Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Für die Schule Kiriath Sefer. Gg. Israel Belkind, der Leiter der Schule „Kiriath Sefer“, veröffentlicht folgenden Aufruf: Werte Gesinnungsgenossen! Es sei mir gestattet, folgendes Expose ergebenst zu unterbreiten. Schon mehr als 25 Jahre wohne ich in Palästina. 1882 bin ich als Führer derjenigen Studenten der Universität Charkow dorthin gekommen, die unter dem Namen „Bilu“ «<j— die ersten Pioniere der Kolonisation Palästinas •waren. Während dieser Periode von einem Vierteljahrhundert hatte idi Gelegenheit, Palästina und seine jüdischen Einwohner gründlich kennen zu lernen. Die Lage der jüdischen Städter Palästinas, die zumeist auf die Grossmut ihrer besser gestellten Brüder in Europa und Amerika angewiesen sind, ist sehr elend. Ihre Zahl nimmt aber noch immer zu durch die beständige Einwanderung von Juden, die aus allen (Ländern der Welt, vor allem aus (Russland, Rumänien, Nordafrika, Persien und Yemen ins Land strömen. Und je grösser ihre Zahl wird, desto brennender die Frage ihrer Zukunft. 'Es tut dringend not, ihnen die Möglichkeit zu geben, von ihrer eigenen Arbeit zu leben. Die Almosen müssen aufhören, denn sie erniedrigen die Menschern ohne zum Ziele zu führen. Und da Palästina hauptsächlich ein Ackerbau treibendes Land ist und noch für längere Dauer ein solches bleiben wird, so folgt naturgemäss daraus, dass die palästinensischen Juden der Landwirtschaft zugeführt werden müssen. Das ist der einzige Weg für ihre Rettung! Viele aus Jerusalem, Safed, Tiberias gebürtige Juden möchten sich tatsächlich diesem Berufe zuwenden und träumen vom Ackerbau! Die Geschichte der bisherigen Kolonisation hat es aber erwiesen, wie schwer es für erwachsene Menschen ist, ihre Beschäftigungen, ihre Lebensweise und Gewohnheiten zu ändern, und dass dies jedenfalls mit grossen Opfern an Geld, Zeit und Energie verbunden ist Anders jedoch stellt sich die Frage, wenn wir an unsere jungen Kinder denken. Diese zu einem neuen Leben zu rufen, zu guten kräftigen Ackerbauern zu erziehen, ist ohneweiters möglich. Die Erziehung ist ja allmächtig! Wir müssen also Schulen gründen, in welchen die jungen palästinensischen Kurder eine theoretische und insbesondere praktische Bildung für den ihnen ganz neuen Beruf erhalten. Diese Schulen sollen ausserdem ihren Zöglingen einen gründlichen Elementar-Unterricht und ebenso eine streng jüdische Erziehung geben. Diese moralische, geistige und fachliche Erziehung soll überhaupt den Bedingungen des palästinensischen Lehens entsprechen, damit die Kinder ans Land gefesselt werden, anstatt nach dem Ausland zu streben, dort die Reihen der Arbeitslosen und Unzufriedenen zu vermehren und Feindseligkeit gegen sich, sowie ihre Stammesgenossen zu erregen. Und es ist kein Zweifel, dass die Jugend, welche in solchen Schulen diese körperliche, geistige und moralische Erziehung geniesst, sich zu einer gesunden, tüchtigen Bevölkerung entwickeln wird, zu einer Bevölkerung, die sich selbst ernähren kann, ohne auf die Chaluka und Almosen angewiesen zu sein. Von dieser Idee beseelt, habe ich mich entschlossen, ihrer Verwirklichung näher zu treten. So unternahm ich eine Reise nach Europa, speziell nach Russland, wo es mir gelang, unter meinen Freunden und denen, die ich für die Sache gewonnen batte, etwa 37.000 Fr. zu sammeln. (Mit diesem Gelde habe ich ein grosses Schulhaus in Beth-Arif bei Lydda gebaut. Das Haus, weSches eine Fläche von 600 Quadratmeter bedeckt, enthält alle notwendigen Räume für den Aufenthalt von 40 Zöglingen. Im Speisesaal und in den Schulzmmern können sogar über 60 Platz finden. Der zugehörige Hof ist 4000 Quadratmeter gross. Die geographische Lage ist sehr günstig, da die Schule sicn in einersehr gesunden Gegend befändet und^ von Jaffa und Jerusalem leicht erreichbar ist CA Stunde von der Station Lydda