Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 39 JÜDISCHE ZEITUNG kirrsen, an ötr.en die Mitglieder der Korporationen die Verpflichtung haben, teilzunehmen, verlangt wird. Gg. L ö w(D.K.)bedauert, dass die Studentenschaft ihren Einfluss auf das Bürgertum verloren •hat Dies fromme daher, weil die jüdischen Studenten bisher keine Kulturwerte geschaffen haben. Gg. Rosner (Emunah) bespricht die O r gan5 - sation der F e r i a 1 v e r bi ndu n g e n. Bezüglich der Wiener K u 11 u s gern e i n d e wa h 1 e m beantragt Gg. Schöhhof (I v r i a-Wien) folgende Resolution, die einstimmig angenommen wurde: „Der 2. mäh r.-s c b 1 e s. Studien tentag fordert alle jüd.- nat Studenten Mährens und Schlesiens ' auf, sich beiden kommenden Kui tu.sg em ei n d e wah 1 e n in Wien dem innerösterr- D. Kzur Verfügung zu stellen und dasselbe mit allen Kräften zu unterstützen. Die Sammlungen für den.Agitationsfo:nds sollen s.chon in den Ferien von den Ferial- Verbindungen aufgenommen wie rd e n.“ Zur Inskription! Kommilitonen! Nach jahrelangem Kampfe ist es uns endlich gelungen, von den akademischen Behörden die Anerkennung der jüdischen Nationalität zu eriangert! Jeder jüdische Akademiker hat die Pflicht, die Errungenschaften des vorigen Semesters sich zunutze zu machen und der Rubrik „Muttersprache“ die Klausel j ü dis eher Nationalität hinzuzufügen. Die Kommilitonen mit jüdischer Muttersprache bleiiit das Recht unbenommen, die Rubrik mit jüdisch auszufüilen und überd i e s die Nationaljtätenklausel beizusetzen. Kommilitonen! Es ist uns heuer zum erstenmale die Möglichkeit gegeben, uns frei und offen zu unserem Volke zu bekennen. Wir dienen nicht mehr fremden Völkern, die uns mit ihrem Hasse verfolgen, und die, gestützt auf unsere Zahl, andere Nationen zu unterdrücken versuchen.. Es handelt sich nicht um eineleere - Demonstration o der eine theoretische Spielerei. Auf Grund unserer Zahl sind wir berechtigt, nationale Forderungen zu erheben und der nächste Kampf gilt der Errichtung von Lehrkanzeln für jüdische Geschichte und Literatur an unseren Hochschulen. Verächtlich wäre es von jedlem Kommilitonen, das errungene Recht nicht auszunützen! Es bekenne sich je de r i r ei u ndo ff e n zu seiner jüdischen Nation! Auskünfte .erteilt das Exekutivkomitee (9. Bezirk, Porzellangasse 22, Cafe Jägerhof) täglich von' 1—2 Uhr mittags. Die Gg. werden gebeten, sich in den Dienst der Agitation zu stellen und sich beim Exekutivkomitee zu melden. Das Exekutivkomitee zur Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österr- Hochschulen. Aus dem jüdischen Leben. Jüdisch-Nationale auf der innerparlamentariscben Konferenz. Berlin. An der innerparlamentarischen Konferenz nahmen heuer zum erftenmale Vertreter der jüdischen Nation teil. Aus Oesterreich waren die zionistischen Abgeordneten Dr. Gabel, Dr. MahleT und Stand und aus Russland der Duma-Deputierte L. Ni s s el o wi c z erschienen. Trotzdem die Verhandlungen nur idirei Tage dauerten und über 900 Delegierte anwes\?nd waren, verstanden es die jüdisch-nationalen Abgeordneten doch die Gelegenheit -zu benützen, um vor dem Forum der weitesten Oeffentlichkeit für ihr Volk einzutreten.- Die Abg. Dr. Mahler, Gabel und Stand überreichten am 17. einen Antrag, wonach Privatpersonen beim Haager Schiedsgerichte gegen Staaten, die. Verträge nicht einhaiten, Beschwerde erheben können. Di)esr Antrag bezweckt den mmäriischeh Juden die Möglichkeit zu gewähren, gegen die Verletzung des Artikels 44 des Berliner Vertrages, wonach alle Konfessionen in Rumänien gleichberechtigt sein sollen, Einspruch zu erheben. Am 18. Sept. ergriff der-Abg. Stand in der Diskussion über Schiedsgerichte das Wort und führte' ungefähr folgendes aus: „Die -Beschlüsse der Konferenz werden solange wertlos sein, bis mannicht die breiten Volksmasseri für die friedliche Beilegung der Zwistigkeiten interessiert Der Konferenz stehen vorläufig keine Machtmittel zu Gebote um Kriege zu verhindern. Wir können durch ehrlichen Willen und durch die Volksmassen w.iken.