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Jüdische Zeitung · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Nr. 7 Willen ginge, könnte die Steuerschraube aus den armen- Juden das Mark aus den Knochen pressen; denn die Juden sind nur gut genug — ■um für die Herren zu zahlen. Absolutistische Allüren. Lemberg. Der galizische Landesausschuss ernennt seit einiger Zeit die jüdischen Religionslehrer selbständig, ohne, wie es bisher üblich war, die Zustimmung der Kultusgemeinden einzuholen. Die ernannten Lehrer sind natürlich nicht zionistisch und dürfen mit den „separatistischen“ Bestrebungen der Zionisten nicht sympathisieren. Woher sich der Landesausschuss Auskünfte über die Petenten um Lehrerstellen einholt, bleibt eine ungelöste Frage. Die Vermutung, dass treue „Haus-Israeliten“ -die Denunzianten abgaben, scheint immerhin eine gewisse Berechtigung zu haben. Wie dem auch sei: der galizische Landesausschuss überschreitet seine Kompetenz, wenn er eigenmächtig Lehrer ernennt; er fasst seine Aufgabe nicht ernst auf, wenn er über jüdisch-religiöse Fragen entscheidet, -trotzdem er vollständig aus Nichtjuden besteht -und keine offiziellen jüdischen Körperschaften um .ihr Gutachten befragt. Zangwill über die Enteignungsvorlage. Lemberg. Henryk Sinkiewicz hat eine Enquete unter den bedeutendsten Schriftstellern und Gelehrten Eurgpas über die preussische Enteignungsvorlage gegen die Polen veranstaltet. Unter den vielen Antworten findet sich auch die Israel .Zangwills, welcher wir folgendes entnehmen : „.Als Jude kann ich die Enteignüngsvorlage nicht als die schreiendste Unrechtmässigkeit des ■zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnen. Diesen schändlichen Namen haben schon die Judenschlächtereien in Russland verdient, die unter Patronanz der dortigen Behörden arrangiert wurden.“ Fortfahrend weist er auf die verschiedenen Verfolgungen hin, denen besiegte Nationen wehrlos ausgeliefert sind ■und warnt den Fragesteller auf die Macht der Stutzen der Zivilisation und geistigen Kultur allzuviel zu vertrauen, denn ein Volk, dass seine militärische Macht verloren, ist dem Sieger auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Schliesslich drückt er den Wunsch aus, dass die unmenschliche Politik Preussens im .neuen Jahre Bankerott machen möge. Diese Antwort Zangwills war im „Slowo polskie“ -abgedrückt. Wir billigen. die Ausführungen, dieses * freuen Sohnes; des jüdischen Volkes, wünschenaber, •dass im neuen Jahre auch die; abscheuliche gegen die Juden gerichtete Politik der Allpolen bankrottieren möge. Russland. Russischer Formalismus. St. Petersburg. Bekanntlich hat der gewesene Abgeordnete Winawer eine „jüdische Volksgruppe“ begründet. Ihre Legalisierung wurde aber vom ‘Minister aus formellen Gründen untersagt. Es fragt sich bloss, ob bei Legalisierung von Vereinen echt-russischer Männer eine solch Pedanterie beobachtet wird. Diesbezüglich ist es in Russland genau wiein Galizien. Die Gesetze werden in -zwei Kategorien geteilt; diejenigen, die etwas erlauben, gelten für keine Juden, diejenigen, die etwas verbieten, sind selbstverständlich für -die Juden. Petersburg. Dem Hilfsverein der Deutschen -Juden in Berlin wird aus Kiew vom 4. Februar telegraphisch gemeldet, dass der Gouverneur beim Polizeidepartemenl den Antrag gestellt hat, die jüdischen territorialistischen Vereinigungen aufzulösen, da die Komitees in Kiew, Odessa, Warschau und in anderen Städten aus politisch verdächtigen Personen bestehen, wenngleich die Gesellschaft -selbst nur friedliche Ziele verfolge. Die Notlage in Russland. BerditSChew. Einem Briefe aus Berditschew entnehmen wir folgendes: „Vonden 7000jüdischen Einwohnern unserer Stadt sind 5000 auf Mildtätigkeit angewiesen. Besonders kritisch ist die Lage der Kleinhändler und Arbeiter. Während die Lebensraittelpreise gestiegen sind, sind die Arbeitslöhne herunlergegangen und die Arbeitsgelegenheit hat sich verringert“. Aus dem ganzen Ansiedlungsrayon kommen solche herzerschütternde Berichte, ln dem kleinen Städtchen hat die Not den höchsten Grad erreicht. Milde Urteile. Krementschug. Im Prozesse gegen die '.Pogfomanstifter