der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem.) JÜDISCHE ZEITUNG Vom Gipfel des Hügels, auf welchem das Haus sich erhebt, ist dem Beschauer ein Rundblick auf einen grossen Teil der Saronebene mit zahlreichen Städten und Dörfern geboten. Unter diesen Ortschaften gibt es manche, die historisch wohlbekannt sind, wie Jaffa, Lydda, Ramie, Bne-Brak, Jehud, Beth Dagon, Gimso und viele andere. Auch sind die jüdischen Kolonien Mikwefo Israel, Rischon-le-Zäon und. Jehudia leicht zu erkennen. Der von den Zionisten geschaffene Nätionalfonds hat mir für die Schule das dortige, ihm gehörige Terrain von 160 ha verpachtet.!Mit diesen Mitteln, ausgestattet, ist die Schule, welche von mir den. Namen „Kiriath Sefer“ erhalten hat, vollständig , in. der Lage, ihr Programm auszuführen. Das Programm ist folgendes: 1. Die Schule ist ein Internat 2. Es werden darin Knaben von 10—12 Jahren aufgenommen, die daselbst sieben Jahre bleiben müssen. Die ersten drei' Jahre sind mehr dem Elementarunterricht gewidmet, doch werden von den Zöglingen schon leichte Arbeiten im Blumen- und Gemüsegarten ausgeführt Die letzten vier Jahre sind der praktischen Arbeit in allen Zweigen der Landwirtschaft gewidmet und die Zöglinge haben nur in der arbeitslosen Saison die Möglichkeit, sich in theoretischen Kenntnissen zu vervollkommnen. Die Erziehung ist streng jüdisch-religiös. 4. Die Umgangs- und Unterrichtssprache ist hebräisch. 5. Daneben wird auch die arabische Sprache gelehrt 6. Der Leh'rkurs umfasst: die hebräische Sprache, Religionsunterricht, die Heilige Schrift samt Teilen des Mischna und des Talmuds, die Geschichte des jüdischen Volkes, die Geographie und Geschichte Palästinas, Rechnen, Buchführung, praktische. Geometrie, kurze Darstellung der allgemeinen Geographie und der allgemeinen Geschichte, Allgemeine Kunde der Naturwissenschaften (Physiologie, Zoologie, Botanik, Mineralogie, Geologie, Physik, Chemie, Meteorologie), Grundprinzipien der Hygiene, die arabische 'Sprache, Singen,. Zeichnen,. Turnen usw.. ' ' 7. Die prakhscUe, Arbeit umfasst: Getreide- . und Futterbaü, Baumpilanzungen (Oel-, Feigen-, Mandelbäume und überhaupt alle Arten Bäume, die iu Palästina gedeihen können), Weinrebenpflanzungen und Weinbau, Gemüsebau, Viehzucht und Milchwirtschaft, Geflügel- und Bienenzucht Dörfliche Baukunde, Melioration, Kanalisieren, Drainage usw. Alle disse Arbeiten werden zwar durch theoretische Erklärungen erläutert, doch werden die Zöglinge keineswegs zu Theoretikern ausgebildet; vielmehr sollen sie durch die Praxis und durch die Gewohnheit der,Arbeit mit den nötigen Kenntnissen ausgestattet werden. 8. 'Die Schule , trägt den Charakter einer grossen Familie, indem die Lehrer mit den Zöglingen gemeinschaftlich arbeiten, sich zusammen erholen, gemeinsam Spaziergänge und Ausflüge machen und überhaupt in Gemeinschaft leben. Das jährliche Budget der Schule ist für 50 bis 60 Zöglinge auf 25—30.000 Francs berechnet und soll durch das Schulgeld der Zöglinge aufgebracht werden. Ich habe nämlich verlautbart, dass ich nur solche Zöglinge annehmen werde, für welche ein Schulgeld von 600 Francs jährlich gezahlt wird. Auf diese meine, in einer hebräischen Zeitschrift verlautbarte Erklärung ist eine Anzahl von Angeboten aus Russland, Rumänien und England eingelaufen. Mein Hauptziel ist jedoch, palästinensische Kinder in diese Schule zu ziehen. Allein obwohl ich schon viele Gesuche palästinensischer Eltern erhalten habe, bin ich doch nicht imstande, es zu tun, da diese zu arm sind, Schulgeld zu zahlen. Das hat mich veranlasst, eine neue, Reise rach Europa zu unternehmen. Es ist mir gelungen, den Baron Edmund de Rothschild in Paris für die Schule zu interessieren. Er hat mir eine einmalige Spende von 6000 Francs bewilligt und ich habe Gründe, zu hoffen, dass er diese Summe der Schule als jährliche Subvention geben wird. Auch in England ist