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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vrilsge zu Nr. 20 des ,Füdifchr» Nolksblatt". Ein Hochwichtiger Briefwechsel. „Der Hüter Israels schläft und ruhet nicht!" Juda, halt' ein mit deinen Klagen, du bist nicht verlöre::! In Rußland werden Juden hingemordet, in Deutschland geht der „kleine Mann" zugrunde, in Oesterreich laufen sie scharenweise zur Taufe und der Antisemitismus triumphiert! .... Das ist alles wahr und sehr traurig, aber was bedeutet das alles gegenüber dem hochwichtigen diplomatischen Notenwechsel, mit dem jüngst Juda beglückt wurde. Lieb' Juda, magst ruhig sein, du bist für immer gerettet. Hier lies und iß dich satt. Der bedeutsame Notenwechsel lautet: I. Herrn jüdischen Staatsbaumeister Oskrach Narrboreg, Wien. Lieber Schneck! Wie Ihnen bekannt, grassiert jetzt in der ganzen Welt die Schächtfrage. Durch diese Frage sind besonders wir, die wir die Israeliten anführen, in mächtige Erregung versetzt. Als wir die erste Nachricht von dem Schacht- Verbot vernahinen, ist uns das Beinet vom Schweinskotelett, an den: wir eben mit Behagen nagten, vor Schreck und sittlicher Entrüstung schier im Halse stecken geblieben. Nuu lese ich in der „Jüdischen Staatsbürgerztg.", daß demnächst wieder ein Kongreß Ihrer Zunft in die trescnste Stadt der „Welt" einberufen werden soll, ^ie wissen, wie ich mich stets über Ihre Staatsbauspielerei lustig gemacht habe und auch heute mit innerer Befriedigung sehe, wie Ihr Staatsbaukasten allmählich auseinanderfällt. Aber gerade weil ich der grimmigste und unerbittlichste Gegner Ihrer Richtung bin, macht es mir eine Höllenfreude, Sie zu fragen, ob cs dem von Ihnen so oft gepredigten Standpunkte der „nationaljüdischen Solidarität" (ich bitte hier die Gänsefüßchen zu beachten! Das ist nicht mein Standpunkt, sondern nur der Ihrige) ehrenhaft und anständig ist, in einer trefenen Medinc für das Judentmn etwas zu tun. Damit, Gott behüte, kein Zweifel über meine Gesinnung entstehe, wiederhole ich nochmals nachdrücklich, daß ich ein politischer Antistaatsbaumeister bin, aber es würde mich sicherlich freuen, wenn Sie, so wie dies in letzter Zeit nicht zu Ihrem Nachteile geschieht, auch diesmal meinen Anregungen folgen wollten. Sie verlangen Solidarität! Warum sollen gerade w i r mit Ihnen solidarisch sein, seien S i e mit it n s solidarisch. Hie Rhodus, hie saltn! Jetzt mach' ein Geruder, jetzt .... spring!" Da ich weiß, daß Sie „Politischer Staatsbarimeister" rr n p o l i t i s ch genug sind, jedes Zeichen meiner Gunst zu veröffentlichen, habe ich diesen Brief vorsichtig abgefaßt, und ermächtige Sie daher mit tausend Freuden, von demselben jeden Ihnen beliebigen Gebrauch (lies: Veröffentlichung) zu machen, rind zeichne in gewohnter Huld Dr. Al. Freddo Fixstern, Airführrmgszeichen der Wiener Israeliten. II. Hochgeehrter, mächtiger Herr! Ihre Anregung können wir aus verschiedenen Gründen leider nicht ausführen, wie es sich einem gehorsamen Diener ziemen würde. Aber Ihr Brief hat uns geradezu beglückt, ist uns von großen: Werte und könnte von großen: Werte für das Judentum sein. Er zeigte uns die erfreuliche Tatsache, daß Sie Ihre bisherige Haltung