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Jüdisches Volksblatt · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite L eine solche Antwort gegeben. Menschen oder Völkern, die sich ihrer Rechte bewußt sind, wird kein Mensch, kein Staat und keine Regierung es wagen, so zu begegnen, wie man in Oesterreich den offiziellen Juden begegnet. Und nun noch eines! Wir sprachen eingangs von zwei verschiedenartigen Erregungen, die die Juden Oesterreichs in den letzten Tagen erfüllt haben und zum Teile noch erfüllen. Was bemerkten wir da? Während die Erregung über die Ausbrüche des Bürgermeisters von Wien auch von denjenigen geteilt wurde, die an der Ausgestaltung des jüdischen Volkes auf nationaler Grundlage arbeiten, während das offizielle Judentum in seinen Bemühungen, für die erlittene Unbill eine Genugtuung zu erhalten, auch von Nationaljuden unterstützt, gefördert oder zumindest nicht gehindert wurde, damit es in seinem Bittgänge durch keinen Mißton gestört wird, hält sich das offizielle Judentum von unseren Bemühungen vollständig fern, sucht sie sogar zu Hintertreiben, läßt sig unfere Erregung völlig kalt und sucht sie in schlecht angebrachtem Hohne zu ersticken. Wo steckt das offizielle Judentum jetzt, da es gilt, das gesamte jüdische Volk auf eine politische Stufe zu erheben, auf welcher politische Bittgänge überflüssig werden? Wo weilt das altersschwache, in seiner Ohnmacht sich krümmende, um seine Macht besorgte offizielle Judentum jetzt, wo es sich nur darum handelt, daß das gesamte jüdische Volk einmütig das verlange, was ihm nicht vorenthalten werden kann. Wir sind um den Ausgang unserer Aktion nicht besorgt! Dis politische Entwicklung ist unsere mächtigste Freundin. Mächtiger noch als die erzwungene Indolenz und die Superklugheit unserer »Führer". Diese politische Entwicklung hat uns bisnun geleitet und sie wird die wenigen Abseitsstehenden auch zu uns herüberleiten. Sie hat uns bis jetzt recht gegeben und wir werden unter ihrer Leitung auch in Zukunft recht behalten. Der Unterschied zwischen unseren Bestrebungen und den Bestrebungen derjenigen, die nur winseln können, wenn der Fußtritt zu schmerzhaft ist, liegt darin, daß, während ihnen eine Antwort zuteil wird, wie sie Gautsch gegeben, wir eine Antwort erhalten werden und erhalten müssen, die eines auf seine Rechte pochenden Volkes würdig ist. Unsere Lage. Van M. Scherlag. Angesichts der russischen Greuel drängt sich jedem denkenden Juden die Frage auf: Was soll geschehen,? Und wieder schwirren durch die Luft die wohlvertrauen Worte: „Zion, Afrika, gebens. Schade um die Zeit, die Sie bei mir zubrmgen. Ich bin Jude. Als solcher verspreche ich mir, mag nun die Wahl ausfallen wie sie will, weder Nutzen noch Schaden von derselben. An der Wahl selbst kann ich mich deshalb' keiner Seite anschließen, weil keine mich wenigstens mir eine n pflichtbewussten Juden auf ihrer Lifte ausgestellt Hai. Keinem von beit auf der Liste verzeichneten jüdischen Kandidaten wird es auch mir einfallcn, sich für seine jüdische Nation zuinteressieren oder sich in der Gemeindcstube seiner Glaubenfsbrüder anzunehmen. Ja, sie sind selbst imstande, sich als Juden zu verleugnen. Also Ihre ganze Muhe ist bei mir umsonst. Versuchen Sie anderswo mit mehr Erfolg Ihr Glück. Ich wünsche es Ihnen." Dasselbe bekamen die tschechischen Agilaloren von- Kohn zu hören. Der Wahlkampf endete mit einem Siege der Tschechen, welche nur lvenige Stimmen über die erforderliche Majorität erhielten. Die Bestürzung war bei den Deutschen eine allgemeine und schon den nächsten Tag wurden Rekurse gegen die Wahl eingebracht. Auch Rosenfeld gebärdete sich tvie wahnsinnig. Kein Wunder! Zerflossen waren seine Träume — unnütz vergeudet sein Geld. Es blieben ihm nur noch die Ausschußstellen iu den Vereinen, um die er sich gar nicht so viel riß. Und merklvürdig! Viel hätte er darum gegeben, wenn er alle diese Stellen hätte g l e i ch abschütteln können. Die durch die Wahl erregten Gemüter