Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Auswanderung und Kolonisation. Beilage zu Nr. 27 des „llüdischrn Volkrsblatt". Jüdische Kolonien in Ameriko. Infolge der Bemühungen der Jüdischen Agrikultur- und Jlchustriefvrderlmgsgescllschaft in New York hat die Idee, sich als Farmec zu betätigen, in den jüdischen Kreisen Amerikas Wurzel geschlagen, so daß sich min in säst jedem Staate der Union bereits jüdische Farmer befinden. Im Staate Connecticut gibt es 200 jüdische Farmen, dieselbe Anzahl in Southern New Hampshire und auch in Massachusetts finden wir etwa 100 jüdische Farmen. Die genannte Gesellschaft beschäftigt eine gvoßeAnzahl reisender Agenten, die den für Kolonisationszwecke geeignetsten Boden ausfindig machen und den Farmern mit Rat und Tat und bei ihrer Etablierung auch finanziell zur Seite stehen. Alle von der Gesellschaft unternommenen Transaktionen beruhen auf streng geschäftlicher Basis und nur jenen geht man bei der Erwerbung einer Farm an die Hand, die auch über die für einen Farmer erforderlichen Fähigkeiten zu verfügen scheinen. Infolgedessen kommt es nie vor, daß mit dem einen oder anderen Farmer ein Fehlschlag gemacht wird. Interessant ist, daß diese Farmer sich zumeist aus ausgewanderten russischen Juden rekrutieren. Trotzdem sie fast unmittelbar aus dem Ghetto kommen, assimilieren sie sich doch sehr rasch, den neuen Verhältnissen und werden jeglicher Unbill des Wetters trotzende Landleute. Ein Redakteur der.New Yorker „Sunday Post" unternahm einen Ausflug in ein derartiges Gebiet jüdischer Farmen und schildert in seinem Blatt in anschaulicher Weise das Leben und Treiben auf den jüdischen Farmen. In der Nähe von Holliston 'befindet sich die von dem amerikanischen Journalisten besuchte Ansiedlung, die mir ganz wenige christliche Farmer aufweist. In West Medway, so heißt die Ansiedlung, fällt dem Journalisten vor allem das prächtige Aussehen der Kinder auf, das sie ungemein vorteilhaft voir den Kindern des Judenviertels in New York unterscheidet. Sie beherrschen alle die englische Sprache und sind in ihrem eGhaben völlig den eingeborenen amerikanischen Kindern gleich. Sie besuchen regelmäßig die Schule, sind reinlich gekleidet und den Fremden gegenüber äußerst zutunlich und freundlich. Der amerikanische Journalist beschreibt hierauf einen Besuch bei dem Patriarchen der Ansiedlung, dem siebzigjährigen Moses Burack. Er ist nun bereits 40 Jahre in Amerika Farmer, doch beschäftigte er sich auch in Rußland mit Ackerbau, bis die Regierung den Juden das Recht auf Grundbesitz nahm. Seine Farm prosperiert so gut, daß er imstande ist, zwölf Kühe zu halten, wodurch er eine schöne Einnahme erzielt, abgesehen davon, daß er auch recht erhebliche Getreidequantitäten alljährlich verkauft. „Was soll mir die Stadt?" sagte er dem Journalisten. „Ich bin sehr glücklich hier und desgleichen meine Familie." Aber nicht alle Bewohner der Ansiedlung sind Farmer. Es leben auch drei jüdische Hausierer da, die früher in Boston wohnten', als aber das Gebiet von. Juden besiedelt wurde, ließen auch sie sich hier nieder und wohnen nun in eigenen, von ihnen, erbauten Häusern. Das Haupt der jüdischen Ansiedler ist Jakob Binftock, der ein sehr eifriges Mitglied der Agrikulturgesellschaft ist und im: Sinne von deren Bestrebungen gewirkt hat. Seine tüchtigen landwirtschaftlichen Kenntnisse kommen dcr Gesellschaft namentlich beim Grundkaufe sehr zustatten. Auch die landwirtschaftlichen Hilfskräfte der Farm sind Juden, zumeist solche, die gerade aus Rußland tanven. Einer dieser Arbeiter, der sich in seiner Heimat uni dein Handel beschäftigt hatte, äußerte sich dem Journalen gegenüber, wenn, ihm die ungewohnte Feldarbeit in der. ersten Zeit auch hart angekommen sei, so habe er sie doch allmählich liebgewonnen und bis er erst Weib und Kind in Amerika und