Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 17 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438159--0186-2439683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 Vertrieb der jüdischen Enzyklopädie entsprechend organisieren wird. Die Gesellschaft wird auch mithelfen, Abonnenten zu sammeln. Nun kam man zu der Erkenntnis, dass die Herausgabe eines Buches noch nicht genüge, die Wissenschaft des Judentums zu entwickeln. Nur das lebendige Wort könne es bewerkstelligen, vom Katheder aus, beim Vortrag jüdischer Wissenschaft. Besondere Mühe eine jüdische Lehrkanzel zu kreieren gab sich Baron Dawid Ginsburg (der ältere Sohn des Baron Horace Ginsburg), welcher Mitglied des Gelehrten- Komitees im Bildungsministerium ist und so- I wohl die althebräische wie arabische Litera- I tur genau kennt. Baron Ginsburg hat nun die Erlaubnis bekommen, in Petersburg eine Hochschule für Wissenschaft des Judentums zu begründen, die nur von Personen mit Gymnasialbildung besucht werden darf. Die Kosten dieser Schule werden, nach der Meinung einiger aus dem Fonds, der anlässlich des 70jährigen Geburtstages des alten Baron Ginsburg gesammelt wurde (ungefähr 130.000 Rubel), nach der Meinung anderer von der Jea bestritten werden. Jedenfalls scheint es, dass die Anstalt materiell gesichert ist Darum ist es sehr zu bedauern, dass die Zusammenstellung der Lehrkräfte viel zu wünschen übrig lässt. Nur zwei, nämlich D u b n o w für jüdische Geschichte und Magister I s r a e 1 s o h n für orientalische Sprachen, berechtigen zu gewissen Hoffnungen; doch haben sich auch diese nicht als tüchüge Vortragende gezeigt. Dubnow war schon Lektor an einer höheren Lehranstalt und die Zahl seiner Hörer verringerte sich von Tag zu Tag. Israelsohn war bis jetzt Angestellter der Poljakofi’schen Bank in Moskau. Für Talmudunterricht wurde Dr. J. L. Katzeneisohn gewonnen. Ausserdem werden noch Markow, ein junger Mensch, der soeben die Universität absolviert hat, Jonas Ginsburg und Aschkenasi dozieren, durchwegs Namen, die weder in der literarischen noch pädagogischen Welt bekannt sind. Man wundert sich, warum Männer wie Pereferkowicz oder Czernovvicz aus Odessa nicht als Lehrer berufen wurden. Aller in allem: Die neue Hochschule ist lebhaft zu begrüssen. Baron Dawid als Rektor ist der geeignete Mann. Es wäre aber zu wünschen, dass sich auch würdige Lehrkräfte finden. Korrespondenzen. Der Prozess in Sanok. Sanok. Am 31. Oktober fand der Prozess gegen die 31 Juden aus Litrinek, die eine Selbstwehr organisiert hatten, seinen Abschluss. Ueber 50 Zeugen sind zur Verhandlung erschienen. Ihre Aussagen waren für die Angeklagten ungünstig, trotzdem die meisten Aussagen einander widersprachen. Da ein Verteidiger plötzlich erkrankte, stellten die anderen Verteidiger den Antrag auf Vertagung der Gerichtsverhandlung. Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt. Die Geschwornen bejahten die ihnen vorgelegten Fragen auf Totschlag, schwere und leichte Körperverletzung in bezug auf 22 Angeklagte, die mit Kerker und Gefängnis von 14 Tagen bis zu 14 Monaten bestraft wurden. 