hat- CM#I IVasaltbftr 1 «■•••rdloht! Jüdisches Volksblatt Tcrritorialisinus ..." Trotz der Beschlüsse des letzten Kongresseswerden die Rufe nach Land iinmer. lauter. Sind das Verräter an Zion, die also rufen? Ich glaube nicht. Wir bl.iben Zion treu, weil Nur anders n au können, weil tvir an eine Wiederbelebung des Landes unserer Väter denken, weil tvir an Zion all unser Sehnen vergeben haben und weil Nur unerschütterlich an b'c endliche Erfüllung unserer Hoffnungen glauben. Schließt aber diesx alte lieberzeug angst re ne und Heimatssehnsncht ans, daß wir auch an das B o l k denken, das nicht so lange warten kann, tvie das Land unserer Väter? Nicht das Volk als Ganzes habe ich hier im Sinne, sondern seine letzten Ausläufer, die am meisten gefährdeten Vorposten. Für die müssen tvir unverzüglich Schutz und Deckung riu'Dciv! Es fragt sich mm, wie? Tiefbegründet ist in der Natur, des Menschen der. Drang nach Ausdehnung seines Machtkreises, nach Erweiterung und Vermehrung seiner Mittel und Wege zum. Ziele. Unternehmungen, Ideen wachsen sich ans wie Lebewesen. So sehentvir, daß der Sozialismus von heute nicht mehr derselbe ist, tvie er vor Jahren war. Und doch hat er nicht etwa das alte Programm aufgegeben, er hat es bloß ausgebaut. Vorwärts! ist die graste Losung im Leben. Ein solches Vorwärts war auch das Ostafrikaproblem. Die Einbeziehung dieser Frage war keine Aenderung, sondern eine Ausdehnung unseres Progranrmes. Sie lautete eigentlich: Wer für Palästina ist, kann der nicht auch für Uganda sein? Ich will die alte Frage nicht wieder aufwevfen, aber die Verhältnisse zwingen uns alle, zu fragen . . . Wir fügen in den weiten Rahmen unserer allgeineinen Bestrebungen und Fragen eine subordinierte spezielle Frage ein: Darf das jüdische Volk wirklich nicht an ein anderes Land für die unglücklichen Brüder denken?? War Herzl weniger Zionist! und Jude, als er Ostafrika Vorschlag!? Ein Volk, das so sehr in aller Welt verstreut ist, kann auch zwei Heimstätten vertragen. Ich will indes nicht zugeben, daß Palästina unerreichbar sei. Im Gegenteil, ich behaupte, daß wir Palästina erlangen können und sehe in der vorläufigen Erlangung eines anderen Ansiedlungsgebictes nur ein Mittel und einen Weg mehv zu unserem Ziele. Das Warten auf Palästina alleinist in dieser schweren Zeit kaum vernünftig, vorausgesetzt, daß der Sultan noch immer auf seinem Standpunkt beharrt. Wir haben nicht nur der Zukunft, sondernauch der Gegenwart gegenüber heilige Pflichten. Um einen Vergleich anzuwenden : Ich werde zu einem- Freunde bestellt, der meiner Hilfe bedarf; der Weg ist weit; ich eile, so gut ich kann. Da bricht vor meinen! ten sich, nachdem auch der Rekurs als unbegründet znrückgewiesen tvurde, sehr bald beruhigt. Es ging alles seinen gewohnten, Gancp; nur schwand auch mit dem Niedergauge des Deutschtums die Größe des Geschäftes vom alten Rosenfeld. Als engagierten Deutschen boykottierten, ihn die Tschechen und die Deutschen kannten! ihn! auf einmal auch nicht mehr. Und so ging es von Stufe zu Stufe. Das Geschäft fiel rapid. Rosenfeld lernte erst jetzt den Undank der Well und die Treue seiner „Freunde" kennen. Dieses und die mißliche Lage des Geschäftes sowie die Furcht, am- Ende gar noch! ini Konkurs zugeraten, nahm sich Rosenfeld so zu Herzen, daß er bald darauf einem Herzschlag erlag. Das neue Geschäft des- Kohn erfreute sich seit dem Ausgange der Wahl eines steten- Aufschwunges, der nicht wenig zum Aerger des alten Rosenfelv beitrug. Kahn erwarb sich mit der Zeit die Sympathien, der meisten Bewohner und wurde nach denn Tode des Rosenfeld zum Vorsteher der iAlltusgemeiude gewählt. Es ist möglich, daß ihn die Tschechen als „jüdischen Vertreter" auf ihre neue Kandidatenliste stellen. Nimmt er die Wähl an, dauukönnen die Inden versichert sein, daß er sich stets seiner Aufgabe bewußt, seiner jüdischen Nation annehmeu, dieselbe verteidigen und so viel als es irgend möglich, für ihre Interessen entsetzen wird. Nur solche Männer