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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Juden, der noch nie geschlagen wurde, senden. Einen Beamten, der noch nie unterschlagen hatte, fand man nicht, dagegen endlich nach langem Suchen einen Popen und einen Juden, die die verlangten Eigenschaften besaßen. Nun sandte man eben die beiden ab, aber unterwegs betrank sich der Pope und prügelte den Juden tot. London. Wie „Daily Chroniele" meldet, ist auf der Rückkehr von Kanada ein rumänischer Jude namens Lasar Poplegir hier cingetroffen, der nicht weniger als 107 Jahre zählt. Er war nach Kanada gereist, um seine daselbst seit langer Zeit wohnenden drei Söhne, von denen der älteste bereits 80 Jahre zählt, znm letztenmal zu besuchen. Poplegir besitzt, trotz seines patriarchalischen Alters, eine wunderbare geistige und körperliche Irische und war imstande, ohne fremde Unterstützung in Liverpool den Dampfer zu verlassen. Er gedenkt von London nach Jerusalem zu reisen, um endlich den heißesten Wunsch seines langen Lebens zu verwirklichen, feine letzten Jahre im heiligen Lande zu verbringen. Schlangen in Palästina. Der eben verflossene Sommer brachte den Bewohnern von Palästina wieder einmal die gefürchtete Schlangenplage. Besonders fühlbar war dies in Tewarja und Umgebung. Es sind Fälle vorgekommen, wo mitten in der Nacht von Menschen, die auf den Tüchern schliefen, Hilferufe hörbar wurden, weil sie von Schlangen überfallen wurden. Wird eine Schlange rechtzeitig bemerkt, so gelingt es den Menschen gewöhnlich, das Vieh zu töten, ehe es dazu kommt, einen Schaden anzurichten. Leider sind auch die Fälle nicht gering, in denen Menschen von Schlangen tödlich gebissen werden. Erst jüngst wurde ein Jude namens Zesanja Kohen durch einen Schlangenbiß getötet, dasselbe Schicksal ereilte ein sechsjähriges Mädchen. Auch viele Mohammedaner und Christen sterben infolge der giftigen Schlangenbisse. Eine große Geschicklichkeit im Fangen und Töten der Schlangen bekunden die Araber, die auch ohne Furcht des Nachts in Scheunen oder gar auf der Straße schlafend verbringen. Worms. Ter Vorstand der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde hat aus Anlaß des 800jährigen Todestages Rafchis einen Preis von MO .Mark gestiftet für eine Schrift über: „Was bedeutet Raschi für seine Zeit, wie wirkte er in der Folge und von welchem Werte sind seine Schriften für die Jetztzeit?" Die Schrift soll -18 Oktavdruckseiten nicht überschreiten und in allgemein verständlicher, volkstümlicher Form verfaßt werden. Sie muß ein Kennwort enthalten, das sich auch aus dem beizugebenden, den Namen des Verfassers enthaltenden Briefumschläge befindet. Die preisgekrönte Schrift wird Eigentum -er Wormser israelitischen Gemeinde, die sie nach der Drucklegung weiten Kreisen zugänglich machen wird. Einsendungstermin bis 1. Jänner 1906. Preisrichter sind die Herren Rabbiner Dr. Salseld-Mainz, Tr. Steckelmacher-Mannhcim, Tr. Stein-Worms. Die Moskauer Inden und die Reichsduma. Wie aus Moskau gemeldet wird, dürften nach oberflächlicher Schätzung ungefähr 600 Juden das Wahlrecht in die Reichsduma erhaltet:. Die Ausgrabungen in Babylon und Assur. Der Vorstand der Deutschen Orientgesellschcist in Berlin versendet die folgende Mitteilung: „Nach einem kürzlich eingelaufenen zusammenfassenden Berichte von Dr. Robert Kvldewey, dem Leiter der von der Deutsche Orient-Gesellschaft unternommenen Ausgrabungen in Mesopotamien, ist während des Jahres 1904 in Babylon die Untersuchung der Hügelgruppe östlich vom Kasr mit dein Namen „Homera" fortgesetzt worden. Hier hatte sich im Vorjahr in dem südwestlichsten Hügel eine gut erhaltene Theateranlage aus griechischer Zeit gefunden, die mit den Stufenreihen, der Bühne und dem hinter dieser liegenden Peristyl vollständig ausgegraben