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Jüdisches Volksblatt · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 vollständig verloren sind, wenn nicht rechtzeitig eins entschlossen», mutige Hand in ihr Schicksal eingreist, die sie entweder mit einem Ruck in den Abgrund, an dessen Rande sie stehen, hineinstößt, um dem traurigen Schauspiele einer systematischen, langsamen Selbsttötung ein jähes Ende zu bereiten, oder sie zurücksührt zu sich selbst, zur Arbeit für sich und ihr Werk. . . ES muß wahrhaftig namenlose Angst oder unheilbare Blindheit gewesen sei», die einen jüdischen Kunsthändler namens Martin S o ly m o s s i dazu verleitete, die weiter unten folgende Eingabe an den Vor st and der Budapest er Kultusgemeinde zu richten, denn sie ist zu burlesk, um nichts anderes als ein schlechter Witz sein zu wollen und die Zeiten sind zu ernst, Herr S o l y m o s s i als Unabhängigkeitsagitator zu chauvinistisch, um ihm die Absicht zuzumutsn, schlechte Witze zu reißen. Die famose Eingabe, die von der Presse der koalierten Parteien mit viel Behagen abgedruckt, vom größten Teile der sogenannten deutschen ^Judenblättern" aber totgeschwiegen wurde, lautet in deutscher Uebersetzung folgendermaßen: „An den löblichen Vorstand der israelitischen Kultus gemeinde in Budapest. Unterfertigter benütze jenes erhebende, edle Gefühl, das jeden ehrenhaften gesetzestreuen Juden beim Herannahen der heiligen Feiertage ergreift, und wende mich an das löbliche Präsidium der Büdapester Kultusgemeinde mit der ergebenen Bitte, daß sie in diesen kritischen Tagen, da die Verfassung dieses Landes, das uns Rechte, Heimat und Schutz gesichert hat, in Gefahr schwebt, gegenüber jedem ihrer Mitglieder die Gesetze M o s i s in Anwendung bringen möge. Im Sänne der Gesetze Mösis ist nämlich jeder „Verräter" und „moralisch Unreine" aus der Gemeinschaft zu entfernen. Aus Grund dieses Gesetzes bitte ich um die E x k v m m u n i z i er u n g der Herren Dr. Adolf G o l d n c r, Jakob W e l t n e r, Jakob I s r a e l - K a r d o s, Emannel B u ch i n g e r und mehrerer anderer jüdischer Parteiführer der internationalen sozialdemokratischen Partes aus der heiligen Gemeinschaft, der jüdischeu Kultusgemeinde. Kein einziger glaubcnstreuer Jude kann es in Abrede stellen, daß, wer mit den Feinden der Nation gemeinsame Sache macht, ein „Verräter" ist, und daß der Umsturz der Verfassung und der Gesetze desjenigen Landes, das uns Rechte einräumt, eine „moralische Unreinheit" bedeutet. Das Judentum, das unter der Tyrannei der römischen Kaiser so viel gelitten, das Judentum, das die Kultur der Menschheit mit so viel Märtyrern bereichert hat, kann unmöglich im Dienste der Tyrannei stehen. Es hieße aber, sich in den Dienst der Tyrannei stellen, wenn das Judentum rncht jedes moralische Band, das es an die obengenannten Herren knüpft, zerreißt. Im übrigen kann ich es ruhig behaupten, daß das Interesse der gesamten ungarischen Judenhoit es erfordert, daß diese Elemente aus der jüdischen Gemeinschaft verbannt werden. Mein Broterwerb zwingt mich, oft das ganze Land zu bereisen. Es liegt in der Natur meines Geschäftes, daß ich überall mit der Intelligenz in Berührung trete, und mit Schrecken mache ich in jüngster Zeit die Beobachtung, daß der Antis e m i t i s m u s i n solchen Gegenden und G e s e l l s ch a f t s k r e i s e n um sich greif t, wo e r b i s n u n g a r k e i n e n Boden hatte. Die Quelle dieses erschrecklichen, Umsichgreifens des Antisemitismus ist nicht in den örtlichen Verhältnissen, noch in der Agitation der klerikalen Presse oder in dem Hange zu konfessionellem Hasse, sondern einzig und allein in dem politischen Treiben des Jakob Weltner und Genossen, in dem für das ganze Land gefährlichen Aufblühen ihrere politischen Geschäfte zu suchen, indem das Treiben des Jakob Weltner und seiner Genossen dem Gesamtjudent'um aufs Kerbholz geschrieben wird. Die Welt ist der Ansicht — und die klerikale Presse unterstützt diese Ansicht — daß auch das