es mir geglückt, Freunde der Sache Nr: 21, zu finden, welche mir zugesagt haben, die Mittel für 10 Zöglinge jährlich aufzubringen. Der Vernein „Esra“ in Berlin hat auch eine jährliche Subvention von 2400 Francs als Schulgeld für vier arme palästinensische Kinder bewilligt. Hier sei bemerkt, dass das Schulgeld nur für die ersten 3 Jahre gezahlt wird. Die Kosten des Aufenthaltes in der Schule während der letzten 4 Jahre werden durch die Bodenarbeit der Zöglinge selbst aufgebracht. Gesinnungsgenossen! Nachdem ich Ihnen das Ziel und Programm der von mir gegründeten Schule bekannt gemacht habe, glaube ich mich berechtigt, hoffen zu dürfen, dass ich eure kräftige Unterstützung finden werde. Vergesset nicht, dass der preussische ■Schullehrer bei Sedan gesiegt hat! Jeder Gesinnungsgenosse, der der Schule einen Jährlichen Beitrag widmen wird, soll periodisch genaue Berichte über den Fortschritt der Schule erhalten. Alle Gelder werden vermittels der Landessammelstellen (Wien IX., Türkenstrasse 9) an die Anglo Palestine Co. in Jaffa abgeführt und über deren Verwendung werde ich vereinbarungsgemäss dem zionistischen A.-C. Rechnung legen. Mit Zionsgruss Israel Belkind. * * ■ * Wir erklären uns bereit, Gelder iür „Kiriath Sefer“ anzunenmen und an die Jaffaer Bank abzuführen, sowie den Spendern in der „Jüdischen Zeitung“ zu quittieren. Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds für Oesterreich, Wien, IX., Türkenstrasse 9. Die Kolonie Sichron Jaakob. Aus Sichron Jaakob (Palästina) erhalten wir von unserem Jaffaer Korrespondenten einen Bericht über die 'Entwicklung der 'Kolonie, dem wir das Folgende entnehmen: Die Kolonie Sichron Jaakob gehört gegenwärtig zu den 'gesichertsten und leistungsfähigsten Kolonien von Palästina. Die Kolonie nimmt ihren Anfang bereits an der- Landstrasse, die von Chederah nach Sichron Jaakob führt; Zu beiden Seiten dieser Strasse ziehen sich auf dem von der Jewish Colontsation Association für die Kolonie angekauften Boden Getreidefelder von grosser Fruchtbarkeit hin. Die.Kolonie selbst ist auf einem Berge gelegen, von dem aus sich eine wundervolle Anssioht auf das Karmelgebirge und auf die Ephraim-Hügel eröffnet Die Kolonisten, die bis vor kurzem noch für wenig wirtschaftlich galten, haben sich in den letzten Jahren ausserondientlch zu ihren Gunsten geändert. Im ganzen zählt die Kolonie gegenwärtig 52 Kolonistenfamilien und 80 fremde Familien. Jeder Kolonist verfügt über etwa 200 Dunam Saätland, 20 Dunam Weingärten und 20 Dunam Mandel- und Olivenpflanzungen. Die Viehzucht hat sich sehr erfreulich und einträglich entwickelt. Jeder Kolonist hat 10—20 Stück Grossvieh, 15—40 Ziegen und Pferde, beziehungsweise Kameele oder Esel. Viele Kolonisten beackern bereits den Boden mit- Ochsen, die sie selbst gezüchtet haben, und manche andere sind sogar bereits in der Lage, selbst gezüchtetes Vieh zum Verkaufe zu bringen. Die Felder werden nach einem gemischten europäisch-arabischen System beiwirtschaftet. Wenn auch die Bodenkultur nicht so intensiv, wie zum Beispiel in Ghederah, betrieben wird, so geht doch das Streben der Kolonisten nach möglic st rationellem Wlirtsohaftsbetriebe. Der Bruttoertrag mancher Kolonisten beläuft sich auf 7000 Franken jährlich, wobei der Nettoertrag sich auf etwa 3500 Franken stellt. Im Durchschnitt kann der Nettoertrag des Feldbaues (mit Ausnahme der Gartenwirtschaft) für den einzelnen Kolonisten auf etwa 1500 Franken berechnet werden. Da die Kolonie Sichron Jaakob zum grössten Teile Berglarad darstellt,'so sucht man hauptsächlich Oelbaumpflanzungen anzulegen. In der letzten Zeit ist man auch bestrebt, Fahrwege und Chausseen und sonstige Verkehrswege zu schaffen, zu welchem Zwecke die Kolonie von der Anglo-Ptalestine-Cömpany ein Darlehen von 12.000 Franken aufgenommen hat. Ferner haben die Kolonisten mit Hilfe der .4. P. C. eine genpssenschaft-