wurde. Etwas weiter östlich von dieser Hügelgruppe verläuft von Nord nach Süd die „innere Stadtmauer". Nach den hier in größerer Zahl gefundenen Baudokumenten Sardanapals lag hier die Mauer „Nimitti- Bel". Auf dem Kasr wurden die zwei östlichen Höfe dieses Palastteiles nebst den daran anstoßenden Wohnungskomplexen und den von einem Hofe zum anderen führenden Torgebäuden freigelegt. Damit ist der östliche Teil der Südburg nunmehr beendigt und inan ist dazu übergegangen, den westlichen Teil in Angriff zu nehmen. Man vermutet hiev die Oertlichkeit, wo.Nabopolassars Palast! stand, den Nebukadnezar erneuerte. In Assur, dem zweiten Ausgrabungsplatze der Deutschen Orient-Gesellschaft, hat sich die Grabung im großen ganzen noch immer auf die höchst ergiebige Nordterrasse beschränkt. 1904 wurde dann ein Stück der südlichen äußeren Stadtmauer und die Kaimauer im Norden des Tigris aufgedeckt. Im übrigen ist der große Teinpelturm selbst ringsherum freigelegt und dazu die Gebäude auf der Terrasse, welche östlich und südlich an diesen anschließt. Hier ist neben verschiedenen kleineren Baulichkeiten namentlich eine Tempel- Anlage aus parthischer Zeit nebst Reliefstilen und besonders der alte Aschurtempel herausgekommen, in letzterem, eine Reihe von Emailziegcldarstcllungen und eine Anzahl Tontafeln, die möglicherweise dem Tempelarchiv angehörten. Jin Norden des Turmes, innerhalb der dortigen Befestigungslinie, wurde eine merkwürdige Anlage des Königs Asavhaddan, vielleicht eine Art Toranlage, zutage gefördert." Ein deutsches Dorf mit überwiegend jüdischer Bevölkerung. Während es in Rußland und Oesterreich eine große Anzahl von Städten unp Dörfern gibt, in denen die Inden die Mehrheit der Einwohner bilden, dürfte ein solcher Ort in Mitteldeutschland eine Singularität und deshalb der Erwähnung wett sein. Es ist das Torf Rhina in der Provinz Hessen- Nassau, das (nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1900) unter 569 Einwohnern 297 Juden zählt. Der Grund für den hohen prozentualen Anteil dev Juden dürfte darin zu suchen sein, daß die Juden in Hessen früher nur ein örtlich sehr beschränktes Wohnrecht hatten und daß gerade die Ritterschaft, zu der der Ort Rhina gehörte, den Juden zum Wohnen« freigegeben war. Die Mehrzahl der Juden in Rhina beschäftigt sich mit dem Viehhandel; im Gemieinderatefind unter zwölf Mitgliedern neun Juden. Orte, in denen die Juden ein Drittel der Gesamtbcvöl'kerung ansmachen, gibt es übrigens in Deutschland mehrere; wir nennen z. B. Rexingen (Württemberg) mit 387 Juden unter 1080 Einwohnern, Buttenhausen Württemberg) mit 229 Juden unter 677 Einwohnern, Gailingen (Baden) mit 663 Juden unter 1702 Einwohnern, Kl.-Eichholzheim (Boden) mit 74 Juden unter 223 Einwohnern. Es ist bemerkenswert, daß alle diese Orte in. Süddeutfchland liegen. In den preußischen Ostprovinzen, insbesondere in Posen, in denen es früher Orte mit sehr dichter jüdischer Bevölkerung gab, existiert unseres Wissens heute kein Ort mehr, in denr der Anteil der Juden unter dev Gesamtbevölkerung- 20 Prozent erreicht. Die relativ stärkste jüdische Bevölkerung dürften in der Provinz Posen die Orte Janowitz mit 223 Juden unter 1566 Einwohnern und Kempen mit 1059 Juden unter 5718 Einwohnern aufweisen, was einem Prozentsätze von 14,24 bezw. 18,52 entspricht. Ehescheidung rumänischer Juden. Eine in mehrfacher Beziehung interessante Entscheidung ist soeben vvu der ersten Pariser Zivilgerichtskammer gefällt werden in Sachen einer 'Ehescheidung rumänischer Juden. Herr Zenker ist ein aus Rumänien stammender Jude, der sich in Rumänien verheiratete und dann auswanderte. In Amsterdam ließ er sich im Jahre 1895 von seiner Frau vor dem Grrßrabbiner dieser Stadt scheiden. Seit 1897 ist Herr Zenker naturalisierter Franzose. Bor feiner Naturalisierung