Israelitische Rundschau
- Journal
- Israelitische Rundschau
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Israelitische Rrrndjcharr dagegen „nur dreimal am Tage und einmal des Nachts", wie es im Kontrakte hieß. Da daher das arme, hungrige Kind den ganzen Tag schrie, jagte man sie aus dem Hause. Sie suchte und fand eine andere Stellung. Hier ging eü ihr ganz gut; sie durste essen und trinken, so viel sie. wollte; auch verpflichtete man sie nicht dazu, ihr eigenes Kind' links liegen zu laßen. Beide Kinder hielt sie den ganzen Tag auf ihren Armen und stillte beide. Cie schlief mit beiden zusammen und hielt sie endlich für Zwillinge. Allein lange konnte sie mich hier nicht in Frieden wohnen, denn der Sohn des Hanfes, ein junger Herr von zwanzig Jahren, namens Bcchor, war ziemlich übermütig und that mit ihr über Gebühr freundlich. Und als er sie .einmal in der Dämmerung ergriff und langsam gegen die Wand dtückte —, da floh sie eilends. Obendrein schlug sie noch die Hausherrin, weil sic hierdurch gegen ihren prächtigen Sohn Verleumdungen in die Welt gesetzt hätte. Darauf wurde Lulu die Amme eines schwachen iinb aussätzigen Kindes. Durch die Berührung mit ihm wurde auch ihr Junge angestecki und von derselben Krankheit befallen. Der Arzt hieß sie daher diese Stelle aufgcben. Auch dieses Mal zog sie, wie immer, wenn es ihr schlecht ging, ins Haus ihrer Eltern. Nach kaum einer Woche starb ihr Kind. Einen Monat lang weinte die Mutter wegen dieses herben Verlustes bittere Thränen; dann wischte sie die Thränen von ihren Wangen. Sie wollte nun den Scheidebrief von ihrcin Manne verlangen und zusammen mit ihrer Mutter um Tagelohn dienen. Ihr Vater schalt sie deswegen und verbot ihr, den Scheidebricf zu verlangen, weil man sie, wie er verinutete, ohne das übliche Ehegeld entlaßen würde, das sich alles in allem auf 500 Piaster belief. Sie jedoch entgegnete: „Was soll mir das Ehegeld? Die Hauptsache ist, daß er mich freiläßt! — Im Schweiße meines Angesichtes will ich mein Brot verdienen." Und wirklich schied sie mit leeren Händen von ihrem Manne. Ihr Vater war wegen ihres Eigensinnes ärgerlich auf sie und ergrimmte noch mehr, als er sah, daß sie jede neue Heirat, die man ihr vorschlug, kurzweg abwies. Salem, den Witwer mit den vier Kindern, den alten Wadjah, Jachin mit dem linken blinden Auge, den buckligen Jachja und -sogar den jungen Abadjah — alle mochte sie nicht. „Ich will mich nicht wieder verheiraten. Die Heirat ist schlimmer als der Tod. — Der Mann ist ein Mörder!" Durch derartige Worte erzürnte sie ihren frommen Vater, und sogar ihre Mutter. „Entartete Frau" nannten sie sie. Sie drangen in sie und versuchten sie dazu zu zwingen, sich wieder zu verheiraten. Allein all ihre Fürsorge und Liebe zu ihr verwandelte sich säst in Haß und Feindschaft. Da erkannte Lulu, daß es keinen Schutz für sie gebe, daß kein Mensch existiere, der mit ihr Mitleid habe und ihr helfen könne. Wohin sie sich auch wendete, geriet sie stets nur vom Regen in die Traufe. IV. Neues Leben. Einen ganzen Tag ging Lulu von Wohnung zu Wohnung ohne Arbeit zu finden, denn überall dienten die yemenitifchen Frauen schon seit langer Zeit. Die Nacht brachte die Unglückliche auf der Straße hinter einem Hanse in einem Hühnerstall zu. Am folgenden Tage fragte sie eine von ihren Freun- ' binnen, ob sie in Dienst in die Kompanie" gehen