Judentum als Religion an der Leugnung des Vaterlandes einen Anteil habe. Ich, der ich meinen Stamm s!) mit allen seinen Tugenden und Fehlern genau kenne, wage es zu behaupten, daß heute auch der religiöseste Jude sich stolz und vom Herzen als Ungar bekennt (!) und vom Herzen mit dem Dichter singt: Nirgends auf der großen Welt Ist, wie hier, ein Platz für dich, Mög segnen oder schlagen dich des Schicksals Hand, Hier mußt leben du und sterben auch!! Gebe es der Gott der Magyaren, daß wir die gegenwärtige Krisis ans friedlichem Wege, mit gesetzlichen und friedlichen Mittel:: lösen tonnen. Sollte es aber im Buche des Schicksals geschrieben stehen, daß wir das Erbe Arpads, St. Stefans, St. Ladislaus', Ludwigs des Großen, Matthias Crovinns, Rakoczys, Bveskays, Bethlens und Kossnths mit unserem Leben und unserem Blute verteidigen müßten, so roird das Vaterland ans uns, als ihre treuen und verläßlichen Söhne rechnen können. Das ist mein Glaube, rneine Ueberzeugüng, die jeder ehrliche ungarische Jude mit mir teilt. Im Namen meiner vielen hnndert- Jüdisches Volksblatt Nr. 40 tausend jüdischen - Glanbensbriider, die an den: Vaterlande und der alten Verfassung sesthalten, bitte ich daher das löbliche Präsidium, es möge die angeführten und nicht angeführten internatiogalen Herren um so eher aus der jüdischen Gemeinschaft entfernen, als die Gefahr besteht, daß sic mit ihren, Gott, Nation und Vaterland leugnenden teuflischen Anschauungen ganz Israel infizieren könnten. Mit patriotischem Gruß und in glaubensbrüderlicher Liebe Martin Solymossi, Kunsthändler." Es wäre Zeitverschwendung, wollte man sich mit Herrn Solymossi in eine politische Debatte einlassen, oder ihn daran erinnern, daß es einem solchen glühenden Kossuthianer, wie es Herr Solymossi ist, schlecht ansteht, eine mittelalterliche Intoleranz an den Tag zu legen. Für uns ist nur das eine richtig, daß endlich einmal auch von dieser Seite offen eingestanden wird, daß der Antisemitismus in Ungarn trotz der Herrschaft des Liberalismus (Koffuth ist ja auch liberal) inerschrecklicherWeise zunimmt. Daß auch das Verhalten der Juden in der Sozialdemokratie mit schuld daran ist, soll ja unumwunden zugegeben werden, aber nicht minder, wenn nicht mehr Schuld haben jene chauvinistisch-magyarischen Juden, die durch die Outrierung des Chauvinismus den Judenhaß unter den verschiedenen Nationalitäten zeugten und ihn noch fortwährend nähren. I o ch a n a u. erfreut. Ist es dann erstaunlich, baß die ungefähr zweihnnderttanseiid Juden Italiens sich in der neuuuttddreißtg Millionen Seelen betragenden Bevölkerung so sehr hevvorzutun verstanden? Trotz der Kämpfe, die sie einst mit dem Klerus uuö mit den Vorurteilen öes Volkes und selbst eines Teiles des Adels und öer Bürger zu bestehen hatten? und trotz des Neides der Kanfleute, die ihre Konkurrenz mit Recht fürchteten? Aber ihre Ausdauer, ihre Zähigkeit und auch ihre Vaterlandsliebe hoben sie bald in die Reihen der Ersten empor, die au der Gründung des neuen, einigen Königreiches mitgcarbeitet haben. Welch einen Kontrast bildet, verglichen mit öer Zeit, wo man die Juden üachts hinter die Gittertore des Ghetto sperrte, ihre Stellung in öer Gegenwart, wo sie ordenbedeckt bei Hofe erscheinen, und in der wir Italiener mit Stolz die Juden: Massarani, Ancona, Lombroso, Levi, Franchetti und den großen Tragöden Novelli zu den Unseren zählen, ganz besonders aber einen Luigi Luzzatti, unsere:: ebenso genialen als allgemein beliebten Finanzminister. Eingesendet. MArafMDUaA lAa Afa aIü Ja 2IC20C2C MäHrhpn aus besserem, religiösen Hause das iTIctULllCll gut kochen kann und in der Wirtschaft gut versiert ist, findet sofort guten und dauernden Postsn. Offerten zu richten an: Krausz Vilmos 6s iärsa Nyitra. Die Juden in Italien. Von Margnis B. di San Giorgio im Börsen- Courier. Nom, im September 1905. Jäkob Schiff, Isaak Seligmaun und Oskar Strauß, welche Witte, den Bevollmächtigsten Rußlands, in Portsmouth einen Besuch abstatteten, dürsten ihm schonungslos die