Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Zeitun c Redaktion, Administration und Wochenschrift. J 111 ~ ~ ...' ~D Abunnementspraise: Inseratenaufnahme: Erscheint jeden Freitag“. ln Oesterreich-Dngarn: IX., ^ärl^enslpasse ßjp. 9» Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Telephon Nr. 14.199. ln Deutschland: Verkaufetellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Mk. 10.—, Sprechstunden täglich von 10-12 Uhr Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3,—. vormittags. □ — r Einzelne Nummern 20 Heller. Im übrigen Ansland ganzj. Frcs. 15.—. 3 - -□ Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Vertretungen in der Provinz Manuskripte werden nioht zurückgestellt. ln Brfinn : Zeitungsbnrean, Ferdinandgasse. — ln Prag: Zeitungsverschleiss Wlszek, Graben 33. — In Lemberg: Karl ßuchstab. BuchhSndlerlsche Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 45 Wien, Freitag, den 6. November 1908. II. Jahrgang. Has cUti) jDbalt«*. Taussig; und Pollack. Juden auf dem Prager Graben. Polnische Kinderliebe. Das Knltusgemeindeprogramm. Radikalismus und Opportunismus. Von Di\ D Pasmanik Die Juden in Bosnien. Ans dem jüdischen Leben: Wie die echten Bussen ihr Material sammeln. Eine gute Antwort. Was kostet eine Judentaufe? Eine Illusion etc. Die Wiener Knltuswahlen: Keine Notwendigkeit und doch eine. Eine Versammlnngetc. Feuilleton: Morris Bosenfeld-Abend. Von Dr. O. Rosenfeld. Eiste der Ueberläufer. Vereinsnachrichten. Parteinachrichten. Gesinnungsgenossen! Am 22. November wird die Kultuswahlschlacht geschlagen. Unsere Kraft ist die Begeisterung unserer freiwilligen Agitatoren und Mitarbeiter. Jeder Gesinnungsgenosse, ob Mann, ob Frau, der sich der Partei zur Verfügung stellt, melde sich unverzüglich in unserem Hauptbureau, IX, Türkenstrasse 9. Ebenda sind die Listen der für unsere Sache bereits gewonnenen oder durch Berufung auf den Empfehler noch zu gewinnenden Wähler abzugeben. Hier sind auch Sammeibogen für den Kultuswahlfonds erhältlich. Die Partei erwartet, dass jeder seine Pflicht tut! Das oppositionelle Wahlkomitee. Folgende Versammlungen finden statt: Samstag den 7. November Grosse Wähle) Versammlung im Hotei Zentral, II., Taborstrasso Nr. 8. Beginn 8 Uhr abends. =—— Vorstellung der Kandidaten. Samstag den 7. November in der Brigittenau. (Nähere Daten in den Einladungen.) Dienstag den 10. November in Favorit en. (Nähere Daten in den Einladungen.) Mittwoch den 11. November in M a r i a h i 1 f. Grosser Saal des Cafes Mariahilf, VI. Mariahilferstrasse 89. 1. Referat des Herrn Lucian Brunner. 2. Vorstellung der Kandidaten. 3. Diskussion. Beginn präzise 149 Uhr abends. Jüdische Mitbürger erscheinet in Massen! Das _ “ " .. . Wien, IX., Türkenstrasse 9. - 1 ■■ — Telephon 14199. : Rundschau. Taussig und Pollack. . Da ist nun einmal nichts zu machen, be'de j gehören zu uns, der Taussig, den die Regierung i zum Gouverneur des ersten Finanzinstitutes gemacht hat, und der Pollack, der zum Gegenstände 1 des verächtlichen Gelächters de.r Grossstadt geworden ist. der Emporkömmling mit der eisernen Stirn und der Abkömmling in seiner aufgedunsenen Unbeholienheit. Fle:sch von unserem Fleisch, ke.n Protest hilft uns. wir werden unser gut Teil abbekommen, sowohl vom Nef.de und Kasse, den der eine, als auch von dem Spotte und der Verachtung, welche der andere bei Nichtjuden auslöst. Zwei Krankbeitseischeiiumgen an unserem Volkskürper, ins Unnatürliche gesteigerte Streberei und unglaublich geschmackloses Dandytum, werden dem Publikum durch d:ese Typen augenfällig demonstriert. Den Folgern eines VVitzblattzelchiiers just entlaufen scheint der verunglückte Pseudokavalier. Man denkt"un\vlltfc 11 flieh an Rlattiiisse in Lackschuhen, pomad s:erte Kraushaare, teure, von hohen Herrschaften mehrmals abgelegte Maitressen und frischlackierte Automobile. Der Reichtum, von alten Kleidern, altem Eisen. Häuserspekulationen und Differenzgeschäften herriihrend, hat seinen Seudlng in die „höchsten" Gesellschaftskreise entboten. Wohlausstafiiert mit allem, was zum „Kavaliertum”, zur „Repräsentation" gehört. Ausgiebig mit Taschengeld versehen, ausgiebig getauft, von teueren Haus- und Anstandslehrern ausgiebig gedrillt. Umsonst. Der scharfe Blick, der den kleinsten Fleck in den ältesten Hosen, den