Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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/ / O w Redaktion, Administration und Wochenschrift. ü " — " ~ “ ~ ü Ab unnementspreise: tnseratenaufnahme: Erscheint jeden Freitag. ln O este r r ei ch-Ungar a : IX., {ftäpltensfrasse 9* Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Telephon Nr. 14.199. Verkaufszeiten in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. In Deutschland: _ Ganzjähr. Mk. 10.—, Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wolizeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, viertel] ähr. Mk. 3.—. «i . vormittags. C ■ - - ■■■= -C Einzelne Nummern 20 Heller. . Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. n--Li Vertretungen ln der Provinz In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. - In Prag: Zeitungsversc hieiss W'lcz ek, Graben 33. — ln Lemberg: Karl Bachstab. . Bucbhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 24. Wien, Freitag, den 12. Juni 1908. II. Jahrgang. Aas den) |i)ba1te: Wahlrechtsraub in der Seitenstettengasse. Von Dr. E. Zweig. Die Demaskierung beginnt. Hütet Euch vor den Getauften! Ein Zadik gegen das Hebräische. Siedlungsgenossenschaft und Development- Company. Von Atlolf Böhm. Parteinachrichten: Delegiertentag der deutschen Zionisten. Parteitag der österr. Poale-Zionisten. j Wahlkreis Redlich. Von Beda. Die Entwickelung Palästinas: Von Professor Warburg. Rede des Abgeordneten Stand in der Budgetdebatte. Feuilleton: Der deutsche Jude. Von Br. Josef . (Berlin). Korrespondenzen. Vereiusnachrielrten.' -etc. Zionisten! \ Es ist unbedingte Pflicht jedes Gesinnungsgenossen, die »Jüdische Zeitung« zu abonnieren und für sie unablässig Werbearbeit zu leisten! Wahlrechtsraub in der Seitenstettengasse. Jede Körperschaft, die von dem gesunden Ehrgeiz beseelt ist, eine wahre Volksvertretung za heissen und als solche zu wirken, strebt naturgemäss darnach, die Wurzeln ihrer Berechtigung tief in da$ Volk zu senken und ihm darum ein mögliphst allgemeines Wahlrecht zuzumessen. Unserem Kahal ist bekanntlich solch ein Ehrgeiz fremd. „Je weniger Wähler, desto sicherer unserer Mandat“ ist jenen Herren oberster Leitsatz und nach ihm sind Kultusstatut und Wahlordnung zugeschnitten. Ihre auffälligsten Schönheiten wie der die Plebs vom Wahlrecht ausschliessende 20 K-Mindeststeuersatz und die Grossgrundbesitzerkurie, welcher ein Drittel aller Mandate reserviert ist, sind 'heute dank unserer Aufklärungsarbeit schon jectem jüdischen Kind öffenbar geworden, doch damit sind für den beherzten Forscher die Wunder jenes Statutes noch lange nicht erschöpft. So steht er zunächst mit ahnungsvoller Verblüffung vor dem Problem, dass die Wiener Kultusgemeinde 24.000 Steuerträger und bloss 17.000 Wähler zählt. Der Forscher nimmt zunächst resigniert zur Kenntnis, dass die paar Hundert weiblichen 'Steuerträger vom Wahlrecht ausgeschlossen sind, dann aber verweilt er mit lebhaftem Kopfschütteln bei § la der Wahlordnung, der da besagt, dass das aktive Wahlrecht allen männlichen eigenberechtigten Angehörigen der Kultusgemeinde zusteht, „welche in den letzten zwei, dem Jahre der Wahl vorhergegangenen Verwaltung sj ähren die Kultassteuer bezahlthaben*. Mit lebhaftem Kopfschütteln sage ich, denn eine solche einschränkende Bestimmung ist weit und breit in den Wahlordnungen der jüdischen oder Ortsgemeinden oder sonstiger politischer Verbände unerhört. Da das Verwaltungsjahr der Kultnsgemeinde jeweils am 1. Jänner beginnt und die Knltnswahlen stets zu Jahresende fallen, ist durch obigen Paragraphen nicht mehr und. nicht weniger dekretiert, als die Bedingung einer m i ndestens dr eij ährigen Ses shaf t i gkeit.1 Wem gellt nicht noch das Entrüstungsgeheul in den Ohren, das zur Zeit der Reichsratswahlreform von den sozialdemokratischen und liberalen Journalisten and sonstigen Wortführern durch lange Monate -unterhalten wurde, als die Ghristlichsozialen die Begünstigung der bodenständigen Staatsbürger durch eine Norm verlangten, wonach das Wahlrecht an eine gewisse Sesshaftigkeit geknüpft werden sollte. „Wahlrechtsraub! Knebelung der Freiheit! Entrechtung des Volkes!