Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Agrarbank schaffe, und zwar vor allem mit den Mitteln des Nationalfonds., Er selbst sprach in seiner letzten Rede — gehalten im Petersburger Verein „Palästina“ am 25. Mai d. 3. — von der Notwendigkeit und der Nützlichkeit der verschiedenen V ersuche und Experiment e, die dem ganzen Volke den Weg weisen sollen. Also, Ussischkin selbst ist gar nicht gegen staatliche Intervention und Herr Prof. War bürg irrt wenn er Ussischkin Gegnerschaft gegen staatlich-soziale Einmischung in die Kolonisation zuscbreibt. Also woher stammt die Gegnerschaft gegen die Land-Developement- Company? Mag sie in Odessa oder in London, in Palästina oder in anderswo zum Vorschein kommen — die Gegnerschaft hat eine Quelle: das kleinbürgerliche Denken und Fühlen, das kleinbürgerliche Ideal, dass unter allen Breitegraden in den verschiedensten Ländern zu finden ist. Der Kleinbürger ist gegen die soziale Arbeitergesetzgebung, nicht weil er gegen staatliche 'Intervention überhaupt ist, sondern weil er ein beschränktes Ideal besitzt. Die Psychologie des Kleinbürgers ist von Hass und Misstrauen gegen jede Neuerung charakterisiert, wobei der Blick nie nach vorn, in die Zukunft, sondern nach hinten, in die graue Vergangenheit gerichtet ist Die Psychologie des Kleinbürgers ist ein-Streben nach dem kleinen Eigentum. Mit einem Worte: stille Beschränktheit. Nun kommt man mit einem ganz neuen Vorschlag: etwas zu schaffen, was noch nie dagewesen ist, was wenigstens nicht die Regel der „kompaktein Majorität“ war. Da müssen die beschränkten Kleinbürger aller Länder unzufrieden sein. Und deshalb ist Herr Ussischkin gegen die Land-Developement-Company. Und mit ihm alle anderen zionistischen Kleinbürger. Aber nicht deshalb, weil, wie Herr Prof. Warburg meint, das Ostjudentum als solches nicht fähig ist, soziale Gesetzgebung zu begreifen. Auch in -Westeuropa haben wir sejuviele dieser kleinbürgerlichen Zionisten, für die die :Land-Developement-Company das „unpraktischeste“ Ding der 'Welt ist. ' Ich kann nicht einmal sagen, dass wir in Russland mehr solcher Kleinbürger haben als anderswo. Leider haben wir auch hier die Vertreter der entgegengesetzten Meinung in sehr grosser Zahl. Bekanntlich sind die russischen Poale-Zionisten gegen die Land- Developement-Company, weil sie ihnen zu wenig gibt Und die Lehre? Man kümmere rieh ebensowenig um die Kleinbürger, als um die Stunhdränger. Werden sie allzu unerträglich, so muss man ihnen den richtigen Ort zeigen und im übrigen die Arbeit fortsetzen. . Herr Us s is chkin ist unzufrieden? Mein lieber Gott! Wir, können doch nicht beim Ideal des Kleinbürgers stehen bleiben und mag dieser Kleinbürger einen rührenden Opfermut, eine gewaltige Ergebenheit und einen zündenden Glauben besitzen. Denn alle diese grossen Eigenschaften sind von innen aus vergiftet: durch die kleinbürgerliche Beschränktheit. Zum .Glück ist nicht der ganze russische Zionismus kleinbürgerlich, denn Herr Ussischkin ist bei weiten nicht sein typischer Vertreter und zum Unglück ist der westeuropäische Zionismus lange nicht frei von kleinbürgerlicher Beschränktheit. Ost- und Westeuropa sind in dieser Beziehung einander gleich. Da und; dort wird erst das fortschreitende Leben, das vor Neuerungen .nicht erschrickt über-das Kleinbürgertum den Sieg davontragen. Dieses fortschreitende Leben ist für Warburg und gegen Ussischkin. Und das genügt! , Aber keine Begriffsverschiebung: verwechseln sie nicht Ostjudentum und Kleinbürgertum. Palästina. Einweihung des Bezalelhauses, Am Lagb’omer. fand die Einweihung des neuen Schulgebäudes des Bezalels statt, das vor kurzem der Nationalfonds erworben hat, ihn es der Bezalelsehule zu vermieten. Das