Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 47 Kommissär und Dr. Moses Rath, Salomon Hirsch, Abraham Rottberg und Elie Hersch Kreisel ohne besondere Funktion gewählt. Lundenburg. Hier hat sich am 2. Nov. 1909 eine jüd. akad. Ferialvereinigung unter dem Namen „Hatikwah“ konstituiert. Die Chargenwahl für das I. Semester ergab folgendes Resultat: JUC Leopold Czuczka >, Exportak. Siegfr. Peterselka w, Stud. med. Albert Fleissig Prag. Am 6. November sprach Herr Karl R e z e k, Direktor der Volksvorschußkassa im internen Kreise des Vereins jüd. Hochschüler „Bar- Koch b a über die wirtschaftliche Gegenwartsarbeit. Er besprach alle Metoden, oie im Osten und bei uns im Westen die stets trauriger werdende Lage der Juden bessern sollen und kam nach eingehender Begründung wieder zu dem Schlüsse: die konsequenteste wirtschaftlishe Gegenwartsarbeit ist die zionistische Palästinaarbeit, die rasche Kolonisationsarbeit auf zionistischer Grundlage. Komotau. Am 28. v. M. hielt Herr Dr. Heinrich Löwe, königl. preuß. Bibliothekar in Berlin, im Wintergarten des Etablissements Habsburg, vor einem überaus zahlreichen Publikum, das den Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, einen Vortrag über das Thema „Das neue Judeutum“. Dieser Vortrag bot den Zuhörern, die den zweistündigen Ausführungen des Redners mit gespanntestem Interesse folgten, einen geradezu köstlichen Genuß. Der Redner unternahm zunächst einen historischen Exkurs auf die Entstehung des neuen Judentums, von dem er mit Recht hervorhebt, daß es eigentlich nichts anderes sei, als das alte Judentum. Der Ursprung dieses neuen Judentums führt zurück in das Mittelalter und gründet sich einerseits im Osten, Polen und Rußland, auf den Chassidismus, dessen Verdienst um das moderne Judentum der Redner im Gegensatz zu den landläufigen Anschauungen über diese Strömung im Judentum nicht genug Worte des Lobes widmen kann. Denn ihm verdanken wir in erster Linie jene Wandlung des Judentums, welche dasselbe nicht in Formen erstarren läßt, sondern tnotz aller Bedrängnisse zu einer Religion der Freude macht. Nicht nur im Schütteln und Beten, sondern auch in freudigen Genüssen des Lebens liegt Religion. Im Westen war es Mendelsohn, dessen philosophischer Geist leider durch körperliches Siechtum sich nicht frei entfalten konnte und dessen gesamte Nachkommen — es ist eine Ironie des Schicksals — das Judentum verließen. Und doch vermochte weder die eine noch die andere Bewegung, selbst die Modernisierung des Judentums und die schließliche Emanzipation desselben die Juden vor Verfolgung zu schützen oder ihnen eine gesicherte Stellung unter den Völkern zu geben. Wohl haben die Juden einen Bürgerstand gegründet, sie selbst waren die ersten Bürger und Kaufleute, was der Redner mit interessanten Zitaten aus den Privilegien der Städte Worms und Speier belegt. Allein sobald die Völker, unter denen die Juden wohnten, von denselben gelernt, beziehungsweise selbst einen Bürgerstand und Kaufmannstand gebildet hatten (in erster Linie geschah dies in den deutschen Städten), entledigten sie sich der lästigen Konkurrenz und sie stießen die Minorität mehr oder minder brutal hinaus. Nach einem Ueberblick über unsere gegenwärtige Lage besprach der Redner die Mittel zur Abhilfe und schloß folgendermaßen: Und ist unser Volkstum nicht wert erhalten zu werden? Wenn die Römer die rechtliche Grundlage der heutigen Kultur, die Griechen die ästhetische derselben geschaffen haben, so haben wir Juden speziell die ethische Grundlage unserer ganzen modernen Kultur geschaffen. Wir haben das Prinzip der sozialen und ethischen Gerechtigkeit geschaffen, das Prinzip „liebe deinen Nebenmenschen wie dich selbst“ ist ein durchaus jüdisches. Die Kullurwerte die auf uns zurückzuführen sind, kann man sich weder aus der Geschichte noch aus dem modernen Leben wegdenken. Man versuche einmal alle Juden etwa im Nordpollande des Cook anzusiedeln und sie den Ländern der Gegenwart zu eutziehen. Man stelle sich vor: Welch eine Summe von Intelligenz und von Bildung aus dem modernen Städteleben verschwinden würde. Diese jüdische Kultur muß der Welt erhalten werden und das einzige Mittel sie zu erhalten, ist die Hochhaltung der jüdischen Ehre. Und mit einem begeisterten Appell an diese jüdische Ehre schließt der Redner unter dem rauschenden Beifall der dichtgedrängten Zuhörerschaft, welche noch lange unter dem gewaltigen Banne dieses wundervollen Vortrages stand. Vorher hatte Herr Dr. Hirsch, Advokat in Komotau, dem das Arrangement dieses Abends zu verdanken ist, herzliche Worte der Begrüßung dem Redner gewidmet, während Herr Rabbiner Krakauer in nicht minder herzlichen Worten des Dankes der allgemeinen Stimmung den treffenden Ausdruck gab. Budapest. Am 6. d. M. veranstaltete der rührige zionistisch-akademische Verein „Makkabäa“ einen großangelegten literarischen Abend in dem von der israelitischen Gemeinde zur Verfügung gestellten Sitzungssaale. Etwa 400 Damen und Herren, darunter viele Nichtzionisten, waren erschienen. Der . Präsident, cand.-med. Viktor Jordan, eröffnete j den Abend mit einer warmen Ansprache. Ingenieur B. Beregi hielt einen formvollendeten, inhaltreichen Vortrag über: „Die Kunst im Judentum“. Seine Ausführungen ernteten stürmischen Beifall. Dr. J. Patai, der bekannte Dichter und Hebraist, gab eine meisterhafte Uebersetzung von J. L. Gordon’s „Im Löwenrachen“. Der Schriftsteller P. U j w ä r i las eine, die heiße Palästinaliebe des ungarischen Dorfjuden schildernde Novelle: „Der tausendjährige Traum.“ S. Blau. Budapest. Am 24. Oktober veranstaltete der hiesige Zionistenverein „Judäa“ eine Nordau- Feier. Die Eröffnungsrede hielt der Obmann des Vereines, Ludwig Batö, der über das Thema: „Nordau als Schriftsteller, Jude und Zionist“ sprach. Nach ihm las cand. jur. Andor Z s o 1 d o s über „Nordau und die jüdische Turnbewegung“. Dr. Eugen Sipos trug in ungarischer Uebersetzung einen Artikel Nordaus „Zionismus und Patriotismus“ vor. Temesvär. Am 31. Oktober fand im hiesigen Redoutensaal eine große zionistische Versammlung statt, an welcher über 800 Personen teilnahmen. Es waren die Kultusvorstände, die Gemeinderabbiner und die ganze jüdische Intelligenz zugegen. Die Eröffnungsrede hielt Dr.Moriz Rosen thal, Obmann des Temesväer Fabriksstädter Vereines. Nach ihm erläuterte Herr Ing. Benjamin Beregi (Budapest) I in ungarischer Sprache die nächsten Ziele des Zionismus. Gg. Redakteur Lebowitsch sprach deutsch und erntete reichen Beifall. Nach Schluß der Versammlung meldeten 40 Personen ihren Beitritt zum Vereine an. . . Zagreb. Die Konstituierende Generalversammlung des ersten hiesigen zionistischen Bürgervereines „A c h d u t“ wurde Sonntag, den 17. abgehalten. Zum Präsidenten wurde Dr. J. J a k o b i gewählt. Czernowitz. (Jüd.