gegen uns jüdische Staatsbaumeister, Gott sei Lob und Dank, geändert haben. Früher haben wir Sie bekämpft und Sie wehrten sich, indem Sie uns in der unschönsten und gehässigsten Weise angriffen und verfolgten. Hätte einer von uns früher je das Glück gehabt, von Ihnen einen Schreibebrief zu erhalten! Wir waren für Sie Luft! Und heilte, welcher Sieg für uns! Sie zeichnen mich mit einen: Schreiben aus und gestatten sogar. Schäc ht-Nummer. daß ich mich offen vor jedermann mit diesen: Zeugnis Ihrer Huld rühmen darf. Welches Glück! Und wie dieser Brief stilisiert ist! Wenn Ihr Vorgehen, hochgeehrter, mächtiger .Herr, vorbildlich auch für Ihre anderen Gesinnungsgenossen wirken und jeder einen solchen Brief an Mich richten würde, dann wäre das Judentum gerettet! Eines mögen jedoch Ihre Freunde aus diesem Briefe lernen: Ein Jude mag welcher Anschauung immer sein, aber er kann nicht n:ehr sagen, die jüdischen: Staatsbaumeister gehen ihn nichts an; ich habe es gottlob schon so weit gebracht, daß solche Briefe, wie der Ihrige an inich gerichtet werden köilnen, ohne daß sich eine Entrüstung kundgebe:: würde. Sie haben mich, mächtiger Herr, richtig beurteilt! Ich werde von Ihrem Briefe nicht jenen Gebrauch machen, der mir noch vor zwei Jahren „beliebig" gewesen wäre, sondern werde ihn, wie besprochen, veröffentlichen. Gestatten Sie, mächtiger Herr, daß ich auch fürderhin verbleibe Ihr ganz und gar ergebener Oskrach Narrboreg, jüdischer Staatsbaumeister. Jetzt wird geschlagen ... (Wiener Couplet.) Am besten geht's dem Ochsen heut' In uns'rer Weancrstadt: So lang er lebt, wird stets gesorgt, Daß er zu fressen hat. Und kommt's zun: Sterben ei:dli' mal, So geht's ihm a nöt schlecht . . . Er wird ganz sanft geschlagen nur, Doch nimmermehr geschächt't . . . Der Jude schreit natirli: G'walt, Es is a wahre Hetz'! Er schreit, daß seine Religion Is worden stark verletzt. Und wenn der Jud' zerspringt vor Wut, So tun wir's doch erst recht . . . Der Ochs wird jetzt geschlagen nur, Doch nimmermehr geschacht' . . . In unfern: Beisl in Hernals Gab's jüngst a Grandgaudee, Zur Tür' flog raus ein alter Jud', Der heult und schreit „Au Weh!" Ich lach' und denk': Was heult der Jud'? Dös wär' Herrje, nöt schlecht . . . Denn Ochs und Jud' geschlagen wird, Doch nimmermehr geschacht' . . . Der reiche Majer Jtzelsohn Freit eine Christenmaid, Die war nur wegen seines Geld's Zu folgen ihn: bereit. Nach Wochen schon trägt Hörner er, In: G'sicht a blaue Flecht' . . . Daß d e r Ochs jetzt geschlagen wird, Geschieht ihn: schon ganz recht! Jakbat. Kasernenhosbliite. U n t e r o f f i z i e r : Sie, Einjähriger Kurt Abrahamsohn, stehen Sie nicht da, wie der Wiener Ochs, der jetzt nicht weiß, ob er geschacht' oder geschlagen werden soll. Boshaft. In einein kleinen, engen Friseurladen in Ottakring wird ein Gast von den: Friseurgehilfen unversehens an den Kopf gestoßen. „Du, Franzl, laß di jetzt nöt rasir'n, der schneid't di g'wiß in den Hals!" sagt einer der Gäste ganz ernst. „Warum sollt' er mi' denn in'n Hals schneid'::?" fragt der Angestoßene. „Waßt denn nöt, nach der neuchen Verordnung kriagt an Ochs erst an' Kopfschlag und dann den Halsschnitt!" Aus Alt-Neu-Kalau. A. S i m i l a