Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite tz Jüdisches Volksblatt Nr. 28 r’~" Die verlorenen zehn Stämme Israels. Wer über Queenborough nach London fährt, kann, kurz hinter Queenborough links nach den: benachbarten Chatham zu blickend, ein gewaltiges Backsteingebäude sehen, das allen Ernstes zu dem! Zweck erbaut ijft1, die verlorenen zehn Stämme Israels aufzunehmen. Vom Eisenbahnzug aus gesehen, wirkt das Gebäude wie eine riesige Mietskaserne in Ziegelrohbau. Bei genauerem Zusehen erkennt man aber, daß das kolossale, turmhohe Gebäude eine verlassene Ruine ist, ohne Fenster und ohne Dach. Und jetzt wird das unvollendete Massenquartier der verlorenen zehn Stämme Israels verschwinden. Die Ruine ist von einer Fabrikfirma angekauft, die sie bis zum zweiten Stockwerk abtragen und dann Fabrikwerkstätten darin einrichten läßt. Vor dreißig Jahren war es, als einmal einem englischen Infanteristen namen James White von seinem Sergeanten vorgohalten wurde, daß er ein „religionsloser und ruchloser Kerl" sei. Der Infanterist nahm sich das zu Herzen, er begehrte seinen Abschied, nannte sich dann nicht mehr James White, sondern' James Jershom Jezreel und erklärte sich für den Begründer des „jüngeren Hauses Israel". Er bekam in Chatham gläubige Anhänger, denen er Offenbarungen mitteilte, die er vom Himmel und aus Jerusalem erhalten haben wollte. Die Zahl seiner Anhänger wuchs und diese beschenkten ihren Propheten reichlich m/it Geld, wofür dieser ihnen Unsterblichkeit versprach. Die Einkünfte dieses Religionsstifters sollen eine Zeitlang eine Million Mark im Jahre betragen haben. Als Jezreel auf der Höhe seiner Macht stand, faßte er den Beschluß, ein gewaltiges Verfammlungshaus mit Tempel zu bauen, in dem 144 000 Äuserwählte der verlorenen §mmmc Israels würden sich versammeln können. Das Gebäude wurde auf einem Hügel errichtet, damit die 144 000 Uuserwählten zu gleich von einer zweiten Sintflut, die dann kommen würde, verschont blieben. Der mittlere Teil dieses Gebäudes sollte ein Tempel sein, der vier Galerien haben und mit einer goldenen Kuppel gekrönt werden würde. Im Jahre 1885 starb Jezreel plötzlich, obwohl er immer bestimmt behauptet hatte, er sei unsterblich. Seine junge Witwe, welche den Vornamen Esther hatte, nannte sich nun „Königin Esther", sie erklärte, daß sie wirklich göttlichen Ursprunges sei und daß ihr verstorbener Mann nur ihr Kommen habe vorder eiten sollen. Rach drei Jahren, 'sldvb aber auch „Königin Ester" und die Anänger der neuen Religion verringerten sich dann sehr an Zahl. Ter Vater der „Königin Esther", ein Kaufmann Rogers, hat dann den Rainen Jezreel angenommen und den kleinen Nest der Gläubigen um sich geschart. Am Fuße der turmhohen Tempelruine bei Chatham wohnt jetzt noch eine kleine Gemeinde von „Jezrecliten" und sie benützen nochümmer diesen gewaltigen „Kasten" aus Backsteinen, um darin ihre Versammlungen abznhalten, und sie halten immer noch an dem Glauben fest, daß sie darin von der Sintflut verschont bleiben würden. Jüdische Opfer der Seeschlacht bei Tsuschima. Bei der Flotte Roschdestwenskys^ wie überhaupt bei der gesamten, baltischen Flotte, welche in den Seekrieg nach Ostasien zog, hat man, wie verläßlich gemeldet wird, als Heizer größtenteils jüdische Soldaten verwendet. Wie man beim Beginn der Mobilisierung zunächst Juden und Polen auf den Kriegsschauplatz entsendete, so verwendete, man auch bei der Flotte für den schwersten und aufreibendsten Dienst, und das ist! uirstrcitig der Dienst der Heizer, jüdische Soldaten, die man eigens dazu abrichtete. Was dieser Dienst bei der Flotte bedeutet, erhellt aus ei nein Artikel: „Ter Seekrieg", den dieser Tage die „Zeit" aus der Feder eines k. k. Flaggschiff-Offiziers publizierte. Es heißt dort am Schluffe: „Das Innere der Schlachtschiffe ist während des Gefechtes ein fast