Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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"jüdische Zeitung Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Lieehtensteinstrasse 11 Telephon 12.299. sprBcbsmndea täglich toi 11—12 Dir yormittags ui 4—5 Uhr nachmittags. M Organ. Erseheint wöphentlieh. Abonnementspreise: In Oesterreich - Ungarn: Ganzjähr. K IO-— halbjähr. K 5‘—, Vierteljahr. K 3‘— In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10'— halbjähr. Mk. 5‘—, Vierteljahr. Mk. 3 — Manuskripte werden nicht zurückgestelit. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15*— Nr. 20 1 m Wien, Freitag den 14. Mai 1909. i III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Verkehrt nicht mit Wucherern I Am Vorabend des Trialismus. Entrechtung der Juden durch die österreichische Reichsregierung. Tante Sophie Gedicht von Beda. Feuilleton: Die Tuberkulose unter den Juden. Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Palästina. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Jtidifche Volksgenoffen! Der „Jüdische Nationalverein in Oesterreich" weleher ein Sammelpunkt volkstreuer Juden ist, fordert hiermit alle modern-jüdiseh und modern - demokratisch gesinnten Volksgenossen in ganz Oesterreieh zum Beitritt auf. Jahresbeitrag 4 Kronen. Beitrittserklärungen sind zu richten an das Sekretariat Wien IX., Liechtensteinstraße 11. Die „Jüdische Zeitung“ kostet: vierteljährlich . . . K 3.— halbjährlich . . . . „ 5.— für 1 Jahr ..... „ 10.— Es ist Pflicht eines jeden Gesinnungsgenossen die „Jüdische Zeitung“ zu abonnieren und für ihre Verbreitung unablässig tätig zu sein. Adressen von Personen, an die mit Aussicht auf Erfolg Probenummern gesendet werden können, sind stets erwünscht. An unsere Abonnenten! Wir ersuchen unsere Abonnenten, deren Abonnement abgelaufen ist, um Ueberweisung der rückständigen Beträge, da sonst eine Unterbrechung in der Zusendung der „Jüdischen Zeitung“ eintreten müßte. Die Verwaltung der „Jüdischen Zeitung", Geseilsch. m. b. H. Verkehrt nipht mit Wucherern! Den Defraudanten Reicher wären wir glücklich los. Aber er h$t uns ein unheilvolles Vermächtnis zurücjcgelassen. Seine HerrenGeschäftsfrpundesind uns geblieben! Die betrogenen Betrüger, die hundert und mehr perzentTgen Ehrenmänner, die Wucherer in Glaceehandschuhen. Als Industrielle, Großkaufleute mit klingenden Namen, Rechtsbeflissene, hervorragende Stützen der Gemeinde verschönern sie noch weiterhin die „gute Gesellschaft“. Sie haben beileibe nicht gewuchert. 0 nein. Sie haben sich nur ihr „Risiko“ bezahlen lassen. Sie haben für sehr billiges Geld falsche Wucherwechsel gekauft. Sie haben die schwindelhaftesten Unternehmungen gestützt, natürlich gegen entsprechenden Gewinnanteil u. dgl. m. Und als der Skandal zum Ausbruch kam, als die Namen der noblen Halsabschneider bekannt wurden, welche Antwort wüßte unsere „gute“ Gesellschaft zu geben? Förmlich bemitleidet, achtungsvoll bemitleidet wurden die Schächer, weil sie soviel Geld verloren haben und noch — das Maul halten müssen. Sie werden weiterhin ehrerbietigst in Komitees und Vereinsausschüsse gewählt werden, man wird ihre Frauen wieder auf die Patronessenestrade setzen, das schmutzige Geld, welches sie hie und da für einen „edlen“ Zweck hinwerfen, wird mit kriecherischem Augenverdrehen und jubelndem Reklamegeschrei in Empfang genommen werden, wie vordem. Dem Falle Reicher folgte die Affaire Spitz. Das gleiche Schauspiel. Hinter dem verzweifelten Schuldenmacher und skrupellosen Spekulanten, noch skrupellosere Geldgeber. Doppelt gefährliche Subjekte, weil sie ihre Schwindeleien anonym betreiben, als hochachtbare Patrizier in