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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-12 · 19 (12.5.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Synagoge, Schule und Haus. Verlage |u Nr. 19 des „Jüdisches Volksblatt". Knltnsbriese, die ihn erreichen mögen. IV Lieber Freund! „Tie Synagogen sind leer!" „Wie sollen die Synagogen wieder gefüllt werden?" rufst und fragst Du bestürzt. Diese Frage, lieber Freund, ist hier schon seit Jahren aktuell. Euphemistisch wird sie arn liebsten so formuliert: „Ans welche Weise könnte der Synagogenbesnch gehoben werden?" In dieser Formulierung gibt sich auch der Mangel an Ernst kund, mit welchem an diese für unsere „offiziellen" Juden so wichtige Frage hercmgetreten wird. Man spricht von der Hebung des Synagogenbesuches wie etwa von der Hebung des Fremdenverkehrs und dementsprechend sind auch die Mittel, welche zur Anwendung empfohlen werden, um den Synagogenbesuch zu „heben". Der eine will dies durch einen modernen, künstlerisch begabten Kantor, der andere mehr durch einen gut eingeschulten Ehor, der dritte durch einen „schönen" Prediger und wieder ein anderer durch die Kombination all dieser Mittel erreichen. Und so entsteht ein unschöner, ans Unwürdige grenzender Wettstreit zwischen Synagoge und Synagoge, ein Ueberbieten in den Leistungen der „Funktionäre" und ein Unterbieten in den Leistungen, die von den Mitgliedern und Erhaltern der Synagoge gefordert werden, und wenn diesem Uebereifer, den Synagogenbesuch zu heben, nicht bald Einhali geboten wird, werden wir es bald erleben, daß irgend eine Synagoge ihre Vorzüge etwa wie folgt anpreisen wird: „Hereinspaziert, meine Herren Israeliten und gnädige Israelitinnen! Heute große Vorstellung! Auftreten des größten Gesangskünstlers der Welt! Jede zweite Minute das höchste C, das überhaupt zu erreicheil ist. Bravorufe und Beifallsklatschen erlaubt! Die Mitwirkung eines beliebten Dameuchores ungesichert. Ferner Allftreten des schönsten Predigers der Neuzeit! Ein Schüler des Hofschauspielers XI Dunkelbrauner Vollbart, tiefster Brustton der Ueberzeugung" usw. usw. Lassen wir ben Scherz! Der Fehler liegt meines Dafürhaltens weder in der. Synagoge, noch in der Tüchtigkeit derFunktionäre, sondern in den Menscheil. die sich Israeliten nelinen, ohne es zu sein. Die geistlichen und weltlichen Führer des Synagogen-Jildentulns habeil vor einigen Jahrzehnten einen großen Reformplau allsgeheckt, der sich in zivei Wesentliche Teile teilte. Den ersten Teil der Nefornlarbeit bildete die Entwöhnung der Israeliten voin alten, starren Gottesdienst, cutf den dann ein moderner geregelter Gottesdienst hätte folgen sollen. Während mm unseren Reformatoren die Durchführung des erstell Teiles ihres Lebenszieles, näuilich der Briich mit dem Althergebrachten, wie alles Negative, bald gelungen ivar, stehen sie heute ratlos da und wissen nicht, wie ben zweiten, für sie wichtigeren Teil der Neformarbeit iils Werk zu sehen. Uiisere synagogalen Führer siild eben keine Vsyckiologeii. Sie vergessen, daß das Beteil und das Bedürfnis ziiiil Beten das Nrindividnellste am Bleu sehen ist und denlzlifolge nicht allgemein geregelt iverdeil fann. Wer beten will, wer beten in n ß, weil er sich zum Beten g e d r ä ii g t fühlt, der wird dieses Herzensbedürfnis genau so nach seiner Individualität stillen, aenall so, wie er seiner Liebe zu irgend einem Weseil Ausdruck geben ivird: der eine inbrünstig, innerlich, lautlos, fast ohne seine Lipven zu bewegen, der andere implilsiv, schreielld, fast gewaltsanl sich zu seinem Gotte emporschwingend. „Alle meine Glieder solten's verkünden, daß keiner dir gleicht, o Gott!" wie es in einem unserer schönsten Gebete heißt. Wer will es nun mit Erfolg unternehmen, solch innerste Regungen zu verallgeiileinern, zu regeln?! Wer darf sich berechtigt fühlen, ben Irreligiösen zu einem Gottesdienste heranzuziehen? Wem steht das Recht zu, voll jemandem, dessen ganzes Weseil der Verinnerlichung, dem Jnsichgehen zilileigt, zu verlailgen, all einem Gottesdienste teilzunehmen, der seinem Wesen widerspricht, und wie will inan es anstellen, einen