Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-03-26 · 13 (26.3.1909) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438233--1101-2440668
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr 13 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Gewerbe und etwa den ärztlichen Beruf. Sonst •waren den Juden alle anderen Berufsarten so gut | wie verschlossen. Ursprünglich waren die Juden ein Ackerbau- und Viehzucht treibendes Volk und die Palästinabewegung sucht ja mit Vorliebe das jüdische Volk oder wenigstens diejenigen, welche in anderen Ländern keinen sicheren Erwerb finden können, vorzugsweise wieder diesem Bernfe zuzuführen. Nicht mit Unrecht gehen die idealsten Bestrebungen dahin, die große Masse des jüdischen Volkes wieder zu einem Ackerbau oder doch wenigstens Landwirtschaft treibendem Volke zu machen. Es sind auch schon verheißungsvolle Anfänge vorhanden, sowohl in Palästina als auch anderwärts. Merkwürdigerweise jedoch hat man das am wenigsten dort versucht, wo es eigentlich am naheliegendsten und billigsten wäre, das heißt in unseren Gegenden. Nun ist allerdings die Lage eines Kleinbauern in Oesterreich oder sagen wir in Galizien, nicht gerade eine besonders beneidenswerte und die Chancen sind nicht verlockend. Aber es gibt einen Zweig der Landwirtschaft, welcher unserer Meinung nach für. die Juden geradezu wie geschaffen ist und das ist die Gärtnerei. Die Gärtnerei ist ein Beruf, welcher mit dem gewöhnlichen Ackerbau zwar die Lebensweise .gemeinsam hat, welcher aber ein außerordentliches Maß an Kenntnissen und Tüchtigkeit verlangt. Hier kommt nicht nur der Fleiß und die rohe Arbeitskraft zur Verwendung, wie bei den meisten anderen Zweigen der Landwirtschaft, hier kann vielmehr mit Talent und Geschick verhältnismäßig viel Geld verdient werden, ohne daß von vornherein ein großes Betriebskapital notwendig wäre. Wir haben hier in Wien beispielsweise Gärtner, welche im ganzen ein Areal von nur 1—2 Joch bearbeiten und in verhältnismäßig kurzer Zeit begüterte Leute geworden sind. Da doch der größte Teil unserer Stammesgenossen wenig eigene Mittel besitzt, so würden die Erwerbung von Grund und Boden in der Ausdehnung, welche nötig ist, um eine Familie zu ernähren, zu kostspielig werden. Wenn man aber 1—2 Joch braucht, um eine Gärtnerei von mäßigem Umfang zu betreiben, so liegt es auf der Hand, daß es beinahe jedem Arbeitswilligen möglich werden dürfte, sich einen Grundbesitz in dieser Ausdehnung zu kaufen. ' Die Vorteile dieses landwirtschaftlichen Berufes gegenüber allen anderen besteht also in Folgendem: Erstens geringes Anfangskapital, zweitens stets guter Absatz der erzeugten Produkte, drittens fortwährender Absatz derselben. Während nämlich der Bauer in der Regel das ganze Jahr über seinen Acker oder sein Feld bearbeiten muß, dabei aber nur einmal im Jahre oder beim Wiesenbau zweimal im Jahre Ernte halten kann, hat der Gärtner das ganze Jahr hindurch Ernte und immer Absatz für seine Produkte. Viertens Unabhängigkeit von der Witterung; nachdem ein großer Teil der Erzeugnisse der Gärtnerei in Glashäusern und Frühbeeten gezogen wird, ist der Gärtner, wenn auch nicht ganz, so doch zum größten Teil von der 'Witterung unabhängig. Es gäbe noch andere Vorteile