-nat. akad. Verbindu n g „Zep h i r ah“.) Wie alljährlich hat auch in. diesem Jahre die „Zephirah“ die Feiertage dazu, benützt, um die jüdische Volksmasse in den Bethäusern aufzusuchen und sie über den Stand der zionistischen und jüdischnationalen Bewegung aufzuklären. Die Ausführungen über die P a I ä s t i n a a r b e i t und die Aufgaben der Judenschaft in der nationalen Gegenwart sarbeit, besonders die Aufforderung zur Pflege der jüdischen Sprache und Literatur fanden begeisterten Widerhall. Die Aufforderung, bei der nächsten Volkszählung wahrheitsgemäß die jüdische Muttersprache anzugeben fand ungeteilte Zustimmung. Es sprachen: im Bethause Rosch: cand. iur. Krämer, Monasterczyska: stud. iur. Ungar, Roschergasse: iur. Chaim Morgenstern, Ferdinandsplatz: iur Nachman Morgenstern, Römergasse: iur. R o t li f e 1 d, Austriaplatz: iur. M o s n e r, Russischegasse: iur. O e h 1 g i e ß e r, Wassergasse: phil. Bretschneider. Beim Aufruf zur Thora wurde eine ansehnliche Summe für den jüdischen Nationalfonds gesammelt. — Für den diesjährigen Zyklus populärwissenschaftlicher Vorträge sind bereits die besten Redner gewonnen. Die Arbeiterin ld ungskurse d e r „Z e p h i r a h“ werden in den Monaten November bis März abgehalten. Komarno. (Ost-Galizien). Sonntag den 31. Okt.. fand im großen Saale des „Beth Hamedrosch“ eine Versammlung der talmudistischen Jugend statt, zu welcher über 50 Provinzdelegierte erschienen waren. Der Vorsitzende Gg. Wechsler begrüßte in längerer Ansprache die Erschienenen und gab der Freude darüber Ausdruck, daß sich endlich auch di& orthodoxe Jugend organisieren und für das Volk — gleich der akademischen Jugend — arbeiten wolle. Dann referierte Gg. Marcus Bon es über: „Die Aufgaben der talmudistischen Jugend“. Er begann in vollendeter hebräischer Sprache und beleuchtete dann deutsch fortfahrend die Stellungen gegenüber denMisrachisten. Seine großzügige, sachliche, zweistündige Rede wurde mit Begeisterung aufgenommen. Als zweiter Redner ergriff Gg. Wechsler das Wort und besprach den Zweck unserer Organisation; die vorgelegten Resolutionen wurden mit geringen Aenderungen angenommen, und ein lOgliedriges Komitee, bestehend aus den Herien: Gg. Wechsler Vorsitzender, Bones, Biegeleisen, Gail, Grün, Schaffer, Langner, Klarfeld, Fern und Tendier, eingesetzt, welches die Statuten vorzubereiten, und binnen 2 Monaten die Konferenz einzuberüfen hat. Sonntag 31. Okt. um 8 Uhr abend fand in „Beth-Hamedrosch“ eine große Versammlung statt, zu welcher die angesehendsten Bürger erschienen waren. Gg. Marcus Bones sprach über das Thema: „Der Zionismus und seine Gegner“. Es ist zu hoffen, daß sich durch diese Agitation alle orthodoxen Juden der zionistischen Partei anschließen werden, so daß bei der nächsten Wahl kein Löwenstein in den Reichsrat entsendet wird. Westjuden. (Novelle von Ben David). (6. Fortsetzung.) Lieber Karl! Wien, 3. März 1909. Ich bin Dir nach wie vor der Freund und Herzbruder, wenn ich auch sehe, wie unsere Wege immer mehr auseinandergehen, bis wir uns nicht mehr verstehen und nur aus geistiger Ferne