Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 24 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 Eine Broschüre. Da liegt eben vor mir eine Broschüre, welche dieser Tage erschienen ist; „Antisemitismus und N a t i ö n a 1 j u d e ntum‘. Die Verfasserin ist eine Arierin, eine bekannte Wiener Schriftstellerin, K amilla Theimer. Es heisst in dem Titel sogar: Ein arischer Beitrag zur Lösung der Judenfrage. Da sehen wir, wie wahre Christen über die Juden urteilen. Glauben Sie nicht, dass in dieser Broschüre den Juden geschmeichelt wird, dass man nur von den Vorzügen der Juden spricht. Da sagt man uns so unangenehme Wahrheiten, da wird über uns so kritisch gesprochen, dass mancher Israelit erröten wird. Aber wir jungen Juden sagen: Ja, es ist unangenehm, das zu hören, aber es sind Wahrheiten, und Wahrheiten, mögen sie noch so unangenehm sein, die hört die junge, moderne Generation sehr gerne. Und wir finden da ein merkwürdiges Motto, das wirklich in die jetzige Zeit hineinpasst. Die Schriftstellerin Theimer sagt: „Das grösste Verbrechen, das die verschiedenen Völker an den Juden begangen haben, ist, dass sie ihnen niemals das erste und oberste Menschenrecht, das Recht auf Wahrheit gewahrt haben.* Und das ist es, was wir am meisten bemängeln. Uns Juden ist man nie mit Wahrheit entgegengetreten. Man hat uns aut zweifache .Art behandelt: einerseits hat man uns blutig verfolgt und das waren unsere Feinde; aber unsere Freunde, die nannten uns nicht Juden, sondern Israeliten. Und wenn diese mit uns verkehrten, so trachteten sie immer, bei sich selbst den Gedanken zu vertuschen und aufzugeben, als ob wir Juden wären, sie trachteten, uns immer als andere zu behandeln und sie zeigten sich als solche, die das vergessen, was unsere grösste Schande sein soll, nämlich das Judentum. Und wir, die superklugen, die gescheiten Juden, wir fielen da gröblich hinein und glaubten, der andere wisse nicht, dass wir Juden sind. Wir tolerierten den Ausdruck „Israeliten“ und wir trachteten nur, den Juden unähnlich zu sein und es galt für die grösste Ehre, wenn man einem sagte: Sie sind einem Juden unähnlich, man merkt an Ihnen den Juden nicht. Die modernen Juden aber sind aus einem anderen Holz und unterschreiben blind, was weiter diese Kamilla Theimer sagt: „Jude zu sein, mag ein Unglück sein, ganz gewiss ist es aber keine Schande. Das Judentum wird nur dann zur Schande, wenn es die Juden selbst als solche empfinden.1' Und das ist der wesentliche Unterschied. Jene haben das Judentum als Schande, mindestens als quantite negligeable empfunden; wir empfinden es als eine Ehre und sagen es offen heraus, wir sind Juden, wir stellen ein jüdisches Programm auf. (Beifall.) Sind wir Polenfeinde? von 1831 und 1863 gelernt und darum sind wir Juden geworden. Aber es ist nicht wahr, als ob Jude sein hiesse: Gegner der Polen sein. Kann denn, wer Jesaia und Moses verehrt, Mickiewicz und Slowacki beschimpfen, wer Bar-Kochba feiert, Kosciuszkojverhöhnen? Das ist ein Unsinn. Das werden Sie vielleicht noch jahrelang den Leuten einreden können. Aber wahr ist es nicht. Wir treten als nationale Gruppe mit nationalen Forderungen auf und verlangen, dass auch die Wünsche der anderen nationalen Gruppen voll und ganz berücksichtigt werden. (Bravo!) Und so trat ich getreu meinem Prinzipe und im Einvernehmen mit meiner ganzen Partei hier im Hause auf, als es sich darum handelte, gegen die gewaltsame Entrechtung der Polen in Preussen zu protestieren und so verbinden wir uns mit den unterdrückten Ruthenen und anderen unterdrückten Stämmen, weil wir an unserem Leibe am besten spüren, wie die