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Jüdische Zeitung · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Zeitun Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., (fäpl^osfaass« $£i*. 9 Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. S Erscheint jeden Freitag. Verkaufst eilen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau G o ld s ch mi edt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abannementspreise: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—. Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ansland ganzj. Frcs. 15.—. Vertretungen in der Provinz ln Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Sachstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 10. Wien, Freitag, den 6. März 1908. II. Jahrgang. Wir ersuchen um gefällige Einsendung des Abonnomentbetrages, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintrete und erlauben uns höflichst darauf aufmerksam zu machen, dass mit Nr. 11 des Blattes die Zusendung an jene Leser, die ihr Abonnement noch nicht aufpegeben haben, unterbleibt. Die Administration. Hilsner. Im Zuge der bekannten Aktion tür die Begnadigung Hilsners, hat ein von durchwegs adeligen Namen gedeckter Aufruf 2u einem Vortrag des Dr. Friedrich Elbogen über den Ritualmord-Prozess eingeladen. Die Bewerbung um‘ Eintrittskarten war so stark, dass der zuerst in Aussicht genommene Saal nicht hinreichte und der Sofiensaal als das grösstverfügbare Lokal Wiens gemietet werden musste. Wir Zionisten sind verpflichtet, zu dieser, wie zu jeder anderen Erscheinung des öffentlichen Lebens klare Stellung zu nehmen. Ohne zu zweifeln, dass die erdrückende Mehrheit der Eintrittswerber Juden sind, freuen wir uns, dieser Aeusserung frischkeimenden Solidaritätsgefühles, das vor dem Odium nicht zurückschreckt, sich eines zweimal wegen Mordes Verurteilten und durch alle Gossen der Schmähung Geschleiften brüderlich anzunehmen. Diese unsere Freude aber wird rasch erstickt durch die schmerzhafte Beschämung darüber, dass jenes Solidaritätsgefühl so wenig gereift und geklärt ist, mit dem Rufe nach Gnade sich zu begnügen, statt nach Recht und Gerechtigkeit zu schreien. Wir wollen, so nahe dies bei einer Zwiesprache mit den Praktikern der Begnadigungsaktion läge, nicht prüfen, ob letztere angesichts der parlamentarischen Machtstellung des Antisemitismus mehr Aussicht auf »Erfolg“ hat, als die von den zionistischen Abgeordneten in Angriff genommene Aktion zur Wiederaufnahme jenes Prozesses, wir wollen vielmehr annehmen, die Regierung werde sich über die Gegnerschaft : derT'inr“PärfärfieifteL "Verkörperten öffentlichen Meinung kühn hinwegsetzen und Hilsner begnadigen. Was soll und wird dies dem Judentum, was derEhre des jüdischen Samens nützen? Begnadigung hiesse neuerliche Bestätigung der Schuld und der einmal von den Judenhassern zum Repräsentanten ‘ jüdischen Ritualmordes gestempelte Hilsner würde, frei einherwandelnd, der Judenschaft viel mehr Hass und Rachgier wecken, als der eingekerkerte Büsser, zumal der Groll unserer christlichen Mitbürger vor der Person des gnadenspendenden Monarchen vorbeischleichen müsste. Dem Menschen Hilsner wäre geholfen, nicht aber dem Jaden Hilsner, und doch war es die Triebfeder für unser aller, der Zionisten und Assimilanten Mitgefühl gewesen, dass die Judenhasser den Jaden Hilsner, und in ihm das ganze Judentum treffen wollten. Hilsner war uns als Mensch schlechthin von vornherein gleichgiltig und ist erst durch seine Stempelung zum Repräsentanten des Judentums in unseren Gesichtskreis gerückt. Dies Interesse an dem Juden und seinem Geschick darf uns nimmer irreleiten, uns in Mitgefühl für den Menschen Hilsner zu verlieren. Ruhigen Gewissens kann und muss jeder aufrechte, jeder volks- und selbstbewusste Jude urteilen: Und läge die Gnade für diesen Aermsten mir zum Greifen nahe, ich stiesse sie zurück. Hilsner möge, wenn wir ihm und uns sein Recht nicht erkämpfen können, im Kerker dahinsiechen als ein neues Opfer des' Judenhasses F Aus "dein Blute dieses Opfers wird unserem Märtyrervolke