Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-09-04 · 36 (4.9.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438202--0728-2440266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Redaktion, Administration und Inseratenaufhahme: IX., ^äpl<ci)sh>asse $£f. 9* Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr . vormittags. o= Manuskripte -werden nioht zurück gestellt. =□ Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufsletten in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldsehmiedt, I., WoUzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. o= Ab jnnementspreise: ln Oesterreich-Dngarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjäbr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Im übrigen Aasland ganzj. Frcs. 15.—. Vertretungen in der Provinz Manuskripte werden »loht rarttckgesteUt. In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. - In Prag: Zeitnngsverschleiss Wlezek, Graben 33-In Lemberg: Karl Bncbstab. Bucbhändlerlsche Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 36. Wien, Freitag, den 4. September 1908.. II. Jahrgang. faas deti) jnbalte: Die türkische Konstitution and die Aufgaben unserer Leitung. Von Adolf Böhm. Gesetzwidriges im Wiener. Kultusstatute- Von Dr. Zipser. Jüdische Sprachkonferenz. Ans dem jüdischen Leben. Zu den Kultuswahlen: Unsere Aussichten im kommenden Wiener. Knltnswahlkampf. Von Dr. Zweig. Bericht des Falästinaressorts. Feuilleton: Wenn ich Rothschild war’! Von Schalom-A leichem. Liste der Ueberläufer. Vereihsnachrichten,'Farteinachrichteh. Zionisten! Es ist ünbedinate Pflicht jedes « Gesinnungsgenossen, die »Jüdische Zeitung« zu abonnieren und für sie unablässig Werbearbeit zu leisten! Die türkische Konstitution und die Aufgaben unserer Leitung. Der Umschwung in der Türkei hat die zionistische Weltorganisation vor eine völlig neue Situation gestellt. Wie immer sich die nächste Entwicklung der -Türkei gestalten wird — und die Meinungen darüber gehen weit auseinander — so ist doch eines sicher. : dass .die Frage der inneren Konsolidierung des Reiches in’einer Weise aufgerollt wurde, dass sie nicht mehr zur Ruhe kommen kann. Für das jüdische Volk hängt von dieser Entwicklung nichts geringeres als die Entscheidung über seine Zukunft ab. Gelingt es, in Palästina und den angrenzenden Gebieten des türkischen Reiches ein jüdisches Kraftzentrum, wenn auch als Teil dieses Reiches, zu schaffen, so: ist der Fortbestand uüd die Renaissance: Ö^.,jüdis^ieii Volkes. verbürgt. Gelingt es nicht, dann ist die Zukunft des jüdischen Volkes ernsthaft in Frage gestellt. Unsere Organisation muss darnach handeln. Das wichtigste Erfordernis für jede weitere fruchtbringende Tätigkeit ist die sofortige Verlegung des Sitzes d er zioni s tischen Hauptleitung nach Ko nst anti n op el oder Jerusalem. Will man künftig zu einem Faktor im türkischen Staatsleben werden, will man, über die Kolonisation Palästinas verhandeln, so gibt es nichts anderes, als einerseits die Führung der in der Türkei ansässigen Juden anzustreben und anderseits heute schon demonstrativ den Generalstab des jüdischen Volkes in die Türkei zu versetzen. Das ist zunächst ein praktisches Erfordernis, um an Ort und Stelle den Gang der Ereignisse zu übersehen, die vorhandenen Möglichkeiten zu prüfen und durch ständige Verhandlungen die zionistischen Pläne in das Kalkül der massgebenden türkischen Kreise zu setzen. Es ist aber noch viel mehr: Durch diese Verlegung wird offen, vor aller Welt und vor allem gegenüber der Türkei, die Basis des jüdischen Volkes heute schon — wie es der Zionismus für die Zukunft will — in die Türkei verlegt und eine neue Orientierung der Judenfrage geschaffen. Das müsste mit einem gewissen Pathos und einer feierlichen Kundgebung geschehen. Dann wäre dieser Akt nicht nur von eminent propagandistischer Wirkung auf alle Juden der Welt, sondern würde auch die türkische Oeffentüchkeit von dem Emste iumerer Absichten überzeugen und auf sie einen nachhaltigen Eindruck machen. Unsere Leitung klagt über geringe Schekeleingänge un i das schwache Interesse für den Parteifonds. Es wird, heisst es, zu wenig agitiert. Solange aber nichts geschieht, um das Interesse der Massen wieder zu wecken, kann man dieses durch noch so viele Agitationsreisen nicht künstlich