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Jüdisches Volksblatt · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 52 schlösse in der unter Ausschluß des Volkes ftattgehabten ,vertraulichen" Versammlung der jüdischen Abgeordnetrn und einer Anzahl liebedienerischer Kultusvorsteher und hält man sich hierbei die Tatsache vor Äugen, daß Dr. Byk und Genossen kein Wort schreiben ooer sprechen und keinen Schritt unternehmen, ohne vom Polenklub hierzu kommandiert zu werden,^ w wird man solgende, für unsere Aktion äußerst wichtige Feststellungen machen müssen. Erstens: Die Resolution geht in allen Punkten der Frage um einen bedeutenden Schritt weiter als der Artikel in der „Polnischen Korrespondenz". Dr. Byk gibt nunmehr das Bestehen einer nationaljüdlschen Bewegung in Galizien zu, verleumdet sie aber gleichzeitig bei den Polen und bei der großen jüdischen Masse, über die er bisnun wie über eine willenlose Viehherde verfügt hat und die ihm nun durch die nationaljüdische Propaganda entführt werden dürfte, indem er den „nationaljüdischen Separatismus" sowohl für das Land als auch für die Juden für verderblich erklärt. Durch diese Denunziation der nationaljüdischen Bewegung, welche bereits alle Schichten der jüdischen Gesellschaft erfaßt hat, durch diese versteckte Drohung, man könnte fast sagen. Aufreizung der Polen zu antisemitischen Ausschreitungen hat Dr. Byk ein politisches Verbrechen an seinem Volksstamme begangen, für deren wirklich verderbliche Folgen er noch dereinst wird zur Verantwortung gezogen werden müssen. Zweitens: Die Resolution gibt zu, daß zum Zwecke der „Verwirklichung und Verteidigung der wahrhaften (sie!) und vollständigen (!) Gleichberechtigung der Juden" eine entsprechende Anzahl jüdischer Abgeordneter notwendig sei. Dieses Bekenntnis ist ein Triumph der nationaljüdischen Propaganda! Aber nur in den von Dr. Byk und Genossen verschuldeten und verteidigten gal'zischen Zuständen ist es möglich, mit solchem Zynrsmus die eigene Beurteilung zu verkünden und dann noch weiter das Geschick der Juden Galiziens lenken zu wollen! Geht es uns wirklich nur um eine entsprechende Anzahl jüdtscher Mandate? Sitzen denn nicht auch jetzt Juden genug im Relchsrat und im Landtag und haben diese auch nur den Finger gerührt, um die „wahrhafte und vollständige Gleichberechtigung der Juden" herbeizuführen? Und was verstehen diese Herren Abgeordneten mosaischer Konfession, denen — wie aus der Resolution hervorgeht — um ihre Mandate bange zu werden beginnt, unter vollständiger Gleichberechtigung? Nichts anderes, als daß die Juden Galiziens „polnische" Juden werden, ohne Rückgrat, ohne Selbstbemußtsein, ohne Selbstachtung! . . . „Auch das wäre eine Antwort," meinte der Sprecher. „Unser König würde sie verstehen und danach handeln." Noch ehe die Kaiserin antworten konnte, trat dev Patriarch vor. „Meine Freunde," sagte er, „zieht euch jetzt zurück. Geht, wohin ihr wollt, und kommt morgen, euch Bescheid zu holen. Ein Sklave soll euch begleiten." „Es ist gut," sagte der Sprecher, sich tief verncigend. „Und dort, wohin der Sklave uns führt, werden wir Benoni finden und dessen Tochter Rachel. Ist es nicht so?" „Wie sollte ich das wissen?" erwiderte der Patriarch. „Bin ich Benonis Hüter?" Die Kaiserin war aufgesprungen, hatte sich aber auf einen Blick des Patriarchen wieder gesetzt. „König Butans Worte waren: Wohnet bei Benoni. Doch sollte dieser brave Mann gefallen sein, gemordet durch die Verfolgungen der Byzantiner, so verlangt die Herausgabe dessen Tochter Rachel. Und so auch die gefallen, verlanget ihre Leiche. Und so sie bestattet, lasset sie ausgraben und überbringet sie mir. Aber nicht morgen, auf daß man sie erst morden könnte — sofort vom Palast aus lasset euch zu >hr führen oder zu ihrer Leiche und bringet sie