union“ jetzt nur zweierlei: Entweder *) Wir betonen ausdrücklich das Wort „Rechte“, denn es ist eine ebenso dumme als abscheuliche Lüge, daß damit ein Zwang auch nur auf einen einzigen jüdischen Bürger der Bukowina ausgeübt wurde. Der Sekretär übergibt unsrem obersten Hausbeamten, der uns sofort-zum Rabbi führt. Diesem wurde vorher die Notiz des Sekretärs übergeben, so daß er uns beim Namen ansprechen konnte. Wir näherten uns dem kleinen Tischchen an dem er saß, zwei Kerzen in Silberleuchtern standen auf dem Tisch. Der übrige Raum war dunkel, wir konnten nur die wohlgefüllten Bücherschränke an den Wänden unterscheiden. Auf dem Tisch vor dem Rabbi sahen wir einen Haufen Geldes, welches frühere Besucher hier gelassen hatten. Wir legten unsere Gabe dazu — er blickte rasch darnach hin. Augenscheinlich war er befriedigt, denn er begann sich sehr freundschaftlich mit uns über Verschiedenes in deutscher Sprache zu unterhalten. Er schien etwa 50 Jahre alt zu sein. Seine Unterhaltung bewies, daß er für einen chassidischen Rabbi sehr au fait sei. Er sagte, daß er die deutschen Zeitungen regelmäßig lese und großes Interesse für die Welt da draußen habe. Er sei ein großer Bewunderer Englands und alles Englischen. Die halbe Stunde verlief sehr angenehm. Als wir Abschied von ihm nahmen, sprach er die Hoffnung aus, daß wir einen guten Eindruck von ihm empfangen hätten. Dieses Mannes Beruf ist’s, ein Wunderrabbi zu sein, und ar tut sein Bestes, ihn lohnend zu machen. Er ist durch und durch ein Mann von Welt, dieser asketische „Sohn des Himmels“, wie ihn seine Anhänger nennen. Die ihm zugeschriebenen Wunder gleichen denen von Lourdes und anderen Orten: IÜDISCHE ZEITUNG. sie tritt mannhaft gegen ihren Vorstand auf und weist ihm die Tür, oder siel verschwindet von der Bildfläche. Schein und Wirklichkeit in der sogenannten deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs.*) Von Dr. K. S. I. Die deutsch-österreichische sozialdemokratische Partei, die sich immer mehr und mehr zu einem Staat im Staate entwickelt, scheint, wie ein solcher, ihre Entwicklungsperioden des Heldenzeitalters, der Blüte, endlich des Verfalls durchmachen zu sollen. Dabei handelt es sich selbstverständlich nicht um den Verfall der uralten sozialistischen Idee, die unsterblich ist, sondern um den Verfall ihrer derzeitigen Trägerin, die vor der sozialdemokratischen Phase bestanden hat und nach derselben bestehen wird. Im Heroenzeitalter dieser Partei haben die Führer derselben nicht nur gleiche Geldopfer gebracht wie die einfachen Mitglieder, sondern außerdem noch alle Arten persönlicher Opfer an Gesundheit und Existenz. Dabei konnten sie nicht nur auf keinerlei Vorteile, wie fixe Anstellungen oder Mandate rechnen, sondern wurden im Gegenteil noch von Unternehmern um ihr Brot gebracht, von Behörden verfolgt, in Gefängnisse geworfen, und wenn sie dann körperlich gebrochen, geistig abgenützt in der Agitation nicht mehr wirken konnten, so starben und verdarben sie unbeachtet und vergessen. Ein typisches Beispiel aus jener Zeit ist Dr. Emil Kal er-Rhein tal, der im Jahre 1897 freiwillig im Inn in Innsbruck seinem Leben ein Ende machte, ein Ereignis, das bezeichnender Weise mit dem ersten Aufschwung der Partei, den ersten allgemeinen Reichsratswahlen, bei welchen den Sozialdemokraten der fünfte Teil der Mandate der allgemeinen Kurie zufiel, zusammentraf. Unter den bittersten Entbehrungen hat er gewirkt und sich aufgeopfert. Die Betätigung seiner sozialistischen Gesinnung brachte ihm dreizehn Abstrafungen mit fünf Jahren Aufenthalt in Gefängnissen und Kerkern. Die „Arbeiter-Zeitung“ widmete diesem Märtyrerder Partei einen Nekrolog von zirka fünf Zeilen. Diese Tatsache bedarf wohl keines weiteren Kommentars. Das unehrliche Geschäft des Totschweigens von Unbequemen stand eben schon auf der Höhe. *) Diese Ausführungen eines geschätzten arischen Autors scheinen uns ein trefflicher Beitrag zur Klärung des Judenpunktes in der Sozialdemokratie zu sein. Wir geben ihnen daher gerne Raum. (Anm. d. Red.) 90 Prozent nicht beglaubigt und der Rest erklärbar. Anderseits sollten wir nicht alles glauben, was seine Gegner über ihn sagen. Ganz unparteiisch geurteilt, kann freilich kein Zweifel darüber sein, daß die Existenz von Wunderrabbis ein Uebel ist. Sie tun nichts Gutes und sogar viel Uebles. Ihr kostspieliger Haushalt wird auf Kosten des verarmten Volkes geführt Der Rabbi mag weise, fromm etc. sein, aber er ist überflüssig. Wenn eine arme Witwe zu ihm kommt, welche sich das „Pidion“ — die Gabe für den Rabbi — mühsam zusammenbetteln mußte und ihn bittet, sie zu segnen und Gott zu bitten, daß er ihren Kindern Brot gebe, so ist eine solche Frau unwissend und närrisch. Aber der Rabbi, der solches Geld annimmt, handelt schändlich, ja verbrecherisch. Es ist in der Tat traurig, daß die galizischen Juden bisher noch nicht von der Vergötterung der Wunderrabbis und ähnlichen abergläubischen Unsinn abzubringen waren. Sie befinden sich durch ihren rohen Glauben an solchem Zeug noch im dunkelsten Mittelalter. Als wir den Rabbi verließen, hatten wir eine Schar von „Gaboim“, „Schamossim“ und anderen Schnorrern zu passieren, die alle um Geschenke bettelten. Ich glaube, sie können nicht darum getadelt werden, weil sie die Methode des Wunderrabbi forcieren . . . Wir bezahlten unser Lösegeld und atmeten auf als wir endlich draußen waren . .