Israelitische Rundschau
- Journal
- Israelitische Rundschau
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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#0racllttjdje £*unfc|djnu wir schdp Söhne des naturwissenschaftlichen Zeitalters uns fühlen. Und gleichwohl müssen wir staunend schweigen gegenüber der gewaltigen Denkarbeit, die in RQlfs Lebenswerk: „Wissenschaft des Weltgedankens in der Oedankenwelt. System einer neuen Metaphysik“ zum Ausdruck kommt. Es giebt kaum etwas bestechenderes für ein junges nach Wahrheit ringendes Gemüt als dieser liebenswürdige Neuspinozismus, in dem die ganze Gedankenschärfe unseres Altmeisters mit seiner freundlichen Milde gepaart harmonisch sich vereinigt. Und wer hätte nicht die volkstümliche Darstellung seiner philosophischen Gedankenwelt, seinen Einheitsgedanken, gelesen, ohne zu verstehen, dass nur ein Mann mit so viel ungekünstelter uneigennütziger Liebe diesen Fundamentalbegriii aller Religion und Wissenschaft als Verständigungsmittel unter den Gebildeten aller Bekenntnisse und Nationen aufstellen konnte! Es ist daher gar nicht erstaunlich, dass jüdische Blätter, die ihn wegen seiner nationaljüdischen Gesinnung nicht immer mit lauteren Mitteln bekämpften, diesen Kampf bei der Kritik seiner wissenschaftlichen Thätigkeit vergassen. Denn sie konnten es trotz ihrer Blindheit nicht ubersehen, dass er durch seine gediegenen ' philosophischen Arbeiten mehr das Ansehen des Rabbinerstandes stärkte, als das die besten Pläne und Organisationen vermochten. So sehr wir aber seine Thätigkeit als Rabbiner, als Politiker, Redakteur und wissenschaftliche Arbeiter anstaunen müssen, — und dieses Staunen wächst noch, wenn wir wissen, dass er seinem Körper als Sportsmann als Segler und Schlittschuhläufer nicht minder denn als Radler, die Pflege der Elastizität angedeihen Hess, — so können wir es doch nicht übersehen, dass seine Hauptlebensthätigkeit dem Kampfe für sein Volk galt. Er, der Friedfertige, der niemandem etwas zu Leide thun konnte oder that, war einer der ersten Kämpfer, wenn es und wo es die Ehre seines Volkes und das .Wohl seiner Stammesgenossen galt Ob er-al$» Delegierter des Hilfskomitees in den Jahren 1868—69 zur Linderung der Not und zur Förderung der notwendigen Auswanderung thätig war, oder als Präses des Lokal- und Grenzkomitees der Alliance Israölite Universelle Jahr ein Jahr aus eine Wirksamkeit entfaltete, die ihm ausschliesslich entstammte, aber den Eindruck hervorrief, als sässen da hinten ,in Memel Dutzende von Leuten mit unendlichem Organisationstalent und unermüdlicher Aufopferung, oder ob er selbst nach Russland ging, wo er bei der verarmten Judenmasse nur unter dem Namen „Doktor Hilf!“ bekannt war, immer muss man ihn in der Kraft anstaunen, die der einzigartige. Mann entfaltete. . Freilich musste er als deutscher Jude erst die Abneigung überwinden, die ihm gegen den polnischen Juden anerzogen war, sei dieser polnische Jude nun ein Bewohner Berlins oder des heimischeren Filehnc, oder gar jenseits der schwarz-weiss-roten Grenzpfählc gebürtig. Seine Reise nach'Kowno wird in dieser Hinsicht denkwürdig bleiben, denn sie legte den Grund zu seiner späteren Thätigkeit für die polnischen Juden und vor allem zu der Erkenntnis, dass diese polnischen Juden nicht gerade das wertloseste Element des jüdischen Stammes seien. Daher darf es uns denn nicht wundern, sondern kann uns nur als der natürliche Verlauf der Dinge erscheinen, dass er im Verein mit Leon Pinsker und Dr. Lippe einer dieses Dreibundes war, um zuerst unter den deutschen Juden planmässig zionistiische Agitation und Arbeit zu. betreiben. Sein geradezu klassisches Buch „Aruchas bas ammi, ein Wort an meine Glaubensgenossen und au