neuer Trotz und neue Lebenskraft fliessen, wie aus den ungezählten Opfern, die vor ihm unserem heiligen Willen zu einem jüdischen Sonderleben fielen. Von diesem Urteil darf uns der Einwand nicht absehrecken, dass es leicht sei, den Bruder aufzuopfern, seihst aber sich des Lebens zu freuen im rosigen Licht, and dass die Opferbereitschaft solch eines Richters, wenn er erst selbst in Hilsners Lage wäre, wohl kläglich versagen würde. Jeder von uns darf, wenn Hilsner gnadeflehend die Hände gegen ihn aasstreckt, den Daumen abwärts kehren, ohne darum den Namen eines Gerechten zu verlieren, FEUILLETON. Revue der hebräischen Presse. Die meisten hebräischen Tagesblätter sind eingegangen. In Russland besteht nur der ,.Hed-häsman“. Darum muss unsere einzige hebräische Monatsschrift, der „Hasehiloaeh“, Alltagsartikeln Riaum gewähren, die eigentlich nicht recht hineinpassen. Dies erkennen wir speziell beim eisten Heft des ..Hasehiloaeh“ vom Jänner 190S. Fast die gesamte Publizistik dieses Heftes trägt ein Alltagsgepräge an sich. Es fehlt ihm die Klarheit und i-lie ernste Gründlichkeit einer Revue. Die Fragen sind nicht von jenem weiten Gesichtspunkte behandelt, die ein wissenschaftlicher Publizist besitzen soll. Der Publizistik dies ..Hasehiloaeh“ fehlt es aber auch an leuchtenden Punkten und; an der Aktualität, die die Alltagsphblizistik fiat. Sie hat nichts als Ruhe, die keineswegs mit tiefenf Ernst verwechselt werden darf. Da ist zuerst der Artikel von Iseh-iwri ..Zwei Häuser für jüdische Wissenschaft“, in dem der Verfasser die Kurse für Orientalistik des Baron Ginsburg in Petersburg und die : moderne Jeseh ibah in Odessa behandelt. Die Ginsburgsehe Gründung meint Iseh-iwri, wird uns bei der Schaffung einer russisch-jüdischen Literatur sehr behilflich sein und wird Generationen von Schülern erziehen, die jüdische Kenntnisse innerhalb der russisch- I jüdischen Intelligenz, die sich immer mehr von der jüdischen Volksmasse entfernt, verbreiten werden. Auch die „Jeschibah“;n Odessa wird dazu beitragen, die Talmudisten der russischen Jesehibahs zu erziehen und sie zu Arbeitern für unsere national-wissenschaftliche Literatur au machen. Diese Hauptgedanken des Artikels werden von Iseh-iwri in einem trockenen Tone behandelt. Iseh-iwri scheint e>n sehr fleissiger, arbeitsamer Mann zu sein, dem aber seelische Wärme fehlt; so dass auch der schönste Artikel zu einer langweilenden kompilatorischen Arbeit wird. Einen Gegensatz zu Isch-iwris Abhandlung bildet der Artikel unseres Dichters Bialik „Spraeihwehen“. Da erscheinen schon blitzartig Gedanken, die uns durch ihre Tiete überraschen; 'er Artikel ist aber verworren und unwissenschaftlich geschrieben. Man fühlt, dass Bialik, einer der grössten lebenden hebräischen Dichter und Spraehkünstlcr, selbst diese Spraehweheu dureligemaeht hat und dass seine Ratschläge, den hebräischen Sprachschatz zu erweitern und auszunützen, durehgelebt und von eigenen Erfahrungen diktiert sind. Intuitiv definiert er manche Begriffe oft sehr tief und schön. Doch wäre auch ihm mehr disziplinierter Gedankenaufbau zu wünschen. Der folgende Artikel ,,Die Grenzenveiterungen im Zionismus" von Setzer steht weif hinter Isch-iwris und Bialiks Arbeiten. Herr Setzer berührt die Frage, ob die zionistische Gegenwartsarbeit in den Rahmen des zionistischen Programme» passe. Eine Frage, die schon in der zionistischen Presse bis zum Ueberdruss lnhaiKlelt wurde. Herr Setzer meint — was »chon xrnal wiederholt wurde — dass das MaximaLprogranun die Erreichung einer Heimstätte, das Minimalprogramm die Gegenwartsarbeit sei. End diesen alten Gedanken behandelt er auf 8 Seiten ohne jene klare, ruhig ansteigende Darstellung, welcheauch alte. Dinge angenehm macht, und ohne jene Gedankenblitze, welche auch hei abgedroschenen Sachen neue Gesichtswinkel und Ausblicke eröffnen. Mit dem geschwollenen Pathos eines ' Volksredners verteitfigt er die Gegenwartsarbeilt und findet für das jüdische Volk eine neue Mission: die Soldaten für die fremden Revolu- I I

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