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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. 23 Vermischte Nachrichten. Lektor Weiß. Die Beerdigung des im 91. Lebensjahre verstorbenen Lektors I. H. Weiß fand am Donnerstag bei sehr zahlreicher Beteiligimg aller Berussklassen statt. Die Rabbiner sämtlicher Bezirke und Umgebung und die Beanrten der jüd.-theol. Lehranstalt mären erschienen, um dem großen Lehrer und Führer in Israel die letzte Ehre zu erweisen. Vom Kuttusvorstande waren anwesend Präsident Dr. A. Stern, Dr. Gustav Kohn, Dr. Markus Spitzer, Dr. Maxim. Steiner, die Sekretäre kais. Rat Lieben und Dr. Adler, ebenso Vertreter der Chewra Kadischa und anderer Vereine, die Vorstände des Beth-Hamidrasch, wo die Leiche aufgebahrt wurde, und Lektor Friedman n, dem Heimgegangenen Kollegen einen ehrenden Nachruf widmete als großem Halachisten, den eigentlich der selige Dr. Jellinek zu seinem Range erhob, indem er diese Lehranstalt kreierte und auch sür Midrasch und seine Verbreitung durch Berufung der richtigen Männer sorgte. Oberkantor Gut mann mit dem Tempelchor trug einen Psalm ergreifend vor und dann wurde der Sarg auf den Zentralfriedhof gebracht, wo . Oberrabbiner Dr. Güdemann und Rabbiner Dr. Schmiedl die Verdienste des Verewigten um die jüdische 'Wissenschaft und das J'udentum schilderten und ebenso dessen Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Seelengüte. Am Grabe sprach noch ein Neffe, der Olmützer Rabbiner Dr. O p - p e n h e i m, der im Namen der Familie allen Teilnehmern dankte und einen Appell an die Verwandten richtete, im Geiste des Entschlafenen weiterzuwirken und dessen Namen zu Ehren, zu bringen. Er ruhe in Frieden! Wie«, i V a r - Mi z w a h.) Am vorigen Sabbat feierte der Gymnasiast Ernst Martin, Sohn des Militär-Nechnungsosfizials Isidor B a r t w i ch, seine Bar-Mizwah im Brigittenau? r Tempel im Beisein der greisen Großeltern und mehrerer militärischer Honoratioren, aus welchem Anlasse dessen Lehrer, Herr Prof. Dr. Pollak, im Gotteshanse anwesend war. Derselbe richtete an den Konfirmanden eine erhebende Ansprache, in der er seinem Schüler das treue Festhalten an der Thora wärmstens ans Herz legte, zugleich das edle Vorbild des Elternhauses zur eifrigen Nachahmung empfehlend. Mit der Rezitation der Hasthora und den üblichen Brochoth schloß der solenne Festakt. Wien. i.A u s z e i ch n u n g.) Der Kaiser hat gestattet, daß unser Glaubensgenosse, der k. u. k. Hofburgschauspieler Adolf Ritter von Sonnenthal, das Großoffizierskreuz des bulgarischen Nationalordens für Zivilverdttnsteannehmen und tragen dürfe. Wien. (Trauun g.) Am 14. d. M. mittags findet im Tempel in der Seitenstettengasse die Vermählung des Herrn Paul Ritter von Sonnenthal, Sohn des Oberregisseurs und Hofburgschauspielers Adolf Ritter von Sonnenthal, mst Fräulein Klara Schwarz statt. Wir gratulieren! Skotschau. (Israelitische Kultusgemeinde.) Vergangene Woche fand die Wahl des Ausschusses der israelitischen Kultusgemeinde statt und wurden gewählt: Leo Klebinder-Skotschan, Josef Schrötter-Chybi, Adolf Dattner-Nstron, Emanuel Altmann, David Spitzer, Hermann Urbach, Adolf Rosenthal, Emanuel Spitzer, Hermann Schlesinger aus Skotschau und Ludwig Reichenbaunl aus Ustron,- als Ersatzmänner: Ignaz Urbach-Skotschau, Jul. Aufricht- Pruchna, und Wilhelm Spitzer-Skotschau. Brody. Am 31. Mai veröffentlichte die hiesige Bezirkshauptmannschaft eine Kundmachung, wonach alle russischen Flüchtlinge, die sich im Bezirke Brody befinden, binnen 8 Tagen den Bezirk verlassen müssen. Viele russische Deserteure fanden hier Arbeit und Unterkunft und verspüreri die Ausweisung als einen halten Schlag. Wohin sollen sich die Armen jetzt wenden? Vorige Woche wurden zwei