Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 29 (21.6.1905)
- Date
- 1905-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion: IX/1, Servitengsssr 4. Telephon Nr. 14723« Eprechstunden: An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresie: Jüdische- BottSblatt. Wie«. IL>». LttehverO«« wegen verspäteier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manxilkipte werae« »cd» x«f8tkftMt«lit, Postsparkasien-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jede« Freitag. A-rxILmr »xd herimsgrbkr: Jadoi Kr«««;. Inserat« übernehmen die firmen: ITC. Dufts Nachf., kjaasenftein Sc Vogler, Rudolf Masse, M. Pozsonqi, A. Lchalek in Wien, ferner alle Annoncen» Expeditionen im Auslande. Einzel - Nummer in Wien 30 Heller. Administration: IX/1, SrroiLengaste 4. Telephon Nr. 14723. AbonnementS-PreiSr Kür Wien «. Oefterreich- Ungarn f. 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Die diesmalige Liste unterfcheidet sich von den bisher veröffentlichten hauptsächlich dadurch, daß sie.Namen enthält, die zumeist von Personengetragen werden, die der sogenannten Berufsintelligenz angehören. Diesmal hat der Taufbazillus arg gewütet, sowohl quantitativ wie qualitativ. Qualitativ schwer schädigend deshalb, Iveil die intelligente Schichte in einem Volke, das sich heute erhalten will, das Mark bildet, ohne welches! eine Nation in' kurzer Zeit untergehen! muß. Schwer schädigend auch deshalb, weil die Fahnenflucht dev Intelligenten, also derjenigen, denen gemeiniglich ein selbständiges, gereiftes Urteil zugeschrieben wird, auf die Mindergebildeten, auf die Leichtgläubigen und Charakterschwachen einen oerführenden Einfluß ausüben und in ihnen' den Glauben erwecken., daß der Abfall vom Judentum geradezu ein Kriterium für Modernität und Intelligenz bilde. Bei dev Beurteilung - dieser Abfälle muß es uns ganz gleichgültig bleiben, ob dev Betreffende, der feinen Austritt aus dem Judentum anmeldet, dann konfessionslos bleibt oder sich unter die Fittiche einer mehr oder weniger Feuilleton. Nothnagel. (Ein Nekro- und Epilog.) Absichtlich ließ ich eine Woche verstreichen, denn ich wollte nicht am offenen Grabe Anklagen! erhöben. Denn anklagcn will ich .... Gewiß nicht den Toten. Er war eine in sich geschlossene! Persönlichkeit, ein scharf ausgeprägter Charakter, dem jeder Kulturmensch seine Achtung! bezeugen muß, selbst wenn er nicht in allem seine Ansichten teilt, selbst wenn ev allen seinen politischen Ansichten zeitlebens verneinend gegenüberstand. Aber selbst einen solchen muß ein Gefühl der Scham ergreifen, wenn er alle die besah, die dem Toten die letzte Ehre erwiesen. Wo waren sie, die die Fahne des Fortschrittes und der Freiheit stets Hochhalten? Sie wtuen n i ch t d a! Die Berichte der „freisinnigen" Tagesblätter fabeln allerdings von der Beteiligung der „freisinnigen" Bürgerschaft :u:o der „couleurtragenden" Stndenteui usw.; „gut gedichtet", wie die Auguren unter sich sagen. Die deutschfreiheitliche Bürgerschaft und die deutschfreiheitkiche Studentenschaft glänzten durch ihre Abwesenheit. Eigentlich mit Recht. Denn was hatten sie mit diesen: Manne gemein, dev immer so unklug lvar, den Mut seiner Ueberzeugung zu haben, das auch zu scheinen, Was er war, während jene kläglichere Frqiheltsherrschenden Religion flüchtet, um dort unter sicherem Schutze ruhig zuzusehen, wie das Volk, den: ev entsprungen- und dessen Religion verfolgt, unterdrückt und allmählich ausgerottet wird. Ebensowenig können wir uns dazu verstehen, i n d e n M o t i v e u, die unsere Seelenschwachen zum Verlassen unseres wankenden Volksschiffes bewegen, eine Rechtfertigung für den unwürdigen Schritt zu suchen oder gar zu finden. Die! Fahnenflucht ist unter allen Umständen eine Gesinnungslumperei! Aber wir sind es schon gewöhnt, turn unseren Großen des öfteren zu hören, daß in uns, also in denjenigen, die alles daran setzen, die Eigenart des jüdischen Volkes zu konservieren, die Schuld liege dafür, daß so viele unserer „Besten" uns und dem Judentum, den Rücken kehren. Hat doch sogar unser ehrwürdiger Oberrabbiner Herr Dr. G ü d e m a n n am jüngsten Gemeindetage irr Wien es unter allgemeiner Zustimmung aussprechen dürfen, daß die jüdischen Vornamen unserer galizischeu Stammesbrüder dazu geeignet sind, den Träger eiries solchen Namens später zur Taufe zrr treiben, und daß deshalb gegen diesen „Unsinn" eine Agntition geführt werden müsse! Es ist hier nicht der Ort, gegen der: Herrn! Oberrabbiner zu polemisieren, aber wie rechtfertigt der oberste Seelenhirt unserer Gemeinde den Abfall der vielen! Studenten, Aerzte, Advokaterr, Handelsangestellter usw., die unsere heutige Liste aufweist, und die fast alle gut