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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Wissenschaft, ttunst und Literatur. Vrilagr zu Nr. 36 des „Jüdische« Vnlksblatt". Ueber die Entstehung des Sabbats und der siebentägige« Woche. Während man in der letzten Zeit mit mehr oder minder Gewißheit in Babylonien die Heimat des Sabbats und der mit ihm gegebenen siebentägigen! Woche sieht (so besonders Delitzsch), sticht- Professor Mein h o l d in der „Köln. Ztg." in einer sehr interessanten Studie eine nette Lösung für diese nicht nur das Judentum berührende Frage zu geben. Seinen Ausführungen entnehmen wir das folgende: Der Name schabattn oder schapattu begegnet uns allerdings als Name eines festlichen Tages auch im Babylonischen, wo er als „Tag der Ruhe des Herzens" (um auch libbi), als Versöhnung der Gottheit gekennzeichnet wird. Ferner werden im babylonischen Weltschöpftmgsrpos bei der Entstehung des Mondes der 7. Tag, daun der schapattu (der 14.?^ vielleicht auch der 21. und 28. Tag als für kn Mondlauf wichtig hervor gerufen. Ebenso werden ini einem« Festkalender der 7., 14., 21. und 28. Tag des Monats Etel und der 19. Tag des folgenden Monats als Buß-, Bef¬ und Ruhetag, wenigstens für Arzt, König und Priester, ausdrücklich hervorgehoben. Die Annahme lag nun nahe, daß die Zerlegung des Monats« in! 4X7 Tage ursprünglich mit dem Mond in Zusammenhang stand und daß der Name schabattn, der bisher nur vom 14. Tage nachgewiesen war, auch den anderen Tagen, vielleicht etwas später, beigelegt wurde. Hier war offenbar die Wurzel des hebräischen Sabbats bloßgelegt. Bei einer ll ebernah me von seiten Israels mutzte natürlich die Weihe des Tages vom> Mondgott! Sin auf Jahwe übertragen tvei'd-eir und eine Durchführung des siebenten Ruhetages durch das ganze Jahr schien somit als das einfachste und natürlichste von der Welt. Die auch jetzt noch' von manchen Gelehrten vertretene Meinrtng, der Sabbat der Israeliten und Babylonier miiffe eine gemeinsame dritte Quelle haben und die von altersher übernommene Einrichtung habe in Babylonien und Israel ihre besondere, eigenartige Entwicklung gehabt, konnte demgegenüber nicht recht aufkommen. Nun aber hat dev englische Assyriologe P i n che s in den Procoedings der Society of Biblical Archaeology auf ein babylonisches Tageverzeichnis aufmerksam gemacht, in dein der 16. Tag scha-pat-ti genannt wird. Dieser 16. Tag aber ist nach babylonischer Rechnung dev Vollmondtag. Es wird demnach, wie anderswo, so auch in der obeiwrwahnten Stelle der Schöpftlngserzählung bei schabattn an beit Vollinonjdtag zu denken sein und es liegt gar kein Grund zu der Annahme vor, daß der Name schabattn auch auf die anderen« Tage (den 7., 21. und 28. Tag) übertragen wurde. Wir haben demnach im Babylonischen zwei dem Mond heilige Tage, den Neumondtag und dm Vollnwndtag, die aber nirgends als asketische Buß- und Bettage oder als Ruhetage bezeichnet werden- Andrerseits finden wir einen siebenwöchigen Zeitraum, der die 49 ersten Tage des alten Doppelmonatsvon; 00 Tagen umspannt und von dem einige Tage, da , sie mit' den! Mondphasen ziemlich zusammen- I fallen, auch wohl als Tage des Sin (Mond-! gott) bezeichnet werden, wi-ewobl sie Ursprünge i lich mit dem Mond Wohl nichts zu tun haben, j Die auch sonst tut; Babylonischen nachweisbare heilige Siebenzahl hat auch in die babylonis.ch,e Zeitteilung Eingang gefunden, wenngleich 'es hier nie zur Durchführung der siebentägigen Woche durch das ganze Jahr gekommen! ist. Da man Mondmonate hatte, mußten \a wohl der 7., 14., 21., 28. Tag mit den Mondphasen in Beziehung gesetzt werden; aber der Charakter dieser Tage ist durch dieses Zufammenfließen nicht bestimmt worden. Ihnen allen ist das Verbot der Arbeit für König, Priester, Arzt eigen. Sie sind für diese Buß- und Fasttage. Möglich, daß dies auch fürs Volk galt. Immerhin! aber hat nicht alle Arbeit geruht. Am strengsten! scheint der 19. Tag des zweiten Monats eingehalten zu sein. Bei dieser Sachlage versteht man es, daß eine Erklärung des Namens schabattn aus dem Assyrischen nicht gelingen wollte. Wenden tvir uns nun zum Alten Testamente, so ergibt sich nach genauerer Forschung die verblüffende Tatsache, daß das alte Israel bis zur Verbannung (586) den Sabbat in dev uns bekannten Art und damit die Teilung des Jahres iw lauter siebentägige Wochen gar nicht gekannt hat. Der Sabbat, den Altisrael kannte, war, wie das seine ständige Paarung mit dein, Neumond zeigt (Hosea 2, 13, Jesaj. 