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Israelitische Rundschau · 1902-08-29 · Heft 35 (29.8.1902) · page 1

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Journal
Israelitische Rundschau
Volume
1902
Issue
Heft 35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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OWellks Organ öer Zionistischm Vereinigung für Deulschlanö. Nedaltlon, Verlag und Expedition: Berlin NW. 6, Mnrienflverste 18. Sprechstunden: Aon tag, Dienstag und Donnerstag 4—6 Uhr. Fernsprecher M, 6762. Unverlangte Manuskripte werden nicht -urückgesandt. 55* Vevlirr -eir 29* 2tn$nit 1902* VII. Jahrgang. & Abonnementspreis ■ Dnartal M Cammclbfjuj durch Mt Itfrapptn btt Zionlstischrn Drrtin gun, |0t Devtschland Mat 0,00, Im »'o'adonot« sunt Mark!,«, blrtli durch blt öiPtMtlon Wart 0,W, nach au»®SH« Mark 1,00, |flr bol »uNand SUtt 8^0^ ttlnjelnumtBtt PostieitungSiiste No. 8793. Krscheknt jeden Ireilag. JtttttrtUtlrttt fnv Mt jüMtt*}«« ötttint. Aerausgegcven Dr. fielnricb Locvoe. f flucb ein Impressionist. Von Dr. E. Simonson. Herr Walther Rathenau, Direktor der Berliner Handelsgesellschaft, hat eine Reihe von Aufsätzen, die in den letzten Jahren bereits in der „Zukunft“ erschienen waren, jetzt in Buchform unter dem Titel „Impressionen“ veröffentlicht. Man wird nicht fehlgehen, wenn man den starken buchhändlerischen Erfolg — nach wenigen Wochen ist bereits die zweite Auflage*) nötig geworden — dem ersten der neun Aufsätze zuschreibt, welcher die stolz-bescheidene Oeberschrift „Höre Israel“ führt und Herrn Rathenau das Lob der Staatsbürgerzeitung zugezogen hat. Ueber den Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber der Verfasser hätte es leicht gehabt, wenigstens den Widerspruch gegen diese Anwendung des „Höre Israel“ nicht herauszufordern. Wenn man von einer guten Uebefschrift verlangt, dass sie in nuce den ganzen Inhalt andeutet, so hätte der erste Satz des Aufsatzes eine geradezu ideale Ueberschrilt abgegeben; ja er ist so umfassend, dass man beinahe auf den übrigen Inhalt verzichten könnte. Dieser Satz heisst: „Von vornherein will ich bekennen, dass ich Judo bin.“ Nach dieser durch sein hochherziges Bekenntnis erlangten Katharsis fühlt Herr 1t. sich vollständig zum Bussprediger und Reformator, glücklicherweise nicht des Judentums, sondern nur der Juden, berufen. Und er ist wirklich dazu berufen; denn er kennt die Juden und hat sie in allen ihren Schichten studiert, von der Königgrätzer- bis zur P a 1 lasst r a 8 s o, von der Potsdamorstrasse bis zum Hansaplatz. — Ein erschütterndes Spiegelbild ist es, das er uns als Ergebnis dieser Studien vorhält. Hier einige Proben: .Inmitten deutschen Lebens ein abgesondert fremdartiger Menschenstamm, glänzend und auffällig staffiert, von heissblütfg beweglichem Gebühren. Auf märkischem Sand eine asiatische Horde."-— ,.In engem Zusammenhang unter sich, in strenger Abgeschlossenheit nach aussen —: so leben sie in einem halb freiwilligen, unsichtbaren Ghetto» kein lebendiges Glied des Volkes, sondern ein fremder Organismus in , -«einem Leibe.* Aber wie denn! Sind diese Sätze denn nicht ") Wie gross war aber die Auflage? Red. gute alte Bekannte? Herr Rathenau wird doch nicht etwa seine Judenstudien bei jenen zahlreichen antisemitischen Schriftstellern der letzten 25 Jahre gemacht haben, die uns, von Marr bis zu dem hysterischen Intuitionenjäger Houston Steward Chamberlain, in duftigem Strausse beschert worden sind? Weiter: „Meint Ihr, der alte Stammesgott werde seinen König Messias senden, um Euch za helfen? Ach er ist Euch nicht aufgefallen, dass er seit ein paar tatuend Jahren sich mit Euch nichts mehr zu schaffen gemacht hat! Per Herr des Zornes und des Lieges hatte an einem Volke von Kriegern Gefallen; für ein Volk von Krämern und Maklern interessiert er sich nicht. Der auf Horeb und Zion thronte, zieht nicht nach der Kosenthalerstrasse, noch nach der Haiderentergasso.“-- — „Dio christliche Sittenlehre ist dem gebildeten Judentum heute so selbstverständlich, dass man sich einredet, sie lasse sich aas dem alten Testament abstrahieren." Das hat wirklich ein Jude geschrieben. Und noch dazu ein Jude, welcher behauptet, die Taufe nicht empfehlen zu wollen. — Da ist es wirklich schwer, den Gedanken zurückzudrängen, aus dem Schreiber spreche nichts weiter als der Aerger darüber, dass er sich nicht taufen lassen darf, — weil der Vater noch lebt, oder der Grossvater. Aber nein, er giebt uns einen anderen Grund für diese löbliche Zurückhaltung an: Weil die Massentaufe nichts helfen würde; denn es würde dann ein Antisemitismus gegen Getaufte entstehen. Das klingt an sich ganz vernünftig und einleuchtend, und da der Impressionen sammelnde Herr Rathenau dieses Argument offenbar aus der Berliner Rede von Max Nord au behalten hat, so sollte er daraus die Konsequenz ziehen, dass aus dem Arsenal der zionistischen Litteratur noch vielerlei Belehrung über die Judenfrage zu schöpfen sei. Vielleicht würde er dann von flüohtigen „Impressionen“ zu soliden Eindrücken gelangen, wie es der deutschen Art ja entspricht. * * O Wenn also die Taufe keine Losung ist, so müssen wir uns schon zu der Frage bequemen: Wie sieht die Besserung und Selbsterziehung aus, durch welche wir nach der Meinungdes Herrn Rathenau den Antisemitismus entwaffnen können? — Auch hier mögen einige Proben sprechen: *

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