Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.Seite 6 Jüdisches Vollcsblatt Nr. 37 ihrer ersten Generation als Abgeordnete, Bürgermeister usw. die Geschicke des Landes zu leiten berufen wurde«. In einer liberalen Kammer befand sich ein Abgeordneter aus Galatz, ein Herr SekiariS, der noch nicht einmal die rumänische Sprache erlernt hatte, und es sollen sehr viele angesehene rumänische Politiker, die, wenn nicht der rnmäuischen Sprache unkundig, doch es vorziehcn, unter sich und in ihren -Familien griechisch zu sprechen. Diesen Griechen wurde die Erwerbung der bürgerlichen Rechte dadurch erleichtert, dast sie — wie der hvchoffizivse „Eonservatorul" selbst konstatiert — ans Grund falscher Atteste alsKutzoivalachen sich ausgebeu und derart die Vorteile ausuüüeu, die ein Absatz der Verfassung den Rumänen, die nicht rumänische Staatsbürger sind, bei Ern'rrbuttg des Bürgerrechtes gewährt. Dieser selbe „Eonservatorul" findet jetzt sein Herz für die Juden wieder. Er hebt hervor, dast die Juden wohl ihre Fehler hätten, was ja niemand bestreitet, dast sic aber doch gute Patrioten seien, die im Lande bleiben und zur Vermehrung des Wohlstandes und des Fortschrittes desselben im Gegensätze zu den Griechen redlich ihr Teil beitragen. Ob danach zu erwarten ist, dast man den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen wird, ist fraglich. Ein Schritt zur Besserung erscheint aber gvtän und viele von den Antisemiten aller Nüancen im Lause der Jahre verbreitete Jrrtümer — sonderbarerweise sind hierzulande die eingewanderteu Griechen die eifrigsten Judenhetzer — sind jetzt von. der öffentlichen Meinung als Jrrtümer erkannt worden. Jüdische Professoren. Der „Vorwärts" schreibt über preußische Verhältnisse: „In Wirklichkeit jedoch wird ein Teil von Bewerbern, der mehr gute Beziehungen zu den Ordinarien als hervorragende wissenschaftliche Leistungen aufzuweisen hat, auch jetzt zur Dozentur zugelasseu werden und nur den aufstrebenden Außenseitern, die nicht vielleicht einem Korps angehörten oder gar Juden find, der Weg erschwert. Man glaubt und hört nämlich vielfach, daß durch diese neuen Bestimmungen den jüdischen Aerzten die Zulassung zur akademischen Lehrtätigkeit erschwert werden soll; es sollen in einem Teile der Ordinarien zu viele Juden unter den Privatdozenten fein — und wenn man die Verhältnisse an den hiesigen königlichen Instituten näher kennt, so wird man die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit einer solchen Auffassnng nicht von der Hand weisen können. Ganz abgesehen davon, daß kein Jude in den letzten Jahren ordentlicher Professor in Preußen gewordcu ist, findet man z. B. an den Berliner königlichen Kliniken und Institutionen nur vereinzelte jüdische Assistenten und diese wieder nur bei einzelnen Professoren, die wegen ihrer Vorurteilslosigkeit in dieser Beziehung ebenso bekannt wie selten find/' Ueber den „Bukowinaer Judenbund", gegen welchen die christlich-deutschen Blätter der Bukowina jetzt zu Felde ziehen, ist die „Buk. Post" in der Lage, mit aller Bestimmtheit zu erklären, daß in der Versammlung vom 21. August d. I. alle Redner der von Tr. Straucher angeregten Idee der einheitlichen Organisation der Bukowinaer Iudenschast rückhaltlos und mit aller Begeinernng zugestiinmt haben und das; der diesbezügliche Beschlus; von den versammelten 70 Delegierten einüiminig angenommen worden ist. Dieser Bukowinaer Judenbund hat feine aggressiven Tendenzen, ist wohlwollend nach allen Seiten, bezloeck't aber die einheitliche Organisation aller Juden dcr Bukowina, gleichwie Rumänen, Rnthenen, Polen nationale und politische Organisationen besitzen. Um ihren friedlichen Eharakter