meine Nichtglaubensgenossen“ sprach im Jahre 1882 zuerst die Ziele klipp und klar aus, die er sich als des jüdischen Stammes allein würdig vorstellte: „Wiederbelebung unserer Sprache, Wiederverknüpfung unserer Geschichte, Wiedervereinigung unserer Nation und Wiederherstellung unseres Staates im alten Heimatlande Palästina“. So wurde er der Begründer des . deutschen Zionismus, dem er bis zum letzten Atemzuge als einer der eifrigsten Vorkämpfer treu blieb. Man darf sich daher nicht wundern, dass ein Mann wie Riilf Angriffen ausgesetzt war, wie sie im allgemeinen wohl bei seinem milden und versöhnlichen Charakter sonst nicht begreiflich wären. Begann doch einmal ein gegen ihn gerichteter Artikel der „Israelitischen Wochenschrift“ mit den ominösen Worten: „Da oben in Memel, wo der Rabbiner Rülf sein Wesen treibt, beginnt wieder einmal der Wudki die Köpfe zu treiben.“ Dann folgte eine so hässliche Flut von Angriffen gegen den Zionismus, dass sic hier nicht wiederholt werden kann. Darüber lächelte Rülf. „In einigen Jahren wird es schon anders ausschen,“ bemerkte er zum Herausgeber dieses Blattes, der ihn bat, gegen diese persönlichen Angriffe Stellung zu nehmen. Der Mann, der von Gedanken schrankenloser Liebe ausgehend in seinem Buche „Das Erbrecht als Erbübel“ eine Lösung der sozialen Frage finden wollte, durch die niemand in seinem Besitze geschädigt werden sollte, war über solche Angriffe erhaben. So ist denn charakteristisch, dass er, als Theodor Herzl zuerst auftrat, nicht mit seiner gerechten Kritik zurückhielt. Als er aber sah, wie Herzl durch sein sicheres und selbstbewusstes Auftreten, durch die Lauterkeit seines Charakters und die Ehrlichkeit seiner Diplomatie dem Zionismus einen neuen Halt gab, den er vorher nicht gehabt hatte, da war unser jugendlicher Greis der erste, der sich Herzl freiwillig unterordnete, als wäre Herzl der Initiator gewesen und nicht Rülf. Er verstand es, sich so unterzuordnen, wo er doch zur Leitung befähigt war, dass er dadurch unendlich viel zur Schaffung und Organisation einer einheitlichen Partei beitrug.; Vor einigen Jahren setzte er sich zur Ruhe. Er verliess Memel, den Schauplatz seiner so unendlich fruchte baren und ergiebigen Thätigkeit, um in der schönen Musenstadt am Rhein sein Alter zu verbringen. Aber das war kein beschauliches Alter. Das war keine Ruhe der Unthütigkeit. Er hat dort seine wissenschaftliche Thätigkeit in grösserer Müsse und seine politische' Thätigkeit in umfassenderem Masse fortgestzt. Er ist nicht gestorben als ein Mann nach gethancr Arbeit. Er ist uns plötzlich inmitten seiner Arbeit für seine Nation entrissen worden, als niemand es erwartete. Was können wir, die Hinterbliebenen, — denn er ist nicht nur seiner liebenden Familie und uns, seinen persönlichen Freunden, sondern dem Zionismus, dem jüdischen Volke entrissen worden, — was können wir besseres zu seiner Ehre thun, als zu versuchen, nach unsern schwachen Kräften ein wenig dem Manne nachzueifern, der mit so unendlicher Energie, mit so glühender Liebe, mit so warmer Ueberzeugung und so reinem Herzen seinem Volke ergeben war, ihm ein wenig nachzuthun in seiner unermüdlichen Arbeit für die Ehre und die Frei-; heit des jüdischen Stammes. Es ist nicht eben jüdische Sitte, Blumenkränze auf den Sarg und das Grab zu legen, um die Liebe zu symbolisieren die verletzt ist durch den Tod, die aber nicht aufhört zwischen uns und unserm Entschlafenen. Aber, wir wollen doch ein äusseres Abzeichen der trauernden Liebe und Dankbarkeit nicht unterlassen. Wir deutschen Zionisten wollen unsern Altmeister Rülf durch unsere kleinen Beiträge In das goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eintragen lassen. Jeder deutsche Zionist wird