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Jüdisches Volksblatt · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Altösterreich liegt am Sterbebett tmb mit ihm alle die alt- und antiösterreichischen Coterien, die ein unmögliches Oesterreich aufgebaut auf den Vorrechten einzelner Nationen, Konfessionen und Klassen in Cis- und Transleithanien crftreBteit oder aus dem naturgemäßen Widerstande aller national und sozial Unterdrückten gegen diese Staatsidee die Berechtigung, respektive Möglichkeit ihrer pangermanistischen, panslawistischen und magyarischseperatistifchen Hirngespinste und antiösterreichischen Utopien folgerten. Wir stehen an der Schwelle zwischen Alt- und Ncnösterreich. Alles ist im Werdern im Entstehen, respektive im Vergehen auf beiden Seiten der Leitha begriffen. Der chauvinistische. Wahnsinn, der krankhafte nationale Parorismus irr allen gemischtsprachigen Gebieten der Monarchie hat den Höhepunkt erreicht, er mün-! det, tvie gewöhnlich in der Vergangenheir. so 1 auch in der Gegenwart in den Antisemitismus.! * j Besonders sichtbar ist dies in Mähren. Weil das nationale Demagogentum für die Breiten Schichten des deutschen und tschechischen Volkes! in den letzten Jahreir wieder nichts in wirti schaftlicher Hinsicht geleistet hat, weil die „DD : tigkeit" im Wiener Abgeordnetenhause gleich i unfruchtbar war, wie in den Landstuben, wird ] nun unmittelbar vor beu Wahlen zu beut bej währteir Mittel der Aufstachelmrg des tollsten i nationalen Fanatismus gegriffen, werden; deutsche urrd tschechische sogenannte „Botks"- - tage veranstaltet, werden Deutsche, Tsebecheir! und Juden gegeneinander gehetzt, die Herzen j der Volksmassen vergiftet, die Geister gebleni det und gegeneinander entflammt, damit j sic von ihrer w i r t s ch a s t l i ch e n Net abj gelenkt werden, damit sie nicht erkennen, daß \ sie von den bisherigen „Volks"-Verlretern bej logen unb betrogen und für die engherzigstur j Sonderinte ressen dar einzelnen- Parlamente rischen Koterieir mißbraucht lverden. G li dies für Deutsche und Tschechen, wie für alle Völker des Habsbnrgerreiches im allgemein, n, dann trifft es bei den Jude n besonders zu. j Ans wessen Rücken werden die natiorralen! Kämpfe in Mähren ausgejochten? Auf! Kosten der I n d e n! Weil einzelne j Juden verblendet genug sind, als lächerliche! Staffage sogenannten „Volks"-Tagen sanati-! scher Hetzer zrr dienen, soll es die Gesamtheit der Juden! Mährens oder Böhmens büßen? Scharr! haben in Austerlitz Judenexzesse stattgesnnden. in anderen Orten hat man vorläufig mit solchen bloß g e droh t, und in wieder airdererr Orten s ü r chtet man selbe. Pflicht wahrer Volksvertreter wäre es, statt die chauvinist.sche und antisemitische Glut der Massen zu entfachen, auf die Verständigung der Deutschen, Tschechen und Juden hinzuwirken. Da dies aber von dieser Seile nicht gesch eht, so rnüssen die Inden in den gemischtsprachigen Ländern sichauf eigene Füße stellen. Vor allem müssen überall und derzeit ganz besonders in M ähren V e x s a m m - langen abgehalten werden, zum Zwecke der A u f k l ä r u n g und O r g a n i s i e - r u n g der Juden, die Ziele einer den jeBiejen . Verhältnissen angepaßten jüdischen Volkspolliik müssen in Fleisch und Blut der Massen übergehen. Wir wollen 1. beit Frieden und die Gleichberechtigung für tt n s, wie für a l l e! Völker beid e r Reichshälften auf Grundläge der n a t i o n a l e n Auto n o ur i e 2. erstreben» wir das allgemeine gleiche und : direkte Wahlrecht für alle Vertretungskörper; des Reiches; aber mit Proportional- . system (zum Schutze aller Minoritäten und : speziell der nationalen Minderheiten'). - 3. wallen wir ein einiges, ungeteiltes j O e st e r r e i ch, einen modernen Kultrrr- und; W i r t s äy afts staat, der seine großzügige i soziale Mission verfolgt.! In diesenr Zeichen jvollen wir kämpfen, in i diesem werben wir siegen. H. K.! Feuilleton. Glossen zu den jüngsten Indentnnfcn. (Israelitische Reunion in der Botivkirche. — „Der jüdische