Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 16 Eine neue Aera begann im Jahre 1880 nach der Besetzung von Bosnien. Angehörige verschiedener Nationen ließen sich im Lande nieder, die Verwaltung wurde verbessert und infolge der verbesserten Verkehrspflege traten auch sonst mannigfache Veränderungen ein. Die Entwicklung des Handels und der Industrie hatte einen heilsamen Einfluß auf das Leben und auf die Sitten der Bewohner. Auch die spaniolischen Juden mußten den veränderten Verhältnissen der Neuzeit Rechnung tragen. Zuerst taten sie es nur schüchtern, später aber mit immer größerem Eifer und Nachdruck. Die alte Generation ist aber stets konservativ geblieben. Sie lebt nach ihren alten Gewohnheiten, spricht ihr Jargon, das sie mit Stolz nie „lingua franca“ nennt. Fast alle spaniolischen Juden wohnen in den Städten. Sarajewo zählt deren etwa 3000. In Herzegowina scheint es ihnen nicht zu gefallen. Sie kleiden sich wie die Türken, von denen sie sich nur durch das Fehlen des Turban und durch den mit Pelz verzierten „Talar“ unterscheiden. Die modernen Juden kleiden sich nach europäischer Art, tragen aber den Fez. Die verheirateten Frauen tragen ein seidenes oder leinenes Tuch auf der Stirn in verschiedenen Farben. Die Reichen verzieren es mit Goldstickereien, zuweilen sogar mit Goldmünzen. Dieses Band vertritt die Stelle des Haarscheitels unserer orthodoxen Frauen, an dessen Stelle übrigens heutzutage die falsche Haarfrisur tritt. Aeltere Frauen und Witwen tragen auch weiße Shwals, sodaß sie fast ganz den türkischen Frauen gleichen. Das religiöse Gefühl durchdringt das ganze häusliche und soziale Leben der spaniolischen Juden. Da gibt es keine Begrüßung, keine Konservation und keinen Brief, die nicht eingeleitet würden mit irgend einem Spruche aus der heiligen Schrifk Sabbat und Festtage werden aufs strengste beobachtet. Mit ihren Glaubensgenossen aus anderen Ländern verkehren die Spaniolen nur selten, und auch da nur zu geschäftlichen Zwecken. Die älteren Leute wallfahrten jedes Jahr nach Jerusalem, sie wollen in dem Lande ihrer Väter leben. Man findet unter ihnen Männer mit großem talmudischem Wissen, mit seltener Energie, und zugleich bewundernswerter Menschenliebe. Allerlei. Die Erforschung des toten Meeres. Dieser Tage ist nach Palästina eine Expedition abgegangen, die sich die Erforschung des toten Meeres zum Ziele gesetzt hat Die Expedition besteht, der Italia zufolge, aus 20 Personen, darunter neun Dominikaner und eine Anzahl Ordensleute aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Holland, England und Amerika. Die Leitung der Expedition haben die Professoren der Bibelschule der Dominikaner in Jerusalem; sie haben für eine bestimmte Zeit den einzigen Dampfer gemietet, der das Tote Meer befährt; die Mitglieder der Expedition schlafen an Bord des Schiffes und machen unter Tags ihre Ausflüge. Die Expedition hat topographische, archäologische und naturwissenschaftliche Zwecke, und man erwartet, daß sie die bisherigen Kenntnisse, die Louis Loriot, Guillaume Rey, Vugüe und andere Forscher uns über das Tote Meer vermittelt haben, die durch eine Katastrophe vernichtet worden sind. Das Tote Meer verdankt seine Entstehung einer tiefen Einsenkung, die durch den Hauptzufluß, den Jordan, bis zu einer gewissen Höhe ausgefüllt worden ist; der Spiegel des Toten Meeres liegt heute noch 436 Meter unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres. Das Tote Meer ist 75 km lang und bis zu 16 km breit; es findet sich in ihm kein Fisch, keine Pfanze, keine Koralie und keine Muschel. Sein Boden enthält namentlich Asphalt und viel Salz; der Salzgehalt des Meerwassers beträgt 26.25 Prozent, während der Salzgehalt des Meerwassers sonst nur 4 Prozent