aller Welt darzntnn, wurde auch über Antrag des Vertranensmaltnes Josef Kaswan ans Radantz am 21. August d. I. folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die heute versammelten Vertreter des jüdischen Volkes -der Bukowina sprerheit die Notwendigkeit der Organisation auf nationaler Basis ans imb betonen ausdrücklich, das; sie stets freundschaftliche Beziehungen zu den anderen .Nationen des Landes unterhalten wollen imb aggressive Tendenzen gegen die Rechte derselben ihnen vollständig ferne liegen." Statistisches Allerlei aus Ungarn. Nach dem soeben zur Ausgabe gelangten Juniliest der Statistischen MonatS-Mitteilungen hat sich die BvlksöeiK'flintfl im Monat Juni in Ungarn solgendermasten gestaltet: Lebend geboren wurden 55 :j-tO Kinder, die Bäht der Todesfälle betrug 39 503, mithin beträgt öle Beoölkernngszunatzme 15 780 Seelen. Dieses Ergebnis ist bedeutend nngünstiger als jenes des Vorjahres, denn während es Heuer um 3(io Geburten weniger gab, betrug die Zahl der Todesfälle um 3000 mehr, der Ausfall beträgt mithin .MX) Seelen. Aehnlirh ungünstig sind die Ergebnisse der ersten fünf Monate des lausenden Jahres, indem sich gegen das Vorjahr ein Ausfall von 47 500 Seelen zeigt. — Die Eheste ist ik weist 12 734 Eheschliestttttgen ans, hiervon 1425 (11,2 Prozent) Mischehen. Vvn letzteren entfielen 42 auf christlich-jüdische. Von den gesamten Mischehen wurde in 343 Fällen (24,6 Prozent) eine Vereinbarung in bezug auf das Religionsbekenntnis der Kinder getroffen, in 140 Fällen zugunsten des Vaters, in 194 Fällen zugunsten der Mutter. Bei den 11 Vereinbarungen christlichjüdischer Ehen entfallen 9 aitf das christliche und 2 ans das jüdische Bekenntnis. — Die Paßstatistik zeigt 9348 Paßverabfolgungen ans gegen 15 976 im Monate Mai und 5276 im Juni v. I. Hiervon lauteten 5668 Pässe nach Amerika, 96t nach Rumänien und 318 nach Deutschland. Tatsächlich ansgewandert sind 6866 Personen, und zwar 3392 Männer, 1787 Frauen und 731 Kinder. Bon den Auswanderern gingen 4844 nach Amerika, hiervon 1566 über Fiume. Zurückgeivandert sind 223 Personen, hiervon 150 ans Amerika. Der Tenorist der Petersburger Oper, Winogradorv, hat für die nächste Wintersaisvn ein Engagement an die Moskauer Oper angenommen und den Kontrakt unterzeichnet. Da Winogradow jüdischer Konfession ist, «rußte er sich an den Moskauer Polizeiches mit dem Gesuche wenden, ihm zum „Antritte seines Engagements das Anfenthalisrecht in Moskau" zu bewilligen. Zn seiner größten Ueberraschnng wurde jedoch das Gesuch abschlägig beschieden. Der Sänger ist somit an die Moskauer Oper engagiert, darf aber nicht nach Moskau kommen. Er beabsichtigt nun, ein Gnadengesuch an den Zaren zu richten. Grabreden. An der Stätte des Todes ist die Seele empfänglich für das gesprochene Wort. Das Ohr horcht ans, es erwartet, etwas Ungewöhnliches, etwas Großes zu vernehmen — die Bahn zum Herzen ist frei für denliefen Gedanken, für eine erschütternde Wahrheit, für einen erhebenden Zuspruch; an der Stätte des Todes ist. die Seele aber auch empfindlich gegen den abgegriffenen Gemeinplatz, gegen Doppelsinn, Lüge, Gefühllosigkeit oder Schanstellerei — von der Grabrede soll hier gesprochen werden. Was ein jeder von uns so manches Mal empfunden hat, Nah- oder Fernibeieiligter, Gläubiger, Zweifler oder Ungläubiger: in der feierlichen Stunde, da wir den Leib eines Menschen begruben, hat uns das Wort des berufenen Dieners der Kirche nicht Genüge getan. Hinter dem Pathos einer hohen und schwungvollen Rede empfanden wir erkältend den Mangel innerer Wärme und Teilnahme — das Beziehungslose, Banale, geschäftsmäßig Nüchterne; oder wir schämten uns in der Seele des Verstorbenen vor dem