hatte er aber die in Amsterdam ausgesprochene Ehescheidung mm Herrn Luhetzki regnlarisieren lassen, der der Rabbiner für die aus Rußland stammenden Juden ist. Ist nun diese Ehescheidung gültig und muß das französische Gesetz sic anerkennen? Das war die Frage, die zu-lösen war. Ihre Lösung hm ab von der Beantw'»rtuug der anderen Frage, was die persönliche Rechtsstellung der in Rumänien geborenen Israeliten ist. In Rumänien gibt es allerdings ein bürgerliches Gesetzbuch, das die Uebersetzung des französischen ist. Aber stehen die rutnänischen Inden unter diesem Gesetze? Der Advokat Blumerlthal setzte im Namen Zenkers auseinander, daß nach der rumänischen Verfassung von 1866, die die nach der rumänischen Verfassung von 1866, die nach dein Berliner Vertrag im Jahre 1878 modifiziert wurde, die Israeliten in Rumänien als Ausländer gelten. Ihre persönlichen Verhältnisse werden also nicht geregelt durch das rumänische bürgerliche Gesetzbuch. Da sie aber keine andere Nationalität haben, so fallen sie notgedrungen unter das talmudische Gesetz, ganz genau wie zu der Zeit, als Rumänien noch einen Bestandteil des türkischen Reiches bildete. Die erste Zivilgerichtskammer schloß sich diesem Standpunkt an und erkannte, daß die Ehescheidung des Herrn Zetlker als tu Frankreich gültig angesehen werden müsse. Professor Lazarus über die Jndentanfen. Als zu Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Judentaufen in Oesterreich resp. in Wien einen immer größeren umfang annahmen, sprach Dr. Fialla dem Gelehrten gegenüber den Wunsch ans, dieser Gefahr ein mächtiges, packendes autoritäres Wort entgegengesetzt zu sehen, einen Mahnruf gegen diese entsetzlichen Judentaufell, eine Aufrüttelung der Herzen und Gewissen, die nur durch thll, den verehrten Meister, mittels einer schriftlichen Manifestation wirksam erfvlgert könne. Doch Lazarus' Empfinden und Erkenntnis war gegen eine solche Kundgebung und er antwortete nach etwa sechs Wochen in folgender bedeutsamer Weise: Nr. 36 „Mein verehrter Freund! „Könnte ich -»sagen, hätten Sie es tätigst gehört, eine Ablehnung kommt Immer noch zn früh. Nein! ich will zur Tanfsache das Wort nicht nehmen aus zwei voneinander sehr abweichenden Gründen. Zunächst glaube ich nicht an irgend einen Erfolg: ich wurde es als eine «unverzeihliche Einbildung ansehen, wenn ich glauben wollte, daß mein Wort auch nur eitlen Taufkandidaten zurückhalten kann. „Ein autoritäres Wort" — daß Gott erbarm! Wo in aller Welt gäbe es eine Autorität für einen Meuschen, der seinen Glauben abschwört, sogar offiziell verflucht und eine Religion annimmt, an die er nicht glaubt? Meine Geneigtheit, damals — 1898 — die Frage: Wjarum sind wir Juden? zu beantworten, sollte auch gar nicht dazu dienen, diejenigeti, welche Nichtjuden werden wollen, als Juden zu erhalten: nur «dazu wollte ich helfen: die noch Juden sind und bleiben wollen, zu klaren und wahren, zu echten und tiefell Inden zu machen. Der Unwissenheit wollte ich ein Licht aufstccken, der Gleichgültigkeit Feuer unterlegen. Für jetzt ist mir das auch unmöglich. Seit Monaten bin ich in in eine in organischen Gesamtbefinden, medizinisch geredet, gesund, aber ich bin von Beschwerden und Schmerzen reichlich geplagt und Geduld ist die Ltlft, die ich atmen muß, um mich ansrecht zu erhalten." „Ans unsere Frage zurückkomiuend, will ich noch sagen: Das unveränderte soziale Verhalten der Ungetansten gegen die Getauften bildet gleichsam die ideelle Kottkurrcuz des Verbrechens, welches ohne dieselbe tvohl meist nicht zur Ansführung käme, aber auch da ivürden meine Wotte wenig helfen. Nun aber mein zweiter, wichtigerer' Grund, weshalb ich iiirfjt bloß schweigen darf, sondern muß. Ich müßte Dinge sagen — denn wahrhaft energisch kann man nur bei voller Wahrhaftigkeit reden — welche Ihnen, unseren