genügende Mittel habe, wolle er sich auch selbst eine Farm kaufen. Zum Schlüsse seiner Exkursion machte der Journalist noch eine interessante Entdeckung. Er kam auch zu einer Farm, die von einer jüdischen Frau ganz selbständig geleitet wird. Allch Frau Mazur, dies ist ihr Name, war ihr Leben lang eine Städterin. Heute ist sie, was \m\x bei uns eine Bäuerin niennt. Sie hat acht Kühe und einen großen Hühnerstall, die ihr eine gesicherte Existenz garantieren. Ihr Einkommen beläuft sich auf 260 Kronen monatlich im Sommer und 150 Kronen monatlich im Winter. Ans dem Korrespondenzdlatt des „Ccniralbureans für jüdische AriswandcrungsattgciegenheitLN. Dir Ankunft in den deutschen Seehäfen. Nachdem die fremdländischen Auswanderer an der Grenze in den Klont roll- oder Registrierslationen daraufhin untersucht worden sind, ob sie gesund sind, ob auch sonst ihrer Annahme seitens der Einwanderungsbehörden jenseits des Ozeans nichts im Wege steht und ob sie die nötigen Mittel haben, zu ihrem Reiseziel zu gelangen, werden sie entweder in besonderen Zügen oder in besonderen Wagen nach den Häfen überführt. Aber auch dort ill ihnen keine völlige Bewegungsfreiheit gestattet, namentlich soweit es sich um russische Auswanderer handelt. In Hamburg ill cs durch die Behörden den ^erbergswirten untersagt, russische Auswanderer in Logis zu nehmen. Alle aus Rußland kommenden Emigranten müssen in die von der Hamburg-Amerika-Linie errichteten „Auswandcrerhallen". Diese befinden sich seit dem Jahre 1902 auf der Veddel, sie wurden mit einem Aufwand von W2 Millionen Mark erbaut und nehmen eine Fläche von 25000 Quadratmetern ein. Die Lage ist so gewählt, daß die Auswanderer auf einem besonderen Bahnhof ankommen und ebenso eingeschifft werden, ohne die Stadt zu berühren. Die einzelnen Gebäude sind im VavillonM gebaut, haben Zentralheizung und elektrische Beleuchtung und sind mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit ausgestattet. Die Wege zwischen den einzelneit Gebäuden sind mit Bäumen bepflanzt, die ganze Anlage macht einen äußerst gefälligen Eindruck. Für Logis, Beköstigung., Bad und ärztliche Behandlung hat der Auswanderer pro Tag 1,60 M. zu zahlen, Kinder die >Hälfte. Für jüdische Auswanderer gibt es eine jüdische Küche, die unter streng ritueller Aufsicht steht, für das religiöse Bedürfnis ist weiter gesorgt durch eine Synagoge, in per die jüdischen Auswanderer ihre Gebete verrichten. Immer sind Sangeskundige unter ihnen genug, die die Vorbeterrolle übernehmen. Der Hauptgrund, weswegen russische Auswanderer ihren Aufenthalt in diesen Hallen nehmen müssen, während alle anderen entweder in Privatlogis gehen oder die Hallen freiwillig aufsuchen können, ist der, eine Einschleppung von Krankheiten zu verhüten. Seit dem. Cholerajahr 1892 sind diese Vorsichtsmaßregeln getroffen. Es ist dafür gesorgt, daß alle Abwässer aus den Answandererhallen, bevor sie in die Elbe fließen, desinfiziert werden, damit keine Krankheitsstoffe in den Elbfluß kommen, der Hamburg mit Trinkwasser versorgt. Weniger großartig sind die Einrichtungen in Bremen. Hier kann jeder Auswanderer sich in jedes beliebige Privatlogis begäben. Den Logiswirten, die unter behördlicher Ueberwachung stehen, ist es aber zur Pflicht gemacht, keinen zu beherbergen, der nicht vorher, soweit ec aus Rußland kommt, eine Kontwllistation passiert hat. Ist dies nicht geschehen, so muß der Betreffende in einer Abteilung des Bremer Krankenhauses sich derselben Prozedur, unterziehen wie in der Grenzstation, er lvivd gebadet und sein Gepäck desinfiziert; erst dann dürfen die Herbergswirte ihn au'fnehmen. Bei Nichtrussen muß ebenfalls vor der Aufnahme, wenn die Leute keine Registrievstation ausgesucht haben, festgestellt werden, ob sie gesund und reisefähig ’finb. Auch in Bremen finden die jüdischen Auswanderer eine jüdische