“ schallte es aus der Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“ her und in vollen Akkorden klang das Echo aus der Fichte- und Seitenstettengasse wieder. Die Christlichsozialen behielten Recht, das Ungeheuerliche geschah und § 7 der Reichsratswahlordnung verlangte eineeinjährige Sesshaftigkeit. Wir Israeliten aber sind und bleiben unter der Obhut unserer deutschfreiheitlichen Kahalniks mit der Fussangel FEUILLETON. Der deutsche Jude. Von Dr. Josef Meisl (Berlin). (Schluss.) *) Die Emanzipation hat nämlich in Deutschland dazu geführt, dass die Juden wirklich bodenständig geworden sind. Sie schöpfen wirklich wie der Riese Antäos ihre ganze Kraft aus der Erde, in welche die Geschichte sie verpflanzte und keine Macht wird sie zu entwurzeln vermögen. Diese Tatsache hat in folgenden Erscheinungen ihren Grund. Der deutsche Jude gehört zum grössten Teile den besitzenden Klassen an, und ist infolgedessen in sozialen Fragen durchaus konservativ gesinnt. Da er überall in einer verschwindenden Minorität lebt, nirgends ein Zentrum existiert, das. sein Stammesgefühl beleben könnte, da endlich das Deutsche Reich trotz allem national und sprachlich geeint ist, so kann das Nationalitätenproblem für den Juden Deutschlands niemals eine nennenswerte Bedeutung gewinnen. Es muss ihm, der natürlich als Durchschnittsmensch ein ruhiges, materiell gesichertes Fortkommen anstrebt und wie überall *) Siehe Nr. 23 der „Jüd. Ztg.-‘ keinen Zwang zu idealem Streben fühlt, unfasslich erscheinen, dass er einer anderen als der deutschen Nation angehöre. Das ist keineswegs blosse Gedankenträgheit, sondern durchaus in den Verhältnissen begründet. Natürlich leben auch in Deutschland viele Zugewanderte, die ganz anders als die „autochthonen“ deutschen Juden sich in einem Gegensätze zur germanischen Rasse fühlen, und die schon darum von offizieller Seite aus verfolgt werden. Zu all dem kommt noch, dass soweit in bezug auf Juden in Deutschland von einer Staatsmaxime die Rede sein kann, die Tendenz derselben dahin geht, den Zuwachs des jüdischen Elementes möglichst zu verhindern. Wie in Russland, so strebte man hier „mutatis mutandis“ nach Entnationalisierung der Juden und Einfügung derselben in die deutsche Nation. Und die Juden selbst erkannten für sich keine bessere Lösung als diese und schritten bis zu dem Versuche einer Assimilation durch physiologische Blutmischung, die immerhin bereits zu beträchtlichem Umfange gelangte, wenn auch in den letzten Jahren eine Reaktion eintrat. An der Tatsache, dass die Juden in Deutschland festgewurzelt, und unlösbar mit der deutschen Kultur verbunden sind, hat der Zionismus wenig geändert. Auch seine Anhänger müssen im DilemmaDeutscher-Judeschwanken, ohne sich jemals ganz für eines entscheiden zu können. Sie können sich zu keinem freien Nalionalitätenbekenntnisse erheben, sondern müssen es erst durch weit abliegende Gründe rechtfertigen. Sie können das Problem nur umgehen, niemals lösen, bestenfalls aus Taktgefühl totschweigen. Darum besitzt das nurreligiöse Judentum in Deutschland vielleicht mehr potentielle Energie als das quasinationale, sicherlich gibt die Entwicklung dem ersteren recht. Man könnte aus dem Vorgesagten leichthin den Schluss ziehen, dass die deutschen Juden in der Zukunft keine Bedeutung für das Gesamtjudentum besitzen werden. Das wäre indes überaus voreilig. Um diese Frage klar zu beantworten, muss man zunächst untersuchen, welche wesentlichen Leistungen das deutsche Judentum der Gegenwart zu verzeichnen hat, und dann wird sich zeigen, inwieweit diese für die Zukunft bedeutungsvoll sein können. Hier wäre vor allem der Versuohe zu gedenken, die eine Beeinflussung in modern-jüdischem Geiste bezwecken. Sie können nach meiner Meinung als völlig unerheblich betrachtet werden. Es zeigte sich, dass das deutsche Judentum die kulturellen Schöpfungen der Ostjuden durchaus nicht zu würdigen weiss und an Stelle des Begreifens bestenfalls recht wohlwollend den Unterschied zwischen deutschen und jüdischen Leistungen konstatiert. Es mag ein gut Teil der Schuld an den Unternehmern selbst liegen, die keine geeignete Auswahl zu treffen verstanden, aber nicht minder Schuld war die seelische Distanz, in welcher der deutsche Jude zu dem Geiste des noch