wurden von den 17 Angeklagten 12 zu acht Monaten Kerker verurteilt. Die übrigen sind befreit. — In Russland ist es für lichtscheues Gesindel gefahrloser, Pogrome zu verunstalten als verbotene Schriften zu lesen, denn dafür wird man nach Sibirien verschickt. Miljukows Reise. St. Petersburg. Viel besprochen wird jetzt die Reise des Kadettenführers Miljukows nach Amerika. Die Rechte in der Duma, voran der FührerPurischkiewicz, sind darüber entrüstet, dass er als russischer Volksvertreter im Auslande Propaganda für die revolutionären Strömungen im Vaterlande mache. Auch die Juden, besonders die jüdische Kadetten Winawer ist mit Miljukow nicht zufrieden, denn er hat in Amerika aus der Schule geplaudert. In einem Interview mit einem Vertreter einer amerikanisch-jüdischen Zeitung hat er nämlich erklärt, dass . die Kadetten vorläufig davon absehen müssen, die Judenfrage auf die Tagesordnung der "Duma zu bringen. Taktische Gründe sollen hierfür massgebend sein, da bei der jetzigen Zusammensetzung der Duma nur wirtschaftliche Fragen geregelt werden könnten. Dieses naive Bekenntnis des einflussreichen Kadettenführers hat zur Genüge bewiesen, dass keine Partei in Russland den ernsten Willen hat, für die Juden etwas zu tun. Alle diejenigen, die über den allgemeinen Interessen die jüdischen vernachlässigen oder sie mit den allgemeinen verquicken wollen, werden immer unsanft aus ihrer Vertrauensseligkeit gerüttelt. Der Vorfall bestätigt nur die alte Wahrheit: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich?“ Der neue Kurs. St. Petersburg. Die Ernennung des Unterrichtsministers Schwarz bedeutet eine neuerliche Verschärfung des reaktionären Kurses. Schwarz, Pobjedonoszew, Plehwe, Trepow gehören in die eine Kategorie der echtrussischen, doktrinären Absolutislen. Kaum hat Schwarz das Portefeuille übernommen, so hat er schon eine Verordnung erlassen, welche die Neugründung von jüdischen Privatgymnasien verbietet. Damit sind auch die Pläne der Lodzer und Warschauer Juden, die jüdische Gymnasien gründen wollten, vereitelt und Hunderte von jüdischen Kindern müssen auf Mittelschulbildung verzichten. Eine volksfreundliche Verordnung. Warschau. Die russische Unterrichtsverwaltung hat gestattet, dass in den Chadarim ausser dem hebräischen auch russischer Unterricht erteilt werde. Diese wohltätige Erleichterung ist so unerwartet, dass man schier annehmen muss, es verstecke sich irgend ein teuflischer Plan! dahinter, denn dass die russische ' Regierimg-'sfcii um die Bildung des Volkes, obendrein noch des jüdischen kümmern sollte, fallt zu glauben schwer. Rumänien. Die Lage der rumänischen luden. Bukarest. Man schreibt uns aus Rumänien: Eine noch schlimmere Hölle als Russland ist für die Juden das von einem deutschen Fürsten beherrschte Rumänien. In. diesem Lande hat der Jude alle Pflichten eines Staatsbürgers und weniger Rechte als ein Ausländer, dem der Schutz seines Staates zur Seite steht. So müssen die Juden der Militärpflicht genügen, können aber jeden Tag ’ ausgewiesen werden. Das Vorgehen der rumänischen Regierung den Juden gegenüber übertrifft an Grausamkeit die spanische Inquisition, denn Verhungern ist schlimmer als Verbrennen und die rumänische Regierung lässt die Juden verhungern. Vier- bis fünftausend jüdische Familien sollen jetzt dem Hungertode preisgegeben werden. Der soeben veröffentlichte Gesetzentwurf für das Alkoholmonopol verlangt als Schankinhaber und als Bedienstete im Schankgewerbe rumänische Staatsbürger und macht, auf solche Weise tausende jüdischer Familien brotlos. Ein rumänisches Gesetz. Bukarest. Das rumänische Abgeordnetenhaus liat mit einer Majorität von 52 Stimmen einen Gesetzentwurf angenommen, wonach die bei" den Bauernunruhen beschädigten Grundbesitzer bis zum Gesamtbeträge von 15 Millionen Francs entschädigt werden sollen. Die beschädigten Juden sind in dieser Vorlage nicht mit inbegriffen, da sie ja doch in Rumänien als Fremde betrachtet werden. Bücher- und Zeitungsschau Das Warschauer Tagblatt „Unser Leben“ veröffentlicht folgenden Artikel, den wir in Anbetracht unserer Moschkos in Galizien . vollinhaltlich bringen: Lakaien bei