Israelitische Rundschau
- Journal
- Israelitische Rundschau
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Israelitische Unndscharr gute Juden bleiben, und wenn sie einmal auch tüchtige und brauchbare Menschen geworden sind, dann sollen sie mir ganz so lieb se'n'und ganz dieselben Rechte haben, wie ein jeder andere Russe, mag er nun Jude sein oder Goi. Eure Juden nennen mich ihren „Zar", (das Wort „Zar" bedeutet in der hebräischen Sprache: „Feind"), ich bin nicht Erter Zar, sondem Euer Herr und Kaiser, und wenn der etwas sagt und thut, so gilt das noch weit mehr als wenn Euer Row (Rabbiner) etwas sagt und thut und alles, was ick an Erich thue, das will ich und kann ich im „Oilom-Habo (zukünftige Welt) verantworten. So, nun geht und thut, was voir Euch verlangt wird." Diese Rede des Kaisers hatte ihres Eindrucks nicht verfehlt. Kaiser Nikolaus war einer der fd)5nficit und prächtigsten Männergestalten seiner ganzen Armee; und dastehend in Glanz und Herrlichkeit, umgeben von dorr Großen des Reiches, erschien er uns gleich einem höheren, göttlichen Wesen. Nachdem er geredet halte, stimmten mir mit voller Begeisterung ein in den Ruf: „Hoch lebe unser Kaiservaler!" Und als wir hierauf mit unseren hellen, klangvollen Stiinrnen die Nationalhymne sangen, glaubte ich, der ich zufällig ganz in der Nähe des Kaifers meinen Platz halle, zu bemerken, daß sein Auge feucht wurde und in Thränen schivamm. Doch kaum hatten wir den ersten Vers gestrngcn, da winkte der Kaiser und wir wurden wiedernach unseren Quartieren zurückgeführt. Bei dieser Vorstellung war Tanchum nicht zugegen; der arme Mensch war zu krank und schwach. Und als ich ihm nun über den Verlauf berichtet und ihm auch die Worte des Kaisers, die ich mir sehr gut gemerkt, wiederholt hatte, da meinte er: „Wie ich den Kaiser verstehe, ist er kein Pharao, auch kein Homon und noch viel weniger ein TituS horoscho, den feine Schmeichler „die Wonne der Menschheit" genannt haben. Allein unser Zar (Feind,' Bedränger) ist er doch und zwar einer der schlimmsten, die wir je gehabt haben. Er bildet sich ein, daß er es gut mit uns meine und ist darum um so härter und eigensinniger in der Ausführung seiner grausamen Pläne." „Siehe, lieber Sundel, unsere Zare sind sie alle, alle! Sie verstehen uns eben nicht, wie wir sie nicht verstehen. .Der Gegensatz zwischen uns und ihnen ist zu groß; es ist der alte Gegensatz zwischen den beiden Brüdern Jacob und Esa u. Wie hat der alte blinde Vater beide bezeichnet? „Die Stimme, das ist Jakobs Stimme, die Hände, das sind Efauü Hände." Damm sagt er zu Esau: „Mit Deinem Schwerte sollst Du Dich erhalten"; den Nachkommen Jakobs aber ist anbefohlen: „Du sollst in der heil. Thora forschen Dag und Nacht". „Die Wege der Thora aber sind die Wege der Liebe und alle ihre Pfade sind der Friede." Sie aber gehen nur aus auf Krieg und Streit „und vergießen Kriegsblut in Friedenszeit". Es ist gar nicht anders zu erwarten, als daß sie unsere Feinde sind und daß sich ihr Schwert auck gegen uns wendet." Mittlerweile rückte der gefürchtete und verabscheute Zeitpunkt, der unü in den Schoß der heiligen Kirche bringen sollte, nämlich der Tag der Taufe, immer näher. Mich beunruhigte die Sache ungemein; allein nach und nach hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt und begann mit allerlei Ausflüchten mich selbst zu beruhigen. Was fötittcit sie mir