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Jüdische Zeitung · 1909-06-11 · 24 (11.6.1909) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
24 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 23 Palästina. Der letzte britische Konsularbericht über Palästina. Der britische Konsularbericht aus Palästina für das Jahr 1908 konstatiert in sachlicher Weise, daß Palästina in der letzten Zeit in jeder Beziehung einen Aufschwung genommen hat Sowohl der Konsul E. C. Blech als die Vizekonsuln Falanga und Kuesevich sind des Lobes über die im Lande geleistete Arbeit voll und geben der Hoffnung Ausdruck, daß die günstige Entwicklung anhalten wird. Im abgelaufenen Jahre wurden aus Palästina Waren im Werte von 556370 Pfund Sterling gegen 295300 Pfund im Jahre 1904 exportiert und Waren um 803.400 Pfund Sterling gegen 473320 Pfund im Jahre 1904 importiert. Im abgelaufenen Jahre steigerte sich der Export um 15 Prozent und der Import fiel um 1 Prozent. Der Schiffsverkehr im Hafen von Jaffa ist sehr rege. Sowohl in Bezug auf die Anzahl der Fahrzeuge als auch auf ihren Tonnengehalt ist eine Steigerung zu beobachten. Die Städte entwickeln sich stetig. Man geht daran in Jerusalem eine Wasserleitung einzuführen. Ebenso wird die Einführung von elektrischen Straßenbahnen und elektrischer Beleuchtung in Jerusalem und Jaffa geplant Die Jaffa-Jerusalem-Eisenbahn-Gesellschaft steht mit den Behörden wegen Anlegung eines Kais in Jaffa und Verlängerung des Bahndammes bis an den Hafen in Verhandlung. Außerdem bewerben sich viele Privatpersonen und Gesellschaften um Konzessionen für verschiedene Unternehmungen. Ein italienischer Kapitalist plant den Bau einer Eisenbahn von Jaffa bis Ghaza und von dort bis zur ägyptischen Grenze; außerdem plant man den Bau einer Linie von Haifa nach Jaffa und von Jerusalem nach Es Salt und an die Hedschas-Bahn. Es ist kein Zweifel, daß mit der Konsolidierung des konstitutionellen Regimes all’ diese Pläne verwirklicht werden. Eine Gruppe französischer Kapitalisten bemüht sich um die Erwerbung einer Konzession zur Ausbeutung der Phosphatlager am Toten Meere. In Jerusalem wurde in der letzten Zeit eine Handelskammer eingerichtet, welche Handel und Gewerbe überwachen und fördern soll. Der Vizekonsul Faranga aus Jaffa be-. richtet von den Juden in Jaffa und der Umgebung und nennt sie „den fleißigsten und am schwersten arbeitenden Tei 1 derBevölkerung.“ Sie sind, berichtet er, sowohl im Handel als auch in der Landwirtschaft und in der geringen Industrie an erster Stelle vertreten. Er berichtet auch von dem Versuch, die Baumwollstaude in Palästina heimisch zu machen und erklärt ihn für erfolgreich. Der Vizekonsul von Ghaza meint, daß durch die Einführung europäischer Agrikulturmethoden in der Nähe von Ghaza Erfolge zu erzielen wären. „Ich habe“, schreibt er, „den britischen Juden empfohlen, in der Gegend von Ghaza eine Kolonie anzulegen und sie haben mich bevollmächtigt, für diesen Plan genügend Land anzukaufen. Die Wirren der letzten Monate verhinderten mich an der Absicht, doch hoffe ich, binnen Kurzem einen großen Streifen Landes für meine Auftraggeber ankaufen zu können.