Menschen, der Liebe unb Haß, Lust und Schinerz nur in stürmischen Ausbrüchen auszudrücken vermag, in die Zwangsjacke eines „geregelten Gottesdienstes" zu stecken? Das wäre Sünde, aber kein Gottesdienst! . . . All dieser Sünde, dieser Unechtheit und Unehrlichkeit der Gefühle geht — fürchte ich — das Jsraelitentum allmählich zugrunde. Schon in der Schule beginnt das Nebel. Irreligiosität, im besten Falle A.religiosität beherrscht unser Familieilleben und wenn wir dann zu vollwertigen Mitgliedern unserer Gemeinde herangereift siild, sind wir nicht^nur den Kinderschuhen, sondern auch der ^yilagoge entwachsen oder, richtiger gesagt, gar nie in sie hineingewachsen. Und nun sollen wir Synagoge spielen, nur deshalb, weil irgend eine Bezirksgröße das Bedürfilis empfindet, Vorsteher einer Syilagoge zu werden. Ulld wenn wir uns schon entschließen, einmal, ohne daß unser Herz dabei wäre, eine Synagoge zu betreten, was finden wir da? Vom Vorstande sind nur diejenigen anwesend, die zufällig turnusmäßig da sein müssen, die Bänke leer, trostlos klingt das Gebet aus dein Munde des „Sängers", der, von nur wenigen verstanden, sein Pensum absolviert; der Herr Prediger gähnt in seinem Stallum oder wiederholt im Geiste die eingedrillte Predigt. Nichts von Erhebung, nichts von Innerlichkeit ist auf ben Gesichtern zu lesen, und wenn Du dieses Gotteshaus verläßt, tust Du es in dein Bewußtsein, eine Stunde verloren zu haben, und mir dem festen Entschlüsse, dieses Gotteshaus nimnler zu betreten. Meiil trauriges Lied bezieht sich natürlich nur auf jene Synagogeil, die gegen die Leere kämpfen, und auf jene Prediger, die nicht zu erheben und zu erbauen vermögen. Aber es gibt, auch in Wien noch Synagogen, in denn gebetet wird, und cs gibt auch Prediger in Wien, die Rabbiner und Lehrer sind. Diese haben nicht zu kämpfen, diese werden fortbestehen. Du kennst meine Gesinilungen! Religiosität oder Irreligiosität siild Gefühle, die niemandem allfoktroyiert werden sollen, aber das eine oder das andere Gefühl muß wahr und echt sein! Menschen, denen die Religion irrelevant ist, haben nicht das Recht, sich zu Führern des Religio n s - I u d e n t u m s aufzuwerfen, und noch weniger berechtigt sind sie, darüber zu jammern, daß das Volk, das große Publikum, ehrlicher und konsequenter ist, als seine Führer, indem es, ohne durch ein nationales oder synagogales Band ans Judentum gefesselt zu sein, sein Scheinjudentum abwirft, seinen Führern uild ihren Synagogen den Rücken kehrt ... Das ist meine Antwort auf die Frage, warlnn die meisten Synagogen leer bleiben. Wie dem abzuhelfen sei? Hierüber ein anderes Mal, obgleich-in nleinen Anführungen implicite die Antwort gegeben ist. Dein I. Kr. Von der „Israelitischen Allianz". Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen ersucht. „Der Vorstand der Israel. Allianz richtete an den Vorstand der Oesterreichischeu Israelitischen Union folgendes Schreiben: I. Israelitische Allianz zu Wien. Wien, den ö. Mat 1005. Au den sehr geehrten Vorstand der Oesterreichisch- Israelitischen Union! Alls den Mitteilungen unseres Sekretärs svivie auch ans der Veröffentlichung in dem „Jüdischen Voltsblatt" haben mit* entnommen, das; bei der am 20. April d. I. stattgehabten Generalversammlung Ihres Vereins von mehreren Rednern an der Attivil der Israelitischen Allianz in Angelegenheit der rnssischeil Emigration eine abfällige Kritik geübt wurde. Die dankenswerte loyale Erklärung des Vorsitzenden, „datz der richtige Ort, die Gebarung der „Allianz" zn besprechen, die Generalversammlung der „Alliallz" sei" und die damit zum Ausdruck gebrachte, dem natürlichen Taktgefühl entsprechende Ansicht, daß man an Abwesenden, die sich nicht zll verteidigen in der Lage sind, keine Kritik üb eil solle, hat bei einzelnen Rednern kein Verständnis gefundeu. Dieselben habell gegen die „Allianz" in erster Linie den Vorwurf erhoben, das; sie bei Tnrchführullg der Aktion die Pflichten, die sie übernommen, nicht erfüllt habe. Wenn wir uns auch dessen bewußt sind, daß für derlei Aeußerunaen einzelner weder die Leitung des Vereines noch allch dieser selbst