“ Im weiteren Verlaufe der Rede verlangte der. Abg. Stand, dass man sich bei der Emtaeinfung der dritten Haager Friedenskonferenz nicht wie bisher au den Zaren, sondern an die Duma wenden möge. * * * Eine Versammlung des Jüdischen Nationalvereines« Wien. Der „ J ü d i sc he Nationalverein“ veranstaltete Dienstag jm Hotel Gu th anlässlich der bevorstehenden Lawdtagswähleu eine jüdische Wählerversammlung. Der Obmann des Vereines, Advokat Dr. Lanzer, eröffnete die gut besuchte Versammlung und1 wies . in seiner Begrüssungsansprache darauf hin, dass der „Jüdische National verein“ es für seine Pflicht erachte, überall da, wo jüdische Interessen in Frage stehen, auf den Plan zu treten. Der in der Leopoldstadt wogende Wahlkampf; in welchem die freiheitlichen Parteien in erster Linie um die Juden werben, mache es erforderlich, dass die jüdischnationale Partei ihre Stellung zu den einzelnen Parteien präzisiere.. Von lebhaftem Beifall begrüsst, erstattete Herr Luzian Brunner das Referat. In einer von selten zu findender Sachkenntnis und Beherrschung des Materiales zeugenden einstündigen Rede, die wir-in der nächsten Nummer ausführlich wiedergeben werden, führte Redner aus, dass es das Volksinter,esse der Juden erheische, dass sie von ihrem Wahlrechte Gebrauch machen: Wenn sie Irgendwie auf den Ausgang der Wahl Einfluss nehmen können, so ist es in der Leopoldstadt der Fall. Die Juden der Leopoldstadt sind in der Lage, einen politischen Faktor zu bilden, wenn sie sich bewusst werden, - in Welcher Weise : sie von ihrem Stimmrechte Gebrauch machen, sollen. Immer haben die Juden 'den Fehler begangen, die Interessen anderer Völker jind' Parteien wahrzunehmen und darüber die .eigenen zu vergessen. Heute haben die Juden'ffiur einen Schmerz, das „bedrängte“ Deutschtum.zu.retten, wofür sie mit der Resolution Schmid belohnt wurden. Redner besprach dann an/der Hand eines reichen statisti-' sehen Materials Steuenragen-und beschäftigte sich schliesslich, mit den Kandidaten der freiheitlichen Partei nnd deren aus Getauften und Baldgetauftan bestehenden Garde- Zwei ihrer Vertreter suchten die freisinnige Partei als die einzige Retterin der Juden hinzustellen.. Diese Behauptung löste selbstverständlich stürmische Heiterkeit aus. Von jüdischnationaler Seite sprachen noch Dr. Weisengrün, Dr. Löhner und der Referent. * * * Der galizische Landtag. Lemberg. Die allpolniscbe Gruppe des galiz'ischien Landtages brachte einen Wablreform- ■ antrag ein, m welchem sie das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht und zum Schutze für die polnischen Minoritäten in Ostgalizien einen nationalen Wahlkataster verlangte. Dieser Antrag sieht ziemlich demokratisch und gerecht aus. Er birgt dennoch Ungerechtigkeiten ärgster Sorte in sieh. Dem Terror und der brutalen Vergewaltigung sollen somit nach wie vor Tür urid Tor geöffnet bleiben. Der nationale Kataster ist für „z w e i Nationalitäten gedacht. Die Juden sollen also gezwungen werden, sich in den polnischen Kataster einzutlagen, um b«ed der Majorisierung der Ruthenen mitzuhelfen. Das Schicksal dieses Antrages ist unbestimmt; wahrscheinlich werden, aber die Konservativen dafür sorgen, dass seine perfiden Bestimmungen beibehalten, seine fortschrittlichen hingegen abgelehnt werden. Das allertraurfgste für uns Juden aber ist, dass wir im Landtage keinen Vertreter haben, der unseren Forderungen Ausdruck verleihen würde. Die Hausjuden, die dort sitzen, werden sohweigen und allem zusammen, was die Herren in bezug auf däe Juden zu verfügen für gut befinden. Die sonst in der Bekämpfung der Zionisten so redseligen Volksbeglücker verstummen in Gegenwart des „Puritz“. Wenn sie schon irgend welche Schritte im Dienste des Volkes unterinehrrjen — wie zum- Beflspiel Herr Löwenste'i-n, der sich zur Konferenz der jüdischen Organisationen für den 20.