Unterdrückung schmeckt. (Sehr richtig!) Was wir also hier wünschen, ist, dass die jüdische Nation anerkannt werde. Diese Täuschung der öffentlichen Meinung darf nicht weiter gehen. Länger als ein Jahrzehnt ringen unsere Studenten um die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen und sie werden so lange kämpfen, bis es erfolgen wird. Die jüdische Sprache. Meine Herren! Wir haben in drei Jahren eine wichtige statistische Arbeit vor uns, die Volkszählung. Da mache ich die Herren aufmerksam, dass das ein streng wissenschaftliches Werk ist, wo man in erster Linie wahr verfahren muss. Denn das ist die Grundlage späterer anderer Arbeiten und jeder Sozialpolitik. Und bei dieser Volkszählung verlangen wir, dass bei den Juden Galiziens und der Bukowina, die zirka eine Million zählen und von denen mindestens 900.000 im jüdischen Jargon sprechen — wir schämen uns dessen gar nicht — diese Sprache anerkannt wird. Man soll in der Statistik so rubrizieren, wie :es ist. Denn wenn man schreibt, dass sie deutsch, polnisch oder ruthenisch sprechen, so ist es unwahr. Sie sprechen jüdisch; diese Sprache existiert de facto und aus der Existenz dieser grossen Massen ziehen wir die Konsequenz, dass man auch ihre kulturellen Wünsche berücksichtige. (Abg. Myslivec: Das wäre in Böhmen auch so zu machen!) Ja, gut, einverstanden! Wir wollen, dass die Juden als Juden anerkannt werden. Ueberhaupt sehen wir in der Statistik grosse Mängel. Wenn zum Beispiel die Berufe, wenn die Steuerkraft der Juden in der Statistik berücksichtigt würden, so würde man sehen, wieviel eben die Juden beitragen, wie stark sie an der Personaleinkommensteuer beteiligt sind, wieviel sie überhaupt zu Staatslasten beitragen. Wie verhalten wir uns zur Regierung und zu den anderen nationalen Parteien? Wie wir uns zur Regierung verhalten, das werde ich später sagen. Zu den anderen nationalen Parteien verhalten wir uns als streng nationale Partei äußerst sympathisch und wohlwollend. Bei uns speziell in Galizien herrscht ein ungeheures Vorurteil — und ich mache in erster Linie gerade die Juden, die dort diese Gruppen informieren, dafür verantwortlich — als wären wir Feinde der Polen, Feinde der dortigen Nationalitäten. Das ist nicht wahr. Wir anerkennen es und sagen dem grossen Kulturvolke Dank, dass uns, als uns ganz Europa vertrieben hatte, Kasimir, der nicht mit Unrecht der Grosse genannt wird, autnahm. (Bravo!) Und wir haben von der polnischen Kultur sehr viel gelernt. Ja, wir haben das von euch gelernt, dass nur jene Nation gross und mächtig und stark und anerkannt sein kann, welche ihre nationalen Güter aufbaut und sich für ihre nationalen Güter opfert. Das haben wir bei den Polen Die nationale Autonomie. Wenn ich von der Anerkennung der Nation spreche, so komme ich zum Endziele dieser Anerkennung, zu dem grössten Gedanken, der im vorigen Jahrhundert auflebte und der in diesem Jahrhundert sicher realisiert werden wird, es ist die nationale Autonomie. (Beitall.) Meine Herren! Ich bin überzeugt: So wie das XIX. Jahrhundert das Jahrhundert der Nationalitäten war, so wird das XX. Jahrhundert das Jahrhundert der nationalen Autonomie in den Staaten sein.. Und das wäre ein Heil nicht nur tür unsere Nation, das wäre die einzige Lösung der österreichischen Frage. Und wenn heute Pessimisten innerhalb und ausserhalb Oesterreichs auftreten, wenn heute Feinde aufstehen und sich-freuen, dass Oesterreich sich am Rande des Abgrundes und Zeifalles befindet, so sagen wir: Noch ist es nicht dazu gekommen. Wenn in Oesterreich die nationale Autonomie allen Nationenen gegeben wird, wenn es aufhören wird, dass zwei oder