Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 15 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Hielten zum Ausharren im Kampfe für das Volk anfeue'rte, wurde die Versammlung geschlossen, nachdem sie dem Dr. Gabel das \ ertniuen votiert hatte. Vom jüdischen Theater. Brody. Seit einigen Tagen gastiert bei uns ein jüdisches Theater unter der Leitung des bekannten Dramatikers Moses Richter. Es werden Stücke aus dem jüdischen Leben, die bei den hiesigen Theaterbesuchern grossen Beifall finden, aufgefiUirt. Am IS. d. M. wurde hier zugunsten des Poale-Zion-Vereines die bekannte jüdische. Operette „Sulamith“ (von Goldfaden) aufgeführt. Von den Schauspielern, die an dieser Vorstellung teilgenommen haben, verdienen besondere Anerkennung: Herr Schönberg, Ulrich und Frau Liebgold-Steif. Wir hoffen, dass Herr Richter, der hier einige Woehen verbleiben wird, sieh Mühe geben wird, zur Aufführung nur gute Stücke zu bringen, um dadurch das hiesige Publikum mit dem Jargon-Drama bekannt zu machen. M. G—r. Bücheru. Zeitungsschau. „Golus“. Skizzen und Novellen von Doktor ßothblum ^Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn). Eine seltsame Stimmung löst die Lektüre dieser Novelletten und Skizzen, die Dr. R o t tibi u m zu einem schmalen Bande vereinigt hat, in uns aus. Die geistige Physiognomie eines wahren Ostjuden, der aber doch das ganze Kulturrequisit des Westjuden besitzt, taucht vor uns auf. Ostjüdisch ist an diesen kleinen Erzählungen schon der Staff, ostjüdisch das Milieu, welches geschildert wird, ostjüdisch sind die Menschen, ostjüdisch das staire Gebundensein an die heiligen Satzungen. Doch merkt man bei jeder Zeile, der Dichter selbst kennt auch eine andere Welt, andere Menschen, er hat ein gewisses Objektivität s Verhältnis zu den Leuten und Dingen, von denen er erzählt; das Ostjudentum ist ihm teuer, aber er sieht die Weit nicht mehr mit den Augen des Ostjudeu an. Charakteristisch für die ganze Sammlung ist gleich die erste Skizze: .Der Indian“. Eine arme jüdische Familie will sich zu Ostern auch etwas Gutes gönnen. Nach langem Debattieren, nach langem Feilschen wird für die Feiertage ein Indian gekauft. Durch Wochen bildet er den einzigen Gesprächsstoff der Familie; die Kinder beschäftigen sich nur mit ihm, die Frau erzählt ihren Nachbarinnen nur davOD, wie schön sie ihn bereits gefüttert hat. Da kommt der grosse Tag; der Vogel wird kunstgerecht geschlachtet, und siehe da, ein winziges Weizenkörnchen fällt da za Boden. Man darf das Fleisch nicht mehr essen, der Vogel ist „treifö“. Entsetzt eilt die Frau zum Rabbiner; der zieht seine Stirne kraus und liest lange in mächtigen Folianten nach. Er kann keine Dispens gewähren. Das Fleisch ist eben treife und mit einer kleinen Geldsumme entlässt er die arme, weinende Frau, die ganze Familie aber gebärdet sich wie verzweifelt. Es fehlt auch an humoristischen Tönen nicht, dann kommen halbernste Skizzen, die an religiöse Gebräuche anknüpfen. Rührend ist die Erzählung „Grossvater beim Seder“, noch lührender die Skizze „Grossmutter beim Barsch“. Eine unendlich traurige Geschichte ist betitelt .Avremele Chazens Glück und Ende“. Es ist die Geschichte eines armen JudeD, den sein Protektor, ein berühmter Rabbiner, urplötzlich