Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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JüdißcheB Volksblntt Nr. 19 hatte etwas vornehmes in seinem Wesen. Die Kanonen fingen an zu donnern, die Kugeln sausten über unseren Köpfen, da wandte er sich zu uns um und sagte: „In meinem Tschako ist mein ganzes Vermögen; wenn ich falle, so nehmt ihn." Wir rückten dem Feinde nutzer und der Jude war der erste, der fiel. Für seinen Tschako hatte aber niemand Sinn." Die verlorenen Kinder Israels. Aus New Jork wird berichtet: Dreiundachtzig Mitglieder einer seltsamen Sekte, die sich die „verlorenen Kinder Israels" nennen, sind in New Dort angekommen. Sie kommen von Australien und wolle:: nach Bcnton Harbour in Michigan reisen, um sich dort ihren: „König" und ihrer „Königin" anzuschließen, die über 400 Mitglieder der gleichen Sekte herrschen. - Die Mitglieder dieses kleinen Königreiches meinen, daß das Ende der Welt im August 1916 herbeikommen wird und daß goldene Wagen sie fortführen werden, wenn des Satans Macht sie überfallen, haben wird. Die Sektierer gewähren einen wilden, verwahrlosten Anblick. Die Männer haben Bärte, die bis zu den Knien herabreichen, und das Haar der Frauen hängt wirr über ihren Rücken herab. Ihre Kleidung ist malerisch zusammengewürfelt. Sie sind Vegetarier und essen nur Früchte und Gemüse, die sie sich selbst gezogen und auf die Reise mitgenomnren haben. Der Führer ist ein Mann namens Visiert, der sein Geschlecht tausend Jahre in die Vergangenheit auf einen König von Wales zurückführt. Bad Kissingen. Die israelitische Kinderheilstätte in Bad Kissingen wird im Mai 1905 eröffnet und in gleicher Weise Kindern aus allen Teilen des deutschen Reiches die Pforten öffnen. In der Anstalt, welche in hygienischer Beziehung allen modernen Anforderungen entspricht und eine eigene Solezuleitung (kohlensäurehältige Solbäder) besitzt, finden vorzüglich Aufnahme fünf- bis sechzehnjährige Kinder beiderlei Geschlechts, welche an Skrofulöse, Rachitis, Blutarmut, Rheumatismus, Verdauungsstörungen, Herzaffektionen, allgemeiner Schwäche oder mangelhafter Entwicklung usw. laborieren. Die Aufnahme erfolgt bei unbemittelten Kindern zu ermäßigten Preisen oder unentgeltlich, bei bemittelten gegen Zahlung der Selbstkosten. Der Totcnglaube. Die im Flecken Raßnopol lebnde Udlja Rottmann ersah, wie wir im „Petersb. Herold" lesen, im März voriger: Jahres aus der Zeitung „Der Fraind", A:ß ihr im fernen Oster: kämpfender Mann in der Schlacht am Jalu gefallen sei, und da ihr dessen Bruder, Sender, bald darauf einer: Heiratsantrag inachte, gir:g sie mit ihn: die Ehe ein. Das junge Paar zog nach Odessa, wo es einer: .Kramladen erösfnete. Dieser Tage betrat der totgeglaubte Mendel Roitmann den Laden und berichtete, nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, daß er nur verwundet gewesen sei, während ein Namensvetter von ihrr: der: Tod gefunden habe. Die Brüder begaben sich sodann zum Rabbiner, um zu fragen, was sie nun beginnen sollten. Der Rabbiner entschied dahin, daß beide Brüder sich von ihrer Frau scheiden lassen müßten. Als Mendel am folgenden Tag erschien, um Frau und Bruder zürn Rabbiner abzuholen, fand er beide nicht mehr vor; sie hatten das Weite gesucht. Baron Rothschild nu das Konsistorium von Paris. Zur Hochzeit Nothschild-Halpern batte das Pariser oKiisistormm den: Baron Alphons vor: Rothschild seine Glückwünsche übermittelt. Darauf trat ein Antwortschreiben ein, dessen Uebersctzullg hier folgt: „Ich habe die Ehre und das Vergnüge gehabt, die so herzlicher: und rührender: Glückwünsche, die Sie freundlicherweise sowohl ir: Ihren: eigenen als auch in: Rainen der Gemeinde an rrüch gerichtet haben, zu empfangen. Mine. Rothschild und ich, sowie jeder einzelne vor: uns waren tief gerührt über die Gefühle, die Sie uns 'ibermittelter:, rrnd wir versichern Sie unserer Dankbarkeit ob Ihrer Teilnahme. Es ist eir: altüberkonunenes Band, das uns an die große jüdische Familie fesselt, der wir ganz und gar ergeben sind. Es reicht ans der Vergangenheit, von unseren Vätern ist es uns überkommen, kurz, es ist eine Tradition unserer Familie, die auch inein Sohr: — und davon bin ich überzeugt — Hochhalten wird. Es ist ein süßes Gefühl