mir, denn sie steht unter meinem Schutze. Und deshalb bitten wir im Namen unseres Chakans: So Benoni tot, gebet uns seine Tochter Rachel heraus, führet uns zu ihr!" Drittens: Die Resolution scheint ein Kompromiß zwischen der Gruppe Byk und dem Polenklub zu bilden, nut welchem man die nutionaljüdische Bewegung und ihre natürlichen Kampfgenossen, die Ruthenen, zu unterdrücken versucht. Es sollen also durch eine geschickte Wahlgeometrie den Juden wenigstens diejenigen Mandate gesichert werden, die sie derzeit besitzen, damit ist das „Wohlwollen" des Polenktubs den Juden gegenüber bekundet, dafür fordert mau vottständlge Unterwerfung dem Polenklub und Stellungnahme gegen die Ruthenen. Hier muß ein offenes Wort ausgesprochen werden! Unser Kamps gilt der Anerkennung der jüdischen Ralionaiuät durch den Staat, um im Besitze dieser Anerkennung gemeinsam mit den andern Nattonalitüten des Reiches die Durchsetzung der nationalen Autonomie für alle Nationen Oesterreichs, also auch für uns Juden anzustreben. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität müssen wir bei Durchführung der Wahlreform verlangen, weil wir bei der Anlage des Wahlgesetzes auf die Berücksichligung unserer nationalen Sonderinterefsen bestehen müssen. Sollte aber dre Wahlreform für uns anstatt der jüdischen Wahlkurie bloß die jüdischen Wahlbezirke bringen, so werden wir wohl den Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität nicht entstellen, aber wir werden auch dafür sorgen, daß diese jüdischen Wahlbezirke nicht Juden Lin Dr. Byk und Genossen in die peiktzgebenden Körperschaften entsenden,sondern Männer, für die das eigene Volk lebt und die für das eigene Volk leben. Das wird unsere Antwort sein müssen auf die Resolution des Dr. B y k. Und nun noch einige kurze Bemerkungen über diese „vertrauliche" Versammlung selbst: Die Jüdrschnatronalen, die drinnen in der jüdischen Gemeindestube von Juden verleumdet wurden, forderten draußen stürmisch, zu den Beratungen zugezogen zu werden. Dies wurde ihnen verweigert und es kam zu Demonstrationen und zur Einmengung^ der Polizei. Im - Reiche soll das allgemeine direkte Stimmrecht zur Herrschaft gelangen, das Volk soll seinen Einzug in den Relchsrat halten, die Juden verlangen ihren Teil an diesem feierlichen Einzug aller Völker und aller Gesellschaftsklassen in die Gesetzgebung und in Galizien faßt der JudeDr. Byk mit einigen Genossen, die gleiche Interessen haben wie er selbst, Beschlüffe in jüdischen Lebensfragen mit Ausschluß der Vertreter der Majorität des jüdischen Volkes in Galizien. Und dtese Gesellschaft, die schon durch dieses Vorgehen bewiesen hat, daß sie nicht fähig ist, die Gleichberechtigung im eigenen Lager zu respektieren, will sich anheischig machen, die „wahrhafte und voll- „Benoni und Rachel sind beide tot, erschlagen im gerechten« Zorn von den Gläubigen," erwiderte der Patriarch. „Dann führt uns zu ihrer Leiche." „Unmöglich. Alle Erschlagenen sind verscharrt." „Dann lasset sie alle zusammen ausscharren. So lautet der Befehl unseres Chakan." Nun« packte auch beit Patriarchen der Zorn. „Juden, was wagt ihr!" schrie er. „Hinaus mit euch! Aufs Rad mit euch!" „So wollt ihr denn den Krieg?" . fragte der Sprecher. Ta erhob sich Irene und schob den Patriarchen zur Seite. „Nein," sagte sie. „Keinen Krieg. Höret, ihr Männer, Gesandte des Königs Butan. Benoni fiel, doch Rachel ist entkommen. Sie wcilt nicht mehr tu Byzanz. Aus ihrem Kerker entwich sie vergangene Nacht durch Zauberkraft. Und niemand hier weiß, lvo sie weilt. Mein kaiserliches Wort darauf. Jst's nun genug?" „Genug! — Und doch — wir zweifeln nicht an eurem Wort, o große Kaiserin, aber als Gnade erflehen wir: lasset die Verscharrten ausgraben, auf daß wir befolgen können den Befehl unseres Königs." „Ihr seid bravc