Freunden, aber auch mir selbst gar nicht gefallell würden. Längst hat nra-n einen Gedanken ausgesprochen, dem ich ungern, aber gezwungen beistinMe. Die Erhaltung des Judentums gilt als ein Wunder: zu den weserrtlich mitwirkenöen Elementen seiner Erhaltuiig gehört aber, daß, wenn sich die Zähl der Treulosen, der leeren und der hohlen Glieder der Gesellschaft ans irgend rvelchcn historischen Gründen gemehrt hatte, diese sich getrennt haben, ausgetreten sind. Die Fahnenflüchtigen, die ehrlosen Männer, besonders auch die in Unwissenheit und Ettelkcit verlotterten Weiber, sie schaden der Gesamtheit der Juden mehr, als wenn sie Nichtjuden werdeit. Dem Judentum leisten die Abtrünnigen durch ihre Taltfe, durch die offizielle Fahnenflucht vielleicht den ersten, vielleicht auch den besten Dienst, den sie tlach ihrem ganzen Charakter oder bei ihrer Charakterlosigkeit ihm leisten konttten. Weg damit! Weg! Hinaus! Und öenttoch werden und müssen wir jede Taufe beklagen. Die Ausscheidung des 'leblos Gewordenen ist wohltätig, weil sie für die Erhaltung des Lebens notwendig ist: aber eben diese Notwendigkeit schmerzt uns. Das Ausscheiden der Treulosen ist wie eine bittere Medizin: sie mag heilsam sein, bitter ist sie doch, und nicht die Medizin ist das Leiden, sondern die Krankheit, wegen der wir sie nehmen. Jede Trennung eines Ungetreuen ttlt uns weh, fast mehr noch durch ihre Möglichkeit als durch ihre Wirklichkeit . . ." Selbstmord bei den Juden. Ueber die Selbstmörder Hat der englische Arzt Dr. Mesteott, der seit langer Zeit in einem Londoner Bezirk die Leichenschau ausübt, aus Grund zwanzigjähriger Erfahrungen interessante Statistiken arrfgestellt. Er bezeichnet als die gewöhnlichsten Veranlassnugen zum Selbstmord chronische Krankheiten, Arrmlt, Alkohölismus, unglückliche Liebe und dergleichen, glaubt aber fcftftcllcn zu können, daß die Neigung zum Selbstmord mit dem Bildungsniveau des Menschen znuehme' lgemäß dem Worte unserer Weisen: Wer zunimmt au Kenntnis, tlimlnt zu an Schmerz). Im besonderen findet er in Ländern mit weit verbreiteter Tagespresse, die eine ständige Selbstmordchrouik führt, die Zahl der Lebensmüden höher als anderswo. Die Protestanten stheilten ihln leichter zur Begehung des «Selbstmordes bereit zu sein als die Katholiken und die griechisch-katholischen wiederum mehr als die römisch-katholischen. «Am seltensten kommt dagegen der freiwillige Doö unter den Juden vor. Unter den Weltstädten steht Paris an Zahl der Selbstmörder obenan; eS kommen ihrer dort jährlich auf jede Million Ettvwohner an 4M, in London dagegen nur 90. Unter Soldaten und Seeleuten ist Selbsttnord häufiger als unter Privatpersonen unter Männern dreimal so häufig als unter Frauen. Der höchste Prozentsatz fällt aus das Lebensalter von 46 bis 50; nach km 55. Jahre nehmen die Fälle sehr rasch gb. Unter dem Alter von 20 Jahren jedoch kotli'iNt der Selbstnwrd beitn weiblichen Geschlecht öfter vor als beim män-nlichen«. Die Kinderselbstm'vrde befinden sich zur Zeit im Zunehmen. Unter den Männern findet man mehr 'Selbstmorde 'bet den unverheirateten, bet den Frgucn ist dieses Verhältnis umgekehrt. Ebenso legen Witwen öfter Hand an sich als Witwer; dagegen geschieden« Männer öfter als geschiedene Frauen. — ^'e verschiedenen zu dieser Statistik aufge führten Tatsachen kontrastieren bisweilen merkwürdig «rittt derjenigen, daß der Selbstmord am feUcuftcu bet den Juden vorkäme. Die Juden beispielsrveife gehören doch im allgemeinen den gebildeten Schickten an (besonders in Westeuropa, auf das sich die Statistik des Dr. Wlesteott wohl hauptsächlich bezieht), Uttd doch sollen sie am seltensten Selbstnwrd begehen, während sonst in den gebildeten Kressen der Selbsttnord häufiger ist als in anderen.

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