beträgt; das spezifische Gewicht des Wassers des Toten Meeres ist darum auch um ein Fünftel größer als das Gewicht des anderen Meerwassers. Man glaubt, daß aus diesem Grunde das Wasser des Toten Meeres besonders für therapeutische Zwecke geeignet wäre, und die Expedition wird wohl auch die Frage der Errichtung von Kur- und Badeanstalten an den Ufern des Toten Meeres in den Kreis ihrer. Forschungen und Beobachtungen ziehen. Die Juden in Turkestan. Die etwa 20.000 Seelen zählende bucharische Judenheit leitet ihre Herkunft von den aus Babylonien nach Turkestan eingewanderten Juden ab. Ihre ökonomische Lage ist im allgemeinen befriedigend: sie haben volle- Gleichberechtigung und betätigen sich hervorragend auf dem Handelsgebiete, insbesondere befindet sich der Manufakturhandel fast ausschließlich in ihren Händen. Dagegen bieten die bucharisch-sephardischen Juden in geistiger Hinsicht ein wenig erfreuliches Bild. Sie sind zwar fromm und gesetzestreu, kennen aber die Gesetzesquellen wenig, und ihre Frömmigkeit trägt den Charakter der Aeußerlichkeit. Von einer inneren Anhänglichkeit an das Judentum und zum jüdischen Volke merkt man bei ihnen nichts. Dje Jugenderziehung befindet sich in einem verwahrlostem Zustand. Das Cheder-„System“ in seiner ganzen unhygienischen und verderblichen Art herrscht in allen buchaiisch-sephardischcn Gemeinden vor, wobei je 50 bis 60 Knaben in einem „Cheder“ von einem rohen, ungebildeten „Melamed“ (Lehrer) der Siddur (Gebetbuch) eingedrillt wird. Noch schlimmer steht es mit den Mädchen, die man als ein Unglück betrachtet, wird den Eltern kein „Masel tauw“ (Glück) gewünscht. Das Verhältnis der Bucharen zu den russischen Juden ist ein mehr als indifferentes. Und es muß als ein Schandfleck für die Juden in Turkestan bezeichnet werden, daß sie in ihrem „staatserhaltenden Patriotismus“ gegen die russischen Pogrome nichts einzuwenden hatten. Allerdings verspüren sie jetzt selbst eine gegen sie gerichtete Feindseligkeit seitens ihrnr Mitbürger. In letzter Zeit haben sich mehrere Juden aus Rußland in Turkestan, niedergelassen, die eine merklich gute Einwirkung auf die Geistesverfassung der Bucharen — die sich noch unnötigerweise in abgeschlossenen Ghetti aufhalten — ausüben. Die Juden in Afghanistan. Die älteste Gemeinde des Landes, vielleicht der ganzen Welt ist die unter den Namen „Kehilat Bue Jaakob“ bestehende jüdische Gemeinde in Balkh (Afghanistan). Nach der ältesten vorhandenen persischen Urkunde von Ibn Gasweni aus dem zweiten Jahrtausend der Hegir, also dem 7. Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung, soll die Gemeinde von Bal-Assar tTiglat-Pilesar) datieren, der hier an der äußersten Grenze seines Reiches als Bollwerk gegen die-nomadischen Horden vom jenseitigen Ufer des Amu- Darja eine starke Festung mit Namen Balech anlegen ließ. Um die Stadt zu bevölkern, versetzte er eine Anzahl der durch ihn aus ihrem Vaterlande vertriebenen Juden nach derselben und wies ihnen den südlichen Teil der Stadt als Quartier an. Sie lieferten später dem El-Kamajim (dem „Doppelgehörnten“, d. i. Alexander dem Großen nach Daniel 8, 21) auf seinem Zuge nach Indien eine Anzahl Fahrzeuge, um verschiedene jenseits des Stromes wohnende Völkerschaften seiner Botmäßigkeit zu unterwerfen. Mündlichen Ueberlieferungen zufolge begaben sich von hier in der Blütezeit des zweiten Tempels mehrmals Gesandtschaften mit reichen Geschenken nach Jerusalem, um dort zu opfern und zum Unterhalt des Heiligtums beizutragen, da eine allgemeine Pilgerfahrt nach der heiligen Stadt unmöglich war. Die Straße Mehalechtel- Kuds (Straße nach der heiligen Stadt) hält die Erinnerung hieran bis auf den hentigen Tag lebendig. Nach dem Tode Muhammeds trat in der bisher