Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdisches Volksblatt Nr. 39 saken, die auf das Geheul der Menge herbeieilten, begannen die Menge auseinanderzujagen und verhafteten die Anführer und Anstifter der Demonstration. Es wurden 79 Personen festigenommen. Als ich! auf Grund der Meldung des Polizeimeisters die Liste der Arretierten durchlas un>d den Grad ihres Versehens genau studierte, fand ich, daß die meisten sich gegen das am 17. März 1904 bezüglich der Einwohner von Kischenew erlassene Gesetz vergangen haben. Deshalb beschloß ich, über 72 Personen (lauter Juden) eine Gefängnisstrafe von drei Monaten, über 60 Personen (Juden und einige Christen) eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten zu verhängen. Achtzehn Picrsoncn, die das Kindesalt c r noch nicht ü b e r s ch ritt e n haben, wurden freigesprochen." Als Pendant zu diesem Urteil sei hier auch erwähnt, daß derselbe Gouverneur, laut Meldung des „Hazman", den Mörder der Lea Perlmann, Rosanzew, „wegen unbefugten Waffentragens" zu einer Polizeiarreststrafe von drei Monaten verurteilte. Das ist russische Justiz! Die Darstellung des sozialdemokratischen Komitees. Das Odessaer sozialdemokratische Komitee versendet folgenden Aufruf, der zugleich die erste zuverlässige Darstellung der Greueltaten enthält: Am 2. September abends erstachen die Hooligans eine alte Jüdin. Dies rief die Empörung der ganzen Bevölkerung hervor. Zwei Tage später sollte nach der Leichmsezierung die Beerdigung stattfinden. Tie Ueberführung der Leiche aus dem jüdischen Krankenhause war auf 12 Uhr mittags festgesetzt. Schon von morgens an begannen Hunderte, namentlich Arbeiter, zusammeuzuströmen. Das Volk versammelte sich im Hofe des jüdischen Krankenhauses und als gegen 700 Personen versammelt waren, begann daselbst ein Meeting. Es redeten sechs Personen, lauter Arbeiter. Man sprach jüdisch und russisch, da auch viele Arbeiter anwesend waren. Nach den Reden brach man mit dem Leichnam in der Richtung zum Friedhof auf. Polizei erschien nicht, obgleich im Hofe der gegenüber dem jüdischen Krankenhause gelegenen Monopolniederlage Dragoner, Fußsoldaten, eine Masse Polizei usw. bereit standen. Beim Verlassen des Hofes des Krankenhauses wurde eine rote Fahne mit der Aufschrift: „Nieder mit der Alleinherrschaft" auf der einen Seite und „Proletarier aller Länder vereinigt euch" auf der anderen emporgehalten. Die Prozession ging eine große Strecke friedlich weiter, als plötzlich von allen Seiten auf die Arbeiter Dragoner, Soldaten und Polizisten losstürzten. Es begann eine fürchterliche Schlächterei. Offenbar war hier ein Hinterhalt gelegt, da die Polizei urplötzlich sowohl von hinten als auch von den Seiten kam. Dragoner mit entblößten Säbeln sprengten auf die hinteren Reihen los. Es ertönten Schüsse, sowohl seitens der Kampfesorganisation der Arbeiter als seitens der Polizei (der Schutzleute und Rcvieraufseher). Das Militär schoß nicht, sondern arbeitete mit kaltem Gewehr. Verwirrung entstand. Man begann zu laufen. Man lief in die Gärten und Höfe, sprang über die Zäune. Die Polizei verfolgte die Flüchtenden und schoß auf sie. Ihr kamen zu Hilfe Moldauer, Einwohner der „Skuljanskaja Rogatka", wo sich die Vorgänge abspielten. Sie ließen die Arbeiter nicht flüchten und sie schossen sogar, auch hie und da. All dies dauerte etwa eine halbe Stunde. Dann wurde die Jagd auf die