zum .Vorbeter macht. Er selbst fürchtet, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist und begibt sich zitternden Herzens in die berühmte „ Altschul“ zu Krakau. Aber er besitzt, ohne es zu ahnen, eine wundervolle Stimme und lautlos horcht die Gemeinde den Zaubertöner. Sein Glück ist mit einem Schlage gemacht. Der arme Jude wird ein berühmter Vorbeter, ja der berühmteste Vorbeter, eine Leuchte Israel. Da kommt eines Tages ein immens reicher polnischer Graf zu ihm, der durch seine wahnwitzig kostspieligen Gelage berüchtigt ist, und fordert ihn auf, bei einem Feste, das er zu Ehren seiner Frau mit aller Pracht zu geben entschlossen ist, hebräische, heilige Lieder vorzutragen. Schauer ergreift den Vorbeter bei dem Gedanken. Aber der Grat lasst nicht locker; eine grosse Summe wird dem Jaden versprochen, er kann der Versuchung nicht widerstehen und geht hin. Zuerst wirkt sein Gesang auch auf die besoffenen Schlachzizen und die bis zur Halbnacktheit dekoltierten, glutäugigen Polinnen; dann aber beginnen sie ihn und seine Lieder zu verhöhnen, Zoten und spöttische Zurufe erschallen, während er seine tiefernsten Melodien verzweifelt herunterlallt -. Der Vorbeter flieht entsetzt aus dem Hause des Gastgebers und gleich am nächsten Tage beginnt sein Unglück. Zwei Kinder werden ihm gefährlich krank, eines stirbt sogar, er verliert seine Stimme, verliert das viele Geld das ihm der verschwenderische Graf gegeben, die Gemeinde entlässt ihn, er muss mit seiner Familie betteln gehen. Eine sehr ernste Ge schichte ist auch „Schuld und Sühne“. Das ostjüdische Milien tritt hier vielleicht-noch schärfer hervor. Weniger ostjüdisch hingegen sind einige kleine Skizzen, in welchen anch das .zionistische“ Motiv wirksam verarbeitet wird. So „Jeruscbolajim“ und „De profundis“, die Skizze, welche den Band beschliesst Wie schon gesagt wurde, haben wir es hier mit einer neuen Nuance der jungjüdischen Erzählungskunst zn tun. Der Westjude in Dr. Rothblum korrigiert, retuschiert gleichsam stets den Ostjuden. In diesen Erzählungen stossen wir auf eine gleichsam polierte Heimat. Wir sind weit entfernt von der Unmittels baren, ungebändigten Gestaltungskunst Perez’ oder des grossen Humoristen Scholem Alechem. Man glaube nicht, dass die Sprache hier alles ausmacht. Dr. Rothblnm wäre derselbe geblieben, wenn er auch Jargon geschrieben hätte, Dass diese Sachen auch deutsch geschrieben werden könnnen, dass sie auch deutsch wirken, spricht t-ben dafür, dass die seelischen B.-ziehungen dieser Persönlichkeit zum Ostjudentum keine so unmittelbaren und elementaren mehr sind. Deshalb aber haben wir es beileibe nicht mit einem Ostjudentum zweiter Güte zu tan. Doktor Rothblum gehört za jenen Ostjaden, die schon durch den Zionismus von fiüh dazu an gehalten wurden, die seelische Brücke zwischen Osten und Westen, wenigstens „für sich“, wenn auch nicht gleich für ihr Volk zu suchen und zu finden. Darin besteht das Neuartige in seiner Erscheinung, das Neuartige nnd das Erfreuliche; denn erfreulich ist es, dass wir in Rothblnm’s Büchlein die Anfänge einer ostjüdischen Heimatsknnst, die auch den Westjuden innerlich viel zu sagen weiss, besitzen. Dr. Weisengrün. Der „Universlsraölite“ erhält von seinem Korrespondenten