dieses Berufes, welche hier anzuführen wären, aber wir wollen ja nur eine Anregung geben und nicht in Details eingehen, weil das nur Sache eines Fachmannes sein kann. Welchen Umfang dieses Gewerbe in manchen Ländern angenommen hat, dafür bietet Belgien ein Beispiel, ln diesem Lande, wo es nicht einmal einen einzigen Weinberg im Freien gibt, werden fabelhafte Summen aus dem Weintraubenbau in Treibereien gezogen. Freilich sind das zum Teil kapitalistische Unternehmungen, aber der Anfang ging eben von kleinen Leuten aus, welche sich nach und nach durch ihre Tüchtigkeit Ersparnisse gemacht und es so zu Reichtum gebracht haben. 'Wir halten dieses Gewerbe für besonders geeignet, für unsere arbeitswillige Bevölkerung, weil wir doch bei uns Juden eine außergewöhnliche Intelligenz voräussetzen. Daß das landwirtschaftliche Gewerbe überhaupt der natürlichste und gesündeste aller Berufe ist, ist bekannt; es hat außerdem den Vorteil, daß der Ackerbauer selbst Produzent ist, sich einen Teil der Nahrungsmittel selbst erzeugen kann und außerdem noch den ungeheuren Vorteil besitzt, daß .nichtnur der Vater, das Familienoberhaupt, dabei Beschäftigung findet, sondern daß die ganze Familie dabei mitarbeiten und mithelfen kann. Als Haupterzeugnisse für die Gärtnerei in Galizien würden wir den Gemüsebau vorschlagen. Der Bedarf an Gemüse steigt von Jahr zu Jahr, einesteils durch die stetige Zunahme der großen Städte, andemteils durch die von den medizinischen Kreisen immer mehr empfohlenen vegetarischen Lebensweise, welche mehr und mehr auf den Genuß von frischen Bodenerzeugnissen hinarbeitet. Um die Kenntnisse für den gärtnerischen Beruf vorzubereiten, müßte entweder eine entsprechende Fachschule errichtet werden oder an mehreren geeigneten Orten wären Mustergärtnereien einzurichten und junge Leute als Lehrlinge in solchen Geschäften unterzubringen. Im allgemeinen ist die Gärtnerei in ganz Oesterreich auf einer sehr wenig entwickelten Stufe und wir sind Jahr aus, Jahr ein genötigt, ungeheure Mengen solcher Produkte aus dem Auslande einzuführen. Nun ist in Galizien ein großes Ausmaß vorzüglichen Bodens vorhanden, außerdem ist dort überall sehr billig guter Dünger zu bekommen, der ein Haupterfordernis für die Gärtnerei ist. Was uns aber vor allem diesen Vorschlag als empfehlenswert erscheinen läßt, ist der Umstand, daß es keiner besonders großen Kapitalien bedarf, um diesen für nns Juden neuen Erwerbszweig ins Leben zu rufen. Parteinachrichten. Landeskonferenz der zionistischen Organisation in Galizien. Das Zentralkomitee der Zionisten Galiziens beruft für den 18. u. 19. April 1909 nach Lemberg die VU1 Landeskonferenz der zionistischen Organisation Galiziens mit folgender Tagesordnung ein: I. 1. Eröffnung der Konferenz Dr. Markus Braude, 2. Annahme der Beratungsordnung. 3. Wahl des Präsidiums und Bureaus. 4. Wahl des Verifikations- und Permanenzausschusses. II. 1. Tätigkeitsbericht des Zentralkomitees, Leon Wechsler. 2. Tätigkeitsbericht des jüdischen Klubs, Abg. Adolf Stand. III. Die nächsten Aufgaben der zionistischen Organisation' itt Galizien. 1. Die Arbeit für Palästina, Dr. Samuel Rappaport. 2. Die politische und wirtschaftliche Tätigkeit im Lande Dr. Michael Ringel. 