verantwortlich ist und wir an nehmen müssen, daß solche nnerwiesene Anichttldigungen voll jedem objektiven Beurteiler, der das Matz der Bedeutung kennt, das derartigen uichtinformierten, zumeist aus sehr snspekten Quellen stammenden Auslassungen znkommt, von vornoherein mit großem Skeptizismus ausgenommen werden, so halten mir es doch für notwendig und glauben es insbesondere der Achtung und Wertschätzung, die wiv Ihnen entgegenbringen, schuldig zn sein, diese in Ihrer Generakversammlnng voll Mitgliedern Ihres Vereines getanen Aeußernngen llicht gleichgültig hinzunehmen und zn ignorieren, sondern Ihnen gegenüber in offizieller Form zu erklären, d a ß d i e v o r g e b r a ch t e ll A n g r i f f e j e d e r tatsächli ch e n G r u xv dlag e c n tbehre n. Diese formelle Erklärung rvird in kürzester Zeit den für ihre tatsächliche Begründung und Bestätigung erforderlichen Inhalt durch das Erscheinen des Rechenschaftsberichtes erhalten, welchen wir über ullfere Aktion in Angelegenheit der russischen Emigration zu veröffentlichen im Begriffe stehen. Sie werden demselben zn entnehmen in der Lage fein, in welchem großen Stile diese Aktion int Einvernehmen mit den befreundeten deutschen, fran>- zösischen und englischenPrinziplen von uns ausgeführt wurde, welche Summe aufopferndster Arbeit und hingebungsvollster Tätigkeit hierbei aufgewendet worden ist und welche große Resultate unter den schwierigsten Verhältnissen erzielt wurden. Sie werden aus diesem Bericht ersehen, wie haltkos und unbegründet die an unserer Aktion geübte Kritik ist und werden daran auch die Bedeutung der Rekriminationen ermessen tonnen, die hinsichtlich der „Behandlung der Emigranten" erhoben wurden, Vorwürfe, über die wir mit dem ruhigen Bewußtsein hinweggehen, daß keinerlei Wirken und sei es auch das menschenfreundlichste, vor Verleumdung sicher ist. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Vorstand der Israelitischen Allianz. «Wir habendiesen Brief ans ausdrückliches Verlangen des Vorstandes der „Allianz" zuM Abdrucke gebracht, müssen uns aber gegen den; Ton, welchen der Vorstand gegenüber den Teilnehmern an der bekannten Debatte in der! „Union" anznschlagen für gut findet, mit allen Entschiedenheit verwahren. Redakt. d. „I. V."> U. Sehr geehrter Herr Redakteur! In Ihrem Berichte über die Emigvationsdebatte bei der Generaloersammtnng der „Union" sind meine Mitteilungen an zwei Stellen ungenau wiedergegeben. 1. Ich habe nicht gesagt, daß die preußische Polizei „ans Wunsch der Berliner Wvhltätigkeitsvereine" Emigranten an der Grenze zurückhalte tes ist unserer Allianz im Gegenteile genau bekannt, mit lvelcher Opfersreudigieit man in Berlin daran gearbeitet hat, die Grenzschwierigkeiten zn überwinden), sondern nur hervorgehoben, datz durch den bei uns in Oesterreich bestehenden freien Zuzug und den unbehelligten Aufenthalt, die Ansammlungen von Emigranten unbegrenzt und die Schwierigkeiten des Hilfswerkes n n e u dl i ch großer sind als z. B. in Preußen und ebenso in Holland, wo gewisse Kategorien von Einwanderern durch staatliche Maßregeln im vorhinein ferngelialten iverden und dadurch unmöglich gemacht wird, daß sie den Wohltätigkeitsvereinen zur Last falle». 2. Mein Hinweis darauf, daß die Verhandlungen mit den Emigranten in Wien regelmäßig von zwei Vorstandsmitgliedern geleitet werden, geschah lediglich, nur der durch vorhergehende Aenberuttgen herbvrgernfene Annahme zu begegnen, daß sich der Vorstand einer Anhörung dev Emigranten entziehe und darzutun, daß jeder einzelne Fall gewissenhaft geprüft, niemand ungerechtfertigt nbgewiesen wird lind Beschwerden wegen inhumaner Zurückweisung unbegründet sind. Mit bestem Dank für die freundliche Aufnahme dieser Zeilen hochachtungsvoll Dr. Armand Kaminka. Wien, 5. Mai 1905. (Herr Dr. Kaminka hätte schon in der Debatte Gelegenheit gehabt, das „Mißverständnis" anfzuklüren. Warum tat er's nicht? Wie die zweite Aenßernng gern eint war. wissen wiv nicht, Tatsache ist, daß alle Anwesenden sie anders aufgefaßt hatten, als sie honte kommentiert wird. Red.)

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