Lakaien. Es gibt nichts Aergeres, Widerlicheres und Niedrigeres als Lakaien, die bei Lakaien in Dienst stehen. Wem ist es unbekannt, dass wir, Goluthjuiien, in unserer Mitte Lakaien haben, innerliche und äusserliche Lakaien? Vor jedem bücken sie sich und schmeicheln sich bei jedem Herrn ein. Wir beschuldigen sie aber nicht, denn sie sind historische Lakaien, Lakaiennachkommen. Die blutige Geschichte der Juden, ihr trauriges Exilleben hat einen Typus von Lakaien geschaffen, die sich vor den Herren erniedrigten. Diese niedrigen Kreaturen sind zu her dauern . . . Doch erfasst einem ein Ekel, wenn wenn ein Lakai zum Herrn wird. „Ein regierender Diener* ist schon nach dem Ausspruche Salomon etwas Entsetzliches. Man beachte einen Lakaien, wenn er ein Herr geworden and nun allein Lakaien hat! Solche Parvenüs ahmen Affen gleich alles ihren Herren nach, das Sitzen, Gehen, Raden, Befehlen — in allem ahmen sie den Herrn nach . . Und was sein Herr sagt, gilt bei ihnen als Heiligtum .... Unsere Lakaien, die heute die Herren spielen, haben das Sprechen im Namen des Herrn noch nicht verlernt. Sie verlangen von den orthodoxen und chassidischen gewählten Vorständen, man möge auch ihnen einen Vorstehersitz einräumen. „D as Blut w ir d so n s t in Strömen fliessen, wenn man den Zorn der Polenreizenwird, es kann zu Unruhen kommen usw. usw. Solche Drohungen wurden zur Zeit der ersten Dumawahlen fast in jedem Städtchen Polens ausgestossen . . . Die Juden erschraken, in manchen Synagogen hielten Prediger ergreifende Reden, dass man keinen Juden wähle, damit über die Juden kein Unglück komme. Auf solche Weise wurde in ganz Polen kein einziger Abgeordneter in die Duma gewählt. Ebenso gebrauchte man unlängst vor den Wahlen in die Warschauer Kultusgemeinde dieselben Mittel: man drohte mit „Pogromen“, man drohte, dass Blutströme fliessen werden. Die Lakaien abmen wie die Affen nach, ekelerregender sind jedoch die Lakaien der Lakaien, welche vor den israelitischen Herren erschrocken und sich zum Lodzer Rabbiner begaben, um ihn um Rat zu fragen.Der achtzigjährige Greis, der stolze, echte Jude aus Lodz verschmähte es eine Antwort zu geben . . und die Lakaien, die zum Lodzer Rabbiner gefahren, kehrten unverrichteter Dinge zurück . Al. In einer Korrespondenz des Pariser „Temps“ aus Konstantinopel, welche die Lage in der Türkei ausführlich behandelt, finden wir folgende interessante Aeusserungen über die zionistische Bewegung : „.die Zahl der Juden in Palästina nimmt beständig zu und schliesslich kann der Sultan ihrer auch nicht entraten, weil er sonst keine Käufer für. seine ausgedehnten Besitzungen im Lande finden würde. Der Korrespondent fährt fort: „Wenn es weiter so geht, so kann man ruhig annehmen, dass in zehn Jahren Palästina 2 Millionen Juden zählen dürfte.“ „Die Juden, welche jetzt nach Palästina kommen, sind keine Schnorrer, sondern Erdarbeiter, Handwerker und Kaufleute. Dies ist das richtige Material zum Aufbau eines Volkes und einer Staatsgemeinschaft. Trotzdem sie auf viele Schwierigkeiten stossen, besiegen sie dank ihrer grossen und mächtigen Liebe zu ihrem alten Vaterlande alle Hindernisse und schaffen die Ansätze für | einen zukünftigen Staat. So webt die Zeit auf ihrem Webstuhle Totenkleider für den einen und warme Gewänder für den anderen. — Man soll kein Prophet sein, aber wie die Dinge liegen, werden keine 25 Jahre ins Land gehen und die Juden werden auf der Arena der Weltgeschichte als Kämpfer für ihr Vaterland auftreten. Viele behaupten, dass sich die Christen dagegen sträuben werden, dass die Juden über die christlichen Heiligtümer in Palästina herrschen. Das ist ein Irrtum. Die Christen wollen bloss, dass diese Heiligtümer von einer unparteiischen Macht bewacht werden. Die Türkei ist unparteiisch und die Juden werden ihre Stelle vertreten.“ Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Der Zionistische Zentralverein gibt hiermit bekannt, dass am Sonntag den 16. Februar die Lesehalle im Saale des Vereines IX. Tilrkenstrasse 9 wieder eröffnet wird. Lesestunden an Wochentagen von 4—7, an Sonntagen von 10—12.

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