n t : Hast du gehört, der Lueger soll gar kein solcher Antisemit sein, wie die Juden immer behaupten? B. S i m u l a n t : Wie und wieso? A. S i m i l a n t : Er (hat sich geärgert, daß seine Leute den S ch ä ch t r u m m e l gemacht haben. B. Simulant: „Laß mich aus, ich bitt' dich! Er hat's dann doch zugelassen und hat noch seinen K renn dazugegeben. * * * A. Similant: Ich laß' mir's doch nicht ausreden, der Lueger schützt doch nicht nur die Tiere, sondern auch manchmal einen Juden. B. Simulant: Wen und wieso? A. S i m i l a n t : Ein jüdischer Gemeinderat ist doch ein Freund und Schützling von ihm. B. Simulant: Ja, ich kenne ihn, Rindvieh genug ist er dazu. * * * A. S i m i l a n t : Wir Juden haben doch unberufen viele gescheite Köpf'. B. S i m u l a n t : Wo und wieso? A. Similant: Hast du nicht gelesen, wie schneidig der Kultus- und Gemeinderat v o n G o l d s ch m i d t, der doch sonst ein Am- Hoorez ist, die Schechita verteidigt hat? B. S i m u l a n t : Ja, es ist nur schade, daß er dabei zu sehr das koschereChaserköpf! herausgesteckt hat. 1 Gedanken des Rabbi Chajim Anedkotcnschatz. Der Herr B i e l o h I a w e k hat in der Schächtdebatte behauptet, daß er die Juden in ihrer freien Religionsübung lücht stören will, aber das Schächten müsse verboten werden. Da fällt mir unser Dorfzigeuner Dade More ein. Einuial kommt er abends von einem Streifzuge nach Hause und legt einen kleinen Topf alten Sauerkrautes und einen Sechser auf den Tisch. „Bist Wohl hungrig, Alte?" sagte er dann. „Hier hast du, wähle dir, was du willst, das Sauerkraut oder den Sechser, aber das sag' ich dir gleich, wenn du dir den Sechser nimmst, hau' ich dir a Watsch'n runter, daß dir alle Zähne rausfliegen!" * * * Der Doktor Lueger sagt, daß die ganze Schächthetz nicht nach seinem Geschmacke sei, er aber feinen ungeberdigen Parteigenossen habe nachgeben müssen. Da fällt mir unsere selige Genendl Sauerteig ein, die ein sehr unseliges Weib war. Wenn ihr Mann zum Essen kam, waren noch nicht einmal die Betten gemacht, und vom Kochen keine Spur. Wenn ::un die Zeit kau:, daß ihr Mann zum Essen konnnen sollte, da nahm sie einen ihrer schmutzigen Rangen auf den Arm und lief ihren: Manne klagend entgegen: „Schau, Alter, seit früh will ich mich zur Wirtschaft stellen, aber die Fratzen hören nicht auf zu raunzen, und ich mußte eines nach dem anderen Herumschleppen!" Der Mann, der ein echter Patsch war, nah::: diese Entschuldigung stets ruhig entgegen. Und unser Genendl rennt noch immer mit den Fratzen herum, läßt ihre Wirtschaft zugrunde gehen und denkt sich: „Mein' Ausred' soll mir leben!" Man schreibt uns: In Budapest wurde jüngst eine Protestversammlung gegen die Neberhandnahnre internationaler Agitation gegen das Schächten abgehalten. Das Wort führte Herr Arpad A b a f i (früher Abraham Abrahamson), der, vor drei Jahren aus Galizien eingewandert, inzwischen ein wütender Magyare geworden ist. Als er nun seine Rede mit der Entschuldigung begann, daß es ihm mit Rücksicht auf einen Teil der Gesellschaft gestattet sei, seine Rede nicht „in unserer schönen Nationalsprache" zu halten, rief ihm der größte Teil der Anwesen-

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