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Israelitische Rundschau · 1902-08-15 · Heft 33 (15.8.1902) · page 1

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Journal
Israelitische Rundschau
Volume
1902
Issue
Heft 33 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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imx Vs ww y OfflsiMs Organ öer Zionistifchm Vereinigung für Dmlschlanö. Aösnnementspreks et» Quartal brl Tammkld«jug durch dir vrt«sruprvn der Ztonlsrlschra DcrNn'gung für Drutlchlaud Mark 0/0, tm Poliaboune» »rnt Mark 1,25, ttreft Lurch die SxpeLltloir Mark V,W, nach «uSw4rl» Mark i.vo, jür da» Rnsland Mark L.00. »»nzelnumwer Mark 0,15. P-fizeitmigSNst« No. 6793. Arfcheinl jeden Z-reikag. I e ir t v tt 11» t«»11 für» Me jüdischer» Vereine. Terarrsgegeborr Dr. ficüirieb Loewc. | I Redaktion, Verlag und Expedition: Yerkin NW. 6, Marienjtrcrfte 18. Sprechstunden: Montag, Dienstag und Donnerstag 4-6 Uhr. Fernsprecher IN, 6702. Unverlangte Manuskripte werden nicht zurückzesandt. 55. Herr 15. ArrsrrsH 1902. VII. JerhvscrttA. Zionismus und StaatsMrgertum. Jrn Anfang der zionistischen Bewegung hat man den Zionismus mit den Pflichten des Staatsbürgers von vielen Seiten nicht für vereinbar erklärt. — Herrschen in dieser Beziehung jetzt auch im allgemeinen richtigere Anschauungen, so besteht doch noch vielfach Unklarheit, wie weit sich die Bürgerpflichten erstrecken. Mit der Reichsseindschast lockt man heute keinen Hund mehr vom Ofen weg; es ist unter verständigen Politikern . wohl allgemein die Auffassung durchgedrungen, daß der Staat sich nur mit den Handlungen seiner Unterrhanen zu befaffen hat, nicht mit ihren Gesinnungen. Darin unterscheidet sich die moderne Negierung von der Inquisition. Eigentümlich ist es, daß liberale Männer, denen das Wort Neichsfeindschaft nur ein spöttisches Lächeln abzwingt, bei den Juden Gesinnungsriecherci treiben und bei diesen sogar schon die vermeintliche Reichüindifferenz, welche sicherlich gegenüber der Reichsfeindschaft als kleineres Laster anzufehen wäre, als Vergehen stempeln. — Tie Zionisten sollen schlechte Deutsche sein, weil sie angeblich ihre spätere Heimat nicht in Deutschland, sondern in Jerusalem sehen, die Jüdischnationaten sollen schlechte Deutsche sein, weil sie sich zum jüdischen und nicht zum deutschen Volke rechnen. Diese Gesinnung soll den Antisemitismus, die Zurücksetzung der Juden in der Beamtenhierarchie rechtfertigen. Hat aber wirklich der Staat das Recht, Unterthanen, die an eine andere Heimat voraussichtlich für ihre Nachkommen etwa in der zweiten oder dritten Generation denken, schlechter zu behandeln? Hat eine Partei das Recht, deshalb Lügen gegen sie zu erfinden? Gegen die Jüdischnationalen läßt sich ein Vorwurf ebensowenig begründen. Unter den deutschen Juden sind sicherlich auch viele, die nicht religiös sind. Wenn sie ehrlich sind, können sie deshalb nicht behaupten, daß das Band, welches sie mit anderen Juden verbindet, ein religiöses ist. Eü ist das Gefühl gemeinsamer Geschichte und Abstammung (was durchaus nicht mit Raffe identisch ist). Ein Gefühl, das zeitweilig gänzlich verloren gegangen war, aber in der durch die antisemitischen Angriffe bewirkten passiven Gemeinschaft wieder lebendig geworden ist. Dieses Gefühl ist aber national oder quasinational. — Zu behaupten, daß dies Gefühl sich mit den vorschriftsmäßigen Gefühlen des deutschen Staatsbürgers nicht verträgt, ist man nur dann in der Lage, wenn man das Wort „Deutsch" ziveideutig gebraucht. — Einerseits bedeutet es den französischen Elsaffer, anderseits den Wiener oder Berner. In unserer Verfaffung steht nichts von deutscher Nationalität. Zeitweilig war es durchaus vorteilhaft, ein deutscher Staatsbürger polnischer Nationalität zu sein. Und wenn auch in der Negierung zur Zeit ein anderer Wind weht, so haben bis in die jüngste Zeit mehr oder weniger alle Parteien mit den Polen für Wahlen paktiert, unter dem Beifall evtl, derselben Blätter, welche die Jüdischnationalen als schlechte Staatsbürger denunzieren. Es ist dabei ganz sicher, daß die Erfüllung stiller Sehnsucht nach einem Messias, der das Königtum Jerusalem Herstellen würde, unserer Negierung weitaus gleichgilüger sein könnte, als eine Hauptstadt Warschau oder Krakau. In Oesterreich wäre eine jüdische nationale Partei für den Staat sogar äußerst vorteilhaft. Tie Wacht am Jordan, welche von einem Jüdischnationalen nach der Melodie der Wacht am Rhein verfaßt wurde, ist als Gedicht miserabel. Als österreichischer Minister würde ich sie aber ganz entschieden der Wacht am Rhein vorziehen, mit welcher die Schönerer-Partei in die Wahlschlacht zieht. Bismarck, der trotz allem, was von antisemitischer Seite dagegen gesagt ist, in seiner Art ja auch deutsch gesinnt war, hat sich mit den Bestrebungen dieser Partei nie befreunden können. Er ging von der Politik aus, alle zentrifugalen Kräfte in Oesterreich zu perhorreszieren, weil er aus leicht erklärlichen Gründen die Erhaltung dieses Staatswesens dem Jiüereffe des Deutschen Reichs für förderlich hielt. Umgekehrt begegnete diese und verwandte Parteien in Deutschland und namentlich auch der deutschen Preffe vielfach Sympathien. Diese fand für die Ergüffe dieser Parteien nie das richtige Wort, weil das deutsche Stammesgefühl der Redakteure oder das vermutete deutsche StammeSgcfühl der Abonnenten stärker war als das Gefühl für die deutschen Staatsintereffen.*) Gewißtich ist dies zum mindesten ein Beweis, daß die Jntereffen des deutschen Volksstammes und des Deutschen Reiches nicht überall identisch sind. ES dürste daraus hervorgehen, daß jemand sich ohne Verletzung seiner Bürgerpflichten als Nationaljude betrachten darf. — Nur das ist Sache der Oeffenittchkeii. Ob «.r das Gefühl thatsächlich hat, ob er es gern hat, das ist Sache jedes einzelnen, und es sind darüber in der kleinen Zahl, die überhaupt denkt, die verschiedensten Meinungen nach Temperament, Wohnsitz, ökonomischen Verhältnissen, religiöser Richtung rc. unter uns Juden verbreitet. . *) Man vergleiche bierzu eine» anscheinend offiziösen Artikel der Post von, 16. Februar 1901.

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