Augen geöffnet haben über die Nachteile, welche seinem Vaterlande durch die Verfolgung der Juden erwachsen, die nicht nur die materiellen, sondern nuch die geistigen Mittel besitzen, durch eine in allen zivilisierten Ländern mit Teilnahme und Sympathie begleitete Propaganda gegen die ihren Glaubensgenossen zngesügte Schmach anzniämpfen. Mit einigem Interesse Hütte man an der Newa die Rapporte lesen sollen, welche der in Nom akkreditierte russische Gesandte über den Einfluß, den die Juden Italiens auf die geistige und ökonomische Entwicklung dieses Landes ausüben, seiner Negierung zugehen ließ. Und das nur, weil man in Italien, anstatt sie zu chikauieren und abzuschrecken, die Juden zu assimilieren trachtete und so ihren Fleiß, ihre Aktivität, ihre Intelligenz dem Lande nutzbar zu machen verstand. Diese Rapporte, welche anläßlich der geplanten Nomreise des Zaren nach St. Petersburg gesendet wurden, haben dargelegt, von welcher Bedeutung das Eingreifen der Inden, insbesondere in Nom und Florenz, ans das vehemente Empvrblühen Italiens gewesen: denn ans Dankbarkeit für die ihn: zuteil gewordene gifte Behandlung ist der dortige Jude mit Leib und Seele Italiener, der treue Landsmann der kunstliebenden, humanen, edetsinnigen Bevölkerung geworden. Der Antisemitismus ist heute in Italien etwas vollständig Unbekanntes. Geachtet, geschützt, und daher völlig ruhig kann der Jude sich dort seinen Studien und seinen Geschäften widmen und ist ein Element des Friedens der Ordnung, einer der Grundpfeiler der Industrie, des Handels und 'der Wissenschaft geworden. Man findet Inden ebensogut unter den Ratgebern der Krone, wie an der Spitze aller öffentlichen Aenfter. Kein Mensch wird in Italien nach feiner Religion gefragt, oder ob er etwa von den Aegyptern, den Assyrern, oder den Phöniziern abstammt. Im Lande eines Giordano Bruno, eines Tomaso Eampanella, eines Galileo Galilei, eines Pietro Gianvne und Giovanni Bvviv: im Lande der Ansklürnng, der Vernunft und der Freiheit, nennt man den Inden „Italiener" »nd überträgt ihn: alle Rechte und alle Pslichten eines Mitbürgers. Deshalb weiß er auch nötigenfalls, sei es als gemeiner Soldat, sei es als Offizier oder General, sich für sein Advptivvnterland Hinznvpfern. Sv sah man in de»: unglücklichen italienisch-afrikanischen Kriege einen Hguptinailll narnens Issel und andere jüdische Offiziere auf dem Schlachtfelde tämpien und fallen, nftt den: Löwenmnte der Tapferen, die an der Thermvpylen ihr Leben ließen. In den Bureaus der verschiedenen Ministerien, bei de» großen industriellen Ulfternehlnllngen, in den Schulen, in den Zeitungsredaktivnen, Gerichtshöfen finden wir in stattlicher Anzahl Inden als Richter, Professoren, Schriftsteller, Künstler nsw. Die Leitung der „Assoeiazivne della stampa" ldes Pressevereines) besteht größtenteils ans Juden, und auch der Großmeister der italienischen und südamerik'anischell Freimaurer nftt ihren nahezu 250 Logen war bis vor kurzer Zeit ein Jude, der Sohn der Lebensgefährtin Mazzinis, des großen Apostels der Unabhängigkeit Italiens. In einer der gröstten Städte Italiens ist ein Jude namens Atiatri der Direktor des Leihanftes, das einst gegründet wurde „per eombatte l'nsino degli Ebrei" (um den jüdischen Wucher zu bekämpfen), ein Mann, dessen glänzende Administration sich großer Atterkennnng Heinrich Neugebauer vormals Molnär gf' Optiker -Mz Wien, I. Schottengasse 8, Eckhaus Schottenring. Gegründet 1865. Reichhaltiges La^er in allerbester uud bewiihrtester Qualität von Brillen, Zwickern, Operngläsern, Feldstechern, Fernrohren, Thermometern, Reisszeugen und allen optischen Artikeln. i flttEFÜKfl! Cf^3 Abreise aus fiavre Jeden Samstag. Französische Linie Bequeme, rasche Fahrt, ausgezeichnete Verpflegung 1 samt Wein und Likör. Fahrkarten nach allen Stationen ' sämtlicher amerikanischer Bahnlinien zu Original-! preisen. Nähere Auskünfte erteilt gratis und franko h m FtWiZÖSISCfiE L*INIE " " ,|; Wien, SV. 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