Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433100--3018-2436936- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r—. ... 1 —.- i Redaktion: IX/i, Servitengasse 4. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden r An Wochentagen von 4 bi« 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdische« «ottSvlatt. Wien. 1X|«. Erscheint jeden Freitag. SigeitSmer mt) Smnt-rbrr: Jakob Sinnt;. w~.... « Administration: IX/1, Srroitengaste 4. Telephon Nr. 14728. Abonnement« » PretSr B«d)W(r4CN wegen verspStcier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbstten wir un» dringend. — lüauHtbriptc uwdCH Hiebt XHrfl(kft(it<lit. Postsparkassen-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreren. b-i Jnserate übernehmen die firmen: Itt. Dukes Nachf., Haasenstein k Vogler, Rubolf Masse, M. pozsonqi, 6. Schal«! in Wien, ferner all« Annoncen. Expeditionen im Ausland«. Einzel - Nummer in Wien SO Heller. , Für Wien u. Oesterreich- Ungar« s. Frankozustellung: «anziShrig. . . . K 12 - Halbjährtg . . . . K 6.- Bierteljährig . . . K 8 — b Für das gesamte Ausland samt Frankozustellung r «anzjäbrig . . . K 18.68 Halbjährig . . . K 0*38 Vierteljährig. . . K 8.4» ä Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, tt/3, Untere Augartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Mr. 23. Wien, 9. Juni 1909 (6. Siman 5663). VH. Jahrgang. Reichsrathsavgeordneter Dr. B. Straucher über das Haufiergesetz. (Nach dem stenographischen Sitzungs- Protokolle.) Hohes Haus! Wenn für das' Zustandekommen eines angeblich oder wirklich voilkstümlichieu Gesetzes das Interesse der kompetenten Vertretungskörperschast von, entscheidendem Gewichte wäre, dann! stünde es miit der gegenwärtig^' Gesetzesvorlage sehr Wecht; denn das Interesse des hohen Hauses ist ein so ausfallend schwaches, ein so geringes, wie ja die knappe Beschlußfähigkeit des Hauses gezeigt, daß ich nurwünschen' würde, daß die tausende von, Handels¬ und Gewerbetreibenden, deren wirtschaftliches Wohl angeblich mit dein Schicksale dieser Vorlage verknüpft ist, hier im Hause anwesend wären, um die befremdend starken Akzente zu hören, welche heute vormittags von mehreren' Rednern angeschlagen wurden». Ich frage: Ist denn! wirklich die Durch peitschung dieser Vorlage zwischen! Tür und Angel, knapp vor der Vertagung oder Unterbrechung der Sitzungen des hohen Hauses, so dringend notwendig? Besteht eint unabweisbares Bedürfnis, daß dieses Gesetz so rasch als möglich beschlossen werde? Es wird ja trotzdem nicht der Fall sein; denn wenn das hohe Herrenhaus etwas mehr Nackensteise besitzen wird als beispielsweise der Herr Handelsnii niste r, welchr in vielen Fragen mutig zurückgewichen ist, so können wir erwarten, daß diese Gesetzesvorlage neuerlich vor vas hohe Haus kommt. Und das ist, glaube ich der einzige Trost Lei Beratung dieser Vorlage. Meine gehörten Herren'! In erner Zeitepoche, in welcher, wie wir ja alle sehen, so viele zentrifugale «Kräfte an den wenigen Säulen der sogenannten staatlichen, aber recht kümmerlichen Einheit rütteln, in einer Zeit, wo buchstäblich das Reich in seinen Fugen kracht, besaht sich' das österreichische Abgeordnetenhaus mit keiner wichtig,eren Frage als mit der Abschaffung des Hausierhandels, während der mit so großem Applomb eingesetzte sogenannte Derschatta-Ausschuß