die nachfolgende Schilderung des heroischen Verhaltens der Juden in Casablanca: M. Neuville, Leiter des französischen Konsulates, verlangte'von der französischen Kolonie, dass sich einige Bürger freiwillig melden, um sich an der Wiedererlangung der Leichen von Erschlagenen, welche die Eingeborenen zu verstümmeln sich vergnügten, zu beteiligen. Unter den zehn Personen, welche sich für dieses gefährliche Unternehmen zur Verfügung stellten, befanden sich fünf Jaden: Ben Elie, Alexandre, Elias Guitta, Zebul Levy and Bersadon. Am Tage des Massakers verteidigten sich viele Juden heldenmütig. Eine Gruppe von 40 Mann verteidigte während des ganzen Tages den Eingang zu der Bhira (ein Teil der Mullah) gegen den Pöbel. Simon Thima kämpfte 48 Stunden hindurch allein auf der Terrasse seines Hauses, welches er erst verliess, nachdem er seine letzte Patrone verschossen hatte. Zagury, Dolmetsch des französischen Konsulates, setzte wiederholt sein Leben mit einer Kaltblütigkeit aufs Spiel, welche allgemeine Bewunderung erregte. Josef B eachetrit wagte sich mitten unter die plündernden Stämme und versuchte mit Gefahr seines Lebens die gefangenen* Frauen und Kinder frei zu bekommen. David Amar gab sein ganzes bescheidenes Vermögen aus, um diesen Unglücklichen zu helfen. Bei einem solchen Verhalten ist es wohl unmöglich, die Juden von Marokko als eine untergeordnete und barbarische Rasse zu betrachten. Eingesendet. Unterrichtskurse der Toynbee-Halle. Die unentgeltlichen UnterrichLkiim.' für Englische Sprache finden in der Religionssehule der isr. Kultu-gemciiule, L, Seitenstettengasse 2, wie folgt, statt: für Anfänger: Mittwoch untl Samstag von halb 8 bis halb 9 Uhr abends (Beginn am 2G. d. M.): für Fortgeschrittene: Montag und Donnerstag von halb!) bis halb 10 Dlir abends (Beginn am 28. d. M.). Weitere Anmeldungen für diese Kurse können nicht mehr entgegengenommen werden. — Der Beginn der anderen Kurse wird in der nächsten Nummer des Blattes verlautbart. Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäjtsbücher-Fabrik ä. ßiünsfeld I So.,®«", u s«»« «. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Wien. (Ortsgruppe „Poale Zion*.) Samstag, den 26. Oktober, präzise 8 Uhr abends findet im Vereinslokale ,Cafö Stefanie“, II., Stefaniestrasse 2, ein Vortrag des Herrn Artur Felix über . „Palästinakunde“ statt. Die Mitglieder werden ersucht, pünktlich zu erscheinen. Gäste willkommen! Wien. (Akademische Verbindung „Libanonia“.) Die Chargenwahien für das Wintersemester 1907/08 ergaben folgendes Resultat: jur. Moritz Stacke X. med. vet. Paul Grosser XX. jur. Alfred Schaffer XXX- Wien. (.Theodor Herzl“, Verein zionistischer Hochschüler in Wien.) Die Aasschusswahlen im Vereine zionistischer Hjchschüter .Theodor Herzl* für das Wintersemester 1907,08 baten folgenles Ergebnis: Präses JUC. Max Gold, Vizepräses JUC. Leo Goldharamer. Schriftführer exp. Siegfried Löffinger, Kassier jur. Georg W einer, Bibliothekar med. Chaim T e r n e r. Wien. Im Hinweise auf die in Nr. 13 unserer Zeitung erschienene Notiz wird uns seitens der Leitung der zu gründenden hebräischen Schule .Iwrith b’twrith“ mitgeteilt, dass die Kurse in zwei Abteilungen für Anfänger und Fortgeschrittene am 1. November im .Stefaniehof“ (Stefaniestrasse 2, Bethauslokal des Vereines „Liwjas Cheju*) und im Saale des Zantralvereines, IX., Türkenstrasse 9, eröffnen werden. Anmeldungen sind an Herrn M. H a m m e r, II., Taborstrasse 8, za richten. Dar Beitrag für Teilnehmer beträgt K 6.