gl eis; ne rischen Jdealb.lde, das von ihm entworfen wurde. Oft auch waren wir Wohl verletzt von einem anmaßenden und lieblosen Tütengerichte. Ohne Erhebung^ ohne Versöhnung, ohne Trost wendeten^ lvir gemeinhin den Schritt von den Gräbern ins Leben zurück. „Tont comme chez nons!" ist man nun verflicht, ansznrnfeil, liest man die Ansführum gen des „Nmen Sächsischen Kiuhtmblattes" über die Trostlosigkeit der Grabreden auf evangelischen Friedhöfen. Wir brauchen mir ctii die W i euer Verhällnisse, an manche mit viel Pathos und lrenig Wärme gehaltene Leichenreden unserer Rabbiner zu denken, um zu demselben Schlüsse zu gelangen, zu denen der Autor jener Ausführungen in der „Sächsischen Kirchenzeitung" gelaugtist: Rückhaltlos legt ein religiöser und feinfühliger Mahnrnfer in jenem Kirchen blatte die Gründe für »den nur allzu häufigen Mißerfolg der Grabsermone dar unb bezeichnet die Wege, auf denen ihm zu begegnen sei. Was er entschieden von ihr fordert, das ist lapidare Knappheit der Knnstform und Aufrichtigkeit des Inhaltes; sie sei frei von Kanzelton und hohlem Pathos; über Auswahl und Umfang des Persönlichen entscheide der Pastorale Takt; in ihrem attgemeiilen Teil enthalte! sie nur, „was in eigenem, innerem Erleben als Wahrheit und als Trost erkannt worden ist". Was aber gibt mail uns in diesem Betracht an den (Gräbern zu hörend Ein müder Greis ist zur Ruhe eingegangen „er durfte den Freudenkelch des Lebens bis zur Neige trmkenz der Herr hat's gut mit ihm gemeint". In der Fülle und Kliaft der Jahre ist ein Mann um seines Lebens Mittag vom Tod ereilt worden „der Herr hat's gut mit ihm gemeint; aus Glanz und Herrlichkeit ist er geschieden-, ohne des Alters drückende Beschwerde erfahren 31t haben". Im Movgeusrnhrot seines Daseins ein Kind — „ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen» in aller meiner Liebe". Alle diese Trostesworle sind nicht tendenziös am Schreibtisch erfunden, sondern sie sind erklungen, wenn auch nicht aus einem und demselben Priestermunde, in der Wirklichkeit des Friedhofes. Kein Be rnun stab schlich vermag sie zu Vereinigen. In welchem von den dreien wohnt nun die Wahrheit, in welchem ein Trost? Wie gesagt, ans den jüdischen Friedhöfen sind die Zustände! nicht besser. Mit mehr Geschäftssinn, als Innerlichkeit wird die Grabrede deklamiert. Bei uns liegt das Uebel noch tiefer als bei anderen Religionen, weil bei uns der Zusammenhang zwischenInden und Synagoge bei Lebzeiten schon so gelockert ist, daß die Leidtragenden, wenn nicht mit Mißtrauen, so doch sicherlich mit einer für die Synagoge und ihre Würdenträger gefährlichen Apathie den Worten des Predigers -zuhören. Geschästonottzen. Heilanstalt für Sprachkrauke. Herr Doktor Hnnv Steril ordiniert 9. Bez., Garnisongasse 4 (11—12 und 2—8’A) für St ott ent, Stammeln (lümmelhafte AnSspräche), Näseln, Hörintö Taubstummheit sonne andere Sprach- und Skim tust ö r int n c u. — Eigene Pension für auswärtige Patienten. Ren cs Kleideratelier. Unser Glaubensgenosse Herr Gustav .Kopetzky, Herrenschneider, Hat dieser Tage in Wien, 2. Bez., Zirkus gasse Nr. 20, neben dem türkischen Tempel, ein neues Kleideratelier eröffnet. Ta Herrn Kopetzky der Nus als ebenso tüchtiger wie gemissenhaster Fachmann voransgeht, können wir llm allen dcnjettigen unserer werten Leser, die zum Herbst und oor den Feiertagen ihren Bedarf an Kleidern decken wollen, aufs wärmste einpsehlen. Znr Schnlsaisvn. AnS Anlaß der dieser Tage beginnenden Schulsaison erlauben wir uns, die Aufmerksamkeit unserer geschätzten Leser ans das hier beigedruckle Inserat der renommierten Buchhandlung R. L ö tu it, W i e n, 1. 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