beleben. Herzls Agitation, die so grosse Erfolge zeitigte, bestand in der Führung einer grosszügigen Politik nicht darin, dass er Agitationsreisen machte. Die beste Propaganda ist eine einfache, klare, allgemeine, verständliche FEUILLETON. Wenn ich Rothschild wär’I Aus dem Zyklus „Kleine Menschlein“. Von S c h a 1 o in - A lei c h e m. „Wäre ich Rothschild“, spekulierte der Kassrieliwker Melamed Reb Eli-Meier vor seinen Schülern, als seine Frau Donnerstag nachmittags energisch Geld forderte, um die Einkäufe für den Sabbat zu besorgen; „wäre ich Rothschild, nun ratet, was ich täte V (Reb Eli-Meier führte indes eine tüchtige Tabakprise; zu seiner Nase.) Vor allem sorgte ich dafür, dass mein Weib stets ein „Dreier]“ Bargeld hei sich hat, damit sie mich am Donnerstag in Ruhe lässt. Zweitens möchte ich meinen versetzten Sabbatkaflan auslösen, nein — lieber „ihren“ Pelz, damit sie einmal aufhört zu brummen und über Kälte zu klagen. Dann kaufte ich dieses ganze Haus, mit allen drei Stuben, mitsamt der Kammer und dem Keller und dem Boden — sie soll mir dann nicht über den engen Raum klagen!. Da hast du zwei Zimmer koch’,- back’, wasch’, soviel es dir beliebt, mich aber lass’ schön in Ruh’; ich lebe dann ruhig meinem Berufe!_ Keine Sorgen mehr, kein Grübeln, woher „auf Schabbes“ nehmen wie schön wäre dieses;%eben7 “Die~Töchter verheiratet, be-. freit von der drückendsten Last, was fehlte mir dann noch? . . . Nun beginne ich mich für die Gemeinde zu interessieren. Zu allererst spende ich ein neues Dach für das alte Bethaus, damit der Regen nicht mehr auf die Köpfe der Betenden tropfe. Auch das Bad muss neu restauriert werden, heute, morgen, kann, muss dort ein Unglück geschehen, wenn es gerade im Momente zusammenstürzt, wo Juden drin baden. Und wenn schon das Bad hergestellt wird, so muss ja auch die Krankenstube von Grund aus in ein schönes Spital umgebaut werden, aber in ein wirkliches Spital, mit ordentlichen Betten, einem Arzte, Medikamenten, täglichen Suppen für die Kranken, wie esin anständigen Städten zu sein pflegt. Und ein Versorgungsbaus soll entstehen, - damit alte, gelehrte Greise sich nicht im Beth-Hamidrasch herumquälen, lind ein Verein zur Bekleidung armer Kinder, dass sie nicht mehr entblösst in den Strassen herumlungern, und ein Kreditverein, wo sowohl ein Melamed als ein Kaufmann oder "Handwerker keine Wucherzinsen -mehr zu zahlen brauchen, nicht das letzte Hemd versetzen müssen. Und ein Verein zur Ausstattung armer Mädchen, damit alle armen, erwachsenen Mädchen mit Ausstattung gehörig verheiratet werden (dabei stiess Reb Eli-Meier einentiefen- Seufzer aus, während er auf seine dreissigjährige Tochter Fessele J blickte) und noch viele, viele ähnliche. Vereine! und. Stiftungen gründe ich bei uns in Kassrieliwke.... i Doch warum gerade Kassrieliwke? . Ueberall,. wo Juden wohnen, führe ich solche schöne Einrichtungen ein, überall in der ganzen Welt! Damit aber alles in Ordnung geführt werde, ratet einmal, was ich täte? Ich gründe einen grossen Verein, dem die Aufsicht über alle lokalen Vereine zukäme, über alle -luden, damit alle Juden überall ihr Brot haben und in Eintracht leben und in den Lehrhäusern sitzen und Chumesch mit Raschi und Gemara undTosafoth und M’harscha und alle anderen sieben Weisheiten und siebzig Sprachen lernen. Und über allen Lehrhäusem soll ein grosses Lehrhaus, natürlich ' in Wilno sein, wohin die grössten Gelehrten der Welt kommen sollen. Und alles soll unentgeltlich sein auf Kosten des G’wir; alles soll in Ordnung und planmässig geführt werden. Es soll jedes „Ich-gebe-dir-gib-mir“ aufhören, alle sollen auf das Gemeinwohl bedacht-sein, nur auf das Gemeinwohl! . . . Damit man aber für das Gemeinwohl sorgen kann, muss für den einzelnen gesorgt werden. Und wie wird für den,einzelnen gesorgt? Natürlich so, dass er sein Brot hat. Denn Brot, sage ich euch, ist das erste und Wichtigste; ohne Brot keine Einigkeit. Des Bissen Brotes wegen verfolgt einer den andern, schlachtet ihn ab,, sticht ihm die Augen aus! ... So ist es bei. Juden, so. auch bei anderen, überall auf der ganzen Welt. Ueberall Neid, Hass und . daher jedes Leid, jedes Unglück, alle Verfolgungen, Räubereien, Mördereien. und Schlachtgemetzel ... » % / ) 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.