drei Nationen die anderen sechs oder sieben Nationen fortwährend majorisieren, fortwährend bedrängen und bedrücken (Beifall), wenn jede Nation sich selbst regieren wird, dann wird Oesterreich — und das wünschen und wollen wir — einer der mächtigsten Staaten sein. Dann wird Oesterreich stark nach innen und mächtig nach aussen dastehen. (Beifall.) Die nationale Autonomie, was ist denn das? Man soll jeder Nation ein Budget bewilligen und jede Nation sich selbst ihr Schulwesen regeln, ihre Museen begründen, ihre Wohltätigkeitsanstalten schaffen lassen, sie soll für all ihre kulturellen Bedürfnisse allein sorgen. Denn sie allein und nicht die zufällig mächtigere Nation weiss am besten, was sie an Kultur braucht und für sie notwendig ist. (Beifall.) Meine Herren! Sie schrecken da wirklich von einem neuen Gedanken zurück. Wir haben ja den Ansatz zu dieser nationalen Autonomie. Es sind zum Beispiel die Kultusgemeinden, die eine vollkommene religiöse Autonomie bilden. Wie hier nach diesem Muster in religiöser Hinsicht eine Autonomie gegeben ist, so verlangen alle gedrückten Nationen, dass ihnen die nationale Autonomie gegeben werden soll. (Beifall.) Es werden dann nicht die mörderischen Kämpfe existieren, die heute den Staat zerwühlen und die Macht Oesterreichs nach aussen so ungemein schwächen. Ich zitiere da die herrlichen Worte Springers, der sagt: „Wenn die nationale Aut onomie gegeben werden wird, so wird sich verwandeln der ZweikampfzuinProzess, dasFaustrecht zumbürgerlichenRecbt, derKampf der Nationalitäten um den Staat zur freien, gesunden Konkurrenz der Nationalitäten im Staate.“ (Beifall.) Das sind grosse Worte und so wird es sein. Wenn die Reibungsflächen zwischen Polen und Ruthenen, zwischen Deutschen und Tschechen und zwischen allen Nationalitäten und den Juden schwinden werden, dann wird Oesterreich mächtig nach aussen dastehen und da^ wollen wir, das wird die Lösung der Frage der Nationalitäten, der Bedrückten in Oesterreich sein und das wird die Lösung der nationalen Frage in Oesterreich bedeuten. Solange an der Spitze der Regierung Bureaukraten stehen werden, werden sie das nicht bewilligen. Wenn aber an der Spitze der Regierung Staatsmänner marschieren werden, wie wir es wollen, dann wird man die nationale Autonomie zum Heile der bedrückten Nationen, zum Wohle Oesterreichs bewilligen. (Beifall.) Speziell die slavischen Völker sollen sich der nationalen Autonomie nicht widersetzen, denn wenn Oesterreich sie besitzen wird, muss sie mit der Zeit auch Ungarn seinen ^Nationen gewähren und das wäre ein grosser Gewinn für die slavischen Völker. Ich komme zum Budget selbst. Wir verfügen über ein jährliches Budget von Kronen 2.135,000.000. Ich frage mich als Jude; Die. Juden tragen doch zu diesem Budget sehr stark bei. Was wird aber da für jüdische Zwecke gegeben? Jüdische Zwecke sind auch darin enthalten, Gehalte für Beamte, Bahnen, Strassen usw. Aber ich meine, für speziell jüdische kulturelle Zweke? Wir sehen, dass für Kultuszwecke 25 Millionen Kionen gegeben werden; für die Juden aber finden wir nur einen lächerlich geringen Beitrag, einen Beitrag, dessen sich vielleicht die Stadt Moäciska oder Böbrka schämen würde, wir finden den Betrag von 12.000 K. Steht das in einem Verhältnis zu einem solchen Milliardenbudget, zu einem solchen mächtigen Budget? Ja, wenn wir solche Verhältnisse weiter dulden würden, könnten wir da einer Regierung, die über uns als eine quantite negligeable hinweggeht, später daraus einen Vorwurf machen? Unsere bisherigen Vertreter haben die Regierungen auf diesen Weg geführt, dass sie mit uns Juden gar nicht rechnen und man