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Jüdisches Volksblatt · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volkebl&tt Nr. 45 lat der Freiheit, für das jeder ehrlpiche MenM in einem Lande mit normalen Zusiiändeneintreten muß, das aber in unserem Oesterreich aller Wahrscheinlichkeit nach die Stärkung jener politischen Gilde herbeiführen! würde, zu der auch Ernst Schneider gehört und die in dev Ausrottung der Juden das Heil des Reiches erblickt. Es wird nicht nur noch viel Wasser die Donau hinab-, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch viel Blut — und dazu auch lcider viel Judenblut — in den Straßen; Wiens und anderer Städte fließen, ehe diese freiheitliche Forderung in; Erfüllung geht. In Ungarn ist die Situat.on sehr zugespitzt. Kleine Straßenkämpfe haben bereits stattgefunden. Das Blut, das bei diesen Zusammenstößen geflossen, entströmte den verwundeten Körpcrn von Juden,!die den Hauptteil dev radikalen Freiheitsstürmer auf beiden Seiten bilden. Wenn nicht bald Ordnung eintritt — und hierzu ist wenig Aussicht vorhanden' — so werden wir in Ungarn Kämpfe erleben, die den russischen nicht sehr nachstehen werden. Und wer hier das Blutbad ausgießen wird, läßt sich leicht erraten, wenn man "bedenkt, daß die „patriotische" Koalitionsprefse bereits darauf hinweist, daß die „verräterische" Regierung ausschließlich von den „Jakoben" (darunter sind die jüdischen Führer der Sozialdemokratie gemeint) und von den jüdischen Freimaurern gestützt wird. Das schreibt die KossuthPresse, von den anderen parteimäßig judenfeindlichen Blättern garnicht zri reden. Und auch; hier floß und wird noch! fließen Judenblut für eine Sache, die an und für "sich gerecht wäre, wenn die Menschen, denen sie zugute kommen soll, in Juden fra gen g;erecht sein könnten . . . Bon den Strömen Judenblutes, die an der Grenze emiopäischer Zivilisation, in Galizien, jahraus jahrein vergossen, werden, ohne daß die sonst geschwätzige Tagcschronik von ihr auch, mir Kenntnis nehmen würde, sei hier nur Erwähnung. getan. Galizien ist eine Welt für sich, Juden; und Nichtjuden daselbst je eine eigene Rasse, die uns noch viel zu schaffen geben werden. Warum ich das alles niederschreibe?! Weil ich den Eindruck nicht loswerden kann, den eine kleine Nachricht aus den jüngsten Tagen auf mich gemacht hat: In den meisten jüdischen Gemeinden Mährens gab es am letzten Versöhnungsiage entweder gar kein,en oder nur schwach besuchten' und gekürzten öfstntlichen Gottesdienst, weil man tschechische Ausschreitungen gegen Juden befürchtete. Die Juden blieben in ihren Wohnungen! verborgen. Dieser Erscheinung liegt ein tieftrauriger Sinn; zugrunde. Wenn es gilt, der „Menschheit" Rechte zu erkämpfen, von denen jedem, nur uns selbst nicht Borieile erwachsen, da ist Judenblut Mig tote Wasser, da gebenwir es hin, heldenmütig und ohne Zeichen einer Wimper. Wenn es sich aber um uns selbst handelt, um unsere Religion, unsere w.rtfchastliche Existenz, unsere Stellung als gleichberechtigte Bürger, da hat es den Anschein, als würden wir uns fürchten-, einen Tropfen Blut aufs Spiel zu setzen, um es für Fremde aufzusparen. Ta. -verteidigen wir uns mit dev Feder, mit welcher wir unsere alleruntertänigsten Petitionen fchvciben, oder mit unserem bitter erworbenen Gelde, mit dem wir uns die Gunst irgend eines Hochmögenden erkaufen, oder endlich mit dem Verrat an unserem Volkstum, indem. wir Renegaten werden. Deshalb können, wir nicht gedeihen und deshalb müssen und werden wir — wenn wir nicht bald umkehren — zugrunde gehen. Juden, seid sparsam mit eurem Blute! Ihr könnt es leicht für euch selbst brauchen! WWmBIMBBWBWI Rußland. Hilfsaktion der „Israelitischen Allianz" für die Opfer der Massakers in Rußland. Die der „Israelitischen Allianz" zugegangenen zahlreichen Prioatmeldungen, telegraphische und briefliche Darstellungen über die furchtbaren, namentlich im Süden Rußlands^ verübten Greuel, bestätigen leider in vollem Umfange die durch die Tagesblätter bekannt gewordenen Einzelheiten sowohl über die Massenmorde, die unter vollkommener