noch schrecklicherer Aufenthalt als das den feindlichen Geschossen ausgesehte Oberdeck. Tie Leute droben sehen der Gefahr ins Auge, sie wissen, was da herankommt, sie können im 'entscheidenden Moment vielleicht auch etwas für ihre eigene Rettung tun. Die Leute aber, die in dev Tiefe arbeiten, die sehen nichts, sie arbeiten nur mit allen ihren Säften, ohne zu wissen, was der Erfolg ist, und sie gehen zugrunde, wie die Natten im Kielraum, wenn ihrem Schiffe die letzte Stunde schlägt. Besonders schwer ist der Dienst der Heizer: Nackt bis zum Gürtel arbeiten sie, einander ablösend, an den Höllenfeuern unter den Kesseln. Oben tobt die Schlacht mit ihren Donnern — in dieser Tiefe hört man kaum anderes als das tiefe Brummen der arbeitenden Riesenmaschinen, mit denen verglichen eine Schnellzugsmaschine das reine Kinderspielzeug ist. Stundenlang geht so die Arbeit fort. Da erschüttert etwas das Schiff. Ein Moment banger Spannung. Dann fällt das Feuer aus den Kesseln, siedendes Wasser verbrüht die armen Leute im Kesselraum, die Maschinen stöhnen ein letztes Mal — dann geht es in die Tiefe, und kein Mann, der unter Deck war, hat auch nur die mindeste Aussicht, sich aus dem Wirbel der Wässer zu retten, die das Werk aus Menschenhand verschlingen." Und hier sind es Juden, die an dieser Stelle in der mörderischen Seeschlacht von Tsuschima ihr Leben für ihr Stiefvaterland hingegeben haben. Ein verurteilter Buchhändler. Der Budapest er Präparaudieprofcssor Ignaz Füredi erstattete beim Bttdapester Strasbezirksgerichte die Anzeige gegen den BuchHändler Josef Schlesinger, daß dieser seinen Namen auf dem Titelblatte eines von einer dritten Person tierrührenden Gebetbuches veröffentliche. Bei der heute im Bureau des Leiters des StrafbezirkSgerichtes königlichen Taselrichters Vela Drill stattgehabten Verhandlung wies klägerischer Vertreter Dr. Ludwig Füredi darauf hin, daß -auf den von Schlesinger verkauften Gebetbüchern das Impressum der betreffenden Bnchbrnckerei fehle. Der Verkauf eines solchen Druckwerkes fei im Ginne besPresMfttzes unstatthaft. Angeklagter Joses Schlesinger verantwortete sich dahin, daß er die fraglichen Gebetbücher in Wien gekauft habe und nicht wisse, in welcher Druckerei sie hergestellt wurden. Er wußte nicht, daß das Gesetz das Vorhandensein des Impressums verlange: übrigens müßte er dann die Hälfte seiner Bücher vernichten,. da auch ans diesen das Impressum fehlt. Das Strafbezirksgericht verurteilte Josef Schlesinger wegen preßpolizeiluher Uebertretung zu 40 Kronen Geldstrafe sowie zur Bezahlung der ausgelaufenen Kosten des Verfahrens. Unter einem wurde die Konfiskation sämtlicher Exemplare des Gebetbuches angeordnet. — Schlesinger meldete gegen das Urteil die Appellation an. Hamburg. (S y n a g o g e n - V e r l e g u n fl.) Die „Vereinigte alte und neue Klaus in der Deutschisraelitischen Gemeinde zn Hamburg", rote das in der Peterstraße gelegene, genau vor 150 Jahren begründete Institut, das insbesondere auch die Veranstaltung von religfos-wissonschaftkichen Vorträgen bezweckt, offiziell heißt, hat bekanntlich vor etwa zwei Jahren das Grundstück Rutschbahn 11 erworben, um daselbst eine Filiale ihres Instituts zu errichten. Die Verschiebung der Wohnungsverhültnisse, welche sogar die Verlegung der -Gemeindesynagoge Elbstraße nach dem. (Grindel zur Notwendigkeit machte, hat auch die Klausverwaltnna bestimmt, ihren Interessenten, die zum größten Teile von der Neustadt nach der Grmdelgegerid gezogen sind, zu folgen. In der letzten Sitzung der Verwaltung wurden die Pläne, welche die Instanzen der Baubehörden bereits passiertz endgültig genehmigt und der Ban, welcher unmittelbar -in Angriff genommen wird, _ zur Fertigstellung und Ablieferung auf den 15. September d. I. vergeben. 