“ Aus diesen über allen Zweifel objektiven Berichten geht hervor, daß sich Palästina stetig entwickelt und daß die Juden an dieser Entwicklung lebhaften Anteil nehmen und sie nach Kräften fördern. * * . * Einberufung in Palästina. Jaffa. Die Erhebungen zum Militärdienst der jüdischen und christlichen Ottomanen hat in Palästina bereits begonnen. Der Hazewi ist bereits in der Lage, sechs sephardische junge Leute aus Hebron zu nennen, die. als tauglich befunden und zum Militärdienst einberufen wurden. * * * Ausstellung des Bezalel. ■ Jerusalem. Der Bezalel, der im-letzten Jahre einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen und die Zahl seines Ateliers und der in denselben beschäftigten Arbeiter -bedeutend vergrößert hat, hat auch am diesjährigen Lagbeomer das nun traditionell gewordene Bezalelfest gefeiert und an das- ] selbe, wie im vorigen Jahre, eine Ausstellung seiner Produkte angeschlossen. Außer zahlreichen jüdischen Gästen waren zur Ausstellung die Spitzen der hiesigen Behörden erschienen: Der Jerusalemer Generalgouvemeur (Mutessarif), der Bürgermeister der Stadt Jerusalem (Räs beladije) und noch andere hohe Beamte und Vertreter der Konsulate. Sämtliche Besucher trugen von der Ausstellung einen sehr günstigen Eindruck davon. Interpellation des Abgeordneten Dr. Gabel und Genossen. An Seine Exzellenz Herrn Minister des Innern, betreffend die willkürliche Ausweisung von Juden aus allen im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern. 1. Ein gewisser Aron Seidel, geboren in Niemirow, Gouvernement Podolien, in Rußland, wohnte seit zirka vier bis fünf Jahren samt seiner Familie in Oswiecim in Galizien, wo er sich als Flickschuster bescheiden und kümmerlich ernährte. Das jüngste seiner Kinder ist bereits in Oswiecim geboren. Der Genannte ist ein ehrlicher stiller Mann, der nur von seiner Arbeit lebt, niemals jemanden behelligt hat und auch keinerlei behördliche Anstände hatte. Dennoch hielt es die k. k. Bezirkshauptmannschaft in Biala — aus unbekannten Gründen — für angezeigt, den genannten Aron Seidel und seine ganze Familie aus dem Bereiche des politischen Bezirkes Biala, auf Grund des § 1 des Gesetzes vom 27. Juli 1872 angeblich deshalb auszuweisen, weil er ein Landstreicher sei und keine Personalausweise besitze. Der Betreffende hat durch einen Advokaten einen umfangreichen, eingehend begründeten Rekurs an die k. k. galizische Statthalterei überreicht, und in demselben ist insbesondere darauf hingewiesen worden, daß der Genannte samt Familie seit vier Jahren ständig in Oswiecim wohnt, seit längerer Zeit in einer und derselben Wohnung, daß er bis nunzu niemals die öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch genommen habe und daß somit das Ausweisungserkenntnis um so weniger begründet sei, als Aron Seidel Ausweispapiere besitzt, und zwar einen russischen Militärpaß, eine Bestätigung über seine Zuständigkeit zur Gemeinde Nemirow und ein von dieser Gemeinde ausgestelltes Moralitätszeugnis, respektive Leumundschein, welche Urkunden ihm jedoch .anläßlich der Assentierung seines Sohnes Ben Zion Seidel, vom Ergänzungsbezirkskommando in Wadowice abgenommen wurden. Nun geschah aber etwas Unglaubliches. Die k. k. galizische Statthalterei in Lemberg hat nämlich mit der Entscheidung zur Z. IV 161.541/1908 vom 3. April 1909, statt dem Rekurse stattzugeben — das obbezogene Ausweisungserkenntnis der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Biala vom 10. November 