Duldung und teilweise sogar unter Mithilfe der Polizei und des Militärs verübt wurden, wie über die unerhörten Dimensionen, der Verwüstungen und Plünderungen. Die Not ist eine unsägliche. In einer sofort berufenen Sitzung des Ausschusses wurde beschlossen, einen Aufruf zugunsten der Opfer der Exzesse in den Tagesblältern zu veröffentlichen, und zur Linderung der momentanen Not unverzüglich aus den Mitteln der „Allianz" einen namhaften Betrag flüssig zu machen. Es muß mit Bestimmtheit erwartet werden, daß sämtliche Filialen der „Allianz" sowie sämtliche Kultusgemeinden und Vereine in Oesterreich wetteifern «erden, im Bestreben, unseren so schwer geprüften Glaubensgenossen i« Zarenreiche durch eine wirksame Förderung der von der „Allianz" eiugelesteten Hilfsaktion ihre Sympathien und ihre warme Teilnahme kundzugeben. Eine Aeußerung Wittes über die Judenhetzen. London, 7. November. Graf Witte hat dem New Iorker Bankier Herrn. Jakob Schiff folgende Depesche geschickt: „Die russische Regierung steht entsetzt vor diesen Ausschreitungen. Sie wissen, daß ich Abhandlungen las, in bemn er den- Geist d,es jüdischen Gesetzes mit viel feinerem Verständnis darleate als die meisten, Iberen wissenschaftlicher Beruf es ist,, in diesem Gesetze zu forschen. Denn obwohl er aller,einseitigen Büchevw.isheit abholdwar, konnte er sich doch in die Wissenschaft vertiefen, und soweit jüdisches Wissen in deutscher, französischer, holländischer oder englischer, Sprache zugänglich war, hatte er sich den Zugang zu ihr verschafft und mit einem merkwürdiaeu Instinkte stets das Wesentliche herausgefunden' und das Nebensächliche beiseite gelassen. Dieser wissenschaftliche Instinkt war es auch, der ihn auf einem Gebiete leitete, wo er eigentlich Laie war. Er ist juristisch forschend audem Prozeß Jesu hevcmgetretcn, der ihn vom Standpunkte des JudenimnA aus interessierte und war dabei allmählich zu historisch und philologisch außerordentlich interessanten und höchst wertvollen Resultaten gelangt, obwohl er in seiner übergroßen Bescheidenheit dieser Arbeit, die hohen wissenschaftlichen- Wert hat, die Form populärer Aufsätze verlieh. Dabei konnte er, wie sein Buch über Chamberlain, seine kleine Schrift über Treitschke, seine Theorie des Wertes beweisen, die exakte wissenschaftliche Forschung mit einem wunderbaren Stil verbinden, in dem er, der feine Stilpsychologe, ein unübertroffener Meister war. Anschaulichkeit und Klarheit war das Charakteristischeste seines Stiles und seiner Persönlichkeit. Das Mystische wa>v und blieb ihm fremd. Deshalb; war er, der feine Kenner und Liebhaber dev Musik, der mit Andacht einem Negerkapelle zuhörenkonnte, ein- Gegner jenes verschwommenen; Mystizismus, der aus Wagners Schule hervorgin>g und; bei Chamberlain endet, der die Tatsachen seinem leeren Mystizismus anzupassen! sich bemüht. Dr. Cvhu war ein Gegner aller Verschwommenheit und deshalb vertrat er mit unerschrockenem Mute dm jüdischen Standpunkt ehrlicher Gerechtigkeit gegenüber jener allgemeinen! Liebe, die nur dazu angetan zu sein! scheint, der Rücksichtslosigkeit Tür und Tor offen-zuhalten-. Mit bewundernswürdigem; Feinblick für die Schönheit und stille Größe des altmosaischen Ktilturbaues vertrat er die soziale Gerechtigkeit -des Alten Testamentes gegenüber der entsagenden Liebe des Neuen, die nur zu; oft Heuchelei zeitigen, muß. Wie gewissenhaft er arbeitete, möge' man daran ersehen, daß -er oft sich vor großen Arbeiten; nicht scheute, um; festzustellen, -ob -er eine von ibm in Aussicht genommene Behauptung wisfcnsck'gftlich -rech;! fertigen! könnte. So hat -er einmal, umfestzustell-en, ob seine Anschauung auf Tatsachen beruhe, wonach idle bildenden Küniste familienweise sich vererben, ganze Bände von Künstlerl-exiken statistisch durchgearbei-tct, ehe er zriließ, daß dieser Satz seines Manuskriptes! als druckreif angesehen, werden, durfte. In diesem Sinne hat er, it-m, sich ein genaueres Bild von der Jerusalemer Bevölkerung zu verschaffen, während seiner Reise im heiligen, mit solchen, wilden Ausbrüchen nicht sympathisiere. Alles, was