würde, — so nennen nämlich die Jemeniten wie die Araber die Kolonien. — „In die Kolonien?" dachte Lulu und zog dabei ihre Stirne in Falten. „Die Bewohner der Kompanse sind sämtlich ohne Gottesfurcht und Glauben!" — das hatte sie häufig erzählen hören — „und ihre Sitten sind so komisch. Das mäßen hartherzige Leute sein", folgerte sie ans allem. Da sie aber keinen andern Ausweg hatte, willigte sie darein, zu ihrer neuen Herrschaft zu ziehen. In den ersten Tagen saß sie in der Ecke des Zimmers, an die Wand gepreßt, voll Angst und Furcht, wie ein im Käsig gefangenes Wild. Von alledem, was man ihr jum Esten vorletzte, von dem Fleisch, dem Braten, Gemüse und Obst aß sie mit ihren starken Zähnen nur das Brot. Ihre Arbeit machte sie aufs beste und mit großem Eifer. Bald wurde sie der Liebling aller Harrsgenosten, aller Nachbarinnen und der Kinder nuf der Straße, die alles an ihr schon fanden: den merkwürdigen Flamen, die scharfen Augen, das flatternde Haar, die gebrochene Sprache und' ihren kleinen, stets lächelnden Mund. Drei Jahre hatte Lulu in der Kolonie gewohnt und sich ein wenig Geld gespart und schöne Kleider gekauft. Auch hatte sie von den Kindern Hebräisch sprechen gelernt. Als sie dann einmal nach Jerusalem kam, um ihre Eltern zu besuchen, erzählte sie iu Gegcmvart all ihrer yemeuilischcn Freundinnen viel des Wunderbaren von dein Leben in den Kolonien, was für gute und zarte Männer die Bauern wären, wie sie jeden Menschen höflich und liebevoll behandelten und was für Gutes sie ihr gclhau hätten. Auch offenbarte sie ihnen, daß einer von den Arbeitern an ihr Gefallen gefunden und sie gebeten hätte, seine Frau zu werden. Er besitze dreißig Goldstücke, die er von seinem Arbeitslöhne sich erspart hätte, und sie fünfzehn. Dafür würden sie sich ein kleines Haus kaufen.-Noch viel dergleichen erzählte Lullt, oder wie sie jetzt bei den Bauern hieß — Peninah. Die Mlnenitinnen staunten über alles und so manche beneidete sie. Ihre Hochzeit wurde unter zahlreicher Beteiligung all der Bauen: und Arbeiter, wie cs in der Kolonie üblich ist, mit Saitg und Klang, in Freude und Tanz gefeiert. Sandra und Rumia trauien nicht ihren Angert. Einige Jünglinge spöttelten zwar heimlich über den Arbeiter, oer sich eine „Rote" ausgesucht habe, allein ihr kleines Häuschen wurde in der Kolonie bald als ein Haus der Arbeit und des Friedens bekannt. Was sie nur begannen, glückte ihnen. Nach Verlauf von drei Jahren war Peninah Mutter von zwei Kindern; ihre Tochter war die schöne Dezirah, und ihr Sohir hieß Abed. Sie selbst war zwar zwanzig Jahre alt, schön gewachsen, eiirfach, aber sauber nnb geschmackvoll gekleidet, zufrieden mit ihrem Lose. Ihr Mann lehrte sie lesen und schreiben. Seit dieser Zeit hielt sich Peninah für die glücklichste Frau auf dem ganzen Erdenrund. All ihre Mußestunden las sie schöne, hebräische Geschichten uub Dichtungen. Durch jedes einzelne Buch thaten sich ihr'neue, große Wellen auf. Ans diesen Büchern lernte sie auch verstehen, daß sie jetzt ein neues Leben führe. Brieffcalten. Nemscr, München. Anonym können wir Ihre geehrte Zuschrift nicht aufnehmen. Mit Ihrer Unterschrift sehr gern, '/.ionsgruss. Walter Caroll und Ken'kegele. Bott pseudonymen Autoren, bereit wahrer Name uti-S tmhefanut ist. löitneit wir keine Beiträge cntgegetmehmen. — Rationalfonds. Dr. 84. lieber 3 Mark wird dankend quittiert.