für uns, zr: sehen, ir: welcher Weise Sie sowohl als die jüdische Gemeindevertretung von Paris an fröhlichen und ranrigen Vorfälle, die uns betreffen, Anteil nehmen. Das verschont noch den einen rrnd nimmt den anderen einen Teil ihrer Traurigkeit und vermehrt nur noch die Dankbarkeit gegen Sie alle." Eine alte jüdische Familie. Anläßlich des jüngst erfolgter: Hinschetdens des bewmtten Philanthropen N u b e n S a s s o o n hebt ein engttsch-jirdisches Blatt hervor, daß das Haus Sassoo» eines der ältesten in Israel ist. Die Sassoons letten ursprünglich in Spanien, wo sie den Aamen Soshan flihrtei: rrnd ihre Fcunillcnoherhäupter in Toledo eine Zeitlang die Stelle eines Naist inne hatten. Eir: bekannter KaL'balist nckmens Abraham Soshan, der im 17. Jahrhundert irr Venedig lebte, stellte in seinen: Buche „Kol Mewaser" den Stammbaum seiner Familie auf, der angeblich bis zn Sefatia, dem fünften Sohne Davids, hinaufreichte. Ter Name Shoshan kommt oft in der jüdischen mittelalterlichen Literatur vor. Von Toledo ging die Familie nach Saloniki und Konstantlnopcl, von da über Kairo und Vrussa nach Bagdad in Mesopotamien. Hier liest sie sich im 16. Jahrhundert dauernd nieder, und hier wurde auch 1763 das Haupt des englischen Zweiges der Familie Sassvon, David S a ss o o n, geboren. In Mesopotamien be'kleiöeien die Shoshans das Amt eines „Fürsten der Diaspora" lNosch Galnta) und waren damit als die Oberhäupter aller in den Ländern des Islam lebenden Inden von den Herrschern der moHammedanischen Völker offiziös anerkannt. Sie Hatten die Obergerichtsbarkeit über alle jüdischen Gemeinden, rrnd die Rabbiner mußten von ihnen ordiniert werden. David Safsoon war der mächtigste Fürst der Diaspora, da er neben dieser Würde noch das Amt eines Fman',Ministers des Pascha von Bagdad bekleidete. Dieser mächtigste war zugleich der letzte Nosch Galnta von Mesopotamien. Das Anwachsen der türkischen Macht zwang ihn, i. I. 1883 zu erst nach Bnsh ire, wo ein englischer Konsul residierte, und dann nach Bombay zu flüchten. Hier begründete er das' Hans David Sassvon n. Co., welches auch hebräisch David Shvfhvn wacharvrow firmierte. Zahlreiche Synagogen sonne viele jüdische und allgemeine Wohltätigkeitswnstalten. m Bombay verdanken ihre Existenz der Mnnistzenz David Sassoons. Angehen erregt die von ihm in Bombay errichtete Statue des Prinz-Gemahl Albert, das einzige englische Denkmal, das auch eine hebräische Inschrift trägt. Nach erfolgter Uebevsi-e'dlnng nach England wurde der älteste Sohn Davids, Albert Sassvon, zum Baronet erhoben. Denkmal für einen jüdischen Soldaten. Die Stadt Tülle hat beschlossen, einem 23jährigen jüdischer: Soldaten namens . Charles L e v y ein Denkrnal zu errichten. Schon dessen Vater machte sich 1870 als tapferer Soldat einen Namen. Der Sohn widmete sich auch dem Soldatenstande. Nach zweijährigem Dienste wurde er in das algerische Tirailleurregiment verseht, das nahe der marokkanischer: Grenze stand; eine Kompanie dieses Regirnentes hatte einen gefährlichen Posten bei Ksar-el-Azondj zu besetzen. Hier wurde sie an: 28. März 1903 von 160 Beduinen überfalle:: und fast gänzlich aufgerieben. Levy deckte mit drei K'arneraden der: Rückzug, wobei er den Heldentod fand." Russische Flüchtlinge in Lemberg. Die Lembcrger Polizei veröffentlicht soeben einen statistischer: Ausweis über die nach Leinberg gekommenen russischer: Flüchtlinge. Die Statistik bezieht sich auf die Zeit von: Feber 1904 bis Ende März 1906. Ir: dieser:: Zeiträume famcn 2300 russische Flüchtlinge uach Lemberg. Der größte Zufluß war iu den Monate«: September bis Dezember. In jeden: dieser vier Monate tarnen durchschnittlich 400 Flüchtlinge. Ende 1004 waren 1200 Flüchtlinge wieder weitergereist. Seit den: l. Jänner verließen weitere 800 dieser Auswarrderer Lemberg. Gegenwärtig werden noch 300 rrrssische Emigranten in Lemberg in Evidenz geholter:. Der ständige Aufenthalt ir: Lerr:berg ist rurr solcher: Emigranten gestattet, die Nachweisen können, daß sie sich zu erhalten ir: der Lage sind. Laut Mitteilung der Polizei hat sich während der ganzer: Berichtsperiode kein einziger Fall ergeben, ir: welchem sich die Polizei zur Allslieferung eines Flüchtlings an Rußland veranlaßt geseher: habe. Die Amerikanisicnmg Kanadas. Ir: den: neuesten Bericht der königlichen Bank von Kanada werden folgende Zahlen über die Einwanderung aus Amerika gegeben: Es wandelten danach im Jahre 1901 17 987, im Jahre 1902 26 388, im Jahre 1903 49 473 und in: Jahre 1904 46 171 Arncrikaner in das Gebiet der Dominion eir:. Im ganzen machen die arnerikanischen Einwanderer 34 Prozent der Gesamteinwanderung aus. Die „NewUork Tribüne" bemerkt dazu: Das Interesse, das der westliche Teil der vereinigten Staaten an der großen Entwicklung Wesst kanadas nimmt, eine Entwicklung, die hauptsächlich amerikanischen Einwanderern und amerikanischen: Kapital zu danken ist, ist so rege, daß ebensowenig Aussicht vorhanden ist, die amerikanische Invasion von Westkanada zu verhindern, als es möglich war, die Invasion von Minnesota und Dakota aus den Nachbarstaaten im Osten und Süden zu verhindern, in den Tagen, wo die genannten Länder noch ein Teil des wilden Westens waren. Der „Standard" ist der Ansicht, daß die Lage eine Mahnung für das englische Volk ist, keine Zeit zu verlieren, die Bande, die Kanada an England fesseln, fester zu schmiede::. Maßnahmen gegen außerdeutsche Auswanderer. Der deutsche Minister der öffentlichen Arbeiten hat folgendes Schreiben, den Verkehr außerdeutscher Auswanderer über die preußisch-russische Grenze betreffend, unter dem 28. März an die Eisenbahndirektion gerichtet: Ueber den Verkehr außerdeutscher Auswanderer über die russisch-deutsche Grenze sind von den Herren Ministern des Innern und für Handel und Gewerbe unterm 26. Februar d. I. die nachstehenden Vorschriften erlassen worden: „Zur Regelung des Verkehres außerdeutscher Auswanderer über die preußischrussische Grenze wird hierdurch das Nachstehende angeordnet: Der Eintritt in das preußische Staatsgebiet ist nur dann zu gestatten, wenn die Auswanderer einen ordnungsinäßigen Paß, einen mit einer in Deutschland konzessionierten Schiffahrtsgesellschaft abgeschlossenen Passagevertrag zur Fahrt nach einem außerdeutschen Ausschiffnngshafen, eine Eisenbahnfahrkarte bis zum Einschiffungshafen und ausreichende Barmittel besitzen, welche ihre Aufnahme an dem Reiseziele oder im Falle ihrer dortigen Zurückweisung die Rückbeförderung in die Heimat gewährleisten. Hierzu ist bei gesunden und nicht gebrechlichen Personen von mehr als zehn Jahren eine Summe von je 400 Mark, bei jüngeren Personen eine Summe von je 100 Mark für erforderlich zu halte::. Alle außerdeutschen Auswanderer, welche beim Ileberschreiten der preußisch-russischen Grenze diese Bedingungen nicht erfüllen, haben eine Kontrollstation zu passieren, wie solche zur Zeit in Bajohren, Tilsit, Eydtkuhnen, Insterburg, Prostken, Jllotvo, Ottlotschin, Posen und Ostrowa bestehen. Die Einrichtung und der Betrieb dieser Kontrollstationen richtet sich nach den hierüber ergangenen besonderen Anordnungen. Die vorstehenden Bestimmungen treten unter Aufhebung aller entgegenstehenden frühere:: Anordnungen für alle außerdeutschen Auswanderer, welche die preußischrussische Grenze überschreiten, in Kraft ohne Unterschied, ob sie von inländischen oder ausländischen Schiffahrtsgesellschaften befördert werden." Die neuen Vorschriften beziehen sich auf alle außerdeutscheu Auslvauderer, welche über die preußisch-russische Grenze komme::. Die Vorschriften behalten zlvar mit Rücksicht auf die kaiserliche Verordnung von: 14. Juli 1879 die Paßpflicht bei, lehnen sich aber im übrigen an die mit dein Erlasse vom 18. Oktober v. I. übersandten Vorschriften über den Verkehr der übrigen außerdeutschen Auswanderer über die Preußische Grenze an. Insbesondere ist von der Forderung von Kajütfahrkarten abgesehen. Von einer Differenzierung der nach England und der nach. Amerika auswanderndeu Personen hinsichtlich der zu fordernden Barmittel ist Abstand genominen, weil es für die Frage, welche Koste:: durch Erkrankung oder Verarnuiug der Auslvauderer dem Staate oder den Ge:neinden erwachsen können, im wesentlichen ohne Bedeutung ist, ob die Auswanderung nach England oder nach Amerika stattfinden soll. Die Kontrollstation Ruhleben ist in den Vorschriften nicht erwähnt, weil sie lediglich als Sammelstelle funktioniert. Die nächste Kummer entstattr ,»Humoristische Beilage"