Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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/ auch den israelitischen Kullusgemeinden nicht nur in bezug auf die Verwaltung derselben, sondern auch in bezug auf die Bestellung des Religionsdieners eine gewisse Autonomie gesetzlich eingeräumt Der Gemeinde der Gläubigen steht das Recht zu, unter den für dieses Amt befähigten Kandidaten denjenigen zu ihren Seelsorger zu wählen, welcher nach Auffassung der Gemeinde, unter Zustimmung der staatlichen Aufsichtsbehörde, für dasselbe der geeignetste wäre. Dieses Wahlreiht ist bei verschiedenen Religionsgenossenschaften, bei den jüdischen und auch nichtjüdischen, verschieden ge-. ordnet, aber jedenfalls so, dass die weitesten Kreise durch Vertrauensmänner das Wahlrecht (eigentlich das Vorschlagrecht) ausüben. Der § 35 G. St. regelt aber die Bestellung der Rabbiner in einer eigentümlichen Weise. D rselbe lautet: „Die Anstellung der Gemeindrabbiner erfolgt durch den Ku 11 usvorstand nach Anhörung von Vertrauensmännern, welche von demselben aus der Mitte der Gemeinde mit tunlichster Rücksichtnahme auf die den verschiedenen rituellen Richtungen angehörenden Bethausvereine hiezu berufen werden. Die Anzahl der berufenen Vertrauensmänner muss mindestensdie doppelte Zahl der zurzeit fungierendenMitglieder des Vorstandes betragen.“ Scheinbar entscheiden also über die Ansstellung eines Rabbiners der Kultus v ors t an d und Vertrauensmänner aus der Mitte der Gemeinde. Das ist aber nur Schein. In Wirklichkeit enfscheidet über die Anstellung eines Rabbiners der Kultusvorstand allein, denn erstens „beruft“, d. h. ernennt laut §35 C. St. der Kultus vorstand dieseV er trauensmänner — man hat es somit mit Vertrauensmänner .des Kultusvorstandes und nicht mitdenen derGemeinde und der in derselben bestehenden verschiedenen rituellen Richtungen zu tun — zweitens werden diese Vertrauensmänner bloss „angehört“. Sie haben bloss ein votum consutativum und kein decisivum, trotzdem ihre Anzahl die doppelte als die der Kultusvorstände sein muss. Die „Vertrauensmänner“, die die jeweilige Majorität des Kultusvorstandes nach ihrem Bedarfe ernannt, bilden trotz der „doppelten Anzahl“ eine Art mittelalterlichen Postolallandtages, sie werden „gehört“, aber nicht erhört, sie, die Vertrauensmänner, können einen von den jeweiligen Gewalthabern in der Kultusstube in Aussicht genommenen oder protegierten Kandidaten für den Rabbinatsposten als für einen Gemeinderabbiner ungeeignet bezeichnen, der Kultusvorstand kann ihn doch anstellen. Das Statut hat natürlich dafür Sorge geholten, dass es zu derartigen Konflikten zwischen der „doppelten“ Anzahl der Vertrauensmänner und dem Kultusvorstande nicht kommt, denn da nach § 35 St. der Kultusvorstand . die Vertrauensmänner ernennt, so ist ihm die Möglichkeit geboten, zu Vertrauensmännern nur „Jasager“ zu berufen. Sollte wirklich die Gemeinde d. h. die Mitglieder der Kultusgemeinde, eines Rabbiners mitwirken, dann müsste der § 35 dahin abgeändert werden, dass die Anstellung eines Rabbiners durch die von den Kultuswählern zu wählenden Vertrauensmänner, wobei bei der Aufteilung der Mandate die verschiedenen rituellen Richtungen zu berücksichtigen sind, mit Zustimmung des Kuitusvorstandes erfolgen darf. Wann diese Vertrauensmänner für die Ausstellung von Gemeinderabbinern zu wählen wären, ob bei den allgemeinen Kultuswahlen oder für jeden speziellen Fall, ist Nebensache. Wir würden uns für Wahlen ad hoc aussprechen. Nur auf diese Weise könnte die Ingerenz der Mitglieder der Kultusgemeinde bei Anstellung eines Rabbiners