1, 13, Ainos 8, 6, Klön. 4, 23), der Vollmondtag. Darauf führt auch dev Name, der nach der im Hebräischen überaus häufigeu Wurzel schabat — fertig seinden fertigen vollen Mond bezeichnet. Wennmvn au diesenwohl aus der Nomadenzeit überkommenen! Mondfeiertagen auch die Arbeit ruhen ließ, so war die Arbeitsenthaltnng für diese Tage doch durchaus nicht bezeichnend. Tie Propheten verwerfendie von Israel gefeierten Feste, unter ihnen ausdrücklich Neumond und Vollmond lSabbat), weil sie ihnen heidnisch, unsittlich erscheinen-. Bei der Neuordnung' der Gemeinde und ihres Kultus durch Jo-si-a (621), tvofür das 6. Buch Mosis geschrieben war, fehlen sie denn auch ganz, weil sie zu sehr an den heidnischen Gestirndienst erinnerten. Nach ihrer Beseitigung mußte sich — namentlich in der Zeit des Erntens und Pflügens — das Bedürfnis nach Einführung anderer Ruhetage geltend machen. Nun spielte bei den Hebräern, gerade wie bei -den Babyloniern die heilige Sieben, eine große Rolle, ohne daß man mit Sicherheit den Grund angeben konnte. Diese heilige Sieben tritt uns auchbei Zeiteinteilungen im Alten Testament häufig -entgegen. Man denke nur an die alle sieben Jahre eintretende Brache des Feldes (2. Mos. 23, 10 f.), an die nach sechs Jahren verorünete Freilassung der hebräischen Sklaven im siebenten Jahre (2. Mos. 21, 1 ff.). Ebenso ist ein siebentägiger Zeitraum beliebt, wie denn eine siebentägige Woche für den Eintritt in die Arche des Noah, 2 (oder 3) siebentägige Abschnitte für den Seraustritt bestimmt sind (1. Mos. 7, 4. 8, 6 ff.). Auch das Ursprünge lich eintägige Herbsterntefest -erweitert sich zu einer siebentägigen Festwoche (5. Mos. 16, 13 ff.). Nach alledemist es zu verstehen, daß, wie dem Acker alle sieben, Jahre ein Brachjahr, so dein Ackerknecht von je sieben Tagen ein Ruhetag vergönnt ward. Die Erntezeit dauert etwa 50 Tage, so haben tvir 7 Wochen von je 7 Tagen, die durch je sieben; Ruhetage von einander getrennt sind und am Schluß ein Abschlnßfest der Fr-ühjahrsernte bieten. Ein solches Fest fand im Winter nach dem Pflügen nicht statt, so hören tvir auch nur vonder Ruhe am siebenten Tage, so lange die Arbeit dauert, ohne daß da eine bestimmte Zeitdauer vermerkt wäre (2. Mos. 34, 21.). Natürlich haben sich diese .Ruhetage nicht durch das ganze Jahr hingezogen, denn außer diesen Zeiten tvar es - nötig, daß sich der Knecht und das Vi-eh „verschnauften," (2. Mos. 23, 12), da eben Arbeit, von, der eine Erholung nötig tvar, nicht vo-vla-g. So haben tvir hier zwar einen- Ruhetag, aber er zieht sich nickst durch das ganze Jahr hin«; weiter ist dieser Ruhetag in Ernte- und Pflügezeit kein „Tag Jahbes" und nicht den .Namen Sabbat. Erst die Verschmelzung des das ganze Jahr durchlaufenden alten- Vollmondtages, dev doch nach Auffassung des israelitischen! Volkes ein, Jahve geltender Feiertag tvar, mit1 diesem je siebenten Ruhetag hat 'dazu geführt, daß- Israel jetzt einen durch das gange Jahr laufenden, Sabbat benannten Tag erhielt, und daß dieser Tag als „Tag Jahves" und damit die Rtlhe an ihm als Gebot Jahves ga-lt. Der Zusammenschluß der zwei Reihenist aber erst im Exil erfolgt, und zwardurch das Eiitgreifen des Propheten Ezechiel (693 bis 571), den man mit Recht als den Vater des Jndentums bezeichnet hat. Es galt ihm nicht! nur, für die Zukunft im heiligen Lande (Kap.! 