unseren „vornehmen“ Kreisen wurzeln. Und eine neue Ueberraschung wild dem staunenden Publikum in Kürze geboten werden. Der Prozeß des Stuart Washington, rekte Schlesinger! Gegenstand der Sensation wird wiederum nicht der Angeklagte sein, vorwiegend seine ehrsamen Geschäftsfreunde und ihr Gebahren werden das öffentliche Interesse für sich in Anspruch nehmen. Wiederum wird es sich weisen, daß gesellschaftlich hochstehende Männer es nur zu gut verstanden haben, den Gaunern, die ihnen als solche bekannt waren, einen Teil des Raubes abzunehmen, die verzweifelte Situation der Schwindler weidlich auszunützen. In den besten Salons wohlgelittene Kaufleute, Doktoren aller Fakultäten u. a. getaufte und ungetaufte, werden als Hauptakteure, leider dem Gesetze entrückt, dastehen. All diesen „Stützen der guten Gesellschaft“ gegenüber müssen uns die Reicher, Spitz und Stuart noch liebenswürdig erscheinen. Hier der Leichtsinn, Spekulationsfieber und die Großmannssucht als treibende Motive, dort die kalt überlegende Habsucht, Profitgier. Hier die verzweifelte Anstrengung sich über Wasser zu halten, die letzte Position zu retten, dort das schmutzige Bedürfnis zum Gelde mehr Geld zu legen, unter großen Protzen der größere zu sein! In wenigen Wochen drei Fälle, in denen neben einigen Christen verhältnismäßig viele getaufte und ungetaufte Juden der wohlhabenden bürgerlichen Kreise an wucherischen und erpresserischen Geschäften beteiligt erscheinen! Es ist wahrlich % Die Tuberkulose unter den Juden. Von Dr. Maurice Flshberg in New-York. Vortrag, gehalten am Internationalen Tuberkulosekongreß in Washington. I. Unter den vielen besonderen Eigenschaften, die unter den Juden zu finden sind oder ihnen zugeschrieben werden, ist die bemerkenswerteste ihre behauptete Immunität gegen die schädlichen Effekte mancher Infektionskrankheiten, speziell gegen Tuberkulose. Aerzte, die hauptsächlich unter jüdischer Bevölkerung praktizieren, haben wiederholt von der Seltenheit der Tuberkulose unter ihnen gesprochen. Die Lebensstatistiken der verschiedenen Länder und Städte haben gezeigt, daß die Zahl der Juden, die an Tuberkulose sterben, verhältnismäßig geringer ist als die der nichtjüdischen Bevölkerung ihrer Umgebung. Schon vor über fünfzig Jahren stellten die Aerzte fest, daß bei Juden die Tuberkulose selten sei; für heutzutage ist bloß feststehend, daß, während an tuberkulösen Juden kein Mangel ist und die jüdischen Lungenheilstätten mit Patienten überfüllt sind und in der Regel viele Patienten aufweisen, die auf ihre Aufnahme in dieselben warten, noch immer demographische Statistiken zeigen, daß die Tuberkulose im Verhältnis weniger oft die Todesursache abgibt bei den Juden als bei den Nichtjuden in denselben Städten und Ländern. In einem Bericht über die Lebensstatistik der Juden in den Vereinigten Staaten hat das Zensusbureau mitgeteiit, daß nach einer Untersuchung an 10.618 jüdischen Familien, die 60.630 Personen umfassen, welche am 31. Dezember 1889 in den Vereinigten Staaten lebten, hervorgeht, daß die Sterbezahl an Tuberkulose per 1000 Todesfälle unter Juden 36'57, unter Jüdinnen 30'02 betrug, gegen die entsprechende Zahl per 1000 von 129'22 Männern und 146-97 Frauen der Bevölkerung in Massachusetts im Jahre 1888. Dies würde zum Schlüsse führen, daß die Gesamtbevölherung von Massachusetts über viermal mehr Sterbefälle an Tuberkulose aufweise als die Juden in den Vereinigten Staaten. Wenn man aber bedenkt, daß das Zensusbureau, während es diese jüdische Statistik sammelte, mit einer ausgesuchten Klasse der Bevölkerung gerechnet hat, deren Adresse es von seinen Agenten erhalten hat, muß man zugeben, daß Vergleiche mit