Mäner," erwiderte Irene. „Es sei. Ein Sklave wird euch begleiten. Und wohnet, wo ihr wollt. Ich geb euch frei Geleit. ständige Gleichberechtigung der Juden" bei den anderen Völkern zu vertreten. Dre Juden Galiziens werden aus diesen Tatsachen lernen, und ihre falschen Propheten aus ihren Lagern verjagen! Preßstimmen über die Stellung der Juden zur Wahlrefonn. Die Haltung der Pole«. Roch haben die politischen Parteien Galiziens — mit Ausnahme der Ruthenen — zur Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität nicht öffentlich Stellung genommen, aber die bereits vorliegenden schüchternen Ändeutungen in den führenden polnischen Blättern lassen durchblicken, daß die Polen die Einbuße der Million Juden als den größten Schicksalsschlag empfinden. Der Polenklub hat noch nicht gesprochen und glaubte vorläufig diese Mission durch seinen bewährten Hausjuden Herrn Dr. Byk erfüllen zu können. Die Enunzialion des Dr. Byk kann somit als die Ansicht des Polenklub einerseits, andrerseits als die Privatanficht des Herrn Dr. Byk betrachtet werden. Denn hinter Dr. Byk steht eine numerisch so schwache Gruppe des galizischen Judentums, daß sie nicht besonders in die Wagschale fällt. Also, Herr Dr. Byk anerkennt nicht den Bestand einer jüdischen Nation, folglich müssen die Juden Polen sein. Sie müßten also auch Hottentotten sein, wenn sie einige Jahrhunderte unter den Hottentotten gelebt hätten. Mit dieser Privatanficht des Herrn Dr. Byk wollen wir nicht rechten und Herrn Dr. Byk wird es auch weiterhin freistehen, sich als Pole zu gerieren, nur würden wir ihm anraten, auf die polnische Aussprache denn doch noch mehr zu achten, da er sich mit seiner jetzigen Aussprache allzu lächerlich macht. Hingegen ist die Ansicht des Polenklubs in dieser Frage im vorhinein verdächtig, weil ja auch sie, handelte es sich nicht um den gewaltigen Stimmenausfall bei den Wahlen und um den mit diesem Ausfall zusammenhängenden Machtverlust, ohne weiteres die Juden als selbständige Nation anerkennen würden. Sie haben dies so häufig bewiesen, daß man sich zugleich wundern muß, wie sie in einigen Tagen ihre Ansicht so radikal ändern konnten. Sie haben die Juden, so es sich um die kleinste autonome oder kommunale Stelle handelte, um einen Lehrer- oder Bankbeamtenposten oder die geringfügigste Beschäftigung, deren Besetzung nur irgendwie von ihnen abhängig war, stets als eine ihnen fremde Nation behandelt und deswegen sie systematisch von allen autonomen, kommunalen und auch staatlichen Beschäftigungen fernzutmlten gewußt. Doch morgen holet die Antwort für euren König Butan. Und mm geht." Jetzt verneigten sich, die Gesandten und verließen das Gemach, begleitet von Stenrakius, der in der Vorhalle den Sklaven die nötigen Befchle erteilte. Irene und der Patriarch blieben allein im Gemache zurück. Ein Sklave erschien und entfernte die Reste des Mahles. Plötzlich Hub die Kaiserin an mit zornbebender Stimme: „Schmach und Schande! Ungläubige, gemeine Inden haben es gelvagt, so zu sprechen, zu nur, zu Irene von Byzanz, und leben noch! Noch vor einigen Tagen, und die Frechen lägen jetzt tnit gebrochenen Gliedmaßen und stöhnten ihren bösen Geist aus! Und heute?! Ich, die Kaiserin, trage es nicht! — wage es nicht! — die Elenden zu bestrafen! Denn das bedeutete Krieg mit Inden. Und das die Erfüllung des Fluches. Zum ersten Mal in« meinem Leben fürchte ich! O Schande, Schande!" Und sie vergrub ihr Gesicht in beiden Händen. Doch ruhig antwortete der Patriarch: „Gemach, meine hohe Tochter, gemaH. Zwar viel ist gesündigt lvorden in diesem hciltgen Reiche, doch wird alles vergeben lverden. Ich weiß es. Haben doch die Heiligen unseren Wunsch erfüllt." Die Kaiserin blickte erstaunt empor. „Wie meint ihr das, heiliger Vater?"

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