1908, Z. Z. 44.781 und 4478, nach § 1 lit. a und b) des obigen Gesetzes nicht nur bestätigt, sondern vielmehr im Sinne des § 7 dieses Gesetzes, angeblich mit Rücksicht auf die öffentliche Ordnung und Sicherheit die Ausweisung unter der Strenge des § 323 StGB, auf alle Reichsratsländer ausgedehnt. Dieses Erkenntnis der Statthalterei ist nach § 7 des obigen Gesetzes unanfechtbar. Aron Seidel erhielt eine Galgenfrist bis zum 10. Mai a. c., wonach ihm angedroht wurde, daß er zur russischen Grenze abgestellt werden wird. Die obigen, geradezu satrapischen Ukase, welche alle menschlichen Gefühle verletzen, werden erst dadurch ins rechte Licht gerückt, wenn erwogen wird, daß ein Sohn dieses Aron Seidel als Oesterreicher in Wadowice zum Infanterieregiment Nr. 56 assentiert wurde. Also der Sohn wird als Oesterreicher behandelt und obwohl er selbst schon Vater von vier Kindern ist, wird er in Oesterreich assentiert, während sein leiblicher Vater angeblich aus öffentlichen Rücksichten aus ganz Oesterreich ausgewiesen wird. Der soeben geschilderte Fall steht nicht vereinzelt da, ist vielmehr ein typischer, denn in derselben rücksichtslosen Weise sind die galizischen Behörden schon wiederholt vorgegangen. Insbesondere mag auf die nachstehenden zwei besonders krassen Fälle auf der jüngsten Zeit hingewiesen werden. II. Ein gewisser Josef S z k 1 a r e z, Zimmermaler, seit dem Jahre 1886, also seit 20 Jahren, in Mielec wohnhaft, ein in jeder Beziehung ruhiger Mann, der nur einmal wegen einer geringfügigen Ehrenbeleidigung bestraft war, erhielt am 22. Jänner 1909 vom k. k. Bezirkshauptmanne Grabowski in Mielec den Auftrag, binnen 30 Tagen das Staatsgebiet zu verlassen, da er sonst als russischer Untertan zur Grenze überstellt werden wird. Der Genannte wurde also als fremder Untertan, und zwar als Russe behandelt, obwohl ihm mit dem Schreiben der Gemeinde in Ryzow, Bezirk Mielec, vom 22. Oktober 1887, also bereits seit 21 Jahren bestätigt wurde, daß er in dieser Gemeinde Heimatsberechtigung erworben habe, so daß er seit 21 Jahren bereits österreichischer Untertan ist. Der von Josef Szklarz an die k. k. galiz. Statthalterei überreichte Rekurs blieb erfolglos. III. Ein gewisser Efroim E i n h o rn,' der jahrelang unbeanstandet in Przemysl wohnte, wurde von dort, beziehungsweise aus ganz Oesterreich, ohne;eden Grund ausgewiesen: Derselbe hat dann bei der k. k. galiz. Statthalterei um die Gestattung des Aufenthaltes in Galizien angesucht, und vor seiner Abreise aus Przemysl wurde ihm von der Polizei bedeutet, daß man ihm den Aufenthalt in anderen Städten Galiziens gestatten wird. Trotz seiner Eingabe an die Statthalterei und trotz des obigen Versprechens der Polizji in Przemysl wurde der inzwischen nach Rzeszow übersiedeite Efraim Einhorn am 3. März 1909 von der Behörde in Rzeszow benachrichtigt, daß er seitens der k. k. Statthalterei in Lemberg aus ganz Oesterreich ausgewiesen sei und binnen 24 Stunden Stadt und Land verlassen müsse. Der Genannte hat infolge dieser willkürlichen Ausweisung bedeutende vermögensrechtliche Veruste erlitten, weil er in Rzeszow kontraktlich verbunden war und infolge der Ausweisung seinen vertragsmäßigen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte. Ein Grund für die Ausweisung des Genannten ist absolut unerfindlich, denn