gewahrt werden. Es muss endlich einmal aufhören, dass die Bestellung eines Gemeinderabiners in Wien ein Werk einer zufälligen Majorität im jeweiligen Kultusvorstande sei. Es muss der Schein vermieden werden, dass bei Erlangung einer Anstellung als Rabbiner nicht die Fähigkeit, nicht gründliches Wissen der jüdischen Religion und der jüdischen Geschichte, sondern die Gunst der Kultusvorstandsmitglieder oder was noch schlimmer wäre, auswärtige Einflüsse, entscheidend seien. Aufruf! Liebwerte Volks- und Gesinnungsgenossen! Die hohen Feiertage nahen heran. Ihnen zu Ehren pflegen, die Juden, treu alter Ueberlieferung, Wohltaten zu üben. Es ist unsere Pflicht, diese nationale Eigenschaft der Wohltätigkeit auf die e'nzig richtige Bahn zu lenken — auf die der Selbsthilfe. Die würdigste Art und Weise jüdischen Wohltuns im Golus ist aber die Unterstützung des Volksgaiize n. Wir Zionisten haben im Jüdischen Nationalfonds eine Institution ins Leben gerufen. deren Ziel „die Erwerbung des Landes ohne Volk — für das Volk ohne Land“ ist. Die Mittel für dieses grosse Ziel müssen vom Volke seihst aufgebracht werden — und das Volk hat bereits seine Pflcht erkannt. Die Summe seiner kleinen Gaben hat die Höhe von fast zwei Millionen Kronen errecht. Die Juden mögen daher auch heuer ihrer Pflicht gedenken und heuer in doppeltem Masse, da durch die Konsttution in der Türkei und die von ihr zunächst geplante Agrarreform der ersehnten Erlösung unseres Landes, Gou'iath Haarez, neue Aussichten eröffnet sind. Wenn die Juden an den hohen Feiertagen zur Thora aufgerufen werden, mögen sie bei den Spenden für verschiedene wohltätige Zwecke des wohltätigsten nicht vergessen, unseres Nationalfonds. Es darf keinen Juden geben, welcher sich der Pflicht, auf dem Altäre der nationalen Selbsthilfe ein Opfer zu bringen, entzieht. Unsere Vertrauensmänner werden ermahnt, energisch zu arbeiten. Sie mögen durch Anwendung geeigneter Aufschriften in den Gottes- und Bethäusern, durch Verteilung von Flugblättern und durch mündliche Agitation ihrer Aufgabe gerecht werden. Reichliche Gelegenheit ist geboten, dem Nationalionds Einkünfte zu verschaffen. Tn jeder Stadt soll eine Lokalpost eingerichtet werden, welche die Zustellung der Neujahrskarten besorgt. Ueheriall hat sich diese Hinrichtung aufs beste bewährt. Die jüdischen Blätter nehmen gerne für den Nationalfonds Glückwunschablösungen zu Neujahr entgegen. Es ist uralter jüdischer Brauch, am E r e w- Jom-iKippur vor dem Betreten des Gotteshauses durch Kaaroth -Spenden der Armen und Dürftigen zu gedenken. In keinem C.otteshause fehle ein Vertrauensmann!,, welcher die Aufmerksamkeit der Spender auf den Nationalfonds lenkt .und diese Tellersammlungen überwacht. Wir erwarten, dass alle Gesinnungsgenossen und Vertrauensmänner unserem Appell entsprechen und durch rege Tätigkeit der zionistischen Organisation und somit dem jüdischen Volke Nutzen und Ehre bringen werden. Es gilt in Oesterreich eine Höchstleistung für unseren Nationalfonds zu vollbringen. Anregungen und Vorschläge werden dankend zur Keuntns genommen, alle an unis gerichteten Anfragen sofort beantwortet. Schöne Neujahrskarten sind bei uns um den Preis von K 6.— für 100 Stück gegen Voreinsendung des Betrages erhältlich. Jede Neujahrskarte soll mit einer Nf-F.-Marke versehen sein. Die Sammelstelle liefert jedem Gg. unentgeltlich entsprechendes Sammelmataral, wie (hebräische oder deutschsprachige) Aufschriften für die Sammlungen in den Gotteshäusern, Piug- . blätter und Broschüren. Mögen die Feiertage jeden unserer Freunde auf seinem Posten im Dienste der nationalen Idee finden! Mit herzlichem Zionsgruss Die Sammelstelle des jüdischen Nationalfonds für Oesterreich Wien, IX., Tünkenstrasse 9. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Friedek. Samstag den 5. September veranstaltete die jiid.-akad. Verbindung „Jvria“ in Wien und die jiid.-akad. Ferialverbindung „Hasmonäa“ im städtischen Rathaussaal einen Festkommers nrt anschliessendem Tanzkrünzcben. Die deutschnationale Studentenschaft Ftriedeks suchte mit Gewalt das Fest zu stören. Etwa 100 halbwüchsige Lehrjungen und Handwerksburschen wurden von den deutschen Akademikern gedungen, um die Gäste mit ohrenbetäubendem Pfeifen und Lärmen zu iempfangen. Der Zweck der Ruhestörer wurde aber weht erreicht. Die Festesfreude wurde nicht getrübt. Der Saal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Nach Absingung des „Gaudeamus“ begriisste cand. jur. Rud. Tramer die erschienenen Gäste, worauf die Bundeslieder der veranstaltenden Verbindungen zum Vortrag gelangten. Die Festrede hielt stud iur. Artur Relk, während Oberingenieur Emfl Fried in seiner Tendenzrede für dH:- Renaissance des jüdischen Volkes eintrat und die Ziele unserer Bewegung auseinandersetzte. Im inoffiziellen Teile ernteten Frl. Gertrude Singer und Herr phil. Ernst Spitzer durch ihren vorzüglichen Gesang grossen BUifall. Auch Herr phil. Benno Landsberger, der die Klavierbegleitung be- . sorgt hatte, fand herzliche Anerkennung. Aeusserst wirkungsvoll war ein einaktiges Lustspiel, in dem d:e miltwirkenden Damen und Herren (Frau Else Aufrieht, Frl. Gisela Rösler, Frl. Herta Kornfeld, Frl. Anna Reik, Frl. Fritzi Weohsbewg und Herr cand. .iur. Leop. Leschner und caiid. iur. Hans Schönhof) wohlverdienten Beifall ernteten. Ausserdem gelangten vor dem Tanzen einige fröhliche Chor- und Einzelgesänge zum Vortrage. Nagybänya. Die mächtige Kraft unserer Idee W:\veisst am besten die Tatsache, dass auch in Ungarn, dessen Judenheit in „jüdischer“ Intelligenz allen, logar den letzten Balkanstaaten nachsteht, das nationle Bewusstsein zu erwehen beginnt. Am 31. August konstituierten sich hier der zionistsche Männer und Frauenverein. Vorsitzender wurde der Kultuspräses d-er Gemeinde, Sekretär wurde der Gern e i li d e n o t ä r. Die ersten Männer der Stadt nabmn .regen Anteil an der Arbeit. Szatmär. Am 13. d. M. (Sonntag) veranstaltete der „Szatmärer Zion;sten-Verein“ eine allgenx/n zugängliche zionistische Versammlung im grossen Saale deis Handelsvereines. Nachdem Herr Adv. Dr. Hermann, Präses, die Erschienenen aufs herzlichste begriisst'und die antizionistischen Verleumdungen als grundlose Lügen gebrandmarict hatte, ergriff Herr stud. med. Viktor Jouidan (Makkabäa in Budapest) das Wort zu einem Refreate über „Die Judenfragö, der Zionismus und der lokale Patriotismus“. E»r appellierte an die Versammelten, sich unserer Organisation anzuschliessen und diese mit allen materiellen und geistigen Mitteln zu unterstützen.- Die Geigen^ virtuosin Frl. Alice Benkö spielte im Klavierbegleitung ihres Va^eirs Max Benkö, Professor am Konsei vatorium, einige Meisterstücke, die einen minutenlangen Applaus hervorriKfen. Nach -einigen vorzüglichen Deklamationen des Frl. Fib He rmann schloss Dr. Hermann d:<* V'r'-r-miiu.iw.. Mittweida. (Verein jüdischer Techniker.) Alle A. fl., A. H., B. B., B- B„ an die gleichzeitig die Bitte ergeht, uns ihre Adresse unverzüglich zukommen zu lassen, werden von der am 30. August erfolgten Ausschusswahl für das W. S. 1908/9 in Kenntnis gesetzt: Nat. Gottheb, Präses; H. Komissar. Schriftführer; W. Liverant, Kassier; M. Goschansky, Bibliothekar. * jj. *