'Nach den voll dem hiesigen Architekteu Herrn S. Engel entworfenen Plänen, wird die im Parterre befindliche Synagoge (4 Stufen unter Niveau) bei einer Bvdenfläche voll- 100 Quadratmetern llnd 7 Meter Höhe Raum für etwa 110 bis 120 Stellen bieten, während die an der Westseite befindliche Frauengalerie 60 Plätze anfweist. Der im erstell Stock geplante Hörsaal für die religiös-wissenschaftlichen Vorträge und Disputationen lVeth-Hamidrasch) wird zirka 40 Quadratmeter umfaffett und kann durch die daranschli'eßende Galerie bei Bedarf entsprechend vergrößert werden. Für Ne bell räume lind Garderobe usw. ist in ausreichender Weise gesorgt. Die Leitung des Baues ist dem hiesigen Architekten Herrll S. Engel übertragen wordell, der bekanntlich auch zn. den Mitbanern der nenen lvemeindesynagoge Vornplatz gehört. , , Literarisches. In der voll dein bekannten Prager Nationalökonolnen Prof. Masarykherausgegebenen tschechischen Revue „Na8e Doba verbreitet sich der Herausgeber in einem trefflichelr Essay über Achad Haams Leben und Dichten. Mir kommen ans diesen Artikel nächstens noch ausführlicher zurück. Selbstmordstatistik. D-er Londoner Arzt Dr. Westcott, der durch 20 Jahre in London die Leicherlschau ausübte, hat auf Grund seiner Erfahrungen eine Selbstmordstatistik ausgestellt. „Der Protestant ist zmn Selbstmorde leicht bereit," meint der Autor. „Der Griechisch-katholische neigt mehr zum Lebensüberdruß als der Römischkatholische. Am seltensten kommt der Selbstmord bei den Juden vor." Die Inden und Japan. Dem „Jewish World" telegraphiert man aus Tokio, es sei eine Bewegung im Zuge, an den Mikado eilte Deputation ztt errtsenden, welche ihn bitten solle, den Juden nach erfolgtem Friedensschlüsse au gestatten, sich in der Mandschurei und in Korea anzufiedeln. Prerau. Bei der Konstituierung der israelitischen Gemeindevertretung wurde Herr Em. Klein zum Bürgermeister 'und die Herren Leüpold Mayer und A. Grlin zu Gemeinderäten gewählt. Da« Hirngewicht des Juden. In der .Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden* schreibt Privatdozent Dr. R. Weinberg über dieses Thema unter anderem: Lombroso bemerkte, daß dir jüdischen Elemente unter der Bevölkerung Turineiben etwas kleineren Jnnenranm des Schädels ergaben als die nichtjüdischen, was er auf dieSelte ritz eit besondergroßer Schädel maß» bei den Juden zurückführte. Im ganzen kann man letzt die Resultate von 29 direkten Wägungen jüdischer Gehirne zusammenstellen. Sie bilden eine kontinuierliche Reihe, die sich um dtn Wert 1306 g (wahrscheinlich Mittel) gruppiert und deren arithmetisches Mittel 1320 g. beträgt. Da nun die die Durchschnittsgewicht des europäischen Gehirns 1350 g. betragen soll, so scheint sich für die jüdischen Gehirne ein Minus von 30 g. zu ergeben. Die Statistik ist aber noch nicht einwandfrei, da di« Unterschiede von Alter und Geschlecht nicht berücksichtigt wurden. Königsberg i. P. Der „Hilfsverein für kranke russische Israeliten" hat im abgekaufenen Jahre 7597.75 Mark für ärztliche Behandlung, 7197.70 Mark für Krankenunterstützungen, Reisezuschüsse rc. verausgabt. An Jahresbeiträgen wurden 4062, an gelegentlichen Spenden 2257.93, aus den freiwilligen Abgaben der Getreide-, Holz-, Heringsgeschäfte re. 5419.18 Mark vereinnahmt. Es gelang dem Verein,, ein Grundstück unter günstigen Bedingungen zu erwerben und damit zugleich einem Bedürfnis des „Schutzkomitees für durchreisende russische Juden" nach geeigneten Mietsräumen für die unsere Stadt in so großer Zahl passierenden Auswanderer abzuhelsen. Der „Hilfsverein der deutschen Juden", welchem das genannte Komitee unterstellt ist, gewährt« ein durch Hypothek gesichertezinsfreies Darlehen von 5000 Mark, welches erst rückzahlbar wird, wenn das Schutzkomitee die Benützung der Räume aufgibt. MT* Allen Reisenden bestens empfohlen! "WU Hotel Nordwestbaiin WIEN, II. 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