9 Angeklagte wurden freigesprochen. Eine hebräische Schule. Sambor. Unlängst fand hier die feierliche Eröffnung einer hebräischen Schule statt. Der Impuls zur Gründung wurde von den Zionisten gegeben, doch entzogen sich auch alle nichtzionistischen jüdischen Kreise nicht der Pflicht, ihr Scherflein beizutragen. Zur Eröffnung erschienen der Bürgermeister, der Kultuspräsident mit den Mitgliedern des Vorstandes. Dr. Verständig hielt die Begrüssungsansprache. Nach ihm sprach der Leiter der Schule, Herr Jeremias Fränkel aus Lemberg, welcher erklärte, dass die Schule keinerlei Politik betreiben, sondern treu ihren Zielen bleiben werde. „Wenn aber dennoch das Gerücht verbreitet ist, dass die Schule ein Herd des Zionismus sei, so haben wir darauf folgende Antwort: Wenn man den rationellen und zielbewussten Unterricht des Hebräischen, die Vertiefung der Kenntnis des Judentums und die Verbreitung der Liebe zum jüdischen Volke Zionismus nennen will, so wird die Schule wahrlich als Herd zionistischer Agitation bezeichnet werden können.“ Nach ihm sprach Fräulein T e p p e r hebräisch und führte aus, dass die Zulassung der Frau zur Arbeit für die nationale Kultur ihre Emanzipation im Schosse des Judentums bedeute. Bürgermeister Dr. Steuermann fand viele Lobes Worte für die hebräische Schule und der Vizepräsident der Kultusgemeinde Herr B e r g n e r sprach über die Notwendigkeit der Modernisierung des hebräischen Unterrichtes. Im Beisein der Gäste fand die erste Probelektion statt, welche auf die Zuhörer einen guten Eindruck machte. Die Schule entwickelt sich vorzüglich und erfreut sich allgemeiner Sympathie. Organisation jüdischer Lastträger. Tarnopol. In unserer Stadt spielten zu Zeiten von Wahlen die jüdischen Lastträger — 200 an der Zahl — eine grosse Rolle. Sie wurden nämlich von dem jeweiligen Regierungskandidaten in Sold genommen oppositionelle Versammlungen zu sprengen, unliebsame Agitatoren unschädlich zu machen und durch einige Gulden zu einer für ihn günstigen Stimmenabgabe gewonnen. Um das Wohl dieser Leute kümmerte sich niemand. Dies war erst der zionistischen Orgasation Vorbehalten, die vorige Woche die Lastträger versammelte und organisierte. Die Vereinigung umfasst 130 Mitglieder, die sich sofort nach der einberufenen Veisammlung in die Mitgliederliste eintragen liessen. Die Versammlung wurde durch eine Rede des Genossen Dr. Waldmann eröffnet. Nach weiteren Ansprachen des Dr. Demant und Dr. B1 e m m e r, in denen auf die Notwendigkeit einer Organisation hingewiesen wurde, bildete sich ein Komitee, das mit der Abfassung der Statuten betraut wurde. Krementschug. Die Juden Krementschugs wandten sich seinerzeit an den Handelsminister mit der Bitte, die Aufnahme von jüdischen Schülern in die Handelsschule ihrer Stadt, die über 27 freie Plätze verfügt, zu erlauben. Dieser Tage kam nun die lakonische Antwort: „Die Zahl der jüdischen Schüler darf keinesfalls den bestimmten Prozentsatz überschreiten“. Warschau Vor einigen Tagen ist die erste Nummer der Halbmonatschrift „Der jüdische Emigrant“ erschienen, welche von dem Petersburger Informationsbureau der „Ica“ herausgegeben wird. Petersburg. Im Jahre 1899 wurde das Stawropoler Gouvernement von Kaukasien, wo Juden das Wahlrecht haben, losgelöst und zu einem selbständigen Gouvernement um gestaltet. Der Petersburger Senat erklärte jetzt, dass alle Juden, die vor dem Jahre 1899 bereits in dem neugeschaffenen Gouvernement gewohnt haben, dort auch weiter wohnen dürfen. Alle anderen aber sollen ausgewiesen werden. In einer anderen Entscheidung verfügt der Senat, dass die Juden, die in einem Dorfe der Tscherta irgend welche Unternehmungen, wie Fabriken oder Mühlen haben, damit noch nicht das Recht erhalten, dort beständig zu wohnen; sie dürfen sich dort nur zeitweilig auflulten. Warschau. Die „Gesellschaft zur Förderung der Landwirtschaft und des Gewerbes unter den Juden des Königreiches Polen“ hat die in Gzenstochau bestehende landwirtschaftliche Schule in Verwaltung übernommen und bestrebt sich, dort