einen sanften Schlummer schläft und wir von seinen Beratungen gar nichts vernehmen. (Abg. Do. Pommer: Cr wird Ihnen noch um angenehm werden, der Gewerbeansschutz!) Ich hoffe, daß die Beratungsergebnijse dieses Gewerbeausschusfes nicht so bald! das Tageslicht erblicken werden.. (Abg. Dr.Pommer: ,Na, na!) Na, na, wir werden Ihre berühmte sogenannte Mittelstandspolitik noch, rechtzeitig ausgiebig beleuchten. (Abg. Dr. Pommer: Wir werden doch keine Judenpolitik machen!!) Herr Proi fessor, Sie halben nur mit den Juden zu tun; \ Sie sind! ein schöner Jugendbildner, Sie gehen : von sehr vornehmen Gesichtspunkten ans!; (Heiterkeit. — Abg. Dr. Pommer: Ich bin i in der Schule nie Antisemit gewesen, aber in j der Politik bin ich ein entschiedener Antisemit!)! Ich habe Ihren Antisemitismus gar nicht angezweifelt, Sie brauchen deshalb' nicht derart in Eifer zu geraten. Sie legen sich mit dem Feuilleton.! _ Rothschilditis. Der Tod des „Alten Barons", wie Baron Alphonse Rothschild in Paris kurzweg genannt wurde, brachte wieder, wenn auch nnv für kurze Zeit, die „Rothschilditis" zmn Ausbruche. Die sogenannten Judenblätter machten sich einen guten Tag, indem sie mit einem! Griff im den „Zettelkasten" der Finanizaristokratie ihre Huldigung davbrachten und gleichzeitig auch diejenigen Inden befriedigten, die noch! immer in dein naiven Glauben befangen sind, daß Rothschild die Sonne sei, welche zur Erhaltung des Judentums dient. Aus der anderen Seite wieder die antisemitischen Blätter, für deren blödes Publikum! ein Rothschild noch! immer ciif zugkräftiger „Wau-Wan" ist. Diese beiden extremen Richtungen haben sich anläßlich des - Todes des an sich sehr achtungswürdigen „Alten Barons" recht gütlich getan. Es war ein wahrhaftiger Totenschmaus der Schmocke, mit dem Unterschiede, daß m der einen' Gesellschaft französischer Champagner serviert wurde, während man, sich in, der anderen an gewöhnlichem, verblödendem Kornbranntwein besoff. Wer aber weder mit dev einen, noch' mit der anderen Gesellschaft mitgjug und nüchtern blieb, mußte lachen aus Widerwillen' und Unmut über die Kleinheit der Menschen, die auch! an dein Tode eines „Großen'" verdienen »vollen . . . * * * Ich habe in meinem Leben schon oft durch I die „Rothschilditis" der Menschen leiden müssen. Ich! war damals acht Jahre alt. Ich spielte mit meinen Altersgenossen aus dem sogenannten! „Kratzberge", einein am Ende der Stadt durch Ablagerung von Pottasche und ähnlichem Gemüll entstandenen Hügel. Unser obligater Spielplan war bald erschöpft und wir begannen zu. „politisieren". Aus der Tagesordnung stand'die Frage, wer der reichste Mann der Welt sei?!©ini kleiner, magerer Junge meinte: „Re'b Mordche Gerstl, der Rosch Hakohol, müsse der reichste Mann der Welt sein, denn seine Kinder kommen täglich, mit einem Steirerwagerl in die Schule gefahren, obgleich sie den Wog von' der Wohnung zur Schule in fünf Minuten zu> Fuß zurücklegen könnten." Alles lachte über 'den naiven! Kgmeradeu. Da Platzte ich mit der Ansicht heraus; „Der reichste! Mann der Welt ist der Bischof! Halb Neutra gehört ihm, und wenn er ani Samstag vor den christlichen Ostierifeiertagen bei der Au!ferstehungsprozession erscheint, eilt ihm Jud und Christ entgegen, jeder entblößt fein, Haupt, viele sinken sogar in die Knie..." Die Majorität der jugendlichon