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Jüdische Zeitung · 1908-07-03 · 27 (3.7.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr.. 27 Selten ist das greulich Unnatürliche unserer Lage, das himmelschreiende, moralische Elend des Golus, der Verbannung unter fremdes Volk, so greifbar vor die Augen getreten. Jede Sache hat ihr Gutes, auch diese. Sie wird allen Juden, die bisher unentwegt den Deutschen treueste und blinde Gefolgschaft geleistet und darob die Pflichten gegen die eigene Nation vergessen haben, zu denken geben. Diesbezüglich sei ein Umstand besonders hervorgeboben. Viele tausende österreichische Juden gehören dem .Deutschen Schulverein'“ an. Was dieser Verein an Schaffung deutscher Bildungsstätten leistet, ist bekannt, er stellt heute einen Lebensnerv des deutschen Volkes dar. Ebenso bekannt ist, dass er den grössten Teil seiner Ausgaben mit jüdischem Gelde bestreitet. Die Ehrenmitglieder und Funktionäre des Schulvereines, die Abgeordneten Steinwender, Hoffmann, Sylvester, Weidenhoffer und Konsorten haben für die Resolution Schmid gestimmt! In einer solchen Gesellschaft, in einem solchen Vereine haben ehrenhafte Juden nichts zu suchen! Uebrigens standen sie nicht allein, diese Geisteshelden, die Ritter der Mistgabel, des Weihwedels und der Heringstonne. Viele Abgeordnete, als Advokaten, Beamte und Lehrer, den Intelligenzständen angehörig, leisteten ihnen willig Hilfe. Die A b g; e o r dneten der sich „deutschfreibeit- . lieh“ nennenden Parteien haben für den Antrag Schmid gestimmt! Dieser Tag war ja auch ein Ehrentag des deutschen Volkes, denn ausschliesslich dieses hat die Truppen für den Kampf gegen die Rechtsgleichheit der Juden geliefert. EinDeutscher hat den Antrag gestellt und es haben eine Handvoll klerikaler Slovenen und Italiener ausgenommen, nur Deutsche für den Antrag gestimmt. G zechen, Polen und Rutbenen aller Parteirichtungen haben sich geweigert bei diesem Rechtsbruche mitzutun und geschlossen gegen den Antrag gestimmt, selbst einem Antisemiten Baxa, einem Klofac schien er ungeheuerlich! Die Männer des .deutschen Freisinnes* habenihn akzeptiert! Im Dienste der Deutschen haben die Juden geschuftet und gefrohndet. Die Abstimmung hat wieder einmal gezeigt, wie die ritterliche deutsche Kulturnation Dankesschulden begleicht. R. St. Die Liste unserer Feinde. Für den Antrag Schmid haben folgende Abgeordnete gestimmt: Anderle, Axrnann, Baechle, Bauchinger, Baumgartner Georg, Benkovic, Berger, Berat, Biankini, Bielohlawek, Blöchl, Brunner, Budig, Bugatto, Conci, Delugan, Demsar, Diwald, Dobernig, Doblbofer, Dorfmann, Drexel, Einspinner, Eisenhut, Eisterer, Erb, Faidutti, Fisslthaler, Fon, Frick, Fuchs Franz, Fuchs Viktor, Geissler, Gentili, Gostincar, Grafenauer, Grafinger, Gratz, Gregoröic, Grim, Gruber Rudolf, Guggenberg, Hagenhofer, Heilinger, Heilmayer, Herold, Hocevar, Höher, Hofmann v. Wellenhof, Horsky, Hruban, Huber (Niederösterreich), Huber (Steiermark), Iro, Jaklic, Jedek, Jesser, Jukel, Kadlcäk, Kemetter, Kienzl, Kletzenbauer, Kopp, Korosec, Kraus, Kreilmeier, Krek, Krenn, Krennwallner, Kucbyüka, Kuhn, Kunschak, Lang, Lanzerotti, Lechner, Liechtenstein, List, Lössl, Loser, Lueger, Luksch, Malik. Marckhl, Meyer Johann, Mayr Michael, Miklas, Morsey, Mühlwertb, Myslivec Josef, Myslivec Vaclav, Nagele, Niedrist, Oberleithner, Onciul, Pabst, Pacher, Pattai, Pichler, Pillicb, Pirker, Pisek, Ploj, Pogacnik, Povse, Prisching, Pröchazka, Rienössl, Roblek, Roller, Rolsberg, Roskar, Schachinger Georg, Schachinger Karl, Schilder, Schlegel, Schmid Alfred, Schmid Heinrich, Schöpfer, Schoiswohl, Schraffl, Schweiger, Seidel, Siegele, Silberer, Sommer, Spies, Steiner, Steinwender, Stöckler, Stransky Eduard, Stumpf, _ Sturm, Sylvester, Silinger, Srämek, Suklje, Snstersic, Teltschik, Thurnher, Tomaschitz, Tomola, Tonelli, Tvarüzek, Unterkircher, Valoucek, Wagner (Steiermark), Wagner (Mähren), Walcher, Waldl, Weidenhoffer, Weiss, Wille, Winter Hans, Withalm, Wittek, Wohlmeyer, Wolf, Zach, Zaruba, Zaunegger, Zeiner, Zitnik. Fett gedruckt sind die Namen der .dentschfreiheitlichen* Abgeordneten. Folgende Abgeordnete waren im Hause anwesend und halben sich vor der Abstimmung entfernt: Abrahamowicz, Baumgartner, Bellegarde, Chiari, Damm, Derschatta, Dobija, Dulibic, Ebenhoch, Fiedler Franz, Fresl, Gessmann, Goll, Grössl, Hanusiak, Hlibowizki, Hofmann, Vinzenz, Hormuzaki, Hribar, Hueber,Isopescul, Ivcevic, Jäger, Keschmann, Korytowski, Kotlar Josef, Kroy, Krützner, Londzin, Madej, Markow, Meski, Naprstek, Oklestek, Onyszkewycz, Padour, Palme, Panizza, Pantz, Peric, Perwein, Potoczek, Prade, Praschek, Rataj, Rybar, Simionovici, Soukup Martin, Spemfl, Spincic, Stahl, Staniszewski Josef, Sternberg, Stöfzel. Stohandel, Stojalowski, Stojan, Suhraba, Szajer, Szponder, Sabata, Sachl, Strekelj, Svpjk, Thun, Vojta, Vukovic, Waldner, Weiskirchner, Zahradnik, Zazvorka, Zuleger, Zygulinski. , ' Fett gedruckt sind die Namen der „deutschfreiheitlichen“ Abgeordneten. Der westösterreichische Zionistentag in Brünn Der erste österreichische Zionistentäg hat die grossen Erwartungen, die man in den Kreisen der Gesinnungst enossen an ihn knüpfte, nicht enttäuscht. Der Verlauf des Tages war ein würdiger, Referate und Debatten standen auf bemerkenswerter Höhe. Der Wunsch nach einem Zusammenschluss der westlichen Distrikte war ein so starker, dass die bestehenden, an sich nicht bedeutenden Differenzen in der Organisationsfrage leicht ausgeglichen werden konnten. Die Wahl eines Zentralkomitees, dessen Mitglieder den drei Distrikten angehören, bedeutet; eine Zusammenfassung von Kräften, die bisher vereinzelt an verschiedenen Stellen gewirkt haben. Seine Zusammensetzung bürgt dafür, dass es seine Aufgabe gewissenhaft erfüllen wird. Die Einmütigkeit, mit welcher das Z. K. in seiner ersten Sitzung seine Beschlüsse fasste, hat allgemeine Genugtuung hervorgerufen. Es ist kein Zweifel, dass wir einer Aera des Aufschwunges des Zionismus in Westösterreich entgegengehen. Die Heerschau über die vielen daselbst vorhandenen tüchtigen Kräfte, welche der Brünner Parteitag bot, hat allgemein das Gefühl erweckt, dass wir stark genug sind, um bei einem einigem Vorgehen, wie es dieser Zionistentag inauguriert hat, Beträchtliches zu leisten. Um die Vorbereitung und das gelungene Arrangement des Zionistentags haben sich das Troppauer Distriktskomitee, das Brünner Kreiskomitee (Obmann Dr. Weiner) und die akademische Verbindung „Veritas“ besondere Verdienste erworben. Der warme Dank, den der Präsident diesen Korporationen am Schlüsse der Verhandlungen ausgesprochen hat, fand bei allen Delegierten lebhaften Widerhall. * * * Die Verhandlungen des Parteitages. (Spezialbericht der „Jüdischen Zeitung“.) . Sonntag dein 28. und Montag den 29. Juni fand in Brünn der Erste Parteitag der wes toste rreichis eben Zionisten statt, weicher von dem durch die Brünnler Kon- Weissstein, Em. Taub, dann die .Leichenschmuggler* Amsei Vogel, Jackl Smilovics, David Herschka, Martin Gross und Ignaz Klein), endlich die Krakehier und Aufwiegler Geza Onody und Julius Verhovay, die durch ihr Benehmen den Gang der Verhandlungen beeinflussten und störten. Onody liess sich sogar einmal dazu hinreissen, den Staatsanwalt auf offener Strasse tätlich zu insultieren. Und interessant waren auch die Sachverständigen; einerseits die Analphabeten ä la Dr. Trajtler, andererseits die Fachmänner von Weltruf, wie Professor Scheuthauer. Der 46tägige Prozess endete mit dem Freispruch sämtlicher Angeklagten; trotz des .besten Willens* vermochte der Gerichtshof nicht Beweise für die Schuld, den Ritualmord, zu erbringen. Eine ausführliche Schilderung des aufregungsreichen Prozesses ist hier nicht am Platze; aber einige statistische Daten seien angeführt: Die Zahl der Untersuchungsakten betrug 295, wozu 57 ergänzende Akten kamen; über die Verhandlung wurden 37 Protokolle aufgenommen, jedes ein Buch. Eölvös zählt in seinem zitierten. Werke den Inhalt der Protokolle kurz auf Bemerkenswert ist.u. a. das 31. Protokoll: .Sitzung vom 30. Juli von */i9 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags: Verteidigungsrede Karl Eölvös’.