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Jüdische Zeitung · 1907-06-05 · 2 (5.6.1907) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
2 (5.6.1907)
Date
1907-06-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2 Jüdische Zeitung Seite 7 Und dieser Auflösungsprozeß wird durch die Groß-Affaire zweifellos beschleunigt werden : die böhmischen und mährischen Juden werden die Tatsache, daß die erste Aktion der von ihnen als Gegner der deutschnationalen Antisemiten in den Reichsrat entsendeten Abgeordneten darin bestand, sich mit diesen Antisemiten zu einem Affront gegen die Juden zu vereinigen, nicht wieder vergessen: die nächsten Landtagswahlen werden es zeigen. Zunächst aber haben die Wiener Juden, "haben Sie Herr Ministerialrat als der Abgeordnete des jüdischen Quaiviertels das Wort. Schon haben Sie uns enttäuscht: Als die .„Neue freie Presse“ und ähnliche Blätter, welche man — leider — als das Sprachrohr eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung anzusehen gewohnt ist, es durch Winseln, Betteln, Drohen dahin zu bringen suchten, daß die von den Deutschen vor die Tür gesetzten jüdischen Abgeordneten doch um Gotteswillen in die große deutsche Partei oder wenigstens in die deutsche Fortschrittspartei wieder hineingeworfen werden, da hat es uns mit Scham und Betrübnis erfüllt, daß Sie Herr Ministerialrat, diesem würdelosen Geschehen stillschweigend zugesehen, daß Sie nicht längst erklärt haben, von vorneherein auf die Ehre verzichten zu wollen, einer Gesellschaft anzugehören, welche bevor sie sich konstituiert, über die Aufnahme von Juden auch nur diskutiert. Doch wir wollen aus Ihrem passiven Verhalten noch keine endgiltigen Schlüsse ziehen, wir wollen abwarten, was sich weiter begeben wird. Die Vereinigung aller deutschen Parteien zu einer 'Gesamtpartei wird wohl vorläufig überhaupt nicht Zustandekommen, weder mit, noch ohne Juden. Daß die Freialldeutschen, die deutsche Volkspartei, die deutschen Agrarier, welche bei Weitem die Mehrzahl bilden und alle ausgesprochene Antisemiten sind, in der Judenfrage nachgeben werden, ist ausgeschlossen; aber auch die von Herrn Dr. Groß und Genossen angebahnte Einigung auf der Basis der Judenreinheit wird wohl für dieses Mal noch nicht Zustandekommen. Die bei den. Landtags- und Gemeinderatswahlen und in anderen Beziehungen von den Juden am meisten politisch abhängigen deutschfortschrittlichen Abgeordneten werden vermutlich abschwenken, werden — heimlichen Grimm im Herzen — auf den Anschluß an die anderen deutschen Parteien vorläufig verzichten und sich die Gesellschaft des jüdischen Kollegen bis auf weiteres noch gefallen lassen. Wird aber dieser sich ihre Gesellschaft gefallen lassen? Werden Sie Herr Ministerialrat Kuranda von der glücklich errungenen Möglichkeit in die Reihen der Muß-Fortschrittlichen treten zu dürfen, Gebrauch machen? Das ist die Frage die uns beschäftigt. Nicht vom Parteistandpunkte aus, vom Standpunkte der jüdischen Ehre, vom Standpunkte auch Ihrer Ehre, Herr Abgeordneter Kuranda. Gewiß, Ihre Situation ist keine einfache, keine - angenehme und Sie haben wohl Anderes geträumt, als Ihnen das Mandat so ■plötzlich in den Schoß fiel: Zum ersten Male ins öffentliche Leben tretend, sehen Sie .das große und stolze Gebäude vor sich, welches bestimmt ist die geeinigte freisinnige deutsche Partei zu beherbergen. Den seinem eigenen Volkstum Entfremdeten und dadurch Heimatlosen lockt es, dem in deutscher Kultur Aufgewachsenen erscheint es natürlich hier einzutreten: er muß erfahren, daß Juden nicht eingelassen oder höchstens in einem Hintertrakte widerwillig geduldet werden. Sie sehen daneben den jüdischen Klub, das winzige bescheidene Häuschen, welches die Nationaljuden mit unendlicher Mühe und im aufreibendsten Kampfe gegen eine Welt von Feinden sich errichtet haben. Auch hier — ich begreife es — können Sie undwollen Sie nicht eintreten, jetzt nicht und vielleicht niemals. So haben Sie den Mut allein zu bleiben! Warten Sie die weitere Entwicklung der Dinge ab! Tun Sie nichts Unwiderrufliches! Wir :haben genug an den Hausjuden des Polenklubs : werden Sie kein Hausjude einer deutschen Partei! Ich zeichne mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung , Dr. Isidor Margulies Hofu. Gerichtsadvokat Mitglied der Reichsparteileitnng der jüdischen Nationalpartei. Wien, den 3. Juni 1907. Rundschau. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Die zionistische Studentenschaft führt den Kampf, der ihr die behördliche Anerkennung als selbständige nationale Gruppe bringen soll und weit hinaus über die Machtsphäre der akademischen Senate politische Bedeutung hat, mit bemerkenswerter Energie und Konsequenz. Es kennzeichnet die abnormale nationale Stellung der jüdischen Studentenschaft, dass sie sich erst ihr nationales Grundrecht, die Möglichkeit eines freien nationalen Bekenntnisses und der nationalen Selbstbestimmung erkämpfen muss, während alle anderen nationalen Studentengruppen eine weitreichende und volkstümliche Postulatenpolitik kultureller oder völkischer Art treiben können. Die akademischen Behörden zögern mit ihrer Entscheidung oder wälzen sie auf die oberste Unterrichtsverwaltung über. Ihr derzeitiger Chef, Dr. M a r c h e t, der selbst akademischer Lehrer ist, hat der Deputation der jüdischnationalen Studentenschaft wohl Anerkennung über die würdige und ruhige Verfechtung ihrer Forderungen gespendet und die vorurteilslose und gründliche Prüfung des überreichten Memorandums zugesagt, — aber die Berufung auf Art. 19 des Staatsgrundgesetzes, der jedem Volksstamme die Pflege seiner JN’ationalität und Sprache gewährleistet, macht uns stutzig. Will man sich etwa auf reinformalistische Bedenken zurückziehen und mit gekünstelter Gesetzesinterpretation oder Wortklauberei operieren, wo die tatsächlichen Verhältnisse eine so beredte Sprache führt, wo die Vernunft den einzig möglichen und gerechten Ausweg weist, wo der Wille der jüdischen Studenten und der jüdischen Massen klipp und klar gesprochen hat? Für unsere Assimilanten freilich wäre ein Erfolg der studentischen Aktion ein harter Schlag. Der Kultuspräsident Dr. Alfred Stern hat die Durchsetzung der Forderung als „Unglück“ bezeichnet und die Drohung ausgestossen: „Wir werden es schon zu verhindern wissen!“ Sind vielleicht gar die Herren hinter den Kulissen schon an der Minierarbeit? Es wird ihnen nichts nützen. Der Rektor der Wiener Technik, ein Deutschnationaler, hat die Forderung der jüdischen Studenten sofort gebilligt und ihrer Abordnung eingeschärft: „Die Nation ist einem jeden heilig, und was dem einen recht ist, muss auch für den anderen gelten.“ Es sind die Worte eines ehrlichen nationalen Mannes, der die jüdischnationale Studentenschaft allenfalls besser versteht und höher einschätzt als Herr Dr. Stern, der national geschlechtslose und kleinliche Hasser alles Nationaljüdischen. 2000 jüdische Studenten wollen die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen, sie wollen als nationale Juden gelten. Ihr unbeugsamer Wille muss — früher oder später! — erfüllt werden. Was schert es sie, dass ihre assimilatorischen Kommilitonen wie Kletten an den Andersnationalen hängen? Zum Turnertag in Wien. Der Turnertag, der in den Pfingstfeiertagen in Wien abgehalten wurde, hat gezeigt, dass tiefernstes nationales Streben die jüdische Turnerschaft beseelt. Aus kleinen Anfängen hervorgegangen, mit allerhand materiellen und persönlichen Widerwärtigkeiten kämpfend, hat sich der Verband emporgearbeitet und arbeitet rastlos an dem Ausbau der Turnerorganisation. Es ist wahr, sie ist numerisch schwach und auch materiell nicht fundiert. Aber das Schauturnen, das im Arbeiterheim stattfand und von Turnern aus mehreren Ländern bestritten wurde, bewies, dass unsere Turner eine hohe Stufe turnerischen Könnens erklommen haben und die turnerischen Pflichten sehr ernst nehmen. Die Beratungen des Turntages wiesen auf die innere Konsolidierung und die Zielbewusstheit der Verbandsleitung hin. Der neugewählte Verbandsausschuss, der