Herberge, die gleichzeitig eine koschere Küche und Speisesäle aufweist. Die Räumlichkeiten in- Bremen haben zwar nichts von der Großartigkeit der Hamburger, unsere ausloanderndeu Glaubensgenossen sind aber auch dort in reinlichen, lustigen Zimmern untergebracht und bekommen eine gute und nahrhafte Kost. Der Preis für Verpflegung und Beherbergung beträgt hier 2,50 Mark. * * * Die Einwanderungslünder. Einwanderung nach den Südstaaten der amerikanischen Union. New York, 27. April 1906. Es erscheint nicht ratsam, Immigranten nach anderen amerikanischen Landungshäfen zu dirigieren als nach denen, an welche die großen Eiuwanderermossen gewohnt sind. In Philadelphia, Baltimore, Boston, Montreal (Kanada) und ganz besonders in New York sind wirksame Einrichtungen vorhanden, um der An- ' kommenden Herr zu werden. Die United Hebrew Eharities in New York haben seit 25 Jahren ein Bureau und Vertreter in der Lam dungsstation, die sich der Immigranten annehmen, ihnen Auskünfte erteilen und ihnen Helsen, Freunde und Verwandte ausfindig, zu machen. Das gleiche gilt mehr oder weniger von den anderen erwähnten. Häfen. In New Orleans, Charlefton, Savannah und Galvcjslion fehlt es an derartigen Einrichtungen. Die jüdischen Gemeinden in diesen Plätzen sind verhältnismäßig klein und jede Erfahrung iit der Behandlung größerer Einwanderermassen geht ihnen vollständig ab. 30 Personen können vielleicht in Galveston landen, ohne viel Verwirrung hervorzurufen; ebensoviel etwa in den anderen Städten, aber nachdem diese 30 oder Nachdem einige wenige mal 30 angekommen sind, ist die Aufnahmefähigkeit der genannten Städte erschöpft. Solche geringfügigen Ablenkungen schaffen für die Haupteinwanderrmgshäfen gar keine Erleichterung. („United Hebrew Eharities.") Wie wir erfahren haben, sind in den letzten Monaten verschiedentlich Versuche gemacht worden, die Einwanderung im allgemeinen und ganz^eson-ders die jüdische Einwanderung nach den LÜd- und Südweststaaten von Nordamerika zu lenken. Die Versuche haben nicht solche Erfolge gezeitigt, daß eine weitere Wiederholung anzuraten tväre. In diesem Sinne spricht sich auch ein an uns gerichteter Brief der United Hebrew Eharities aus, aus dem wir oben einen Auszug geben. Die Einwanderung nach dem Orient. A u s z n g a u s e i n e m Brief au s Kairo, den 15. Mai 1 9 0 5. Mehr als 13 Nationen sind irr Aegypten vertreten, ohne daß sich Anzeichen eines Völkerhasses bemerkbar machen. Ebensoviele Zungen und noch mehr Dialekte werden hier gesprochen, ohne daß jemand gezwungen' ist, nur diese oder jene Sprache seinen Kindern lehren zu müssen, um ihre Gedanken, Gefühle oder Gebete auszudrückeu. Doch darf man nicht glauben, daß die Kenntnis vieler Sprachen erforderlich sei, um sich hier eine Existenz zu schaffen, da die Hauptsprachen hier für Arbeiter in allen Betrieben oberflächlich Italienisch und Arabisch und für die kcmrmjerzielle und intelligente Beschäftigung nur Französisch, Englisch oder Deutsch sind. Nichtsdestoweuiger werden genannte Sprachen durch die Praxis schneller erworben als in irgend welchem europäischen Sprachinstitut. Uebrigens kenne ich hier viele Juden, die seit mehreren Jahren hier wohnen und keiner anderen Sprache als des Jüdischrussischen oder Jüdisch-rumänischen, mächtig sind. Man kann also behaupten, daß mit der zrmehmcuben Verstärkung des jüdischen Elementes das Erfordernis anderer Sprachkenntnisse geringer wird. Da mir die Verhältnisse des Landes stir eine jüdische Einwanderung günstig erschienen, nahm ich Anlaß, bald nach den in Mscheuew stattgesundenen Exzessen gegen' die Juden mich an den Groß-Rabbiner Alexandriens sowie an andere einflußreiche Personen zu welchen, um die Ansiedlung von einigen 50—60 Familien hier zu ermöglichen. Diese Aüssprache gab mir. den Mut,' einen Vorschlag an Herrn Dr. L. Kagan in Kische-