-September nach Berlin begibt — so geschieht es aus Furcht vor der zionistischen Kritik. Dies ist etwa keine Mutmassung seitens djbr Zionisten, sondern rein Geständnis des Herrn Löwenstelin. Er hat nämlich Ihn Gespräch -mit einem Journalisten eizählt, dass er nach Berlin fahre, „denn sonst werden die Zionisten sagen, dass sie allein für das Volkswohl arbeiten“. Diese Furcht vor der zionistischen. Kritik reicht aber gerade dazu hin, um Sich vor Juden als „Vertreter“ jüdischer Interessen zu geiferen; im polnischen Landtag wird, Gott behüte, vonjüdischen Sonderintenessen kein Wort!ein gesprochen werden, denn den polnischen Herren von Antlitz zu .Antlitz gegenü'bertretend, verlieren unsere Israeliten den Mut und1 ihr Herz fällt ihnen viel tiefer'als die Weste reicht. ' . * * * . ■ ■ ■ Galizische Praxis. Lemberg. D'l:-n an den galizischen Schulen herrschenden Antisemitismus illustriert folgender Vorfall. Am . 10. d. kam ein gewisses Fräulein Babad in eine fast von jüdischen Kindern besuchte Volksschule, um ihr kleines Brüderchen einzuschreitoen. Der Schulleiter, Herr ‘Malski, ©in Bruder des Redakteurs des antisemitischen „Smigus“,- weigerte sidh aber, das Kindi weil es Ohrlöckchen trägt, aufzunehmen und fuhr -das Fräulein Babad barsch an: „Die Schule ist nicht jüdisch; es wäre mir, als einen Katholiken, eine Schande, Leiter einer; Judenschule zu sein. Kinder orthodoxer Eltern nehmfen wir nicht an.“ Es blieb dabei und der kleine Babadwufd'e nicht aufgenommen. So sieht die Gleichberechtigung der Juden 5n Galizlien aus. So oft man -die Juden nötig hat, überfliessen die politischen Machthabfer vor lauter Versprechungen. Die Verwaltungsbehörder, hingegen, von der Statthafterer bis zum Steueramt, lassen kelime Gelegenheit vorübergehen, um die Juden zu schikanieren und sie w'de das liebe Vlieh :zu behandeln. Die Majorität der polnischen Gesellschaft ist ©ben; durchwegs judenfelindlich. Die Liebe,' welche -die jüdischen Polen der polnischen Nation entgiegenbringen ist daher nur einseitig, sie wird nie gegenseitig werden. * ■ * * Samuel Hirszenberg gestorben. Jerusalem. Dienstag den 15. September (19. Ellul starb in Jerusalem der bekannte jüdische Maler und Lehrer an der Bezalelschule Samuel Hirszenberg. Er hat ein Alter von 42 Jahren erreicht, hat aber in der kurzen, ihm beschiedenen Lebenszeit Grosses auf dem Gtebiete der Kunst, und auch insbesondere der jüdischen Kunst, geleistet. Von seinen Freunden wird sein milder und ehrlicher Charakter gerühmt. Er ist in- Lodz geboren und hat lange in Paris gelebt und sich schliesslich entschlossen, im Dienste des jüdischen Volkes und des jüdischen Kunstgewerbes als Lehrer am Bezalel nach Jarusalem zu gehen, wo er in ‘der kurzen Zeit bereits ausserordentlich segensreich gewirkt hatte. Der Verlust ist" für den Bezalel ausserordentlich gross. Unter den Kulturträgern des jungen Jerusalem Wird man stets Samuel Hirszenberg als einen der vortrefflichsten Namen nennen. * ■ * * Der türkische Generalkonsul und der Zionismus. Newyork. *üte „Welt“ schreibt über ein in Newyork abgehaltenes Massenmeeting der Poale- Zionistten:, Schon das äusserliche Bild dieser Veranstaltung war geeignet, - die Harmonie zwischen der neuen Türkei, und dem Zionismus zu veranschaulichen. Die riesige Halle war mit türkischen und zionistischen Fahnen geschmückt, von .der Hauptwand hinter -der Tribüne grösste däs beflaggte Bild Herzls. Der Generalkonsul Munjey- Bey dankte der Versammlung und -insbesondere den Poale-Zion für die der freien Türkei dargebrachten Huldigungen und Ovationen und betonte, dass däe Türkei die Juden nie, sogar unter dem -alten Regime, unterdrückt 'habe. Das -türkische Volk- — führt der Generalkonsul des weiteren aus — stellte sich -nie den anderen Nationalitäten feindlich ge-: geniiiber; die Konflikte waren nur das Werk aus-