günstigen Lage der hier wohnenden Juden eine sehr ungünstige Veränderung ein. In jener Epoche waren nicht weniger als 12.000 Juden, welche sich im Besitz von 16 Bethäusern befanden, in Balkh ansässig, und als die Araber über Herat und Kabul bis Indien vordrangen, war es Emir Walid, der nicht allein den Israeliten in den genannten beiden Städten, sondern auch denen in Balkh ein bedeutendes Kopfgeld auferlegte, eine drückende Maßnahme, welche ihrem Wesen nach bis heute nicht abgeschafft ist. Noch trauriger gestaltete sich ihr Los, als die Perser in Afghanistan zur Herrschaft gelangten. Es begann eine Zeit der Leiden und der Verfolgung, welche die Juden veranlaßfe, die Stadt zu verlassen und eine gastlichere Heimat zu suchen. Doch wohnen heute noch etwa 5C0 in Balkh, die sich hauptsächlich eines persischen Idioms bedienen, das mit einer Anzahl von Worten hebräischen, chaldäischen und assyrischen Ursprunges verquickt ist; in diesem Idiom werden auch die Vorträge in der Synagoge gehalten. In Bezug auf ihre religiösen Bedürfnisse haben sie sich von dem Rabbinat von Bakhara, dem Zenträipunkt der mittelasiatischen Juden, abhängig gemacht. Ihr Mari (Rabbiner), ihr Vorsänger, der Schochet, kurz alles, was für das jüdische Leben notwendig ist, wird von dieser Stadt bezogen. Trotz der sehr bedeutenden Entfernung zwischen beiden Orten reist doch Derjenige, welcher sich gottesdienstlicher Zwecke wegen für seine Gemeinde unterwegs befindet, mit einer Ruhe und Sicherheit, die mehrfach bereits die staunende Bewunderung europäischer Reisender erweckt hat. Sobald er eine jüdische Gemeinde erreicht hat, begibt er sich nach dem Beth-Hamidrasch, bindet sein Pferd oder Kameel an einen Baum und stellt sich dem Muallun (Lehrer) vor. Dieser empfängt ihn sehr zuvorkommend, sorgt für ein Fußbad, bietet ihm nach der herrschenden Sitte das Schulzimmer als Nachtquartier an und bittet ihn, über seine Wohnung zu verfügen. Mit Sonnenuntergang kommen alle Männer, welche Zeit dazu haben, um den Gast zu besuchen, und beweisen ihm auf versshiedene Weise ihre Teilnahme. Ist der Gast ein gelehrter, frommer Glaubensgenosse, so beugen vor dem Fortgehen alle ihr Haupt, um seinen Segen zu empfangen; auch die Frauen und Kinder eilen zu diesem Zwecke herbei. Bisweilen kommt auch wohl ein Abgesandter aus Palästina dorthin, um für seine bedürftigen Stadt- und Landgenossen milde Gaben zu sammeln. Dann bleiben Hand und Geldbeutel nicht geschlossen, während durch das Los bestimmt wird, wer von den Gemeindeangehörigen ihn mit Pferd oder Kameel an seinen nächsten Bestimmungsort begleiten soll. Eine öffentliche Bibliothek im Brookliner Ghetto. Vor etwa drei Jahren richtete, wie das New-Yorker „Library Journal“ mitteilt, die Brooklyner öffentliche Bibliothek eine Filiale in Brownsville, dem G h e 11 o - Distrikt von Brooklyn, ein, indem sie eine kleine Bibliothek übernahm, die bis dahin von der Hebrew Educational Society geleitet worden war. Diese Bibliothek bietet nicht nur wegen ihres außerordentlich raschen Wachstums seit der kurzen Zeit ihres Bestehens als öffentliche Bibliothek, sondern auch wegen mancher Eigentümlichkeiten ihres Publikums besonderes Interesse. Brownsville unterscheidet sich nämlich von den anderen jüdischen Bezirken von New York dadurch, daß es nahezu völlig einheitliche Bevölkerung hat. In der „Ostseite“ von Mankattan wird die jüdische Bevölkerung nach ihrer Herkunft als russische, polnische, rumänische, litauische Juden usw. unterschieden, während. Brownsville 98"/» der Bevölkerung aus Juden und von diesen 987» aus russischen Juden bestehen. So stellt dieser Stadtteil eine nahezu völlig einheitliche Masse von 90.000 russischen Juden dar, die trotz der kurzen Zeit ihres Zusammenlebens in