- . . Nr. 48 Standen nun im Heroenzeitalter der Partei noch die Führer auf gleichem, wenn nicht auf höherem moralischen Niveau wie die einfachen Mitglieder, so ist dies heute im Zeitalter der Blütb' wohl gründlich anders geworden. Noch sind die einzelnen Mitglieder der Partei opferwillig wie je zuvor, sie bezahlen, was von ihnen verlangt wird, aber die Führer haben eine gewaltige Wandlung erlitten. Sie wollen zwar aus lauter Demokratie gar nicht Führer, sondern nur „Lehrer“ heißen, sie sind aber richtige Leerer geworden. Ein solcher „Lehrer“ braucht von Natur aus Anlage zur Beredsamkeit, ein gutes Mundstück und den Mut, öffentlich zu sprechen. Beim Parlamentarismus kommt es eben hauptsächlich auf „Reden“ an. Sich im Reden zu üben, bietet aber gerade die Sozialdemokratie mit ihren vielen Organisationen reichlich Gelegenheit. Die „Jugendlichen“ sind sichere Zwangszuhörer. Wenn nun ein in der Rede geübter zum Bewußtsein seiner Fertigkeit gekommen ist, wird er in vielen Fällen eine Beamtenstelle in der Partei anstreben. Es ist dies bei der heutigen. Lage der Arbeiterschaft, der Unsicherheit der Existenz, bei steter Gefahr plötzlicher Entlassung und langandauernder Arbeitslosigkeit sowie dem Mangel jedweder Altersversorgung durchaus begreiflich, auch bei solchen, die an ihrem gewerblichen, industriellen oder kommerziellen Beruf Freude haben. Ein Stellenbewerber muß nun wie überall die Gunst jener erringen, die die Stellen zu besetzen haben, der dirigierenden „Oberlehrer“. Bisher haben wohl Juden da einen gewissen Vorzug genossen. In Zukunft wird man aber wahrscheinlich nur solche berücksichtigen, die der Assimilierungst h e o r i e huldigen und sich nicht zu erkennen geben. Nationalgesinnte dürften fürder wohl nichts zu hoffen haben. Für Arier war dieser Gesichtspunkt von jeher maßgebend trotz der etwas antisemitischen Vergangenheit einiger „Oberlehrer“ (Linzer Programm!). Ein „Antisemit“, will heißen Antiassimilant, war stets von vorneherein ausgeschlossen. Von jeher aber haben jüdische Journalisten in der „Arbeiter-Zeitung“ Schmonzes und Lozzelachs gedichtet und so darauf losantisemitelt, daß es eine Freude ist. Nur ein Arier durfte so etwas nicht wagen. Es war sogar gefährlich vor Anderen das Gewitzel der Juden zu belächeln, es konnte dies ja in Verdacht des Antisemitismus bringen. Nun ist ein solches Vorgehen im höchsten Grade unaufrichtig. Der Arier durfte und darf es sich nicht merken lassen, daß er weiß, daß irgend ein sozialdemokratischer „Lehrer“ ein Jude ist, weil dieser sich dessen schämt und einen Arier spielt, der jüdische „Lehrer“ selbst aber verhöhnt Juden, blickt spöttelnd herab auf arme polnische Juden, die nicht salonfähig sind und an Eigenheiten festhalten, die ein Arier oft mit Rührung kennen lernt. Gerade die Lage so armer und unglücklicher Menschen veranlaßt aber auch Antisemiten zum Nachdenken, wie weit die Bewegung gegen die Juden eigentlich berechtigt ist. Schreiber dieses hat sich selbst wohl für einen Antisemiten halten müssen, bis er unter dem Einflüsse der national-jüdischen Idee zur Erkenntnis gekommen ist, daß er zwar stets ein Antiassimilant, aber nie ein Antisemit, d. h. ein Judenfeind, Judenhasser oder Judenverfolger gewesen ist. Dieser Ansicht dürften aber viele sogenannte „Antisemiten“ sein und es ist zu erwarten, daß die national-jüdische Bewegung das so lange gesuchte Mittel gefunden hat, den Antisemitismus allmälich zu beseitigen. Die Anhänger der „Neuen Freien Presse“ im Bunde mit der „Arbe.ter- Zeitung“*) glauben den Menschen den Assimilierungsschwindel geradezu aufzwingen zu können. Sie werden aber kein Glück damit haben, sondern nur das Eine erreichen, daß alle Antisemiten nach und nach bewußte Antiass imilanten werden, eine Bewegung, die selbstverständlich für das jüdische Volk als solches weder Schmach noch Gefahr bedeutet, sondern nur gegen jene unwürdigen Per- *) „Neue Freie Presse“ und „Arbeiterzeitung“ haben gemeinsame Mitarbeiter. Das ausgesprochenste Organ des Privatkapitalismus und das Sprachrohr des Kollektivismus sollten doch durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt sein, sollte man glauben. Was haben sie denn Gemeinsames? Daß sie markierte, unaufrichtigejudenblätter sind, von Juden, die keine sein wollen aber immer solche sein werden! Organe der Assimilanten1