einander freundschaftlich zuwinken können. Denn es ist traurig, wenn ein Freund nicht das Glück des andern erkennt, doch weitaus trauriger ist es, wenn er sein Leid nicht versteht. Und ich kämpfe gegen diese unfaßbare Wahrscheinlichkeit. Karl, glaubst Du wirklich, daß mir nur vor dem Tode bangt, weil einer aus meiner Nähe hinüberging? Glaubst Du wirklich, daß wir Juden feig sind, weil wir den Tod als daß Häßlichste empfinden? Vor meinem Fenster geschieht etwas Wunderbares; Gold träufelt vom Himmel, helles fließendes Gold und bleibt strahlend an den Kanten und Ecken hängen, gleitet durch die matten Glasscheiben in mein Zimmer und liegt vor mir lachend — licht auf dem Tisch. Frühlingssonne. Und die Menschen bekommen leibhaftig rötere Backen, leuchtendere Augen, frohere Bewegungen. Das Leben flutet vergnügt durch die Welt. Weißt Du denn, was „Leben“ ist und „Sterben“? Armer weicher Philosoph! Du siehst nur das Aeußere, das Mechanische des Todes und hältst es für alles. Du hast noch nie über sein Wesen nachgedacht, diesen absoluten Gegensatz alles dessen, was i s t. Glaubst Du denn, daß je ein Mensch stirbt, wenn so ein blasser Hustler im „schwachen Zimmer“ das letztemal aufpfeift?! Eine Welt stirbt mit allen was Millionen Jahre hervorgebracht, Sonne, Liebe, Möglichkeiten und tausendfaches Gut. Wie ein Riß auf einen hohen Gemälde, ein Sprung in einer kostbaren Säule, ein schriller Mißklang in einer erhabenen Harmonie ist der Tod des Menschen, der das Leben nimm t, nicht der stille* gute Freund, der den Greis zur Tür hinausgeleitet, der ein Abschluß des Rahmens, das Capitäl der Säule, der letzte Akkord der Symphonie ist: Der das Leben nicht nimmt, sondern endet. Leben ist allles, glaub’ mir, alles, und das jüdische Volk, das die Scheiterhaufen nicht scheute, braucht cs auch nicht zu scheuen, diese herrliche Wahrheit vor allen andern Völkern tiefinnerlich verbreitet zu haben, so wie einst die Idee der unergründlichen göttlichen Allmacht und Allkunft. Und alle Entwicklung der Menschheit wird nach diesem Weg weiter gehen: Achtung des Lebens! Die Gesundheit wird der Altar sein, an dem die Völker knien werden; der Körper der Armen wird der Inhalt aller staatsmännischen Denkens sein, und die Richter werden als Verbrecher jene richten, die wie Bestien zur Wehrhaftigkeit rüsten und aneifern. Wie du weißt, Karl, liegt mein guter Vater, schwer darnieder. Ich war bereits zweimal zuhause und bin mit gepreßtem Herzen wieder nach Wien gefahren. Sein gutes Gesicht ist von der Krankheit aufgedunsen, sein treues Auge unendlich traurig. Er liegt in dem Bette schweigsam und unbeweglich, aber ich habe ihm plötzlich schluchzen gehört. Du weißt ja, mit dem Materiellen steht es bei uns nicht gar gut nun; da Papa schon Vlonate nicht ins Geschäft kann, geht es rapid zurück. „Papa“, habe ich gesagt „ich werde zuhause bleiben und ins Geschäft gehn!“ Da ist ein wehmütiges Lächeln auf seinen Mund gekommen, und in dem Auge war es so glänzend, als wäre darin ein quecksilbernes Tröpfchen; eine Träne. Und der gute Vater sagte: „Das täte dem schlechten Geschäft noch fehlen, so ein studierter Schlemiehl als Prokurist!“ Und dabei nahm er meine Hand sa zärtlich, wie er es nie getan, und streichelte sie. Durch meinen Körper schrie ein entsetzlicher Schmerz. Fritz.