in Berlin seinen Sitz hat und dem Dr. Georg Arndt, Dr. Blum, Hermann, Dr. Zirker, Dr. Franz Oppenheimer angehören, bietet eine sichere Gewähr, dass die jüdische Turnsache in guten Händen ist. Es ist höchste Zeit, dass endlich weitere nationale Kreise lebhafteres und tatkräftigeres Interesse für sie bekunden als bisher. Den Wert der Turnbewegung für die nationale Sache auseinanderzusetzen ist wohl überflüssig. Erfreulich ist, dass auch in ausserzionistischen Kreisen die aus politischen und assimilatorischen Gründen beobachtete feindselige Haltung gegen die jüdische Turnerschaft allmählich aufgegeben wird. Wie ein Referent aus Berlin dem Turntage mitteilte, hat der Obmann der Deutschen Konferenzgemeinschaft, der bekannte Geh. Kommerzienrat Goldberger, die Bedeutung der Turnbewegung für das jüdische Volk überhaupt begeistert anerkannt und das bindende Versprechen gegeben, er werde sowohl in Berlin als auch in der Pariser Alliance universelle für eine moralische und materielle Förderung der jüdischen Turnsache energisch eintreten. Die Alliance würde dann in ihren Schulen im Orient dem Turnen erhöhte Aufmerksamkeit schenken, was für die nationale Erziehung und körperliche Hebung der Juden im Orient von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Aber auch für den Westen ist oie erwähnte Zusage freudigst zu begrüssen. Hoffentlich gelingt es Herrn Goldberger, seinen grossen Einfluss zugunsten der Turnbewegung zur Geltung zu bringen und die bisher widerstrebenden offiziellen Juden zu einer Aenderung ihrer passiven Haltung zu veranlassen. Ob dies nun geschieht oder nicht, den Zionisten obliegt es, die jüdische Turnsache nach Kräften zu unterstützen. Wir wollen nicht untersuchen, ob da alles geschehen ist, was zu erwarten und zu fordern war. Es gibt kaum eine nationale Arbeitsgelegenheit, die dem nationalen Jdeale der Zionisten in gleichem Masse entspricht und sich so erfolgverheissend in den Rahmen nationaler Gegenwartsarbeit fügt. Ein „gemässigter Israelit“. Es klingt wie ein schlechter Scherz, ist aber wahr und hat sich in Galizien ereignet. Dort ist bekanntlich in Wahlsachen vielerlei möglich, was andenvä»ds ausgeschlossen wäre. In Tarnopol also ist ein Hausjude gewählt worden, der auf seiner politischen Firmatafel die rätselhafte Inschrift „gemässigter Jsraelit“ führt. Was ist das? Was will der? So haben die Leser der Tageszeitungen gefragt und haben sich geuzt gefühlt. Dabei ist die Sache sehr einfach. Der gute Mann hat polnische und jüdische Stimmen gebraucht. Um allen Recht zu tun, hat er die originelle und schlaue Gesinnungsmarke ausgeheckt und so ist er „Jsraelit“ für die jüdischen Wähler, gemässigt allerdings für die christlich-polnischen. Dieses gemässigte Jsraelitentum, aus Feigheit und Spekulation zusammengesetzt, kann in Oesterreich Schule machen. Das Wort „israelitisch“ ist in den letzten Jahren weniger in Uebung gewesen und hat mit Recht den Beigeschmack verschämten Judentums erhalten. „Eine gemässigt israelitische Union“, „eine gemässigt israelitische Kultusgemeinde“ und dergleichen Nomenklaturen wären auch nicht schlecht. Wenn schon, denn schon! Soll schon im Worte „israelitisch“ so eine weise Mässigung und die Ablehnung einer schärfer akzentuierten jüdischen Gesinnung liegen, dann ist es besser und praktischer, diese „israelitische“ Reserve ausdrücklich den Christen I unter die Nase zu reiben, die sonst imstande wären, dahinter doch allzu Jüdisches zu vermuten. Herr Gail aus Tarnopol hat den Anfang damit gemacht und auch Erfolg gehabt. Er hat ein' „gemässigt israelitisches“ Mandat erhalten. Auf seine parlamentarische Tätigkeit darf man wohl neugierig sein: die „gemässigt israelitischen“ Anträge und Reden werden ein Novum sein, das an Originalität hinter der politischen Firmabezeichnung nicht zurückstehen wird. Die Herren Jsraeliten aus dem Westen sind zur Nachahmung der schlauen Taktik des „gemässigten Jsraeliten“ freundlichst eingeladen!

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