Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-07-03 · 27 (3.7.1908) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438193--0631-2440160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 9 .'Diese Mahnung kann nicht genügend betont werden. Die Schaffung eines kulturellen Zentrums in Palästina ist von grosser Tragweite, nicht nur für die Gewinnung Palästinas selbst, sondern auch für die Erobung der denkenden und fühlenden jüdischen Welt für die Idee des Zionismus. Wie oft beklagen wir uns ob der Gleichgültigkeit unserer -Jugend der zionistischen Idee gegenüber. Ja, womit wollen wir diese Jugend eigentlich locken? .Ich glaube, dass gerade in dieser Hinsicht eine .gute Hochschule in Palästina, modern ausgerüstet und im jüdischen Geiste geleitet, Wunder •schaffen kann. Es genügt nicht immer, zu beschuldigen, man muss auch die Ursachen der Entfremdung und des Fernbleibens des grössten Teiles der jüdischen Jugend von unserer Bewegung erforschen und ergründen. In welcher schrecklichen Lage befindet sich jetzt die herumirrende und ewig herumsuchende jüdische Jugend? Sie ist gezwungen, bei Fremden um Zulassung zur Bildung einfach zu betteln. Von der Gnade der Völker wird sie gespeist — ihr eigenes Volk ist nicht imstande,- ihren Bildungsdurst zu löschen. Sogar von der Natur aus mit zartem Gefühle begabte Kinder verlieren mit der :Zeit ihre Zärtlichkeit, wenn sie ihre Eltern immer in hilflosem Zustande sehen und sich an andere wenden müssen, um für sich eine Existenz im -Leben zu schaffen. Armut ist vielleicht unter Umständen keine Schande — für eine Nation ist aber die geistige Hilflosigkeit immer verhängnisvoll. Selbstredend kann eine oder die andere Lehranstalt in Palästina nicht wie durch Zauber- .kraft dieser im Golus entstandenen Psychologie der jüdischen Jugend mit einem Schlag ein Ende machen, ater das erste freie Wort in einer freien •Umgebung wird eine neue Aera in unserem geistigen Leben hervorrufen. Dadurch wird in •die geistige Ghettomauer. Bresche geschlagen werden. Solange wir keine Wege und Miltel gefunden haben, wie man die Jugend für die nationalen ..Aufgaben erhält, wird unsere Bewegung sich nur -auf Ausnahmen stützen. Vorläufig muss die traurige Tatsache konstatiert werden, dass ein grosser Teil der intelligenten jüdischen Jugend sich gegenüber dem Gedanken der nationalen Wiedergeburt von -einer Interesselosigkeit zeigt, die nicht aus Mangel "an prinzipieller Erkenntnis kommt, .sondern aus, Mangel an festem Glauben an das Gelingen dieser Idee. Denn der Glaube an die inneren Kräfte der Nation ist unter der Jugend im Aussterben be- , griffen. Ohne eine eigene Sprache — die heute durch eine oder mehrere fremde ersetzt wird — ohne eine eigene Literatur und ohne eigene Schulen wird die Jugend mit Gewalt ihrem Volke entrissen. Sie gewinnt immer Achtung vor den Fremden ■unter Umständen auf Kosten der Selbstachtung, ■die sich mit der Zeit ganz abstumpft. Es steigt der ■Glaube an die fremde Allmacht und parallel damit ■der Zweifel an der eigenen Lebensfähigkeit. Der nationale Selbsterhaltungstrieb veranlasst zwar verschiedene jüdische Gruppen dieser nationalen -Schwindsucht entgegenzutreten und Massregeln zu treffen, um die Jugend nach Möglichkeit bei •ihrem Volke zu erhalten. Allein die Bedingungen der Diaspora sind sehr ungünstig für eine solche •Gegenwirkung, und die jüdische Seele wird allmählich vom Gifte des Zweifels durchtränkt. Hier gibt es nur ein Mittel, und das ist die Schaffung eines Kulturzentrums in Palästina! In erster Reihe muss selbstverständlich für . -die in Palästina lebende Jugend gesorgt werden. Keine Mittel dürfen zu teuer sein, wenn sie nur geeignet sind, diese Jugend in und für Palästina : zu erhalten. Jede jugendliche Kraft im •Lande ist für die Zukunft unschätzbar. -Und der Schaden, wenn sie dass Land verlässt, unberechenbar. Aus Mangel an Einfluss haben wir bis jetzt diesem wilden Tanz der verschiedenen •philanthropischen Organisationen