Gebäude bildet einen 'Komplex von zwei grossen, zweistöckigen und zwei kleinen ebenerdigen Häusern, von denen vorläufig nur ein Haus vom Bezalel bezogen werden konnte. Die Häuser liegen an einem der schönsten und .höchstgelegenen Plätze Jerusalems. Ini weiten Umkreise von entlegensten Punkten der Stadt sind die stattlichen, in echt orientalischem Stile erbauten Häuser zu bemerken. Es soll uns ein hoffnungsvolles Symbol sein, dass der Nationalfonds mit seiner . ersten Erwerbung mit der bisherigen jüdischen Tradition, sich in die tiefsten Löcher zu verkriechen und die schönen luftigen Höhen zu meiden, gebrochen hat. Die golushafte Gedrücktheit des Alten, des Chalukkah- Jischub, tritt in wenigen Fällen so traurig-drastisch zutage als gerade in der Wahl der Wohnstätten. Als vor einigen Jahrzehnten die Ghalukkah-Binwanderung begann, da war noch der grössere Teil des neuen Jerusalems wenig besetzt und zu spottbilligen Preisen zu haben. Aber 'die Alten,, die damals hertkamen, wollten nur im heiligen Lande begraben sein, und' so streiften sie gar nicht von sich den Staub des Golus und dachten gar nicht daran, hier besser und schöner als im Golus zu leben. Sie pferchten sich in tiefen, gesundheitsschädlichen Tälern eng zusammen, als ob sie sich vor der heiteren palästinensischen Sonne und; der klären, reinen Luft scheuten. Stadtteile wie ,,'Meah- Schärim" („Hundert Tore“, eine Menge dicht ineinandergebauter jüdischer Häuschen in einem Tale) bilden ein schmerzliches Denkmal de? Dolus in der alten jüdischen Königsstadt. Die Anhöhen aber wurden von Kirchen und Klöstern der verschiedenen in. Jerusalems vertretenen Konfessionen besetzt. So ist auch beispielsweise hi der Nachbarschaft des jetzigen Bezalelhauses, in gleicher Höhe wie es das imposante, von überall sicHtbar'eVUebäudfe . der Ratisbonner Brüder eine Stiftung eines getauften französischen Juden, der 3 Millionen für Missionszwecke hinterliess. Nun sei uns dieses erste Nationaliondshaus auf der Höhe ein frohes Zeichen einer neuanbrechenden besseren Zeit! . ' . . Von weiter Ferne1'sah man in -der L',gb’omer Nacht Iden flammenden Mogendavid von den Zinnen des Bezalelhauses, welches dem alten jüdischen Brauche gemäss zu Ehren des Lagh’omerfestes feierlich illuminiert war. Der Empfangssaal, der mit Arbeiten der ■Schüler hübsch dekoriert war, war .von Gästen überfüllt, unter denen auch Herr Levontin, Direktor der Anglo-'Palästina-Barik, und der Leiter des' Palästinaamtes, Herr Dr. Ruppin/ sich befanden.' Der Direktor der Bezalelsehule, Prof. Schatz, leitete die Feier mit einer hebräischen Ansprache ein, in der er die Ziele und bisherigen. Leistungen der Schule ausernandersetzte. Auch die folgenden Redner, Herr 'Eisenstadt, Subdfrektor der Jerusalemer Bank, Dr. Mössinsohn und Scheinkin, sprachen hebräisch. Dr. Mossinsohn betonte, wie sehr die Belebung der jüdischen Kunst in Palästina auch mannigfache ökonomische Werte im Lande zu schaffen geeignet ist und hob besonders das Verdienst des Herrn Schatz um die Schule hervor, der den Bezalel als. seine Lebensaufgabe betrachte und ihm seine besten Kräfte widme. Herr Scheirikin warnte davor, an das zarte Gebildie des Bezalels 'einen groben kaufmännischen Massstab anzulegen. Nach den Ansprachen begaben sich die Anwesenden auf das Dach, wo sie in gemütlicher Unterhaltung bis in die Mitternacht verblieben. An demselben Tage, an dem die Einweihungsfeier des Hauses stattfand, wurde auch die zweite Ausstellung im Bezalel eröffnet. An mehreren, jetzt in Arbeit befindlichen Teppichen,’ merkt man am besten, dass die ersten Schwierigkeiten, die notwendigerweise mit einem solchen Unternehmen, wie der Bezalel, der ohne alle Vorarbeiten eine neue Industrie Ins Leben zu rufen