russische Militärflüchtlinge von russischen Grenzsoldaten erschossen. Professor Dr. Ignaz Goldziher. Der Kaiser hat auf Vorschlag des ungarischen Ministers für Kultus und Unterricht den mit dem Titel eines ordentlichen Professors bekleideten Privatdozenten der Budapester Universität Dr. Ignaz Goldziher zum öffentlichen ordentlichen Professor der semitischen Sprachen und Literaturenmit den systernisicrten Bezügen ernannt. Diese Ernemumg wirdLNax Roth das Ritterkreuz des Franz Josesallenthalben mit Freuden begrüßt werden, denn in Professor Goldziher hat der Lehrstuhl für semitische Sprachen und Literaturen einen Vertreter gesunden, der sicherlich berufen ist, den orientalischen Wissenschaften an der Budapester Universität große Dienste zu leisten, umsomehr, als sein mehr als dreißigjähriges Wirken auf diesem- Gebiete bereits von den glänzendsten Erfolgen begleitet gewesen fft. Dr. Ignaz Goldziher wurde am 22. Juni 1850 in Szekesse Hervar geboren. Die Berufung zum ordentlichen Professor traf den Gelehrten, der sich schon lange eines Weltrufes erfreut, spät, aber doch noch rechtzettig, um ihm ein neues, weites und reiches Feld der Tätigkeit zu sichern. Daß er auch hier Ersprießliches leisten wird, dafür bürgt sein ganzes bisheriges, in rastlosem Forschen und in schöpferischer Tätigkett ausgehendes Leben. Der nach der Reiignierung Vamberys verwaiste Lehrstuhl für orientalische Sprachen und Literaturen konnte würdiger nicht beseht werden als durch denjenigen Mann, der durch seine Studien, durch seine Reifen im Orient und durch seine zahlreichen ausgezelchneten, in den weitesten Fachkreisen anerkannten Werke sich beretts einen allgemein geschätzten. Namen, einen Weltruf erworben hat, denn unter den ausgezeichnetsten Orientalisten Europas nimmt Goldziher schon seit fast zwei Jahrzehnten eine der ersten Stellen ein. Die seit dein Jahre 1875 bekleidete Stelle eines Sekretärs der Pester israelitischer, Relig ion s gem ein de wird Dr. Goldziher nun, um sich ausschließlich seinen Studien zu widmen, n'iederlcgen. Sein Nachfolger in diesem Amte dürste nach unseren 'Informationen der Budapester Hilfsprediger Dr. Weißburg werden. Die Verdienste Dr. Ignaz Goldzihers sind im In- und Anstande anerkannt. Schon; im Alter von 22 Jahren wurde er als Privatdozent an der philosophischen Fakultät der Budapester Universität habilitiert. Er ist ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschastcu und wurde erst jüngst zum Präsidenten der ersten sprachwissenschaftlichen Klasse gewähtt. Auf dem im Jahre 1889 in Stockholm stattgehabten internationalen Orientalisteutongreß überreichte ihm König Oskar von Schweden persönlich die große goldene Medaille und verlieh ihm zugleich auch die Insignien des Wasa- Ordens: im Jahre 1896 wählte die Royal British Asiatic Company Goldziher zum Ehrenmitglied und auch sonst wurde er im Auslande wiederholt ausgezeichnet. Die vor elf Jahren veröffentlichte, seither erheblich vergrößerte Liste seiner literarischen Arbeiternfüllt in Josef Sinnyeys literarbiographischer Enzyklopädie sechs enggedruckte Spalten und logt beredtes Zeugnis ab von der Gelehrsamkeit und Tatkraft dieser neuesten Zierde der Budapester Universität. Jude« im sindentischen Ausschuß. Der Beirat der Münch euer freien Studentenschaft, der zusammen mit dem Ausschuß diese Organisation leitet, nahm nach dein „B. T." am 15. Mai folgenden Beschluß an: „Der Beirat der Münchener freien Studentenschaft hält es nicht für angebracht, daß Inden im Ausschüsse sitzen." Dieser Beschluß hatte zur Folge, daß Mitglieder aller drei Konfessionenihre Aemter niederlegten und eine Bersammlung freier Studenten! einberiefen. In ücesei Versammlung wurde denn auch Mtt 98 geaen 56 Stimmen folgende Resolution