tatenlos zuge- .schaut, die durch ihre Schulen und ihr Erziehungssystem auch die palästinensische Jugend zum Wanderstab trieben, ohne diesem verderblichen -System mit aller Energie entgegenzutreten. Protest durch Gründung von besseren Schulen auf entgegengesetzter Basis, durch Einführung von anderen •diametral entgegengesetzten Erziehungssystemen. Wenn wir erst eine kristallisierte Jugend, mag sie noch so klein an Zahl sein, in Palästina haben werden, wird sich das geistige Zentrum von selbst weiter entwickeln, denn schwer ist nur der Anfang. Dieses Zentrum wird mit der Zeit den grössten •Einfluss auf die Entwicklung der gesamten jüdischen Jugend in allen Weltteilen ausüben. Gerade in der letzten Zeit sehen wir, dass die '.Erkenntnis der Notwendigkeit eines anderen Erziehungssystems in Palästina in eine der jüdischen •Organisationen eindringt. In solchen Fällen, wo wir die Richtung wahmehmen, ist es unsere heilige Pflicht, mitzuarbeiten. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat die Gründung eines Technikums, verbunden mit einer Mittelschule, in Palästina beschlossen. Wir können sehr zufrieden sein, wenn auch nichtzionistische Organisationen auf ganz anderem Wege zur Ueberzeugung gelangen, dass die kulturelle Tätigkeit in Palästina von grosser Wichtigkeit für die gesamte Judenheit sein kann. Dieser Umstand kann uns nur zu neuer Tätigkeit anspornen, uns frischen Mut und Zuversicht einflössen. Jeder Zionist muss es als seine Pflicht betrachten, diese neue Gründung in Palästina mit allen Kräft en zu fördern und für deren weiteren Ausbau mit aller Energie zu arbeiten. Von unserem Mitwirken ist der Erfolg der Gründung abhängig. Es ist wahr, in der letzten Zeit vernehmen wir Stimmen zugunsten einer Palästina-Tätigkeit vielfach von solcher Seite, von der wir sie vor mehreren Jahren nicht erwartet hatten. Diese Umwandlung in der Anschauung mancher Leute darf aber nicht auf Rechnung unserer aktiven Wirksamkeit gesetzt werden. Viel eher ist sie zu verdanken jener uralten Kraft, die in latenter Form dem mehr bewussten Teile der Judenheit innewohnte, der Kraft, die neue Hoffnungen und Erwartungen mit unseren alten historischen Boden immer in Zusammenhang brachle. Das ist die Kraft der Idee an und für sich, die aus dem Hintergrund der historischen Erinnerung allmählich zur klaren Erkenntnis und vernünftigen Einsicht gelangt. Unsere Aufgabe ist es, diese Erkenntnis überall zu stärken und ihrer Verbreitung den Weg zu eben. Wir stehen jetzt also vor einer sehr wichtigen Aufgabe. Die Schaffung eines Kulturzentrums in Palästina muss uns zur Hauptaufgabe werden, und wenn diese Idee einst ihre Verwirklichung gefunden haben wird, dann wird auch der unnütze Streit über „Oestier“ und „Westler“ innerhalb der nationaljüdischen Gruppen von selbst verschwinden, denn der Schwerpunkt des jüdischen Schaffens wird nicht mehr in irgend einem Lande der Diaspora bleiben. Es lässt sich nicht in Form einer Rede die ganze tiefere Bedeutung die Schaffung eines Kulturzentrums in Palästina erschöpfen. Das war auch nicht meine Absicht. Erst mit der Arbeit wird der tiefere Einblick gewonnen. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass vor uns ein weit ausgedehntes Gebiet liegt, in der Hoffnung, dass jeder von uns sich dieser grossen "Aufgabe gewachsen zeigen wird. Vereins- und Versammlungs-1 Nachrichten. Kremsier. Sonntag den 28. Juni fand im Saale der jüdischen Kultusgemeinde eine für die Verhältnisse unserer Stadt gut besuchte Versammlung statt, welche von Herrn Dr. Kadi sch aus Wien, eröffnet und geleitet wurde. Der Referent, Herr Lucian Brunner aus WieD, der über „Die Juden und das österreichische Nationalitätenproblem“ sprach, begründet in einfacher, schlichterWeise, durch Vergleich mit den übrigen in Betracht kommenden Parteien, dass die Juden, wenn sie auch die Gleichberechtigung in der Praxis erringen wollen, sich offen und wahr als das, was sie ihrer Abstammung nach sind—als Juden, bekennen und