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Jüdische Zeitung · 1909-08-13 · 33 (13.8.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: 1^, Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjäpr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige -:.-************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■*'* ************46 Nr. 33. ^Wien^re^ag^den^l3^^gust^909. Iü. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Heraus aus der Engel Jüdische Großindustrielle, die keine Juden anstellen. Der Judenpunkt in der Sozialdemokratie. Zionistische Wochenschau. Alliance israelite. Gedicht von BEDA. Was uns nottut Alliance und Allianz. Aus dem jüdischen Leben. Feuilleton: Ein Kind unter Kindern. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Heraus aus der Enge! Noch immer steht ein nicht geringer Prozentsatz unserer besten Kräfte der Landespolitik völlig teilnahmslos oder zumindest skeptisch gegenüber. Heute darüber zu streiten, ob sich die Zjonisten innerpolitisch zu betätigen hätten oder pight, dünkt ups so töricht, wie die Philosophie jenes Taimudisten, der sich des _Abends hinsetzt und zu „klären“ beginnt, welchen Stfefet er zuerstausztehen*- soll Ep ereifert sich immer mehr und erwägt so lange das „Für“ und „Wider“, bis der Morgen seine Lampe überstrahlt. Entkräftet und übernächtig sitzt er da — und hat noch beide Stiefel an. Aehnlich ergeht es unseren disputierenden Vereinsbrüdern, die sich am grünen Tische in den hitzigsten Diskussionen darüber ergehen, ob die innerpolitische Betätigung nicht zwecklose Kraftvergeudung eines Vplkes sei, dessen einzige Hoffnung jenseits des Meeres liege, ob sie nicht die Heimstättenarbeit verkürze und ob sie nicht die Verflachung und Befleckung des zionistischen Ideals im Gefolge haben Könnte. Sie beweisen aus der Geschichte, daß die Juden unmöglich an der Landespolitik interessiert wären — und 33.000 galizische Proletarier und Kleinbürger geben unter den größten Gefahren ftjr ihre Existenz den zionistischen Kandidaten ihren Stimmzettel. Sie belegen statistisch, daß es ganz ausgeschlossen ist, unter den Wirtsvölkern für das Judentum Nennenswertes durchzusetzen — und in der Bukowina normiert der Permanenzausschuß des Landtages die jüdische Landtagskurie, sie bekräftigen mit einem Faustschlag auf den geduldigen Vereinstisch, daß der Staat kein Bedürfnis habe, sich um die Judenfrage offiziell zu kümmern — und doch findet demnächst die vom gallischen Landtage schon im Jahre 1907 beschlossene Enquete über die galizische Judennot statt, und wenn wir jetzt nicht unsere legalen, zionistischen Volksvertreter hätten, die einzigen berufenen Männer, die den Herren auf die Finger schauen werden, damit aus der Sache nicht eine lächerliche und verderbliche Moschko- Komödie wird, dann sä®en wir da und müßten das Schicksal unserer Aermsten den Hausjuden des Polenklubs und den Geschäftsträgern des Wunderrabbi vqn Sadagora überlassen. Ueber diesem ewigen Spintisieren, ob man Politik treiben dürfe oder nicht, ist es eben heller Morgen geworden. Eine jugendkräftige Aera jüdisch-politischen Lebens ist angebrochen und nur allzuyiele ausgezeichnete Zionisten stehen entkräftet und verbraucht vom ewigen Theoretisieren weit zurück und wir entbehren sie bitter. Das muß anders werden. Heute braucht man keinem Zionisten nachzuweisen, daß die Landespolitik auf der Linie der zionistischen Entwicklung liege. Es ist längst anerkannt, daß sich keineswegs — wie wir einstmals irrtümlich wähnten — die zurückbleibenden Juden auf das zu gründende Gemeinwesen werden stützen können und daß ihr die Heimstätte Schutz und Hort sein wird, sondern umgekehrt: UnsereHeimstätte wird erst dann gedeihen, wenn sie sich auf ein geeinigtes, in den einzelnen Golusländern konsolidiertes, modernes, bewußtes Judentum wird stützen können. Wiesonstaber wäre diese wichtigste Prämisse für die Erlangung des Zieles zu erreichen, wenn nicht durch jüdische Landespolitik? Und wem hat nicht das Herz höher geschlagen, als er zum erstenmale im österreichischen Reichsrate neben Kur an da und Redlich und Stransky und Löwenstein Männer sah, die das sagten, was wirklich in ihnen und in tausenden Wählern lebt? Wer ist so verbohrt und von öder Vereinsmeierei angekränkelt, daß er dieses moralische Moment unterschätzt, wer hat übersehen, wie durch das Auftreten unserer vier Abgeordneten beispielsweise die Haltung der jüdischen Sozialdemokraten Galiziens beeinflußt und die