trotz seiner Ausweisung aus Przemysl erhielt er von der dortigen Polizeibehörde und vom Stadtmagistrate die besten Zeugnisse. Aus diesen drei krassen Beispielen ist mehr als genug ersichtlich, daß die galizischen Behörden bei Ausweisung von Judeu mit der größten Willkür vorgehen, da in allen diesen, Fällen kein ersichtlicher Grund für die Ausweisung vorlag, es wäre denn, daß es sich nur um Juden und speziell um russische Untertannen handelte. Es stellen daher die Gefertigten die Anfrager Ist seine Exzellenz der Herr k. k.-Minister des Innern geneigt, die k. k. galizischen politischen Bezirksbehörden im Wege der k. k. Staathalterei in Lemberg anzuweisen — bei etwaigen Ausweisungen von jüdischen Ausländern eine andere als die bisherige. und zwar mehr humane und gerechtere Praxis zu beobachten und ist ferner der Herr Minister des Inneren geneigt zu verfügen, daß in den öberwähnten drei Fällen diese ganz willkürlichen und ungesetzlichen Ausweisungen sofort rückgängig gemachet werden? Vereinsu. Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Der Jüdische Nationalverein plant in der nächsten Zeit eine Reihe von Versammlungen in Böhmen, Mähren und Schlesien abzuhalten und bittet alle Gesinnungsgenossen in diesen Ländern^ die Versammlungen wünschen, sich betreffs Thema, sowie Termin mit dem Sekretariat, IX., Liechtensteinstraße 11, in Verbindung zu setzen. Bielitz. Am 20. d. veranstaltet der hiesige zionistische Verein „Haschachar“ ein großes Fest unter Massenbeteiligung der Nachbargruppen aus österreichisch und preussich Schlesien, Rußland und Westgalizien, verbunden mit einem Ausflug am Vormittage in das benachbarte Gebirge, gemeinsamem Mittagessen und Kommerse. Bisher 14 Gruppen angemeldet. Wien. (Verband der jüdisch-nationalen Finken an den Wiener Hochschulen.) Die ordentliche Generalversammlung des Verbandes findet erst Dienstag den 15. d. M. um 7 Uhr abends im Versammlungssaal des zionistischen Zentralvereines, IX., Türkenstraße 8, 2. Stiege, statt.-Jüdisch-nationale Finken erscheinet insgesamt! Liste der Ueberläufer. (Vom 2. bis 9. Juni 1909.) Linda Porges, 1884, Prag, ledig, IX., Porzellangasse 36. Dr. Viktor Krüger, 1883, Wien, ledig, Kapelle meister, II., Obere Donaustraße 99. Kreszentia geb. Feiffer Gorlitzer, 1838, Raab (Ungarn), verwitwet, Private, III., Rennweg.5. Josef Wollner, 1877, Wien, ledig, k. k. Bauadjunkt, XVIII., Julienstraße 11. Jezchok Mordche Hartstein, 1869, Huszt (Ungarn), verh., Kaufmann, II., Taborstraße 8. Taube Hartstein, 1894, M. Sziget (Ungarn),, ledig, Handelsakademikerin, II., Taborstraße 8. Rosa geb. Friedmann Hartstein, 1875, Munkäcs, verh., Kaufmannsgattin, II., Taborstraße 8. Stefanie geb. Obinger Weiß, 1881, Wien, ger. geschieden, Kunstblumenbinderin, XIV., Mariahilferstraße 202. Ella geb. Baumgarten Klare, 1883, Györ (Ungarn), verheiratet, IV., Seisgasse 7. Felix Bauer, 1871, Wien, ledig, Kaufmann, IX., Liechtenstreinstraße 53. Emma Biach, 1886, Wien, ledig, Privat, II., Obere Donaustraße 19. Marietta Rousperger, 1887, Baden bei Wien, ledig, Private, I., Hohenstaufengasse 2. Samuel Handl, 1846, Prerau, verh., k. k. Professor i. R., XVIII., Anton Frankgasse 5. Eugenie geb. Fischer Rousperger, 1861, Wien, verh., Private, I., Hohenstaufengasse 2.

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