Entronnenen und sich Versteckenden bis zum Abend fortgesetzt. Im Resultat gab es eine Menge Verwundete. Hier sind die Zahlen, welche ich in den Krankenhäusern aufgestellt habe: Im Jüdischen .Krankenhause zählte man bettlägerige Verwundete 9 Personen, in ambulatorischer Behandlung gegen 30; im Scmstlvokrankenhause gab es 17 bettlägerige Verwundete, in ambulatorischer Behandlung gegen 30, zusammen also in beiden Krankenhäusern 26 bis 30, bezw. 60 behandelte Verwundete. Außerdem waren verschiedenen Personen an Ort und Stelle Verbände angelegt worden- und viele Verletzte gingen ohne weiteres nach Hause. Die Wunden sind fast durchlvegs durch Stiche rind Schnitte verursacht. Von Feuergeschossen getroffene Personen gibt es fast! gar nicht. Es sind viele Arbeiter, gegen 80 Personen, verhaftet. Mische Dienstmädchen. Unser Korcspondcnt I. B. aus Radomysl schreibt uns: „Vorige Woche weilte ich in Kiew und hatte da Gelegenheit, in einem Dienstvermütlungsbureau folgendes Gespräch zu vernehmen: „Und dann noch eins, Fräulein, sind Sie Jüdin?" „Jawohl, gnädige Frau!" „Ja, dann muß ich aber doch bedauern^ eine Jüdin möchte ich nicht gern engagieren." Und damit war die Unterredung mit dem stellungsuchenden! Fräulein erledigt. „Eine Jüdin möchte ich nicht engagieren." Und das sagte diese Frau, die doch selber Jüdin ist. Ja, was würde sie dann erst bei Christen erfahren-, wenn schon die Glaubensgenossen sich von ihr abwenden, ihr Judentum, ihre eigene Religion zum Vorwurfe machen! Und weshalb dieses Vorurteil, weshalb wies man sie nun schon zum drittenmal ab zu Gunsten einer Genossin, die noch nichts vor ihr voraus hatte als die andere Religion? — Sie war, wie man mir dann erzählte, aus guter Familie, hatte eine' gute Bildung, war bescheidne und fleißig, besaß also alle für den Dienst erforderlichen Eigenschaften. „Jüdinnen sind im? mer so anspruchsvoll", meinte eine andere Dame; sie sprach allerdings nicht aus eigener Erfahrung, teilte aber doch! diesen allgemeinen Glauben. So geht es vielen. Und Damen, die sonst gern ihr Judentum Hochhalten, denen kein Platz in der Synagoge für die Festtage zu teuer ist, macht es gar nichts aus, um dieses selben Judentums willen arme Mädchen in wenig edler Weise ihrer traurigen Lage zu überlassen. Tie öffentlichen Stellen sind ihnen mehr oder minder alle verschlossen., dev Lehrerinnenberuf selbst privatim erschwert; was sollen sie also anfangen, wenn sie sich zu der feigen Fahnenflucht des Umtaufens nicht entschließen können? Hier wäre für die Schützer und Förderer des Judentums ein Feld für ihre Tätigkeit. Sind es doch gerade jüdische Familien, die vielfach ein Fräulein für ihre Kinder ins Haus-nehmen und häufig schlimme Erfahrungen dabei machen. Mögen sie nicht länger der Jüdin die Aufnahme verweigern und so die Schmach auf sich laden, den Glauben ihrer Väter als schimpfliches Brandmal anzusehen! Geschästsnotsten. Ohne Arzt — keine Brille. Wer Brillen braucht, der Versäume nicht, hie weltstädtische Einrichtung des einzigen Spezialinstituts für Augengläser „Ocnlarium", Wien, 1. Bez., Annagasse Nr. 1, Mezzanin (Ecke der Kärntnerstraße), zu besichtigen, wo Brillenbedürftigen täglich von 9 bis 7 Uhr von Augenärzten die richtigen Gläser verordnet werden und Britten und Zwicker dort zugleich ohne Preiserhöhung von 1 fl. 60 kr. aufwärts zu haben sind. 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