können! mit Erfolg das jüdische Volk der Allgemeinheit gegenüber vor- Polienz O/tfAMt«« CaU -r-— KvImlllBVn Nr. 50 Angen ein Greis vor Hunger, und Kälte zusannnen. Außer nur ist nieinand zur Hand. Darf ich beii: Greis nun, liegen lassen, weil ich an meinen feinem Freund denke? Deute nran das Bild wie man mag. Die armen- Brüder in Galizien können nicht warten. Die rumänischen Brüder, wird man einwendcn, hätten es ärger und wollten doch warten. Ja, die russischen Brüder fürchteten eben, man! möchte sic Zions berauben und veroossen schon Träum der Bestürzung und des Wehes, gleich Kindern, die ihre Mutter dem Tode nahe wähnen. Aber wer verlangt denn von ihnen, dast sie nicht mehr, der hehren Zionsidee leben? Kvmink etwa der Strom, darum kleiner und trüber an sein Ziel, das Meer, weil er am Weg einen See bildet? Die Frage steht ja offen, ob wir nicht dmch Erstrebung und Erlangung eines anderen. Territoriums wirklich einen Schritt näher nach Palästina getan haben. Bekanntlich sind wir jetzt in der Hölle, im Golus. Sollen wir denn ans einmal ins Paradies, in unserer Ahnen Land, kommen ,unb nicht, wie jeder Sünder, erst das Stadium des Fegefeuers durchwachen!? Tie alten Juden haben auch nicht auf einmal das gelobte Land erlangt, vorerst mußten sie mit der Wüste vorlieb nehmen. Heute könnten aber die Inden, wenn sie wollten, etwas Besseres als eine Wüste bckonnn-en. Die hochherzige englische Regierung wiedchhM und dehnt ihr Änerbietenj jaus. Kein Wanderleben würden die Juden führen, fest angesiedclt und geschützt würden sie leben, aufatmen- und wirken können. Dann werden sie aber an Zion; vergessen, hält man uns vor. O, wie wenig kennen die unser Volk, die ihm solches zumuten und seinem! Ideale so wenig Kraft und Dauer zutrauen, als wäre es ein Ideal von. gestern- und ohegestern. Und selbst wenn, die irgendwo angesiedelten Inden an; Zion vergäßen, würde es nicht in der weiten Welt noch Inden geben, die von! ZivU! träumen, nach Zion streben würden'? Werden beim, die Zionistenso schnell und gründlich aussterben mitsamt ihren, Ideen, Hoffnungen, Plänen, Er- ,folgen und Einrichtungen? Ich. glaube nicht daran, denn ich glaube an mein Volk und än seinen ewigen, mächtigen Willen-. Man hielt den Ugandisten auch vor, daß die Zionisten über Uganda Palästina vernachlässigen und ihre Kräfte zersplittern könnten. Darauf wäre zu eiwidern: Mit den- Aufgaben' wachsen die Kräfte. Unsere Fähigkeiten dehnen sich aus, je mehr Anforderungen an sie gestellt werden. Aber ich hoffe, daß jetzt sich endlich auch unsere großen Wohlfahrtsanftallen und Geldresewoirs anfraffen werden, um den; werktätigen und nicht engherzigen! Zionisten in der Arbeit beiznstehcn. Nichts sehnlicher wünsche ich, als daß Zangwill jetzt nicht verlassen dastünde. treten und dem! Ziel nur Airerkennung der jüdischen Nation schneller zuführen. Jede r I u d e a b e r l c r n e a l s so lch e r s i ch s e l b st zus ch ätzen! Die gefundene Handschrift. Eine wahre Geschichte von Oskar T. S ch w e r i n e r. XV. Bald darauf wurden Rachel und der Patrizier in das- Gewölbe gebracht. Diesmal tvurde die Fackel nicht hochgehalten. Alles war finster und ruhi-g. Die Gefangenen hörten das Rasseln eiserner Ketten, dann, von vielen Handelt gepackt, tvu'rden sie vorwärts geschoben. Erst Moreas, dann Rachel. Stumm sahen die beidensich mnin dem halbdunklen Mftg nnd daun stieß Rachel eilten Schrei der Augst ans. Ihnen, gegenüber in der Ecke stand das fürchterliche Untier. Mit seinen Händen inu klammerte es die eisernen Stäbe und blickte dem Sklaven trach tnit einem Haß, der schier unmenschlich schien. Damr ließ es sich aus Händen, lmd Füßen nieder, starrte die Neu angekommenen an und ging ganz langsam ans sie zu. Moreas stellte sich vor Rachel hin, um sie so viel tvie möglich zuschützen. Als aber das Untier so langsam auf ihn znkam, da war er überzeugt, daß seine Todesstunde gekommen. Er bedeckte die Augen mit der Hand und er"

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