3. Die kulturelle Tätigkeit Dr. Osias Thon. IV. Organisation, Agitation und Presse, Efraim F. W a s c h i t z. V. Wahl des Zentralkomitees. An der Konferenz nehmen teil: die Mitglieder des Zentralkomitees, die galizischen Mitglieder des Aktionskomitees und des jüdischen Klubs, je fünf Delegierte der vier Distriktskomitees, jeder der zionistischen Landesorganisation angehörende Verein wählt einen Delegierten. Die Wahlen sind auf Vereinsversammlungen durchzuführen, das mit der Vereinsstampiglie, Unterschriften des Obmannes und Schriftführers versehene Wahlprotokoll den mit genauer Adresse des Delegierten bis zum 10. April l.J. an das Zentralkomitee Lemberg, Jagiellonengasse 22, 2. St., gesendet werden. Später eingelaufene Wahlen werden nicht berücksichtigt werden. Für das Zentralkomitee der Zionisten Galiziens: Leon Wechsler, Dr. Markus Braude Sekretär. Präsident. Vereinsu. Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. („Erster W i e n e r J ü d i s c h e r Turnverei n“.) Der erste Jüdische Turnverein veranstaltet Samstag den 3. April 1. J. in den Räumen des Stadtpark-Kursalons ein Tanzkränzchen mit eingelegten turnerischen Vorführungen. Die Vorbereitungen hiezu sind im vollen Zuge; für die geplanten Veranstaltungen gibt sich sehr lebhaftes Interesse kund. Wien. (Verein „Jüdische Bühne.“) Samstag, den 27. März 1909, findet in den Festsälen des Hotel Kontinental (II., Taborstraße 5) 9 Uhr Abends, ein Kostümball unter der Devise „Im Reich Judäa“ statt. Zur Erzielung eines künstlerischen und moralischen Erfolges ist die Mitwirkung der gesamten jüdischen Gesellschaft, soweit sie an den kulturellen Interessen unseres Volkes Anteil nimmt, notwendig. Das Exekutivkomitee richtet daher an die Intelligenz und besonders an die Kunstlerschaft die höfliche Bitte, dieses historische Fest mit Rat und Tat zu unterstützen und in ihren Kreisen durch persönliche Propaganda zu fördern. Ein besonderer Nachdruck wird auf historisch treue Kostüme und Gruppen gelegt, wobei der persönliche Geschmack des Eiuzelnen in keiner Weise eingeschränkt wird. Eintri tskarten K 2.—, Familienkarten (drei Personen) K 5.-. Proßnitz. (Ferialverein jüd. Hochschüler „Giskalah“ in Proßnitz) veranstaltet am 10. April d. J. einen jung-jüdischen literarischen Abend. Vortragender H. Prof. Ferdinand G r e g o r i e vom k. u. k. Hofburgtheater in Wien. Berichte. Wien. Der Verein zur unentgeltlichen Verpflegung B r u s 11 e i d e n d e r auf dem Lande, Wien, 1. Bezirk, Neutorgasse Nr. 20, Tür 6, welcher arme Lungenkranke im Alter von 16 bis 50 Jahren zur unentgeltlichen Kur nach Roznau in Mähren sendet, nimmt Aufnahmsgesuche noch b i s längsteus 15. April a. c. entgegen. Gesuchsformularien sind im Vereinsbureau, sowie in der Kanzlei des isr. Spitals, 18. Bezirk, Gürtel 97, erhältlich. Wien. (P o a 1 e i - Z i o n.) Allen Mitgliedern und Gesinnungsgenossen wird hiemit bekanntgegeben, daß sich das Vereinslokal des „Allgem. Jüd. Arbeitervereines“ und des „Vereines Jüd. Jugendl. Arbeiter“, 20. Bezirk, Matildenplatz 7 (Hof), befindet. Der „Allg. Jüd. Arbeiterverein“ hält seine Vereinsversammlungen jeden Samstag V-8 Uhr abends, der „Verein Jüd. Jugendl. Arbeiter“ jeden Sonntag nachmittags ab. Demnächst wird auch die Lesehalle eröffnet. Wien. (Jüd. akad. Verbindung „M a c c a b ä a“.) Nachstehend das Ergebnis der Chargenwahl für das laufende Sommer-Semester: J. U. C. Heinrich Kamsler (x), M. U. C. Otto A1 mo s 1 i no (xx), ing. Franz Kaposi (xxx). Wien. (Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien.) Der in der letzten Generalversammlung für das Sommer-Semester 1909 gewählte Ausschuß hat sich in folgender Weise konstituiert: jur. Paul Diamant, Präses, jur. Hans F i s c h 1, Vizepräses, jur. Otto Herzka, Vizepräses, techn. Karl Saborsky, Schriftführer, med. Armin Seidel, Schriftführer, jur. Robert Wurmfeld, Kassier, jur. Artur Pollatschek, Kassier, phil. Berth. H i r s c h 1, Zeitungsverweser, jur. Fritz Oberländer, Bibliothekar, phil. Artur Wachsberger, Hausverweser. Wien. („J o r d e n i a“, Vereinigung jüdischer Hochschüler aus der Bukowina in Wien.) Die Chargenwahlen für das laufende (XI.) Sommer- Semester ergaben folgendes Resultat: cand. med. Isak Wucher, Präses, cand. med. Jakob Rosenberg, Vizepräses, cand. med. Chaim T e r n e r, Schriftführer und Kassier. Innsbruck. Samstag den 13. d. M. hielt Rabb. Dr. Sagher an der Innsbrucker Universität einen Vortrag über die Ethik und Moralität des alten Testamentes und der Psalmis imprecationihus, der von einem glänzenden Erfolg begleitet war, indem der Decan und die illustre Hörerschaft den Vortragenden um den zweiten Teil dieses Vortrages für Samstag den 20. d. baten, so daß am Samstag den 20. d. der zweite Vortrag folgte. Wohl das erstemal, daß einem jüdischen Gelehrten die Gelegenheit gegeben wurde, an hiesiger Universität Vorträge zu halten. Trautenau. (Purimfeier.) Obwohl zu dieser Veranstaltung nur Mitglieder des Vereines geladen wurden und das herrschende schlechte Wetter an diesem Abend viele vom Besuche abhielt, war das für diese Feier gewählte Lokal im Hotel Union dennoch bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Das Programm war glücklich gewählt, so daß sich diese Veranstaltung zu einem äußerst animierten Abend gestaltete. Herr Hans N e 111 leitete diese mit einem schönen Violinsolo ein, worauf Fräulein Hanna Schwarz S. H. Mosenthals „Heimat in der Fremde“ als Prolog zum Vortrage brachte. Hierauf sprach Herr Oberingenieur Markus Pollak über die Bedeutung des Purimfestes, dessen gediegene Ausführungen mit reichem Beifall aufgenommen wurden, wobei wir auch Gelegenheit hatten, Herrn Oberingenieur Pollak nicht nur als einen begeisterten Zionisten, sondern auch als einen gewandten Redner kennen zu lernen. Mit künstlerischem Talent rezitierte Fräulein Miilie F r ä n k e 1 Dolorosas „Sabbath-Abend“ und das von unserem Mitgliede Herrn Hermann Klein verfaßte Gedicht „Rückkehr“, worauf Frl. Johanna Lauer mit bekannter Kunstfertigkeit einige Musikpiecen am Klavier wiedergab. Herr Hermann Klein las zwei Rideamusgedichte und Herr Rabbiner Jak. Bader erfreute die Zuhörer durch mit hervorragendem Kunstsinn zum Vortrage gebrachte launige Lieder aus bekannten Opern, denen begeisterter Beifall folgte. Die Begleitung der Musik-, sowie Gesangsvorträge hat Frl. Joh. Lauer in bereitwilligster Weise besorgt. Zum Schlüsse hörten wir einige Beda-Gedtchte, die Herr Rudolf Kohn zum Besten gab. Der darauf folgende Tanz hielt die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.