Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-01-03 · 1 (3.1.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438168--0289-2439793
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 ' reichischen, und insbesondere die Wiener Juden die einzig richtige Konsequenz aus dieser Erkenntnis ziehen und zu ihrem Volke heimfinden werden. Dem steht ein gewaltiges Hindernis entgegen, das von unserer Seite noch lange nicht genügend gewürdigt worden ist. Ein Hindernis, dem er in erster Linie zuzuschreiben ist, dass das epochale Wirken Theodor Herzls und die aufeinanderfolgenden Katastrophen die westösterreichischen Juden nicht aus ihrer Lethargie aufzurütteln vermochten. Dieses Hindernis bilden die sogenannten „Judenblätter.“ Die Judenblätter! Viele Optimisten, welche annehmen, dass die liberale Presse infolge ihrer grossen Verbreitung unter der christlichen Bevölkerung am ehesten in der Lage wäre den Antisemitismus abzuwehren, ahnen nicht, welches Unheil diese Geschäftspresse bereits angerichtet hat. Die Arierin Camilla Tbeimer sagt darüber in ihrer Schrift: „Antisemitismus undNati o nalj uden tum“ : „So sonderbar es klingen mag, es ist dennoch eine Tatsache : Die antisemitischen Blätter werden bei uns im gebildeten Mittelstand nur von den Juden gelesen. Von den Ariern niemals, weil sie sowohl, was die Form anbetrifft, wie bezüglich der wirtschaftlichen Informationen nicht den Anforderungen entsprechen, die der gebildete Arier an ein grosses Blatt stellt Sie können folglich in dieser Schichte auch nicht den Antisemitismus erzeugen, wie irrtümlich von den Juden geglaubt wird. Dieses Geschäft betreiben gewisse Judenblätter .... Wenn der arische Leser sie dennoch liest so geschieht dies, weil seinerzeit tatsächlich für sie kein vollwertiger Ersatz bestand und er heute aus Gewohnheit seinem Leibblatt treu bleibt . . .“ Das wussten wir allerdings schon lange. Auch der mindergebildete arische Greisler oder Tischlermeister, der in der Trafik das „Judenbladl“ verlangt, kauft es wegen der geschickteren Mache, glaubt aber dem politischen Orakel 'des Leitartikels nicht ein Wort. Sonst wäre es nicht zu erklären, dass die Prophezeiungen mancher dieser Blätter vor jeder Wahl: jetzt komme die antisemitische Götterdämmerung, regelmässig zu Schanden werden. Wahrlich, von diesen „liberalen“ Blättern haben die Antisemitenführer nichts zu befürchten. In der Tat haben sie den einst heftig geführten Kampf gegen die „Judenpresse“ als ganz überflüssig aufgegeben. Die meisten dieser Blätter haben sich ohnedies bereits zu jener Objektivität aufgeschwungen, die das Lesen der antisemitischen Blätter für die gewissen Juden überflüssig macht, denn sie finden in diesen „Judenblättern“ bereits dieselbe Verherrlichung der glorreichen Taten Luegers und Genossen, wie in den antisemitischen. Die wenigen „Judenblätter“, die das noch nicht tun und z. B., wie die „N. F. P.“, Autoritäten aus aller Welt herbeischleppen, um zu beweisen, dass Christentum und Rassentheorie unvereinbar seien, werden den Antisemiten nicht weh tun. Denn, wie gesagt, der arische Leser schenkt den Judenblättern keinen Glauben. Und das mit vollem Recht. Wenn er auch darin entschieden irrt, dass die „Judenblätter* die Interessen der Juden vertreten, so ist es doch richtig, dass sie die assimilatorischen Interessen der angefaulten jüdischen Bourgeoisie vertreten, die im Antisemitismus, (der selbst den getauften Juden als solchen stigmatisiert) nur ein Hindernis für die Assimilation erblickt. Dies ist sozusagen der ideale Beweggtund für die Abwehrbetriebsamkeit gewisser Judenblätter. Ein zweiter Grund ist der, dass sie heute, nicht mehr wie ehedem als politisch führend, sondern als das, was sie in Wirklichkeit sind, gelten: als reine, zumeist allerdings unreine Geschäftsblätter. Wirklich gefährlich werden diese „Judenblätter“ nur dem kleinen jüdischen Mann, der mit geradezu fanatischer Blindheit alles was darin steht glaubt. Er verhimmelt alles, was sein Leibblatt lobt und verwirft, was dieses tadelt oder — totschweigt. So war es mit dem Zionismus und so ist es mit der innerpolitischen Aktion, welche die österreichischen Zionisten in einem für die Zukunft der österreichischen Juden historischen Augenblick in Angriff genommen haben und mit Erfolg fortführen. Man gebe sich nur ja keiner Täuschung hin. Diesen Judenblättern ist die nationaljüdische Politik noch verhasster als der Zionismus. Denn eine solche macht ihnen die Doppelrolle unmöglich, einerseits in Deutschtum, anderseits in Abwehr^, des Antisemitismus zu machen. Darum werden sie auch Weiterhin die schwer kämpfenden kleinen Juden in Westösterreich, die in Ruhe als Juden leben wollen, irreleiten und sie gegen eine bewusste jüdische Politik durch Entstellung oder Totschweigetaktik einnehmen. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Die Schaffung eines jüdischen Tagblattes in Wien! Es war bereits der sehnlichste Wunsch des Dr. Herzl, ein Tagblatt in Wien zu begründen, das den Zionismus entsprechend propagieren könnte. Durch die Erlangung einer jüdischnationalen Vertretung im Parlament ist dieses Bedürfnis zu einem brennenden geworden. Denn nur durch ein Tagblatt in der Hauptstadt des Reiches, das alles sieht und hört und überall gehört wird, lässt sich ein entsprechender Resonnanzboden für eine grosszügige jüdische Politik schaffen, die vor allem die Sympathie aller guten Juden gewinnen, dann aber auch die Achtung der Nichtjuden und Beachtung bei den Zentralbehörden erzwingen könnte. So segensreich die Wirksamkeit unserer wackeren Bruderblätter in der Provinz, namentlich in Galizien ist, so kann sie nur dann von vollem Erfolg gekrönt sein, wenn in Wien ein angesehenes jüdischnationales Tagblatt erscheint. Dieses Ziel hat sich die „Jüdische Zeitung“, gesetzt, die in der kurzen Zeit ihres Bestandes eine überraschend wachsende Abonnentenzahl und hervorragende jüdische Mitarbeiter gewonnen hat. Das Tagblatt kann freilich, nicht über Nacht entstehen, da uns keine Kapitalien zur Verfügung stehen, wie das bei den liberalen und sozialdemokratischen Blättern der Fall ist.Wir müssen zunächst trachten, unser Blatt so rasch als möglich zumindest zweimal wöchentlich erscheinen zu lassen. Dazu ist es nötig, dass alle Gesinnungsgenossen für die „Jüdische Zeitung“ agitieren, so dass sie in keinem jüdischen Hause fehle. Denn unser Blatt kann, auch bei bloss wöchentlichem Erscheinen, viel dazu beitragen, die verhängnisvolle Tätigkeit der falschen Freunde und echten Feinde eines aufrechten Judentums zu paralysieren. Unser Blatt ist kein Privatunternehmen, sondern es dient unserer Partei, jener Partei, welche ihre ganze Kraft für die Ehre und das Ansehen des jüdischen Namens, für die Regeneration des jüdischen Volkes, für ein stolzes mannhaftes und freies Judentum einsetzt. Gesinnungsgenossen! Von Eurem Eifer und Eurer Hingabe für die grosse Sache hängt es in erster Linie ab, dass der Zeitpunkt der Schaffung eines jüdischen Tagblattes in Wien immer näherrücke! Zionisten, an die Arbeit! Die erste Session. Man kann wohl nach Schluss der reichsrätlichen Herbstsession, ohne parteimässige Schönfärberei und tendenziöser Uebertreibung geziehen zu werden, die Behauptung wagen: Der Jüdische Klub hat die parlamentarische Feuerprobe mit bestem Erfolge bestanden. Ein Novum im politischen Leben der österreichischen Juden, eine kleine Gruppe auf dem schwierigen Boden des österreichischen Pargewählt und es nicht bereut, wenn es auch bis auf den heutigen Tag dafür bestraft wird. Adolf Stand ist ein Redner von grosser Wirkung. Das Geheimnis seines Erfolges liegt in der Wahrheit der Ueberzeugung und in der Kunst, eine elegische Stimmung über seine Zuhörer zu giessen und sie alle auf einen Gemütstob zu stimmen. Seine Kunst ist die Lyrik. Sein Mittel ist der musikalische Ton. Sein Zweck ist die Erschliessung des Herzens. Er hat eine Stimme von seltenem Schmelz, die wohltuend und fast kalmierend ist für ein musikalisches Ohr. Sein Tonfall aber bewegt sich innerhalb einer bestimmten Skala, die immer wiederkehrt. Es ist eine Skala, deren tiefe Töne etwas von der Wärme einer Frau, deren hohe aber viel vom Schrei des Elends haben. Hört man ihm aber mit geschlossenen Augen zu, dann kann man aus dem Vokalischen seiner Rede Motive entnehmen, die man schön irgendwo, irgendwann gehört, die im Kopfe spucken, herumirren, halblebend, zuweilen selbsttönend und ersterbend. Es sind Motive des „Lernenden* im Beth-hamidrasch. Jene traurige Weise, die in sich etwas hat vom Schrei über die Zerstörung Zions, vom Ruf der Hoffnung und dem Liede der Sehnsucht.... Stand ist ein Redner der Jugend. Weil aber die Jugend das Leben ist und der Lebende immer Recht behält, hören ihm auch die Alten zu, mit skeptischem Lächeln auf den Lippen, jedoch mit leuchtenden Augen. Denn was sich ihnen da am Rande des Lebens offenbart, hat die Weltgeschichte nur den Augen weniger Generationen vergönnt. Wohl denen, die es miterlebten. Die es mit eigenen Augen sehen und eigenen Ohren hören, wie im österreichischen Parlamente Redner wie Adolf Stand coram foro externo die beanspruchten Rechte eines grossen, gewaltigen, zu neuem Leben erstandenen Judentums proklamiert. Rb. Der Jour. „Liebe Trudi, die Frisur Schicki sich nicht für unsern Jour; Ausser Rudis Kameraden Sind nur Christen eingeladen. Und wenn so einer dich sieht, Hält er dich für unsolid. Auch die grossen Diamanten Passen nicht für Protestanten; Folgst du mir, so nimmst du nix Als das kleine Kruzifix — Schau’ zu Boden, lache wenig, Halt’ dich viel bei Doktor König, Red’ bescheiden und dezent, Aber nur nicht mit die Hand’!“ Auch der kleine Herr vom Hause Interessiert sich für die Jause Und wie ein Napoleon Inspiziert er den Salon. „Wär’s nicht besser, Rosaleben, Die M e s u s s e s wegzugeben? Manchen Laiten ist das nai Und wozu die Fragerei?!“ „„Glaubst du, Moritz, dass das geht? Das verletzt die P i e t ä t! “ “ „Muss die Pietät denn immer Gerade sein in diesem Zimmer? — Gib sie in den Schiffonär, Morgen häng’ sie wieder her!“ * * * Herr Adjunkt spricht schon beim „Rüster“. Die Gesellschaft ist illuster! Ein Baron, ein Intendant Und sogar ein Leutenant — Und, Herr Sachs, was seh’ ich dort? Der Kassier vom „Ghristenhort“! WTie kommt dieser Pfaff und Slreber In das Reicli der Gänseleber? Und sein Nachbar, Maler Sachs, Nimmt sich eine Schnitte Lachs Und sich über’m Teller beugend Spricht er still, doch überzeugend:. „Jeder Jud wird toleriert, Wenn man gut bei ihm soupiert!“ Der Herr Leutnant unterdessen Hat das Meiste aufgegessen, Und, da der Champagner kühl, Trank er ziemlich oft und viel — Sein Monokel ist verschoben, Und die Stimmung sehr gehoben; Da man von St. Moritz sprach, Macht er plötzlich Juden nach: Steckt die Daumen beim Erzählen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.