arische Vor- und Familiennamen haben?! Am interessantesten und für die heutigen Zustände am meisten symptomatisch ist jedoch Helden nichts können, als die Faust in der Tasche zu ballen und ihre Meinungen frei zu äußern, wenn es — ja niemand hört. Wir waren nie Freunde des Abwehrantisemitismus und des Schutzjudentums. Wir habei: stets offen gesagt, daß die Arbeit der Handvoll Arier, die 'sich daran beteiligten, unfruchtbar sei, und die Rolle, die die Juden dabei spielen, wenig ehrenvoll. Mit Phrasen, „daß cs heute keine unverinischteu Rassen gäbe", die ein Abwehrler in seiner Leichenrede zum Besten gab, tut man der antisemitischen Bewegung wirklich nicht den geringsten Eintrag. Und die Juden müssen sich! endlich! zu dev harten Erkenntnis aufschwingen, daß nur die Stellungen, die man mit eigener Hand errungen hat, sicher sind; Geschenke, die man einer Gefühlsaufwallung zu verdanken hat, fönnen in einer anderen verloren, gehen. Wie gewonnen, so zerronnen. Wir haben! die Tätigkeit dev „Vereine zur Abwehr des Antisemitismus" stets als einen aussichtslosen Kampf mit untauglichen Mitteln bezeichnet. Wo aber bleiben die Herren, deren Weisheit sich im Programme dieser Vereine erschöpft? Sie brachten es nickt über sick. ihren Sonntagsausflug, odev ihren- Sommeraufenthalt zu unterbrechen. Oder fürchteten sie, für Gesinnungsgenossen' des Toten gehalten zu werden? Was hätte wohl Nothnagel, wenn er dieses Schauspiel hätte mit anfehen könneq, dazu gesagt, daß er mit solcher: und füv solche Jämmerlinge gekämpft hatte?! Und wenn wir schon es mit in Kauf nehmen müssen, daß der die Tatsache, daß unter denjenigen, die in jüngster Zeit ihren Austritt aus dem Judentum anmeldeten-, sich auch der jüdische G e - m e i n d e r a t, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Emil Ritter v o n Fürth samt Frau Gemahlin befindet! Herr Dr. Emil von Fürth steht im Ruf, ein wohlhabender Mann zu sein, er wurde als Jude von.Juden in dm Gemeinderat gewählt, hat also trotz seines- Judentunis oder vielleicht gar wegen seines Judentums eine Position im Wiener öffentlichen Leben erreicht, um die ihn mancher seiner Stammesbrüder, der in sich weit mehr Berechtigung und Fähigkeit fühlt, eine einflußreiche Rolle zu spielen, als Herr Fürth, beneiden mag. Herr Dr. Emil Ritter von! F ü r t h ist aber auch Sozialpolitiker und gehört jenem kleinen Häuflein von Berufspolitikern an, die angeben, die politische und Gesinnungsreinheit in Monopolpacht genommen! zu haben. Was sollte nun diesen Herrn bewogen' haben, das Judentum., in dessen Mitte er geboren, in dessen Mitte er zu Reichtum und Würden gelangt ist, mit einem Riale, in gereiften: Mannesalter, unwürdig zu finden, ihm anzugehören?! Hat ihn vielleicht die' 'Karriere des Judenstämmlings Dr. P o r z e r geblendet und kopfscheu gemacht? Wir wissen es nicht! Wir wissen es auch, nicht, welcher Religion Herr Dr. von- Fürth seine späte Liebe zugewendet hat, oder ob er es überhaupt verschmäht, einer Religion an-zugchören. Aber nachdenklich machen uns solche Erscheinungen, denn es wäre Selbsttäuschung, wollten wir es leugnen, daß solche Beispiele bei unserer leichtlebigen, Phrasen' und Schlagworten nach- Philister mit Wenn und Aber rechnet, wo blieb denn die „deutschfreiheitliche" Studentenschaft mit dem Vorrechte der Jugend, keine .Rücksicht und keine Vorsicht zu kennen? Diese Eunuchen, die unterwürfig, mit leidenschaftsloser Beharrlichkeit mu eine Anerkennung der nationalradikalen Studentenschaft buhlen, die aber stets mit einem Fußtritte belohnt wird, die glücklich sind, wenn sie, wenn schon nickt Arier, wenigstens getaufte Juden unter sich haben, damit sie wenigstens damit ihr Deutschtum erweisen, können, wo blieben sie, als es galt, einem aufrechten, unverfälschten Deutschen das letzte Geleite zu geben? Da hätten sie einmal zeigen können, wozu sie eigentlich auf der Welt sind, wozn sie bei jeder unpassenden Gelegenheit in der liberaler: Presse für sich Tam-Tam schlagen. Aber sie blieben feige zu Hause und überließen der jüdisch-nationale n Studentenschaft die Aufgabe, im Leichenzuge die Wiener Studentenschaft zu repräsentieren, eine Aufgabe, die ihr durch 'das Fehlen der deutschfveiheitlichen Maulhelden allerdings sehr erleichtert wurde. Denn Nothnagel verdiente eine letzte Ehrung, wenn nicht wegen seines Kampfes, so wegen seines Mutes, mit den: er ihn führte, und wegen der perfiden Art, mit dev man von antisemitischer Seite ihn bekämpfte. Man muß die Szenen in: Höffaale Nothnagel gesehen haben; in der Wiener Rettungsgesellschaft hatte dev edle Herr von Vragassy mit Hilfe von getauften Juden eine antisemitische Parteihervschaft etabliert. Nothnagel wendete sich mit