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Israelitische Rundschau · 1902-09-05 · Heft 36 (5.9.1902) · page 1

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Journal
Israelitische Rundschau
Volume
1902
Issue
Heft 36 (5.9.1902)
Date
1902-09-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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j wjww KMielles Organ öer Alünistischm Vereinigung für Deuischianö. AKonnementspreis «o Quarta! dek vammeldr^ug durch die OrNarupven d«r Zlontsiischcn Bereinigung sLr Deutschland Mark OM, Im Pasiabonvesunt Mark 1,25, dirrlr durch die Expedition Mark 0,00, nach «nimlttl Mark 1.00, (fit M NsNand Mark tfiO. «tnjtlnumurt Part 0,1». I ^stjeitang,liste No. S7SS. Erscheint jeden Irellag. fn# M« jöMfc^c« Vcvdtt«. 9tvMt»ßt0ebm Dr. Reinncb Loewe. | I Redaktion, Verlag und Expedition: Merlin MV.6, Marien ftvafre 18. Sprechstunden: Montag, Dienstag und Donnerstag 4-6 Uhr. Fernsprecher III, 6702. Unverlangte Manuskripte werden nicht zurückgksandt. 56* Vevliir derr 5* September 1902* VII. Inhvsnttez. Huch ein Impressionist. Von Dr. C. Simonson. (Fortsetzung und Sdjluss.) . . . Ilm die Mitto der achtziger Jahre hörte ich als Student in einer Singspielhalle der Ziegelstrasse einmal einen jüdischen Komiker, dessen Reperioir fast ausschliesslich aus Soloscenen bestand, in welchen die Juden verhöhnt wurden. Eins dieser Couplets, mit welchem er bei den meist aus antisemitischen Studenten und jungen Offizieren in Zivil vom nahegelegenen 2. Garde-Regiment z. F. bestehenden Publikum stürmischen Beifall fand, hatte nach jeder Strophe den Refrain: „Ganz wie bei unsere Leit“. Da brachte er zum Schluss eine Strophe, in welcher die damalige Kronprinzessin Friedrich in ihren Tugenden als Frau und Mutter verherrlicht wurde, und auch diese Strophe endete mit dem Refrain „Ganz wie bei unsere Leit“. Mit dieser programmwidrigen Aeusserung jüdischen Selbstbewusstseins hatte er sich natürlich das Wohlwollen seiner antisemitischen Gönner gründlich verscherzt. Wenn es Herrn Rathenau nur nicht ähnlich gehtl Er, der verlangt, dass wir auch unsere guten Eigenschaften ablegon sollen, wenn sie den christlichen „Landesgenossen“ nicht gefallen, der es wagt, den Juden den ungerechtesten aller Vorwürfe zu machen „Es verlangt ja niemand so etwas wie Gemüt von Euch“, er führt plötzlich, man traut seinen Augen nicht, in der „Talmudischon Geschichte“ „Der Fünfsündor“ seinen christlichen Lesern mit wahrem Judenstolz die Ueberlegenheit der jüdischen Herzenskultur eindringlich zu Gemüte: Nach der Niederwerfung des Bar Kochba-Aufstandes hat der Statthalter Rufus bei Todesstrafo das Verbot erlassen, die Leichen der Erschlagenen zu bestatten. „Da hört« man viele das Wort Im Monde führen „Lasset die Toten ihre Toten begraben“; und die also sprachen, entgingen dem Oericht und nannten sich die Lebendigen." Um diese Zeit findet der mit seinen Jüngern über Land ziehende Rabbi Meir einen Schwerverwundeten liegen, welcher sterben wollte. Auf die Frage des Rabbi: „Wer bist Du, und wer hat Dich geschlagon?" antwortet er: „Herr, wende ab von mir Dein Antlitz, denn ich bin ein Sünder vor Gott dom Herrn und unrein vor dem Gesetz.“ — Als Rabbi Melr abermals fragt „Was hast Du begangen.“ erwiderte er: „Wehe mir! denn ich bin der, den sie den Fünfsünder nennen. Ich bin Unterhändler mit Dirnen, ich putze das Schauspiclgcbäudo, ich trage die Gewänder der Dirnen ins Badhaus; ich tanze vor ihnen und schlage die Pauke.“ Auf des Rabbi Frage: „Hast Du denn niemals Gutes gethan in Deinem Leben?“ erwidert er: „Da ich einstmals das Schauspielhaus säuberte, fand ich ein Weib. Die jammerte, weil ihr Mann gefangen sass, und hatte nichts, dass sie ihn loskaufte. So wollte sie sich den Knechten der Römer hingeben, damit sie ihn lösete. Da ich dies hörte, verkaufte ich mein Bett und gab ihr das Geld.“ — Auf des Rabbi weitere Frage: „Nun sprich: wer hat Dich geschlagen?“ antwortet der Fünfsünder: „Die Knechte der Römer haben mich geschlagen, darum, dass ich meinen Sohn bestattete.“ „Da erhob der Rabbi seine Stimme und rief: „Fahre hin und schlafe über Nacht. Am Morgen aber wird der Herr Dich erlösen. Wo nicht, so erlöse ich Dich." Da verschied der Mann in Frieden." Hier ist echtes jüdisches Gefühl und edler Stolz auf unsere überragende ethische Kultur, und wie sein Fünfsünder durch eine gute That Erlösung findet, so glauben wir, dass auch Herr Rathenau durch diese eine „Talmudische Geschichte“ erlöst werden kann: Erlöst von seinem hilflosen Schwanken zwischen würdeloser Selbstentäusserung und jüdischem Bewusstsein. Wie unser Zangwill bekanntlich „keinen Millionär verloren giebt, ehe er nicht tot ist“, so wollen auch wir Zionisten thun. Beobachten Sie das Leben in den Vereinen und Verbindungen jüdischer Studenten, Herr Rathenau, studieren Sie die Leistungen und Mitgliederzahlen der Bar Kochba-Turnvereine, welche Männer und Frauen aller Stände umfassen, und Sie werden sehen, dass die Zionisten nicht auf Ihre Mahnung gewartet haben, um auch an der körperlichen Wiedergeburt der Juden zu arbeiten. Studieren Sie alle die verheissungsvollen Anfänge einer körperlichen und geistigen Renaissance jüdischen Volkstums, und Sie werden vielleicht einen Ausweg aus der heutigen Doppelnatur sehen, welche auch Sie zu dem rastlosen Hin- und Herschwanken geführt hat, wie es in Ihrer Schrift zum Ausdruck kommt.

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