angenommen: ..Die Versamnrlung freier Studenten mißbilligt den Beschluß des Beirates: „Der Beirut der Münchener Studentenschaft hält es nicht für angebracht, daß Juden im Ausschuß sitzen" und fordert diejenigen Herren, die damit nicht einverstanden sind, auf, ihre Konseguenzen daraus zu ziehen." Man wählte eine Zlnsgleichskommissivn, an der aber schließlich die Anhänger der Auffassung des Beirates die Teilnahme verweigerten. Darauf wurde von den Freunden der Resolution die Gründung einer neuen Finkenschast unter dom Namen „Freie Bereinigung Münchener Finken" beschlossen, die auch vom Rektor bestätigt wurde. Das Schächtverbot. Der Stadtrat hat beschlossen, gegendie Statthaltereientscheidung, betreffend die Sistierung des Gemeinderatsbeschlusses auf Verbot des Schächteus, den M'inisterialrekurs zu ergreifen. Carl Goldmark als Fünfundsiebzigjähriger. Am 18. Mai d. I. feierte Carl Goldmark, der sehr geschätzte Opernkompvuist und Symphoniker, feinen 75. Geburtstag. Carl Goldmart ist Jude, wurde in Ungarn geboren und hat sich zuerst durch seine auch heute noch viel gespielte „Sakuntala"-Ou.vertüre bekannt gemacht. Im Jahre 1875 — also jllst vor 30 Jahren — ward ihm mtt seiner „Königin von Saba" der erste große Opernerfölg beschert, einer der größten der Neuzeit überhaupt. Nun bat sich der greise und noch immer fchaffeusfrendigo Komponist allen ihm in der Heimat zugedachten Gebnrtstagsovationen durch eine Reise nach Abbazia entzogen, von wo er sich, wie alljährlich, zum Sommeraufenthalt nach Gmunden begeben wird. Auszeichnungen. Se. Majestät der König hat verliehen: dem Juwelier Karl Bachruch, Inhaber der hauptstädtischen Firma A. Bffchruch und seinen gesetzlichen Iiachkvmmen in Anerkennung seiner um die Förderung des Gelingens der ungarischer, Sektion der internationalen Ausstellung in St. Louis erworbenen Verdienste den nngarischen Adel mit dem Prädikate „Kiralykuti" niit Nachsicht der Taxen: dem Künstler Glasmaler Ordens. Jakob B. Brandeis in Prag. An, 3. Juni d. I. feierte der Verlagsbuchhündlcr Jakob B. Brandeis in Prag sein 70. Wiegenfest und zugleich das Jubiläum seiner 30jährigeu Wirksamkett als Präses des Vereines zur Unterstützung der hilfsbedürftigen Jugend „Channkah". Jakob B. Brandeis, in Prag geboren, elltstammt einer vornehmen jüdischen Gelehrtenfamilie. Sein Vater Berman Brandeis war 40 Jahve Hauptkassier rrnd Proknrafttyrcr im Bank- und Grotzhandlungshause Simon Edler von- Lämel in Wien, beziehungswerse -in dem dessen Sohnes Leopold Rttter von- Lämel in Prag. Frühzeitig entfattete er stillstische Anlagen, die in ihm Liebe zur Journalistik weckten. Er widmete sich ihr bald, schrieb vereinzelt in verschiedenen Blättern und trat dann selbständig als Publizist auf. Im Jahre 1868 begründete er die „Gegenwart", die er vier Jahre hindurch redigierte und in welcher er mtt lÄtenem Freimut die damaligen desolaten Zustände irr der Prager JsraelitengemeiNde gerselte. Im Jahre 1880 begründete er das „Prager illustr. -Extrablatt", das später an einen anderen überging, im Jahre 1886 übernahm er die „Jsr. Gemeindezeitung" in seinen Verlag, -die er volle 16 Jahre redigierte. In allen seinen Zeitschristeil trat er als ein wahrer Freund der Lehrer für ihre Interessen mit Wärme des Gefühls ein. Er war Mitarbeiter hervorragender Tagesblätter, sein Stil ist vornehm. Von seinen Schriften heben wir hervor: Naturwissenschaftlicher Leitfaden (1863), Biographie des- M. I. Landau (1867), Unser Judentum (1876), „Menorah", Gedichte (1899), nicht zu gedenken vieler seiner in verschiedenen Tagesblättern und Jahrbüchern verstreuten chronistischen Betträge. Der von ihm alljährlich herausgegebene und von ihm redigierte Bolkskalender schlägt das Vorurteil, das man oftmals gegen Werke