40—48), sondern schon für seine Gegenwart Anordnungen zu treffen, die ein Aufgesogenwerden der jüdischen Gemeinde in der Fremde verhindern sollten. So schuf er den jüdischen Sabbat. Ter Name Sabbat, der nach dem Absterben der alten, sabbatlichen Vollmondfeiern zur Verfügung, stand, bot sich von selbst für diese .Ruhetage. Denn man verstand ihn nach der Beöeutungsetttwicklnng, die das Wort schabat von dem- Sinne „fertig sein" zur Bedeutung „ruhen" genommen hatte, jetzt leicht als „Ruhetag"." Das, was dem Juden feine Eigenart erhält, ist die Treue zu Jahve, seinem Gott. Diese aber äußert sich nach Ezechiel in alleiniger Verehrung Jahves, im Befolgung feiner sittlichen Gebote und in der Feier des Sabbats, die ja, da jedes Opfernin dem fremden, daher „unreinen Lande" von selbst fortfiel, nur in der Enthaltung von der Arbeit bestand. So wird denn die Ruhe selbst Gottesdienst. Wie kames nun, -daß der Sabbat, und Mar als der je siebente Ruhetag, als zu feiernder Tag Jahves Ausnahme in das Snmmarium der religiösen, Pflichten jedes Israeliten, in den D.ekalog (die zehn, Gebote) gefunden, hat? Weder die Annahme mosaischer Herkunft des Dekalogs, die ja mit Recht von den meisten Forschern, aufgegeben. ist, da der Dekalog nicht mit Nomaden, sondern mit ansässigen-Leuten rechn-et, was doch, die Israeliten! des Moses nicht waren, noch atich die von den meisten kritischen Vertretern desalttestamentarischen Faches bevorzugte Ansicht, daß die zehn Gebote die kürzeste Fassung der prophetischen Forderungen bieten und zur Zeit des Manasse, etwa um 650, entstanden, seien, wird dieser Schwierigkeit gerecht. Die Schüler der Propheten, nach denen Jahve jegliche Feier, auch die dos Sabbats, zurückstößt (Hof. 2, 13, Jes. 1, 13), können das Sabbatgebot in den Dekalog unmöglich gebracht haben. Vielmehr uuter der Einwirkung Ezechiel-scher Gedanken ist! unser Dekalog -entstanden, wie er denn auch tatsächlich indev ganzen vovexilischen Literatur nicht bekannt! ist und innerhalb der fünf Bücher Mofis den exilischen oder nacherilischen Teilen! angehört. (Ex. 2. Mos. 20; 6/Mos. 6.) Wann ist nun! die I d c e des jüdische» Sabbats zur Wirklichkeit geworden? Nirgends finden wir in. den Schriften dev nachexilischen Propheten Haggai, Sacharja-, Maleacht die Forderung der Sabbatruhe, nirgends einen Tadel der Sabbatentheiligung, die doch gewiß nicht ansgeblieben wäre. Sacharja (Kap. 7) weist sogar den Gedanken eines „Jahve geheiligten Tages" als ungehörig! und töricht sehr energisch zurück. Aber unter den in Babylonien verbliebenen Juden lebten Erben des Ezechi Aschen Geistes. In ihrem Kreis entstand der sogenannte Pricsterkodex, d. h. die danach mit anderen Schriften zu den. sogenannten filitf Büchern Mose zusammengearbeitete Schrift, her die Kultnsgesetzgebung in ihrer großen Masse entstammt. Sie hat sich auch die Einprägung des Sabbats, des „Tages Jahves", zur besonderen Aufgabe gemacht, während die vorexilischen Teile im 1. bis 5. Buche Moses den Sabbat nirgends erwähnen. Mit diesem Werke betrat der Schviftgelehrte Esraden palästinensischen! Boden (468). Es gelang ihm durch die Hilfe des weltlichen Armes, die Gemetnde auf sein Gesetz und damit auch auf das Sabbatgebot zuverpflichten. Natürlich kam es zu Reibungen- und Widerständen, die dev Genosse Esvas, her jüdische Statthalter Nebemia, mit rigoroser Gewalt zu brechen suchte. (Nchem. 10, 31.) iGesinnnngsgenossen dieser Männer suchten durch Predigten in der Form der altprophetischen Rede, die sie auch wohl — wie damals Sitte — den- Propheten zum Teile selbst in den Mund legen (Ges. 60, 1 ff., 68, 13 s., Jerem. 17, 19 ff.Z das Vohk im gleichen Sinne zu beeinflussen, aber^anchj sie gewiß nicht mit durchschlagendem Erfolge. Es war doch nur eine Forderung dev strengen! Partei, die zwar unter dem- Statthalter Reh ein ia eine — und zwar recht kurze — Zeit-

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