thun? so dachte ich bei mir, sie können mich zur Taufe zwingen, wie sie mich verbotene Speisen zu essen gezwungen haben; allein zum Christen können sie mich nicht machen. Im Herzen bleibe ich Jude, und es wird schon wieder eine Zeit kommen, welche mir die Gelegenheit bietet, wieder zum Judentum zurückzukehren und seine Gesetzlichkeit zu üben, gerade wie in früheren Tagen. Mit Tanchum durste ich von dieser bevorstehenden Taufe nicht reden. Einmal hatte ich der Sache Erwähnung gethan, da ergriff ihn eine so furchtbare Augst und Unmhe, daß er am ganzen Leibe zu zittern anfing, seine Gesichtszüge verzerrten sich, verdrehten und verglasten Auges starrte er mich an, sank zurück auf sein Lager, rührte und regte kein Glied mehr; und von seinem Zustande erschreckt, glaubte ich, der letzte Augenblick seines Lebens sei gekommen und er stürbe vor meinen Angen. Allein er erholte sich allmählich wieder und mit schwacher Stimme bat er mich himmelhoch, nur nicht mehr von dem verhängnisvollen Tage zu sprechen. Der Tag aber kam immer näher und unsere sehr sorgfältige Vorbereitung für denselben galt als beendet. Alle die religiösen Uebungen und Büßungen hatten wir mit der größten Strenge und Genauigkeit vollbringen müssen. Alltäglich wurden wir jum „Orthros" und „Hesperinos" (Morgen- und Abcndgottesdienst) geführt, bei welchem wir den Säugerchor bildeten. Und was war das für ein Sängerchor! Wir warei?, wie alle Kinder unseres russisch-jüdischen Stammes, sehr sangbegabte junge Menschen. Und war unser Chor auch nur einstimmig, — die griechische Kirche duldet beim Gottesdicuste weder Instrumentalmusik (Orgel), noch mehrstimmigen Gesang, — erfreute er dennoch durch gute Schulung und schönsten Wohlklang. Unser Chor war berühmt. Von weither strömten die Andächtigen zum Gottesdienst, meist nur, um uns singen 511 hören, und unsere Popen und Lehrer waren nicht wenig stolz auf diesen Erfolg. (Fortsetzung folgt.) BrleMten der Redaktion. Manuskripte, die für die laufende Nummer zürn Druck kommen sollen, müssen spätestens bis Dienstag in den Händen der Redaktion sein. Wir bitten namentlich die Herren Schriftführer der verschiedenen Ortsgruppen und Vereine sehr, hierauf stets zu achten. Bl\'5lau. C. C. Wir bedauern, von Ihrem Anerbieten keinen Gebrauch »rachen zu können, da wir Ueberfluß an Material Lustige Ccke. DaS „Berliner Tageblatt" sckreibt im Leitartikel seiner Nummer 394: „Tkatjächlich haben wir in Deutschland im Laufe des letzten Vicrleljnhr'aundcrts in manchcr Hinsicht eine SinneSmandlung sich vollziehen sehen, wie sie daS vorletzte Geschlecht kaum für nrög'ich gehalten Kälte. Nun sagt aber schon ein alter, ernster Römer: „Man solle die menschlichen Dinge weder beklagen noch belachen, sondern man solle sie begreifen." — DaS ist sehr schön! Nur schade, daß dieser alte ernste Römer der JudeBaruch Spinors war. — Wir bitten unsere Stadtabonnenten, uns von jeder Unregelmäßigkeit in der Bestellung unserer Zeitung gfl. sofort in Kenntnis setzen zu wollen. Wir sind sonst nicht in der Lage bei der Packetfahrtgesellschaft eine pünktlichere und sorgfältigere Bestellung bewirken zn können. Die Expedition der Israelitischen Nnndschan. „Denken Sie daran, Liselte, auch rin Fläschchen der altbewährten Maggi «Würze ein» zupacken. Diese leistet uns während oir Sommerfrische zur raschen Herstellung schmackha'ter Suppen und Speisen vorzügliche Dienste."