Gesellschaft hatte mir zugestimmt. Die anderen enthielten sich der Meinungsäußerung und beobachteten: einen auf dem Bauche liegenden' Burschen, der während meiner Lobeshpnme auf den- Neutraer Bischof ärgerlich mit den Füßen strampelte. Nathan Schwarz, so hieß dieser Junge, lvar um zwei Jahre älter als die meisten, von uns. Ausfallend kräftig, ein» verzogener Sohn Wohl¬ Antisemitismus nieder und stehen mit ihm auf, gescheiter sind Sie aber deshalb nicht geworden'. Sie haben es auch herrlich weit gebracht mit Ihrem! Antisemitismius! Sie betreiben' eine wunderbare Wirtschaftspolitik, Sie erdrosseln die wirtschaftlich Schwachen, aber an die wirtschaftlich Uebermächtigen wagen Sie sich nicht heran in Ihrer kleinbürgerlichen Politik. (Zwischenrufe Dr. Pommers.) Ich! habe Sie nicht unterbrochlen, Herr Professor Pommer, sogar nicht, als Sie Schopenhauer so wunderbar zitierten,. (Zwischenruf des Abg. Dr. Pommer.) Mich ärgern Sie keineswegs. (Neuerliche Zwischenrufe des' Abg. Dr. Pommer.) Ich bitte, Herr Vizepräsident, den Herrn Professor Pommer etwas beruhigen zu lassen. (Heiterkeit.) Wollen Sie sich, Herr Professor, noch weiter ausschleimen (Heiterkeit), ich habe Geduld, ich kann warten, mich werden Sie durch grobe Ausfälle überhaupt nicht irritieren. (Heiterkeit.^ Ich sagte also, meine Herren, daß ich die gegenwärtige Zeit nicht für die entsprechende halte zur Beratung einer sogenannten! Hausiervorlage. Es macht das aus mich denselben' Eindruck, wie im Jahre 1878/1879, als damc ls während des großen russisch-türkischen Krieges die sogenannte orientalische Frage ausgnvllt wurde und der Berliner Kongreß tagte. Damals hat sich das österreichische Abgeordnetenhaus mit einem Schneeschauslungsgesetz besaßt (Heiterkeit) und gegenwärtig, während wichtige Fragen, die die Staatseinheit berühren, aus der Tagesordnung stehen sollten, befassen, wir uns mit einer Haustervorlage, die habender Eltern, hatte er sich eine gewisse Souveränität über eirtie Gruppe von Altersgenossen gesichert, die in allen Dingen seiner Losung folgten'. Er stand auch im Ruse, verstohlen Zeitungen zu lesen und galt daher auch in der Politik als Autorität. „Ihr seid alle Esel!" meinte dann. Schwarz herablassend. „Der reichste Mann der Welt ist Rothschild!" Ich bewundere noch heute die glänzende Phantasie dieses kleinen Nathan Schwarz, die uns die wunderbarsten Mären über den Reichtum und die Macht Rothschilds vorzauberte. Ich fühlte mich geschlagen, doch! mein jugendlicher Eigensinn und diese gewisse Ambitation des. Achtjährigen ließen es nicht zu, angesichts meiner Kameraden meine.Niederlage auch wirklich zuzugeben. Ich führte die unmöglichsten' Argumente zugunsten des Neutraer Bischofs ins Treffen; nun wurde. Nathan immer heftiger, und' bald lvar das kleine Nebulonenlager in zwei feindliche Lager gespalten, beide entschlossen, ihr junges Leben für i h r e n „ reichsten Mann der Welt" auf dein Kratzberge zu lassen. Ich werde mich knrz fassen: Bei der Schlacht am Kratzberge blieb die Rothfchildgruppe Siegerin. Für die Bischofsgruppe war der Tag ein schwarzer Samstag gewesen. Schwär z- und blattgeschlagen, die schönen Sabbatkleider zerfetzt, zogen wir heim,. Was die starken Fäuste des Nathan Schwarz und seines Anhanges an uns unberührt gelassen, bekam zu Hause — je nach Stand und Kulturgrad des Vaters — das