geringeren Volumens hat, total nieder. Kein zweites jüdisches Jahrbuch könnte mtt diesem in bezug auf die Reichhaltigkeit interessanter Aüfsätze und lehrreicher Gedichte, die fast alle aus seiner Feder stammen, verglichen werden. Im Jahre 1880 begründete er in Prag seine Buchhandlung, die er als rühriger Verleger und mit Hilfe seiner verständnisvollen und edelsinn'igen Gattin, zu Ansehen gebracht hat. Er begründete die „Jüdische Urrive-rsal-B ibliöthek", auch war sein Augenmerk darauf gerichtet, gute Religionsbücher mrd L-ehrbehelfe für die Schulen zrr edieren. Auf genveinnützigem und humanitärem Gebiete war er stets rührig. Im Jahre 1870 ist -er -irr das Sta-dtverordnet-enkollegium der könrgl. Hauptstadt Prag gewählt worden, im Jahre 1872, in welchen, Prag von -einer Ueberschlwemmnng heimgesucht wurde, gehörte er als einziger Jude dem städtischen Hilfskomitee an. Nach seinem freiwillig erfolgten Scheiden aus dem Staötverordnetenkvllegium erhielt er vom Bürgermeister Franz Dietrich ein überaus schmeichelhaftes Schreiben. Im Jahre 1869 begrmldete er den Verein z;nv Unterstützung d-er hilfsbedürftigen Jugend, „Channkah", dessen- Vorstand er volle 30 Jahre als Präses angehört. Seiner Organisation und Leitung verdankt dieser Verein seinen Anfschwnng. Mehr als 4000 israelitische Schüler und Schülerinnen wurden seit seinem Bestände mtt vollständigen! Wiuteranzügen, Wäsche, Beschuhnng ufw. allsgestattet, was einen Kostenaufwand von nrehr als 200 000 Kronen erforderte. Ueberdies erhielt -eine große Anzahl israelitischer Handwerkerlehrlinge namhafte Stipendien. A-uch gehört er dem Ausschüsse des israelitischen Ferienkolonionvereines seit dessen Bestände an. Mehrere Jahre hindurchwar er Ausschuß-mitglied des Zentvalvereines zur Pflege jüdischer Angelegenheiten und des Fortb-ildungsvereines für jiidtsche Mädchen, welche beide Ehrenstellerl er wegen B^erussüberbürdung niedergelegt hat. Strebertum! lag ihm stets fern, >er hat sich au Ehrenämter nie herangedrängt: 'immer trat man, seine Selbstverteuguung würdigend, an ihn heran mit der Bitte um Annahme derselben. Da, wo er vorallssichtlich rvußte, daß für ihr, kein Wiirklmgs-kreis sei, leh-nte er vorweg ab. Borr der auß-erordentl-ichen Wertschätzung, derensich der Jubi-lar erfreut, zelrgton die vielen Gratulationell, die Gm aus serrr nnd n-ah zugekommen silld. Auch viele Deplltationen fanden.- sich -eill, um ihnr ihre Glückwünsche zn llberbrillgen. Juden als Handwerker. Ein Nerv Aorkev Blatt hat jüngst mitgeteilt, -daß im vorigen Jahre 4078 jüdische Zilnnl-erleltte, 1970 Maler und 1337 Schlosser aus Rußland auf Ellis Island gelandet nnd daß von diesen lvahrscheilllich 90 Prozertt irv New Bork geblieben sind. Auf diese Weise sind im Ballg-ewerbe viele Juden beschäftigt. Auf dev Ostfeit-e lvnrüe der größere Teil -der Gebäude von Juden hergestellt und tatsächlich seien alle Zimrnerlellte, Maler und Glaser Jude,,. Infolge der Netguttg derselben, für sich selbst zu sorgen lind ihrer Abnelg-ung, sich Streiks anznschließen, da sie daliach trachten, selbst Uutcru-eljincr zu werden, seien die Inden bei den Nlki-vnisten nicht beliebt. Es lverde zugeg-ebeu, daß das Bestreben des jlidischen .Handwerkers, schnell vorwärts au kvinmen, bisweilen die Bollkomlneilhett seiner Avbett beeilltrüchtige. Die Tatsache, daß soviele in Nerv Bork -eingewcmderte rrlssische Juden iu verschiedeuerr Zweigell des Handwerks Beschästignltg suchen lllld finden, ist jedenfalls ein Beweis dafiir, daß die Behanptlllm der Llntise-lntten, der Jude sei von Natur nur Hündler ltll-d Ausbeuter der prodltktive»l Industrie anderer, llubegründet und falsch ist. Die nächste Kummer enthält: „Knmoristischr Kellas»"-

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