— monatlich; für Hochschüler K 4.—, für Unbemittelte, die von Bekannten empfohlen werden, unentgeltlich. Wien. Ueber das Thema .Nationali tat undKlassenkampf“ referierte Herr Doktor Paul Weisengrün am 19. d. M im Vereinslokale des akademischen Vereines „Jüdische Kultur“. Von der Raasenfrage ausgehend, streifte der Vortragende alle Phasen in der Entwicklung der Nationalitätenbewegung und besprach den Klassenkampf, die Sozialdemokratie, um mit einer Kritik de3 Poale-Zionismns zu schliessen. Das zahlreiche Auditorium folgte den Ausführungen des Referenten mit grossem Interesse und spendete ihm lebhaften Beifall. Der Vortrag dürfte demnächst in D uck erscheinen. Wien. Unser Gesinnungsgenosse Herr Jo3ef Grob ist nach einem erfolgreichen Probevortrag einstimmig zum ersten Kantor des Josefstädter Tempels in der Neuieggergasse gewählt worden. Wien. Das Ergebnis der Chargenwahlen für das 1. 50. (Jubiläums-)Semester dar akidentischen Verbindung .Kadimah“ war folgendes : JUC. L. Rosenfeld X, cand. ing. S. F1 ochvx, stad.ing. J.BaitinesterXXX• Wien. Samstag den 19. d. M. fand im Saal« des .Goldenen Widder“ eine Generalversammlung des Vereines „Schomre Hadath“ statt, in welcher gegen das bekannte Verbot der Küliusgemeinde, mit welchem dem Vereine di« Abhaltung von täglichen Betübungen untersagt wurde, Stellung genommen wurde. Der Präsident Herr Wetter und der Referent Horn wiesen auf die Gefahr hin, welche so unerhörte Massnahmen der Kultusgemeinde in sich bergen und forderten die Vereinsmitglieder auf, alle ihnen zugebote stehenden Mittel gegen den Streich d»s Kultusvorstandes anzuwenden. Herr Dr. Josef Zipser, der den Verein „Schomre Hadath“ im Kampfe gegen die Knltusgemeinde rechtsfreundlich vertritt, referierte über seine bisherige Tätigkeit bei den politischen Behörden in dieser Sache, und entwickelte den Plan der in Zukunft vorzunehmenden Schritte. Nachdem noch Herr Dr. David Rothblum die eventeile Notwendigkeit einer Intervention bei den höchsten Verwaltungsbehörden und sogar im Parlamente besprochen hatte, wurde einstimmig eine Resolution gefasst, in welcher dem Vorstande und Herrn Dr. Zipser für ihre selbstlose Mühewaltang gedankt nnd weiters beschlossen wurde, den Kampf gegen die Kultusgemeinde fortznsetzen und eventuell sich mit Vereinen gleicher Tendenz zn diesem Zwecke sich zu verbinden. Der Versammlung wohnten an Herr Dr. Ostiller als Delegierter des Vereines der „Brodyer“ und Herr Bellak namens des Jüdischen Kraukenvereines im IX. Bezirke. Beide erklärten, leizterer unter Betonung seines westlichen Judentums, dass sie diesem gfrechten Kampfe gegen die Wiener Knltusgemeinde beitreten werden. Wien. (Verein .Theodor Herz 1“.) Am Samstag, den 26. Oktober, *,,8 Uhr abends, findet im Lokale des Vereines IX., Grüne Torgasse 33, das Referat seines Delegierten über den VIR. Kongress statt. Brünn. Das Ergebnis der Chargenwahlen für das W. - S. 1907 8 ist: cand. ing. Richard Berger Xcand. ing. Ignaz Winkelsberg XX (FX), cand. ing. Emil Kien XXX-