sich-zur Auigabe machte, verbunden sind, alsüberwunden gelten können. Die neuen Teppiche lassen hoffen, dass der Bezalel Arbeiten liefern, wird, die nicht allein im jüdischen Publikum aus. Interesse für die Schule und das Land: Abnehmer, finden werden, sondern mit der Zeit auch auf. dem; Weltmarkt mit anderen orientalischen Waren, die Konkurrenz werden aufnehmen können. Zur Eröffnung der Ausstellung im Bezalel waren der-deutsche, amerikanische, englische undrussische Konsul erschienen, ferner der Bürgermeister der Stadt Jerusalem, ein Vertreter des. Paschas und andlere hohe 'Beamte. -Die -jüdische Bevölkerung nahm an der Ausstellung regen Anteil, selbst aus orthodoxen Kreisen. So fiel insbesondere der Besuch des Ghacham Baschf aus Hebron und eines im'Aufträge der Misrachiorganisation Palästina gegenwärtig besuchenden Rabbiners aus Russland auf. Weitere Bevölkerungsschichten besuchten mit .besonders lebhaftem Interesse das Museum am Bezalel, dessen naturwissenschaftliche, archäologische, kunstgewerbliche und andere Sammlungen in mehreren Räumen schön, untergeb rächt sind. Korrespondenzen. Vollversammlung der jtidischnatronafcn Studierenden an den Wiener Hochschulen Wien. (Orig.-Korr.) Samstag den 13. L. fand eine Vollversammlung der jüdischnationalen' Studenten statt, in welcher der Vollzugsausschuss über die bis 'dahin .unternommenen Schritte Rechenschaft ablegte und Verhaltungsmassregeln für die weiterhin zu unternehmenden Aktionen erbat. Nach dem Referate des tech. Otto Kr.asny über das Verhalten der jüdischnationalen Studentenschaft, wurde dem Vollzugsausschuss das Absohrtorium erteilt. Hierauf ergriff, lebhaft akklamiert, Reichsratsabgeordneter Stand das Wort, um im Namen des jüdischen Klubs der jüdischen : Studentenschaft für ihre würdige und zielbewusste Haltung, und das entschiedene Eintreten zur Wahrung der Freiheit der Wissenschaft zu danken, In. der darauf folgenden Debatte, die sich vornehmlich mit der Frage beschäftigte, ob sich die jüdisch- . nationale Studentenschaft dem allgemeinen Voll- ' zugsausschirsse der freiheitlichen Studentenschaft anscbliesen oder, .wie bisher, selbständig Vorgehen 1 solle, beteiligten sich Vertreter der jüdischen Sb-, zialdemokratie, die sich für den Eintritt in den allgemeinen Vollzugsausschuss aussprachen und! Vertreter der Verbindungen, Vereine und der Finkenschaft, welche erklärten, dass sie in einem gemeinsamen Ausschüsse mit „deutschnatiohal“-freiheitlichen Studenten, die sich ihres Judentums schämen, nicht zusammensitzen könnten. Nach den* . Exodus der ungefähr 15 jüdischen Sozialdemokraten,, sprach sich die .Vollversammlung einhellig für ein selbständiges Vorgehen aus und beauftragte den Vollzugsausschuss, in den nächsten Tagein wieder sfinle Versammlung eiirzuberuier^ damit die Studentenschaft mit dein Ausschüsse in ständigem Kontakt bleibe. ' s. * jf: * Galizien. Oer IX. Kongress der polnischen Sozialdemokratie und die jüdische Nationalität Krakau.'(Orig.-Korr.) Ein beständig wieiderkehrender Punkt in ' der Tagesordnung der Kongresse de polnischen Sozialdemokraten ist die. Frage ider Anerkennung der jüdischen Nationalität, gegen welche sich weniger das polnische Proletariat als der jüdische Assimilant Dr. Diamant und D a s z y n s k i . wenden. Diamant-' tut . es,, weil es Assimilanteuart ist, nichtnur allein .die Marke einer fremden Nationalität zu tragen, sondern rundwegs die Existenz der jüdischen Nation zu leugnen, Daszynskt aber.darum, weil mit. der Separierung des jüdischen Proletariates die Potemkiniade einer starken und einflussreichen polnisoh-sozialistischen Partei allgemein als solche erkannt Würde/ Auch - am letzten Parteitage: stellte die Landeskonferenz der jüdischen Sektion: