Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., ^äpH«nsti=assc JNJp. 9 Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in WTen: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. □ . : □ Abjnnementspreis»: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. .— —-— . —c Vertretungen in der Provinz In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitnngsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig Nr. 1. Wien, Freitag, den 3. Jänner 1908. 11. Jahrgang. P. T. Mit der heutigen Nummer tritt die „Jüdische Zeitung1* in ihren zweiten Jahrgang.__'_ Durch die rückhaltslose Vertretung der Grundsätze des Zionismus der Forderungen der jüdischen Nationalpartei Oesterreichs, sowie aller jüdischen Interessen durch ihren gediegenen Inhalt, den Keichtum von Originalbeiträgen aus der Feder geschätzter jüdischer Autoren, Original- Korrespondenzen aus dem in- und Ausland, insbesonaereauch aus Palästina, hat sich die „Jüdische Zeitung“ in der kurzen Zeit ihres Bestandes einen hervorragenden Platz. in der jüdischen FüblizistiKgesichert und eine grosse Verbreitung gewonnen. Die „Jüdische Z e i t u n g“ wird auch im zweiten Jahrgang ihrem Programm treu bleiben und nach allen Richtungen hin ausgebaut werden. Kein national gesinnter Jude, kein Zionist sollte es unterlassen, die „Jüdische Zeitung“ zu abonnieren und dieses wichtige Parteiunternehmen nach Kräften zu unterstützen. Die Administration. Ein jüdisches Tagblatt in Wien, Ein Mahn wort an die österreichischen Zionisten. Zwölf Jahre sind vergangen, seitdem durch Herzls „Judenstaat“ ein mächtiger Weckruf an die Judenheit der ganzen Wett ertönte. „Der Gedanke muss hinausfliegen bis in die letzten jammervollen Nester, wo unsere Leute wohnen. Sie werden aufwachen aus ihrem dumpfen Brüten, denn in unser aller Leben kommt ein neuer Inhalt.“ . . . Wahrlich, Theodor Herzls Hoffnung auf eine grosse Wirkung seines Buches hat ihn nicht getäuscht. Nie ist einem Buche ein derartiger Erfolg in so kurzer Zeit beschieden gewesen. Nie sind den Worten so rasch die Taten gefolgt, vor allem die Taten desjenigen, der sie gesprochen. Die zionistische Weltorganisation, ein neues Band für die Juden aller-Wellte!!?. .—af^’br.ut, in den Kongreßendem jüdischen Volk eine Tribüne errichtet, die Kolonialbank, der Nationalfonds und vieles andere in rascher Folge geschaffen. Doch hier in Wien, von wo der Weckruf ausging, fanden all diese erhebenden Ereignisse nur einen sehr schwachen Widerhall. Das änderte sich auch dann, nicht, als schreckliche Katastrophen über unser Volk hereinbrachen, welche, im Zusammenhalt mit dem Erwachen der zionistischen Idee, die letzten 12 Jahre zu den bedeutendsten der ganzen Golusgeschichte machten. Sie ging fast spurlos an den Juden Wiens vorüber. Weder die Kunde von den furchtbaren Judenverfolgungen in Russland und Rumänien, noch der Anblick der durchwandernden Flüchtlinge, weaer. der wachsende wirtschaftliche, soziale und politische Druck des Antisemitismus, den sie am eigenen Leibe spürten, noch der Anblick eines neuen aufstrebenden, kraftvollen Judentums in ihrer Mitte, konnte die Juden Wiens aus ihrer Lethargie reissen. Für all diese grossen sozialen Erscheinungen hatten die westösterreichischen Juden kein Verständnis. Jeder Appell, jede Aufklärungsarbeit war vergebens; unsere Prophezeiungen wurden verlacht Erst bis einige buchstäblich eingetroffen, und die jüdischen Abgeordneten in die deutschen Parlamentsklubs keine Aufnahme fanden, wurde es durch diese Einzelerscheinungen des grossen sozialen Problems — der Judenfrage — endlich auch dem verstocktesten Assimilationsjuden klar, dDssdie J^deh auch hierzulande vbll&cnirneu isoliert sind. Gleichzeitig wurde ihnen durch das mannhafte und energische Auftreten der Mitglieder des jüdischen Klubs, welche sich die Achtung des antisemitischen Parlamentes errungen haben, vor Augen getührt, wie ganz anders die Juden Oesterreichs dastünden, wenn alle jüdischen Abgeordneten in einem Klub vereinigt, gestützt auf die Stosskraft der östlichen und die wirtschaftliche Macht der westlichen Juden, den Gegnern die Stirne böten, um jüdische Ehre, und jüdische Interessen mit Kraft und Würde zu verteidigen. Trotzdem wäre es ein grosser Irrtum, anzunehmen, dass nunmehr die westöster- FEUILLETON. Stand. Inmitten einer heulenden Meute, von hasserfüllten Menschen umgeben, hat er das Judentum verteidigt. Das Bild war schön, das Bild war gross und hätte verdient, von eines Künstlers Zauberhand der Vergessenheit entrissen, kommenden Geschlechtern gerettet zu werden. Seines künstlerischen und historischen Wertes willen. Denn nie ist der Hass so echt, die Leidenschaft so lohend, der Zorn so grimmig, die Besüe so nackt, wie wenn sie gegen das Volk der Juden sich wenden. Und es war ein seltener Anblick menschlicher Tiere, wie sie ihn umgaben, mit dampfenden Gesichtem, sprühenden Augen, sprungbereit, mit triebhaften Gebärden. Und weil dieser elementare Hass mit ungewollter Kraft unter der Schwelle des Bewusstseins hervorbricht, hemmungslos, frei, erlöst und selbst erlösend, fallt auch jene letzte Hülle, die den Künstler hindert, das nackte, von Konvention und Eitelkeit losgelöste Wesen eines Menschen zu erfassen. Das war der Dschungel einer wilden Menschenart. Kipling hätte allerdings seine Helden hier nicht finden können, denn da ist der Hass unversöhnlich, die Leidenschaft unversiegbar, der Zorn nicht zu mildern, die Bestie nicht zu besänftigen. Hier gibt es nichts Versöhnendes. Der Jude wird verbrannt. Er aber stand vor ihnen wie ein leibhaftes Gewissen. Aufrecht, mit zuckendem Gesicht, doch selbstsicher und ruhig. Er bewarf sie nicht mit Kot, spuckte ihnen nicht ins Gesicht, weidete sich nicht an ihren Gebrechen, hielt ihnen keinen Spiegel vor. Aber er erzählte ihnen ein Märchen. Zunächst leise, mit gedämpfter Stimme. Das ist das Märchen von dem ewigen Volk. Von denen, die im Staube lagen und sich plötzlich erhoben und aufrecht stehen. Er dichtet ihnen was vor und sie verstummen für einige Augenblicke und hören, dem Rhapsoden zu, der von der Allmacht eines totgeglaubten Volkes singt und sagt Sie verstummen, horchen, um bald wieder laut aufzuheulen, in deren Mitte eE sich dann reckt und dröhnend sein Volk verteidigt Verteidigt ist nicht das richtige Wort. Die Verteidigung setzt eine Anklage voraus, auf die gewohnheitsmässig die alten Parlamentarier mosaischer Konfession gewartet haben, um das Judentum zu entschuldigen. Sie haben, wie es der Beruf eines Verteidigers ist, den Angeklagten als Muster der Vollkommenheit hingestelit, darum wurden sie lächerlich in den Äugen ihrer Zuhörer. Sie haben mit dem Volke nicht geträumt, mit ihm nicht gelitten, nicht empfunden, seine Sehnsucht und seine Leiden nicht gekannt. Darum entbehrten ihre Worte des Glanzes der Poesie und des Wertes der Wahrheit. Stand aber verteidigt nicht. Warum denn sollen die Fehler geleugnet werden? Sind wir nicht Menschen, mit irdischen Schwächen ausgerüstet, staubgeboren, hinfällig, allen Erdenkindem gleich? Warum müssen wir, um rechtlich den anderen gleich zu werden, sie an guten Eigenschaften überragen? Die so dachten, waren schlechte Juden. Haben ihr Volk nicht geliebt, wie es ist, sondern vorgegeben," es wäre besser als alle anderen, um ihre Anhänglichkeit zu rechtfertigen. Haben ihr Volk altersschwach hingestellt, nie von seiner Jugend gesprochen und so die trennende Mauer, die sie niederzureissen wähnten, nur noch weiter gezogen und erhöht. Stand aber ist im Parlamente der Verkünder des altneuen Judentums. Er tut es mit Elan, mit tiefempfundener Begeisterung, mit freiem Wort und hebräischem Zitat. Und weil sein Wort wie eine Verheissung klingt von ungeahnter Volkskraft,.- von neuem Leben, ungeschwächtem Streben, Das, seinsbejahung und Willen zum Recht — schäumen die Feinde auf wie das tobende Meer, gepeitscht von einem mächtigen Orkan. Denn sie müssen unsere Lebenskraft erkpnnen, die ungeschwächt in uns lebt und alle ihre Künste zuschanden macht. Und darum war das Bild auch historisch. Denn einen solchen Juden hatte das österreichische Parlament nicht gesehen, eine solche Sprache nicht gehört. Es war die Sprache eines Mannes, der wohl weiss, dass hinter ihm ein Volk steht, das einen Willen hat. Ein Volk, dass seine Vertreter mit Hintansetzung seiner Alltagsinteressea