jüdische Politik machen müssen. Er erörtert in ausführlicher Weise den Hauptpunkt des Programmes dieses Vereines, die Erringung der nationalen Autonomie. Zum Schlüsse seiner interessanten Ausführungen gibt der Referent seiner festen Ueberzeugung Ausdruck, ..dass die Erreichung dieses Zieles nicht nur für das Judentum segenbringend, sondern auch für die moralische Hebung der ganzen zivilisierten Menschheit von unschätzbarer Bedeutung sein werde. In der darauffolgenden Diskussion kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit einigen sozialdemokratischen Studenten. Nachdem Herr Dr. Kadisch in begeisterten Worten von der Politik eines modernen Oesterreich gesprochen hatte, schloss er die Versammlung, die auf die Anwesenden einen sehr guten Eindruckmachte. A. B. Liste der Überläufer. (Vom 24. Juni his 2. Juli 1908.) Rosa Deutsch, 1874 Wien, ledig, V., Ramperstorffergasse 48. Ignatz Abraham Hermann, 1861 Neudorf, ledig, Schuhmacher, II., Gabelsbergergasse 3. . Dr. Max Baczewski, 1873 Wien, vertu Patentanwalt, III., Marxergasse 5. - -■! Irma Steiner, 1SS5 Gloggnitz, N.-Oe., ledig, Privatbeamt., XVII., Hernaiser Hauptstrasse 55. Natalie, geh. v. Steinhaus, Baczewski, 1883 Zauchtel (Mähr.), verh.. HI.. Marxergasse 5. Siegfried Löffler, 1888 Wien, ledig, XVI., Wichtelgasse 7. Ludwig Fischer, 1868 Wien, ledig, Kaufmann, IX., Widerhofgasse 5. Sidonie Fink, 1871 Wien, ledig. Privatbeamt., IX., liarmoniegasse 9. Sophie Kirschner, 1862 Wien, ledig, VH., Breitegasse 14. Max Lindner, 18S5 Wien, ledig, Jurist, IX., Maximilianplatz 3. Felix Graie, 188S Bolelz, ledig, Hörer der Export-Akademie, I., Reichsratsstrasse 15. Regina Weiss, 1885 Wien, ledig. VII., Lerchenfeldergürtel 24. Pauline Burger, 1886 Wien, ledig. Private, XVIII., Plenergasse 7. 4 Dr. Friedrich Weiss, 1883 Klein-Pofic (bei Nachod, Böhmen), ledig. Rechtspraktikant, XIX., Vegagasse 7. Richard Kätscher, 1889 Wien. Gymnasiast. Personalnachrichten. Unser wackerer Gesinnungsgenosse Herr Simon Lamm aus St&ry-Sambor feiert Dienstag den 7 d. M. um 6 Uhr abends in Przemysl, „Hotel V.ktoria", mit Frl. Netti England seine Hochzeit. Wegen der ausführlichen Berichterstattung Uber den westösterreichischen Zionistentag erscheint die heutige Nummer verspätet. Briefkasten der Redaktion. J. W. Ihr Vorwurf ist ungerechtfertigt. Wir hatten keinen Anlass, da Mohilewer am 27. Juni 1899, somit vor neun und nicht vor zeihn Jahren gestorben ist An unsere Abonnenten. Wir ersuchen diejenigen Abonnenten, deren Bezugszeit am 30« Juni 1908 abgelaufen ist um rechtzeitige Erneuerung des Abonn ments, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. §afi)fi)elsidk des Dddlscbei) $£ati©Da1foi)ds täi* ©esteppeicb, Wien, IX., TUrkenstrasse 9. Allgemeine Spenden: Bleich. M.: Per Josef Spitzer „Unitas“. A. H. Sonnenschein. 5.— Czernowitz. Bu. : Henie Horowitz .... 5.— Friedek. M.: B. Klein mann. Zionistische Mittelschüler.20.— Horodenka. S. G.: Sammlung Benzion Eisman. David Wolfsohn ...... 12.42 Kossow. S. G.: Per O. Gertner: Sammlung E. Schneeberg auf Hochzeit Adlersberg- Kranosila 4.10, Sammlung Frl. Majer, Frl. Halter, Häusler, Schneeberg, auf Hochzeit Majer-Ehrlich 8.33. JüdischerKiub..12.43 Kremsier. M.: Per J. Kulka: Studenten bei Lehrer Vogel. 2.40 Kuty. S. G.: Sammlung Simon Mandel auf Hochzeit Grau-Eugel: Brautpaar 1.—, diversj 2.—, ab Porto 0.05. „Zion“. . 2.95 Lemberg. O. G.: Per S. Philipp: S. Reutschner 3.—, Dr. M. Zweig 0.50. 3.50 Luzan. Bu.: Josef Rubinger. anlässlich Verlobnng mit Frl. Seide Reiter .... t.60 Olmüiz. M.: Baumgarten .18.— Adolf Markus- Ing. Sonnenschein 3.— Piaseczna. O. G.: Pet S. Philipp: Sammlung Samuel Lechowicz auf Hochzeit Diamandstein-Goldfischer: Moses Diamandstein 0.60, A. Seitei, Majer Goldfischer, M. Rosner, S. Lachowicz ä 0.50, Leib Such, Serach Scharf, Jcchok Goldfischer, Moses Markus, Barl Bienatock ä 0.40, Leib Gleich, Nute Goldfiscber, ä 0.30, diverse 0.80. 6.—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.