jämmerliche Almosenpolitik unserer Assimilanten zurückgedrängt wird? Darum rufen wir die abseits Stehenden zum Anschluß an. Heraus aus der Enge! Verzehnfachen müssen sich die Scharen, die in Ost und West des Reiches hinter den Abgeordneten stehen. Der JüdischeKlub braucht einen volltön enden Reson nanzb o den! Die Studentenschaft muß sich zu vollem Verständnis der Landespolitik erziehen und der Bürger muß die Aktionen des Abgeordneten mit Einsicht begleiten und fördern. Der jüdische Nationalverein, der die organisierte jüdische Wählerschaft verkörpert, muß energisch gefördert und geweitet werden. Möge doch das ausgezeichnete Wort Mathias A chers Beherzigung finden: „Israel geht vor Zion. Zion selbst ist ohne diese Erkenntnis nicht zu erreichen!“ FEUILLETON.' Ein Kind unter Kindern. Von Menachem Gottesfeld. Es war an einem Vorabend, als ich ins Dorf Trojza in Pokuzien kam. Festgefügte Walkenstreifen, rosenrot verbrämt, umarmten die sinkende Sonne, ln allmählicher Verdämmerung gingen die scharfgewellten Unjrisse der Karpathen in zitternde Verschwommenheit über. In der Ferne bebte ein leiser Donner. Die zerstreuten Hütten mit den Strohdächern hatten im Schimmer der Abendsonne etwas märchenhaft-idyllisches, rührselig-traumverlorenes. Ich streckte meine müden Glieder auf einen Abhang und dachte an Israel Beseht, der hier eine zeitlang gelebt hatte, und, in sprunghafter Gedankenverkettung, an das ewige Yergangensein des Güten und Großen. Alles Erhabene, Gewaltige kann wegen seiner Unvereinbarkeit mit dem „Realen? nicht in flüchtige Erscheinung treten- — Es erhält seine Qbjektivation in der Vergangenheit. Rie Vergangenheit ist der Projektionsmodus überquellender Innerlichkeit der Volksseele- — Sie ist in dem Falle, kein zeitlicher Begriff, sondern eine Form der Erkenntnis unserer selbst — daher die unverwelkliche Jugend des Mythus, des Märchens . . . „Heil Jesu Christo!“ Ein alter Bauer grüßte in zuvorkommender Freundlichkeit und nahm neben mir Platz. Er fand bald die Einleitung zu einem Gespräch. „Keine Kräfte, keine Kräfte, junger Herr! Das Alter ist eine gar schwere Bürde. In früheren Jahren — he, da war’s anders. Da waren auch die Menschen anders: fromm, gut, stark. Mein- Vater war in meinem Alter noch rüstig und kräftig. Von meinem Großvater gar nicht zu reden. Allerdings lebt nicht immer ein Srulko und n|cht jeder hat seinen Segen. Ja, wir leben jetzt in einer kleinen, armen Zeit.“ Hier schwieg er. Er schien angestrengt. Offenbar um längstverschüttetfr Erinnerungen hervorzuholen. „Seht Ihr diesen Brunnen dort in der Ferne?“ fragte er plötzlich. Ich bejahte. „Das ist der .Brennen des Rabbi*. Sein Wasser heilt jetzt noch Kranke. Srulko hieß der Rabbi. Rabbi war er später bei fjep Jaden in den Städten. Bei uns war er Schankwirt. Aber er war nicht wie die anderen Wirte. He, Srulko war anders. Glaubt Ihr, daß ich ihn kannte? — Nein. Aber mein Großvater, Gott habe ihn selig, erzählte mR Großes von diesem Juden, diesem Srulko.“ Er räusperte sich und fuhr fort: „Mein Großvater hatte in seinem Leben ein Stück Welt gesehen und War zehnmal so gescheit und gut als ich. Er hatte eine eigene Art zu sprechen. Es drang so — so tief ins Innere, was er sagte. Das hatte er von ihm, vom Srulko. Er batte von ihm auch einen Segen, der in Erfüllung ging: Er lebte seine hundertundzwanzig Jahre und blieb Ortsrichter da in Trojza bis an sein seliges Ende! Aber mein Großvater hat ihn auch redlich verdient, den Segen, um den Wundermann. Ob dieser es wußte? — Allabendlich legte er zur Winterzeit eine Handvoll Stroh auf die Eisdecke des Prut. Er wußte, daß Srulko dort jeden Morgen vor dem Beten badete. Und da wollte er nicht, daß Srulkos Füße sich am Eise verbluten. — Einst waren bessere Zeiten. Da wandelte der liebe Herrgott selber unter den Menschenkindern. Jetzt kommt er allein nicht mehr auf die sündige Erde- So schickt er uns zu gewissen Zeiten göttliche Menschen. So einer war Srulko.“ So pflegte mein Großvater zu sagen. „Srulko hatte ein blasses Gesicht wie der Mond und ein Paar Augen — Augen wie die Taube, wie das Reh. Er war auch sanft und gut, wie die Taube, wie das Reb. Und klug war Srulko! Im Geheimen gestand man sich, daß er klüger als der Pfarrer war. „Srulko lebte bei uns in Trojza mit einer schönen, guten Frau. Frauen sind keine Menschen. Sie sind entweder Teufel oder Engel. Srulkos Frau war ein Engel. Bescheiden, fromm, wie er. Sein

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