“ Eötvös füllte mit seinem Plaidoyer den ganzen Tag aus; es war eine seiner grössten und schönsten oratorischen Leistungen, ein Meisterwerk forensischer Beredsamkeit — dabei von Anfang bis Ende improvisiert! Selbstverständlich wirkte bei dem Prozess ein ganzes Slenographenbureau mit; ’ der Chef desselben war der. gegenwärtige Justizminister Anton Günther. Von Interesse sind die Mitteilungen, die Eötvös über die Honorare der Verteidiger macht. Ferdinand Horäns s k y, der ursprünglich als Verteidiger fungierte, dann aber aus politischen Motiven zurücktrat, hätte 3000 fl. bekommen sollen, von denen er auch mehrere Raten in Empfang genommen hat. Alexander Funtäk erhielt 9000 fl., Ignaz Heu mann 5000 fl., Bernhard Friedmann (der nur an der Schlussverhandlung teilnahm) 3000fl.; Karl Eötvös bekam nach der Verhandlung 20.000 fl., während derselben 33,000 11. (Eötvös war es bekanntlich, der die ganze Verteidigungsaktion leitete; diese beanspruchte Reisen, Untersuchungen, die Abfassung von Berichten und manches andere; in fünf Vierteljahren häufen sich derartige Ausgaben bei! einem Monstreprozesse in ganz respektabler Weise.) Ein Vierteljahrhundert ist seit dem denkwürdigen Prozesse verstrichen, ein grosser Teil der Personen, die in ihm eine Rolle gespielt, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Korniss, der kurz nach dem Prozesse in Pension ging und sich dann in das Abgeordnetenhaus wählen liess, ist längst gestorben, Szeyffert vor wenigen Jahren. Von den Verteidigern sind Funtäk und Heumann tot, ebenso, die. Ankläger. Der „Kronzeuge“ Moriz Scharf lebt heute noch als Diamantschleifer in Amsterdam, der vom Staatsanwalt so . vortrefflich charakterisierte Untersuchungsrichter Josef Berg ist Präsideut des Nagyvärader Gerichtshofes. * Der Prozess von Tisza-Eszlär wirkte wie ein reinigendes Gewitter. Den meisten Hetzern verging die Lust, die sinnlose Beschuldigung neuerdings zu erheben. Doch dauerte die Ruhe nicht lange. „Der grosse Prozess“ ist noch immer nicht zu Ende. Es kam der Könitz er Ritualmord und dann die Polnaer Afiaire, der nun schon jahrelang die Gemüter in Aufregung hält und deren unschuldiges Opfer Leopold Hilsner ist. Der eigentliche Dulder, das eigentliche Opfer dieser Prozesse sind nicht einzelne Personen, sondern das gesamte jüdische Volk, an welchem die den gemeinsten Instinkten entsprungene Verdächtigung wie ein Fluch haftet Allerlei. Die Schultrage in Russisch - Polen!' Im Mittelpunkte der jüdischen Interessen staht in diesem Augenblick die unglückselige Schulfrage. Das alte Schuljahr gebt zu Ende und schon beginnen an sämtlichen Kuabengymnasien AufnahmeprüSungen für das neue Jahr. Nun gilt an den Gymnasien die bekannte 10 Prozent-Norm für Juden, das heisst auf 1Ö0 Christen dürfen höchstens 10 Juden angenommen werden; da aber die Zahl der christlichen Schüler einer Klasse selten die Zahl 40 überschreitet, SO' stehen den Juden nur 4, günstigenfalls 5 Plätze zur Verfügung. Bei der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Warschaus ist die Zahl der Kandidaten auf diese vier Plätze eine Vielfach grössere, und an jedem Gymnasium melden sich nicht selten 80 bis 100 Kandidaten, die dann einem Ausscheidungsexamen ' unterworfen

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