winzigsten Riss in ausrangierten Kupferirohren. die verborgenste Chance an der Börse blitzschnell erhascht, versagt völlig. Will unter Grandseigneurs und gerät in eine Gesellschaft von adeligen Freibeutern, Berufsspielern, die im Herzbrudeir den j Falschspieler wittern und weiter Herzbrudes bleiben, wo die Ehrenrichter vom Beklagten Geld pumpen und Ehrenerklärungen mit „Vorbehalt" kursieren. Wird geschröpit, ausgelacht und h nausgeworten. — An Taussig ist absolut nichts Lächerliches zu entdecken. Diese Type ist schart und mit blutigem Ernste gezeichnet. Er verschmäht alle Mätzchen, die Tauferei und Kriecherei. Nicht, weil es seinem guten Geschmacke widerstrebt, sondern, weil er von der Ueberiliissigkeit überzeugt ist. Er wollte hinauf, hat nie gebettelt und geschmeichelt, sondern gearbeitet, Schlingen gelegt, was ihm im Wege stand, brüsk aus der Bahn geworfen, nie einen Vocte.l ungenützt gelassen. Sentiments sind ihm fremd. Seinen Untergebenen ist er ein eiserner Despot. Er will ihren Dienst, ihrer Liebe und Achtung kann er entraten. Den Schlussstein seines Machtgebäudes legte er unbedenklich auf schmerzlich zuckende Jitdenleiber: Er hat dem Zaren Geld für Judenmetzeleien, dem Lueger die Mittel zur Aufrechterhaltung der ant> semitischen Gewaltherrschaft beigestellt. Es versprach ihm persönlichen Vorteil und er tat es. Das Bemänteln und Verdecken verschmähte er als unnütze Kraftvergeudung, wenig lohnende Mühe. Der Entriisriingssturni liess ihn kühl, er legte ruhig se il jiid sches Ehrenamt netter, als e nen Posten, de: nicht zu halten war. Das Begütigen und Vertuschen über liess er seinen Trabanten und interessierten Anbetern. Jetzt sitzt er aui dem Gipfel der Macht, von geJemütigten, zähneku rsehenden Fe nden umgeben, ln den Augen aller 1--:;>f tjiiger ein Grosser, ein Gewaltiger, dir den Menschenfreund ein Symbol der Verleugnung alles Menschlichen. — Wir Juden leben in alter Unfreiheit und in der Knechtschaft entartet manch edler Trieb. Uns Juden ist d e Sehnsucht nach den verfeinertet» Genüssen des Lebens zu eigen, die Karikatur dieser Sehnsucht heisst Pollack; die energische Strebsamkeit ist uns zu eigen, ihr Zerrb.ld heisst Taussig. Da ist nichts zu machen; beide gehören zu uns. Juden auf dem Prager Graben. Robitschek, Kohn, Glesinger und Karpeles bummeln deutschen Trutz auf dem Graben in Prag. Mit Kappe und Band schreiten sie durch wütendt Tschechenhaufen, man schilt, man spuckt sie an und schlägt sie blutig, sie aber sind selig und gehen als die Ersten. Die Hauptakteure der Studentendemonstrationen sind der „Pilsener Landtag", die „Markomannen“ und andere liberale Studentenverbindungen, zu neun Zehnteilen aus Juden und Getauften bestehend. Die arischen „Völklichen“ haben sieh erst später und weit vorsichtiger engagiert. Es ist jetzt keine Zeit, der Lächerlichkeit des Gebarens dieser „deutschen" Judenjünglinge Humor abzugewinnen. Die Situation ist zu ernst. Robitschek, Kohn, Glesinger und Karpeles blamieren sich aui Kosten des jüdischen Volkes. Im Kampfe sieht der Tscheche den Juden und immer wieder den Juden. Sein Antisemitismus wird gezüchtet. Wem bringt man das Opfer? Den Fferren Deutschen, den Klassikern des Judenhasses, die im Juden den Hund sehen, ihn aus den Schulen .tagen wollen und gerade jetzt in Nordböhme!! jüdische Geschäftsläden verwüsten- Vorige Woche erst hat der üemeinderat der kerndeutschen Stadt E g e r beschlossen. Juden und Tschechen auf Märkten nicht zu dulden. Bitte, nicht zu rasch vergess.n! Für den Schulantrag des Christlichsozialen S c h m i d haben fast alle Deutschen gestimmt, d i e Tschechen waren ausnahmslos dagegen. Ist's kein Grund, die Tschechen rasend zu lieben, so ist es jedenfalls nicht angebracht, sie deshalb zu bekämpfen und ihnen zum Trotze die Sache der Deutschen zu fördern. Mag Deutscher ■und Tscheche diesen von Berufspolitikern aus gemeinen persönlichen Motiven geschürten Kampi um bierileckige Burschenbänder und Trutzbummel ernst nehmen und als heilig betrachten. Uns Juden ist.er nichts und darf uns nichts sein. Wir haben neutral zu bleiben und dafür zu sorgen, dass die Assimilantenduihmheir, dass d.e Prager Germanen Kohn, Glesinger und Konsorten uns nicht in Abenteuer stürzen, die arm an Ehren und reich aii Kosten sind. 39771170^^857536