vorwiegend praktische Landwirte und Gärtner heranzubilden. Aufgenommen werden Knaben im Alter von 13 Jahren. Das Unterrichtsgeld beträgt 10 Rubel jährlich. Ein Internat ermöglicht es auch auswärtigen Schülern mit geringen Kosten die Schule zu besuchen, nach deren Absolvierung den Schülern von der Gesellschaft an die Hand gegangen wird, sich eine Existenz zu verschaffen, oder gegen kleine Ratenzahlungen Grundbesitz zu erwerben. Natal. Aus Natal kommt die Nachricht, dass dort der englische Jude Sir M a t athias eingetroffen ist, um dieStalthaltereileitung zu übernehmen, an deren Spitze ihn die englische Regierung gestellt. Der Statthalter in Natal ist zu gleicher Zeit Generalkommandant der dortigen Armee. Sjr Matathias war bisher englischer Gouverneur in Indien und hat sich an allen jüdischen Angelegenheiten lebhaft beteiligt. Krakau, Am 29. Oktober begab sich eine Deputation der jüdischen Fleischhauer unter Führung des Kultuspräsidenten Doktor T i 11 e s zum Stadtpräsidenten und legte ihm dar, dass infolge der neuen Statthaltereiverordnung die jüdischen Fleischhauer die Geschäfte den ganzen Sonntag gesperrt halten müssen, was in Anbetracht dessen, dass infolge religiöser Gründe die Fleischbanken Freitag abends und Samstag gesperrt sind, einen grossen Verlust für die Meister und die Gehilfen bedeute. Der Präsident antwortete, dass er die Verordnung der Statthalterei nicht annulieren könne, hingegen wäre er bereit, eine Petition an den Statthalter zu unterstützen. Die Deputation erklärte, dass die Fleischhauer kein koscheres Fleisch vorbereiten, weil sie es nicht verkaufen können. In der Tat hatten die Fleischer am vorigen Donnerstag kein Fleisch vorbereitet, so dass die jüdische Bevölkerung weder am Sonntag noch am Montag kaum ein Dekagramm koscheres Fleisch bekommen konnte. Jüdische Volksversammlung in Wien. Mittwoch, am 6. d. M„fand im Hotel Post eine vom „Jüdischen National verein in Oesterreich“ einberufene Versammlung statt, die von etwa 1200 Personen besucht war. Hunderte fanden keinen Einlass und mussten abziehen. Der Obmann des „Jüdischen Klub“, Abg. Dr. Straucher, war von Wien abwesend und hatte seine Abwesenheit entschuldigt. Den Vorsitz führte Dr. Isidor Marg u 1 i e s. Als erster Referent sprach Abg. Dr. Gabel, der hauptsächlich die Drangsalierungen erörterte, denen die jüdischnationalen Wähler Galiziens ausgesetzt sind. Abg. Stand entwickelte das parlamentarische und allgemein politische Programm des „Jüdischen Klubs“, das zwei Ziele habe : ein jüdisches und ein demokratisches. Er wies besonders den Vorwurf zurück, dass die Zionisten irgend welchen reaktionären Tendenzen huldigen. Die beste Widerlegung liege darin, dass sie bisher im Parlament bei allen Anlässen mit den oppositionellen demokratischen Parteien gestimmt haben. Abg. Dr. Mahler besprach die Verhältnisse der Juden in den Sudetenländern, besonders die Entstehung der antijüdischen Boykottbewegung unter den Gzechen. Nach ihnen sprach noch Dr. J. Schalit über die politischen Verhältnisse in Wien und die Haltung der assimilatorischen Juden. Die Redner ernteten stürmischen Beifall. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Wien. (Akadem. Verein „Jüdische Kultur“, II., Flossgasse 9/6.) Auch heuer werden die jüdischen Sprachkurse desgenaunten Vereines abgehalien.' 1. Kurs: Schreiben und Lesen. Anfangsgründe der Grammatik, Lese- und Sprechübungen. II. Kurs: Literaturgeschichte Syntax und Etymologie. Lektüre grösserer Werke und Besprechung derselben. Die Kurse sind unentgeltlich und wird jeder Kurs zweimal