Student". — Wie die Jndenpresse jndenrein gemacht wird. — Herr k. k. Negierungsrat Löbl. — Wie die jüdische Dierrstmqgd zrr einer jüdischen „Herrschaft" kommt.) Herr Oberrabbiner Dr. Moriz G ü d e - mann, muß vorigert Dannerstag vormittags ein schmerzhaftes Gefühl des Neides gegen seinen katholischen Berufskollegen von der V o t i v k i r ch e crrtpfnnden haben. Die eben verflosseit.cn hohen unb höchsten Feiertage haben in koinein jüdischen Tenrpel so viele Juden zrr vereinigen vermocht, als am genannten Donnerstag vormittags in der Votivkirche beisammen waren. Der Anlaß hierzu war allerdings auch ein außerordentlicher. Ein Judeirrnädchen, wurde zrr einer echten, urrversälschten Baronin« llmgetaust. Und was für Jndemnädchen! Die Tochter eirres anerkannten, beruh irrten Publizisten, eines Mannes, der es sich rrchig gefallerr ließ, im Ruf^ eines „guten" Jtl'den zustehen, dessen satirisch-sarkastische Gedichte stets den Aufputz gut jüdischer Jahrbücher bildeten, rnit einem Worte, eines Mannes, auf den die zionistische Jugend sogar stolz Uhu'. Wer erinnert sich nicht an das heicrliche, tiestrarmge Gedicht „Der jüdische Student" von Jllkirls Baue r, das, wenn wir nicht irren, zuerst^ in einern Jahrbuche der „Jüdischen! Lese und Redehalle" erschienen ist unb dann den Siegeszug durch die gesamte jüdischa Presse irrachte?! Oder lvelcher Jude hat nicht Julius Bauer zngejubelt, als sein vort jüdischent Schinerz und jüdischenr Zorn diktiertes Gedicht „An Carmen« Sylva" erschierr, zu eincv Zeit, wo die große Judenflucht aus Rmnänierr urrser Herz erschütterle?! XInb dieser selbe Julius B nun hat sein einziges Kind, seine einzige Tochter — also nicht um eirrerr Sohni handelt es sich, denr eine Karriere gesichert lverden sollte — zur Tarife geführt, und tout Israel, das irgendwie zur „Gesellschaft" gezählt lverdeir will, assistierte entweder persörrlich oder durch eine schriftliche Gratulation. Das ist tief traurig! Auch Knltusvorstehar taten mit urrd viele andere, die sowohl vorr der antisemitischen! wie von der liberalen Presse als „anwesend" verzeichnet wrirden! Es ist schlecht rrm uns bestellt! Die Gefühlsjrrden sind rurverläßlich, die jüdischen Allrmnscherr besinnen sich eines schönen Tages, der Welt den Belveis erbringen! zrr müsserr, daß sie auch Nichtjuden sein können, und jüdische Knltrtvjnden — das ist kein Pleonasrnus — sind so gering an Zahl, daß sie uns über die Zrikrnrft des Judentums kamrt zu trösten vermögen .... Ich konnte, als ich von dem Falle Bauer hörte, eine Vision nicht loswerden. Wähverrd dev Taufakt vollzogen wurde, fitzt Julius Bauer zu Hause an feinem Arbeitstisch und lieft s e i n Gedicht „Der jüdische Student". Im Geiste lebt er seine ganze, trübe jüdische Jugend lvieder und jede Strophe entlockt dem glücklichen- Vater eilt Meer von Tränen, das er seiner Jugend, seiner Vergangenheit nachweint . . . Und ich sage auch, das m u ß so getvesen sein, wenn nicht alles, was Julius Bauer bisher über jüdische Geschichte und jüdisches Leid geschrieben und gesprochen hat, nicht nur deshalb soll geschrieben und gesprochenworden sein, weil es ihm — Spaß machte .... Int übrigen sei hier das unverbürgte Gerücht verzeichnet, daß Herr Baron Rinaldini denrnächst seine Staats stellung aufgcben und in den Diertst des Hauses Rothschild treten soll. Das gehört aber in ein anderes Kapitel . . . Da war der Bertrfskollege des Herrrr Julius B a u e r, der Redakteur Maximilian F o g e s, doch konsequenter. Er ließ nicht nur seine Kinder taufen, sondern taufte — um den Zwiespalt in der Familie zu vermeiden — gleich, sich selbst und seine Fmu Gemahlin nrit. Herr Foges ist Mitarbeiter einer ganzen Anzahl von jud>mliberalen! Blättern, die auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege sich allmählich ihrer „jüdischen" Mitarbeiter entledigen. * Eine „Zierde" unserer jüngsten Taufliste sind auch der in der k. k. P r e ß l e i t u u g angestellte k. k. Regierungsrat Heinrich Löh-

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