ich tun; kann, um die Um ordnu-ng zu inhibieren-, ist geschehen, aber das Land ist in so ungeordneten- Verhältnissen, daß die Ovtsbehördenoft machtlos dastehen." Aufruf zur Sammlung eines Unterstütznngsfonds. London, 7. November. Im Hause des Lord Noth-schild wurde nachmittags eine Versammlung der führenden Juden abgehalten undbeschlossen, daß das russischffjüdische Komitee einen Aufruf zur'Sammlung einies- Untierstützungsfonds für die den Verfolgungen in Rußland zum- Opfer gefallenen. Juden erlassen soll. Eine Demonstration amerikanischer Juden. London, 7. November. Aus New Jork wird berichtet: Eine Massenversammlung jüdischer Bewohner New Jorks beschloß, eine Deputation zu Noosevelt nach Washington; zu, senden und vor dem! Weißen Hause einen, demonstrativen Aufzug zu veranstalten, um Roosevelt zu einer formellen; Intervention zugunsten der -bedrohten Juden Rußlands zu bewegen-. Die gesamte jüdische Bevölkerung -der Vereinigten Staaten wird aufgefordert werden, am Tage der Demonstrationdie Arbeit einznstellcn und einen Beitrag zugunsten der Witwen und Waisenbec massakrierten Juden beizusteuern. Ein Protestkomitee in Frankreich. Paris, 7. November. Vom. Vorstände dev Liga der Menschenrechte -erhält Ihr Korrespom dent folgende Mitteilung zur Veröffentlichung: Der Vorstand der „Ligue des droitsde l'homme" hat gestern, 6. November, die Abordnung des K;omitees empfangen, welches sich gebildet hat, um. gegen -die Niederm.etzelung der Juden und Revolutionäre in- Rußland zu protestieren. Diese Abordnung hat dem Vorstand der Liga folgendes' Dokument übergeben: „In Anbetracht, der schweren Ereignisse, deren Schauplatz im Augenblicke Rußland ist, wo die Agenten, der sterbenid-en Autokratie eine Schlächterei ohnegleichen^ in der Geschichte veranlaßt haben, bei welcher Revolutionäre und Juden hingemordet werden, während Europa-diese Greuel^^efchchÄ"-laßt, hat sich in Paris ein Protestkomitee gegen die Miässakriernng der Revolutionäre und Inden -gebildet. In der ersten, Sitzungdieses- Komitees wurde beschlossen-, an alle demokratischen Vereinigung.cn Frankreichs folgenden Appell zurichten : „Imrussischen, Kaiserreichenimmt das große nationale Drama, welches sich seit bald zwei Jahren; abspielt, in diesem Augenblick -eine tragische Wendung. Menschliches Blut fließt in Strömen, ganze Städte sind verwüstet, der Bürgerkrieg, von d-em; ind>e!r Aga nie liegenden Zarismus bervorgerufen, wirdzu einer Be- Lande eine jüdische Sterbestatistik veranlaßt und auf seine Kosten Herstellen lassen. Durch die Judenfrage zur Beschäftigung mit dev Kvimlnalstatistik geführt, war er der erste, dcr auf die ausschlaggebende Bedeutung der Berufsstatistik für die Statistik der Verbrechen hinwies. Ueberhaupt fiitlb-en sich in allen seinen Arbeiten glänzende Bemerkungen, allgemeine Betrachtungeir' mit ganz neuen Schlaglichtern, die grell die Paradoxe der Erscheinungswelt beleuchten. In fernen' geistreichen Bemerkungen, die er in Wort und Schrift gelegentlich hinwarf, finden, sich ganz neue -Gedankenreihen, deren Ausführungvon hohem wissenschaftlichen Interesse sein wird. Von. ihm; ging viel geistige Anregung aus und; wer das Glück haste, dauernd in feiner, Nähe zuweilen, konnte sich -ari-f die Darier d-en; Anregungen, alle-M't-ri nicht entziehen-, die von ihm ausgingen. & Seines Wesens Kern, war aber seine angeborene Liebe pi seinem Volkstum. Sein Judenstolz führte ihn unter die Vorkämpfer seines Volkes. Und er, dev oft so- -stolz, für "sich; selbst zubescheiden war, hatte auch, einen hohen Mut. Ich erinnere mich da, daß er einmal von einer seiner Reisen in England zurückkain und atif einem Postamt in. Belgien zufällig -einem Streite mit beiwohnte, wo ein- Jude in seiner Eigenschaft als Jrilde beleidigtwtirde. Er hatte keinen Augenblick Bedenken, für die beleidigte Ehre seines Volkes einzu-tret-en und war bereit, obwohl -er -ein grundsätzlicher Gegner des Zweikampfes war, auf dem Wege sich, Ge- Chol Watohbar! #a»serdleh'! ■•mahlosl Pollenz echte Reform -Schweissblätter

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