hohem Maße als eine geschlossene Gemeinde fühlen. Das Verhältnis dieser Bevölkerung zu der Bibliothek ist nach den Altersstufen sehr verschieden. Während die Aelteren, und besonders der weibliche Teil, als Frucht des russischen Aufenthaltes ein geringes. Interesse an andern Büchern als Bibel und Talmud über den Ozean gebracht hat, stellt die jüngere Generation eine sehr zahlreiche Besucherschaft, die ihr Interesse namentlich der Soziologie, der schöngeistigen Literatur und den Fragen des öffentlichen Lebens zuwendet. Allerdings ist der Verkehr mit diesen Leuten, unter denen auch Kinder zahlreich vertreten sind, und die Aufrechterhaltung der Ordnung im Leihverkehr dadurch erschwert, daß sie nicht nur ihre Wohnung häufig wechseln, sondern auch ihre Namen vielfach ändern, bezw. den englischen Namensformen angleichen, was die Ermittlurg solcher Besucher, die in der Rückgabe der entliehenen Bücher säumig sind, sehr erschwert. Auch die Behandlung der Bücher zu Hause ließ im Anfang viel, zu wünschen übrig; doch ist inzwischen durch geeignete Vorstellungen und namentlich auch durch strafweises Einschreiten eine wesentliche Besserung erzielt worden, so daß gegenwärtig der Betrieh mit einem monatlichen. Ausleihverkehr, von 23.000 Bänden unterhalten werden kann. Für die ältere Generation der Bevölkerung, die des Englischen zum großen Teil nicht mächtig ist, sind auch einige hundert Bände in hebräischer, jüdischer und russischer Sprache angeschafft worden. Liste der Ueberläufer. (Vom 31. März bis 14. April 1909.) Adolf Klein, 1852, Humpoletz (Böhmen) gew. gesch. Kaufmann, II., Große Pfarrgasse 12. Anna Alt, 1887, Wien, ledig, XVI., Wurlitzergasse Nr. 36, Rachel Schwarz, 1884, Wien, ledig, Private, XIX., Pyrkergasse 40. Alice Kadelburg, 1879, Veszprim (Ung.), ledig, I., Stadiongasse 2. Eugenie Ketschkemet, 1875' Wien, ledig, Schneiderin, V., Stollberggasse 20. Amalia Ketschkemet, 1879, Wien, ledig, Kontoristin, V., Stollberggasse 20. Michael Glasner, 1869, Trebitsch, ledig, Werkmeister, XXI., Hirschstetten, Stadlauerstraße Nr. 149. Theodor Alt, 1878, Könitz (Mähren), ledig, k. k. Reichsratsbeamter, II., Schüttelstraße 81. Rosa Brauer, 1882, Wien, Aussig a. d. Elbe. Elsa Steiner, 1887, Wien, Kremsier. Rudolfine Buchwald, 1885, Wien, ledig, Hilfsarb., III., Untere Viaduktgasse 17. Stephan Felix Mittler, 1889, Wien, ledig, Jurist, III., Jacquingasse 37. Rudolf Erich Steinsberg, 1884, Galatz (Rumänien),, ledig, VI., Magdalenenstraße 60. Louise Marie Goldberger de Buda, 1888, Wien,, ledig, Private, I., Zelinkagasse 2. Anna Eisler, 1882, Wien, ledig, Maschinstrickerin, XX., Hellwagstraße 5. Selma Lichtenthal, 1881, Halle a. d. S., ledig, Artistin, I., Brandstätte 5. Oskar Löw-Beer, 1877, Wiee, ledig, Privatbeamter,. V., Schönbrunnerstraße 85. Dr. Isidor Diamand, 1882, Wien, ledig, Advokaturs- Konzipient, II., Kleine Schiffeasse 2. Elsa Töpfer, 1876, Linz (Ob.-Oesterr.), ledig, I., Wipplingerstraße 20. AHige Nemeti, 1887, Herkulesbad (Ung.), ledig,. Private, VIII., Hernalsergürtel 20. Sigmund Holzmann, 1883, Fahndorf, N.-Oesterr.,, lepig, Kellner, I., Petersplätz 9. Resi geb. Max Fischer, 1866, Schaffa, Mähren, ger.. gesch., Verkäuferin, II., Kastellezgasse 11. Malwine geb. Schmitz Hahn, 1885, Preßburg, ger. gesch., Manipulant, III., Apostelgasse 4. Rosa Machla Kim Scheiner, 1879, Lemberg, ledig, Private, IV., Plösslgasse 1. Elimelech vel Eduard Urmann recte Traub,*) 1883, Czernowitz, jedig, Techniker, IV., Waaggasse Nr. 19. *) Elimelech vel Eduard Urmann recte Traub, der Sohn eines ehrsamen gut jüdischen Czernowitzer Schneidermeisters, ist Mitglied der „deutschfreiheitlichen“ Verbindung „M a r c h i a“. ptrtttljrt gdjnmvj <9*km* Jmthttunro ilnlobtc, ©rn;, im Uiflau 5669.